Zahnaerzteblatt.de

 

45 Jahre ZBW in ZBW 1/2018, S. 46 ff

„Die Entwicklung unseres Zahnärzteblatts ist ein Gewinn.“


Genau zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel haben Sie mit großer Professionalität Ihren umfangreichen und detailgenauen Artikel „45 Jahre Zahnärzteblatt Baden-Württemberg“ veröffentlicht. Ihre umfassende und fundierte Darstellung über Ursprung und Werdegang unseres berufspolitischen Presseorgans habe ich mit Freude gelesen. Nach den etlichen Jahrzehnten tauchten die schon beinahe in Vergessenheit geratenen Ereignisse und Erinnerungen weit in die Vergangenheit zurück wieder auf. Stille Freude auch und besonders darüber, dies noch erleben“ zu dürfen. Zumeist sind es die üblichen Würdigungen nach dem Ableben als Nekrolog, der dem Betroffenen ja wirklich nichts bringt.

Die inzwischen gefeierten Jubiläen für das ZBW habe ich verspätetet und – so wenn überhaupt – nur im Nachhinein zur Kenntnis nehmen können. 45 Jahre sind in diesem Zusammenhang doch ein recht langer Zeitabschnitt, was sich in der Retrospektive besonders verdeutlicht. Welche gewaltigen Veränderungen und gravierenden Entwickelungen allein in unserem Berufsstand in der Zeit ab 1973. Für die heutige Generation kaum nachvollziehbar. Überraschung und Erstaunen.

Allein im Bereich der Medien: Kein PC mit Schreibprogramm und Rechtschreibprüfung! Das Haupthilfsmittel für den Schriftleiter war die altgewohnte Schreibmaschine mit Korrekturpapier zum nachträglichen Überschreiben der Druckfehler – mehr als umständlich. Für mich bedeutete dies Sonntagsarbeit, da damals die Sechstagewoche in der Praxis der übliche Standard war –  also stark reduzierte Freizeit für das Engagement in der/und für die Berufs-/Standespolitik... Natürlich fehlte es besonders an der journalistischen Vorbildung und mehr oder weniger war es einfach Zufall, wie man in so manches landespolitische Amt gelangte. Wie mitgeteilt, gab es ein Informations-Blättchen „Zahnärztliche Information des FVDZ“. Der damalige Landesvorsitzende, Kollege Reinhold Sauter, hat mich in seiner nachdrücklichen Art für dieses Blatt „gewonnen.“

In dieser Zeit wurde auch die Idee diskutiert, für alle vier Landesteile ein gemeinsames Presseorgan zu schaffen. Allerdings fielen diese Überlegungen, diese Idee, nicht vorbehaltlos auf die Zustimmung aller dafür zuständigen ehrenamtlichen Vertreter. Sorge um zu viel Zentralismus – immer auch wieder ein Problem – besonders vor der Übermacht, dem Übergewicht „Stuttgarts“, der Stuttgarter. Unwillen erzeugten auch hin und wieder kritische Meinungsäußerungen des FVDZ-Blattes in Richtung zentrales Organ LZK oder auch gegen einzelne, der vier eigenständigen KZVen des Landes, die natürlich auch nicht immer Freude ausgelöst haben. Von der heutigen weitgehenden Harmonie war man doch noch etliche Schritte entfernt. Es bedurfte intensiver Diskussionen und Argumentationen für diese Idee eines gemeinsamen Presseorgans für BW zur Überwindung divergierender Ansichten.

Als Teilnehmer dieser Diskussion, fiel mir die Berichterstattung in dieser etwas heiklen Angelegenheit zu. Im jugendlichen Leichtsinn habe ich eine Glosse, eine kurze, harte Satire geschrieben – mit einem deftigen Vergleich. Tenor: Bei den gemeinsamen  Besprechungen neutrales , eher zustimmendes Verhalten, mit wechselnden, auszuräumenden Vorbehalten, aber außerhalb doch gleichzeitig der zwiespältige Versuch, das Ungeliebte zu verhindern. Diese kurze Satire hat bei den Stuttgartern lebhafte Heiterkeit und Zustimmung erfahren – (zur großen Erheiterung der Oberen von Stuttgart und für mich ein prägendes Negativum bei den Anderen...) aber bei den Ge-/Betroffenen allerdings zu einer nicht nach außen getragenen, gewissen „Beschädigung“ des Autors. Letztlich hat dann doch auch bei allen berufspolitisch Verantwortlichen die Einsicht in die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit für ein gemeinsames Presseorgans gewonnen – vor allem auch im Hinblick für die davon profitierende Kollegenschaft. Bei der LZK bestand die Untergliederung in die sich sehr selbständig fühlenden vier BZKen und auch für jeden der vier Landesteile gab es jeweils eine eigenständig KZV. Der FVDZ – und vor allem der Landesvorsitzende Kollege Reinhold Sauter war nachdrücklich bemüht, eine landeseinheitliche KZV Baden-Württemberg zu schaffen, was dann durch die zwingende Rechtslage auch Verwirklichung erfahren hat. Diese ganzen berufspolitischen Entwicklungen sind für die Kollegenschaft vom ZBW informativ begleitet worden.

Erinnerung und Rückschau. Die Rückschau durch den umfassenden Bericht vom Journalisten des ZBW Christian Ignatzi hat zu Erinnerungen und aber auch zu Überraschungen für mich geführt. Sie hat mich erst jetzt zur Chronik der Landeszahnärztekammer, zur Festschrift „50 Jahre LZK BW“ mit der Geburtsstunde der LZK am 16.April 1955 geführt. Die Konstituierung der LZK erfolgte am 16. April 1955 in Esslingen. Genau im selben Jahr habe ich meine zahnärztliche Approbation erhalten. Damals gab es noch keine freie Zulassung, auch war es recht schwierig, eine Assistentenstelle zu bekommen. Glücklicherweise wurde in München ein Platz frei. Für mich ein großer Vorteil, da ich in diesem Jahr gleich meine Promotion am Studienort München erreichen konnte.

Der Kollege, in dessen Praxis ich tätig werden konnte, war ehrenamtlicher Referent bei der KZV Bayern. Da ich überhaupt froh sein konnte, diese Stelle zu bekommen mussten die Bedingungen akzeptiert werden – auch die finanziellen: 180 Mark bei einer Sechstagewoche (Fahrkosten: 40 Mark und Miete 40 Mark) Und am „freien“ Mittwochnachmittag Labor-/Technikarbeiten. Nach dem Rigorosum habe ich aus wirtschaftlichen Gründen München verlassen. Ich habe dann eine Assistentenstelle in Ulm angetreten: Salär 300 Mark. Mit Hinblick auf die angesprochene, spätere Praxisübernahme habe ich akzeptiert.

Wiederaufbau. Nach den vielen Jahren erfahre ich jetzt durch die Festschrift „50 Jahre LZK Baden-Württemberg“ eine für mich erstaunliche Überraschung aus einem Rundschreiben mit Datum 15.Dezember 1945, dass mein damaliger Chef beim Wiederaufbau der berufsständischen Organisation nach dem Krieg neben dem Vorsitzenden Dr. Geiger und dem Stellvertreter Dr. Dr. Merz (beide Stuttgart) nach Vereinbarung mit dem Innenministerium in den Vorstand mit einbezogen wurde zur Gründung der Zahnärztekammer Nordwürttemberg. Die Absprache beim Einstellungsgespräch mit dem Kollegen war, dass nach einiger Zeit die Übernahme der Praxis erfolgen werde. Und als ich nach entsprechender Wartezeit dann irgendwann mit etwas Nachdruck die Zusage für den Übergabetermin ansprach, kam nach der Bedenkzeit des Chefs kurz angebunden die damals mögliche kurzfristige Kündigung. Später hat sich herausgestellt, dass mit den anderen Kollegen, die vor mir und auch nach mir dieses Angebot bekommen und mit finanziellen Einschränkungen angenommen hatten, in der gleichen Weise ihre umgehende Kündigung erhalten haben.

Rentenkürzung. Irgendwann kommt ja die Zeit der Praxisaufgabe und damit die „Rente“. Die jährlichen Rentenbescheide von heute gab es damals nicht. Und selbst hat man sich im Stress des Alltags nicht darum gekümmert – es war ja auch noch so weit hin! Die Sozialversicherungskarte war kein Begriff. Wir hatten ja das nach dem Krieg geschaffene Versorgungswerk, die Versorgungsanstalt als beruhigende Absicherung für das Alter. Da ich sechs Jahre als Assistent auch bedingt durch die weiterführende Klinikfortbildung als „Angestellter“ tätig war, wurden für die Rentenberechnung diese Jahre angeführt. Und die große Überraschung und große Enttäuschung: Weder der ehrenamtliche Finanzfachmann bei der KZV noch das LZK-Vorstandsmitglied haben die Sozialversicherungsbeiträge abgeführt. Heute ist das natürlich anders. Die jungen Leute sind aufgeklärt, über Geld wird als Akademiker nicht mehr vornehm geschwiegen. Übrigens wird jährlich durch den Rentenbescheid fortlaufend informiert. Und warum teile ich diese persönlichen, hoffentlich singulären Vorgänge mit: Die sogenannte gute „alte Zeit“ hatte schon auch in unserem Berufsleben ihre Probleme und einige Schattenseiten. Vieles hat sich in der Zwischenzeit verändert. Besonders war es ein großer, befreiender Fortschritt für die Mitglieder eines freien Berufes, eine klare Regelung zur Berufs und Lebensplanung für die freie Niederlassung und Zulassung erhalten zu haben und nicht von Zufälligkeiten und Zwängen abhängig zu sein. Dies war ein nachdrücklich gefordertes Momentum/Anliegen des FVDZ, dem damals viele und gerade auch die jungen Kollegen und Kolleginnen deshalb beigetreten sind. Natürlich gibt es auch heute noch genügend neue belastende und aufreibende Probleme im Praxisalltag. Die Zeit steht ja nicht still. Ein kleiner, begrenzter Rückblick in die damalige Zeit und deren Belastungen erleichtert vielleicht die Sicht auf die heutigen Gegebenheiten.

Gewinn. Die Entwicklung unseres, auch „meines“ Zahnärzteblattes Baden-Württemberg mit dem großen Mitarbeiterstab an engagierten und qualifizierten Journalisten mit hoher Professionalität ist ein hoher Gewinn. Die Akzeptanz ist längst gegeben: Was ich mir doch noch wünschen würde, ist da und dort vielleicht manchmal den einen oder anderen Vorschlag oder Anregungen aus der Kollegenschaft. Und auch mal einen kritischen Leserbrief als Zeichen lebendiger Beteiligung. Ich freue mich jeden Monat auf unser, auf „mein“ ZBW.

Dr. Jo Wiech
Schriftleiter des ZBW in den Jahren 1973 bis 1981