Zahnaerzteblatt.de

 

Das Gutachterwesen aus juristischer Sicht

Im Oktober vergangenen Jahres fand in Filderstadt die gemeinsame Gutachtertagung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bezirks-direktion Stuttgart und der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart statt. Schwerpunkt der Veranstaltung war die Betrachtung des zahnärztlichen Gutachterwesens aus verschiedenen juristischen Perspektiven.

Nach Begrüßung und Einführung in die Tagung durch die beiden Gutachterreferenten Dr. Gerhard Cube und ZA Peter Hill folgten die Grußworte des LZK-Präsidenten Dr. Torsten Tomppert, der Vorsitzenden der KZV BW Dr. Ute Maier, des BZK-Vorsitzenden Dr. Eberhard Montigel und des Gutachterreferenten der LZK BW Dr. Bert Bauder.

Gerichtliches Gutachten. Im ersten Vortrag referierte Dr. Kerstin Gröner, Vorsitzende Richterin einer spezialisierten Kammer am Landgericht Stuttgart, über das Thema „Das gerichtliche Gutachten: Vom Auftrag bis zur Anhörung im Termin. Praktische Hinweise für die Zusammenarbeit mit dem Gericht und typische Fehlerquellen.“ Die Referentin konnte aus ihrem breiten Erfahrungsschatz praktische Ratschläge geben und damit die Sicht des Richters deutlich vermitteln. Dr. Gröner stellte die klare Aufgabenteilung zwischen Gutachter und Richter heraus: Der Richter beauftrage den Gutachter, zu einer zahnmedizinischen Frage Stellung zu nehmen. Diese Frage könne der Jurist als nicht Fachkundiger nicht beantworten. Auf der Grundlage des Gutachtens könne der Richter dann die rechtlichen Fragen entscheiden, wofür der Gutachter nicht zuständig sei. Nur das, was im Beweisbeschluss vom Gutachter gefordert sei, habe der Gutachter zu beantworten. Wenn die Fragestellungen im Beweisbeschluss nicht so präzise gefasst sind, solle sich der Gutachter im Zweifelsfall an das Gericht wenden.

Beruhigen konnte Dr. Kerstin Gröner die Gutachter, die von den Anwälten heftig angegriffen werden. Es gehöre zur Aufgabe des Anwalts, sich für seinen Mandanten einzusetzen und dies geschehe eben mitunter auch sehr emotional, häufig dann, wenn es an sachlichen Argumenten mangele. Der Gutachter müsse hier aufpassen, nicht aufgrund emotionaler Reaktionen für befangen erklärt zu werden. Als Richterin betrachte sie die Gutachter als Partner, denn ein optimales richterliches Urteil könne nur zustande kommen, wenn es ein überzeugendes und gut verständliches Sachverständigengutachten gebe. Als zahnmedizinischer Gutachter sei die strikte Beschränkung auf das eigene Fachgebiet wesentlich. Vermutet ein Sachverständiger beispielsweise psychogene Beschwerdeursachen beim Patienten, wäre es heikel, dies so zu formulieren, weil dies nicht zum zahnmedizinischen Fachgebiet gehöre. Besser sei es, vorsichtig zu formulieren, wie z. B. „zahnmedizinische Ursachen sind nicht erkennbar“. 

Einen Großteil des Vortrags nahm das Thema „Ablehnung wegen Befangenheit“ ein. Anhand von Praxisbeispielen erörterte Dr. Gröner, wann es typischerweise zu einem Befangenheitsantrag komme und wie der Gutachter hierzu Stellung nehmen solle. Am wichtigsten sei es für den Gutachter, immer sachlich zu bleiben und angemessen zu reagieren. Den Zahnärztinnen und Zahnärzten empfahl sie, die Dokumentation in der Behandlungskarte als Chance und nicht als Last zu begreifen. Stehe bei einer strittigen Zahnersatzversorgung der Vorwurf der Nichtaufklärung über Behandlungsalternativen im Raum und sei in der Behandlungskarte nicht wenigstens der Eintrag „über Behandlungsalternativen aufgeklärt“ vermerkt, so gehe das Gericht in der Regel davon aus, dass über Behandlungsalternativen nicht aufgeklärt wurde.

Zahnersatzunverträglichkeit. Als zweite Referentin des Vormittags hielt die Privatdozentin Dr. Anne Wolowski von der Universität Münster einen Vortrag zum Thema „Psychosomatik in der Zahnheilkunde“. Systematisch zeigte die Referentin auf, wie aus gutachterlicher Sicht vorzugehen sei, wenn nach Eingliederung eines Zahnersatzes über Beschwerden geklagt werde und zu dem subjektiven Befinden des Patienten als Befund kein zahnmedizinisches Korrelat zugeordnet werden könne.

Beim Burning-Mouth-Syndrom müsse das primäre oder idiopathische Mundschleimhautbrennen vom sekundären Mundschleimhautbrennen unterschieden werden. Die Diagnose primäres Mundschleimhautbrennen beruhe auf der Feststellung, dass seit mindestens sechs Monaten keine Mundschleimhautveränderungen festgestellt und alle Parameter eines sekundären Mundschleimhautbrennens ausgeschlossen werden könnten. Ursachen für ein sekundäres Mundschleimhautbrennen könnten lokaler, systemischer und psychosozialer Natur sein. In der anschließenden Diskussion waren sich die Gutachter darüber einig, dass eine Verdachtsdiagnose in Bezug auf psychische Faktoren wie Angst oder Depression von Zahnärzten nicht erhoben, sondern lediglich die Feststellung getroffen werden könne, dass Befund und Befinden nicht zusammenpassten.

Beratungszahnarzt der PKV. Der letzte Vortrag am Vormittag wurde vom Gutachterkollegen Dr. Manuel Wolf, Wendlingen, gehalten. Thema: Die mögliche Problematik bei der Bewertung von privaten Heil- und Kostenplänen ohne klinische Untersuchung des Patienten. Die Feststellungen des Beratungszahnarztes seien dabei oftmals unzulänglich, z. T. erfolge die gutachterliche Stellungnahme nicht anhand von objektivierbaren klinischen und radiologischen Befunden, sondern subjektiv im Sinne der privaten Krankenkassen. 

Anwalt und Gutachter. Nach der Mittagspause referierte der Fachanwalt für Medizinrecht, Professor Dr. Thomas Ratajczak, Sindelfingen, über das Thema „Anwaltliche Anforderungen an das zahnärztliche Gutachten“. Prof. Dr. Ratajczak vertiefte unter anderem den zahnärztlichen Behandlungsstandard unter den Gesichtspunkten Empfehlungen, Leitlinien und Richtlinien. Im Vortrag ging es weniger um formale Dinge als vielmehr um konkrete Erfordernisse, wie zum Beispiel die Risikoaufklärung, die im Behandlungsblatt festgehalten werden müsse. Interessant war in diesem Zusammenhang, dass sich eine Risikoaufklärungspflicht nicht nur nach der Häufigkeit einer Risikoverwirklichung, sondern auch nach der Schwere des Risikoereignisses richten solle. So müsse vor einer Leitungsanästhesie im Unterkiefer ein Patient über die Möglichkeit einer Stichverletzung des Nervus mandibularis aufgeklärt werden, obwohl eine solche dauerhafte Nervschädigung äußerst selten vorkomme. In der Rechtsprechung werde aber eine dauerhafte Nervschädigung als schwerwiegend bewertet. 

Nervdurchtrennung. Der letzte Vortrag war ein Experiment. Zum ersten Mal konnte eine betroffene Zahnarztpraxis aus ihrer Sicht einen vor Gericht strittigen Behandlungsfall vorstellen. Die Kollegin Dr. Tien Vo Thuy, Mosbach, spannte den Bogen von der durchgeführten Behandlung mit Schadensereignis über den gerichtlichen Beweisbeschluss, vom erstellten gerichtlichen Sachverständigengutachten bis zur Urteilsbegründung und berechtigter Kritik am Gerichtsgutachten. 

Dr. Gerhard Cube