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Leitartikel

TI-Rollout: Nichts rollt rund

 

Ausgabe 5, 2018

Eine Hiobsbotschaft folgt der nächsten: Tausende Praxen werden die Geräte für die Telematikinfrastruktur (TI) wohl nicht mehr rechtzeitig 2018 bekommen. Bei der Erstattung der Kostenpauschalen zeichnet sich eine erhebliche Deckungslücke ab, weshalb hier neu verhandelt werden muss. Massive Kritik formulieren die Heilberufler in ihrer Aktion „Rote Karte für die TI“, sie fordern den Stopp der TI wegen technischer Probleme und Sicherheitslücken. Mit einer Petition können sich die Bürgerinnen und Bürger für den Schutz ihrer Gesundheits- und Versichertendaten und gegen die Einführung der TI aussprechen. Das gesamte Projekt, mit der Technologie aus den 90er-Jahren inzwischen technisch veraltet, wird Experten zufolge Kosten in Höhe von fünf Milliarden Euro verschlingen. Für den AOK Bundesverband ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) gescheitert.

Digitalisierung ist ein allumfassendes Thema: gemeint ist die Überführung von analogen in digitale Strukturen. Der Begriff allein signalisiert neue Ideen, innovative Konzepte und viel Mehrwert für Nutzer wie Anbieter von Dienstleistungen, gerade auch im Gesundheitsbereich. Es fällt schwer, die TI und die eGK hier einzuordnen – zu vertrackt und von Misserfolgen gekennzeichnet ist das Projekt. An dieser Stelle sei der deutliche Hinweis gestattet: Weder die Selbstverwaltung noch die Zahnärztinnen und Zahnärzte sind hierfür verantwortlich, sie sind die Leidtragenden. So mangelt es immer noch an Geräten, es gibt nach wie vor nur einen einzigen zugelassenen Konnektor.

Weitere Anbieter sind zumindest angekündigt. Im Vorfeld hatte man einen Preiswettbewerb einkalkuliert. Nur so würde die Rechnung aufgehen mit insgesamt geringeren Kosten und abgestaffelten Erstattungspauschalen. Im Augenblick ist aber auch das nicht in Sicht, was für die Praxen hinsichtlich der Finanzierung der IT-Ausstattung zu einer massiven Deckungslücke spätestens ab dem dritten Quartal führen wird. Umso wichtiger ist, dass die KZBV mit dem GKV-Spitzenverband in Verhandlungen getreten ist, um weiterhin eine vollumfängliche Erstattung der Kosten sicher zu stellen.

Wenn dieser Leitartikel im ZBW erscheint, sind es nur noch acht Monate, bis alle Arzt- und Zahnarztpraxen laut Gesetz an die TI angeschlossen sein müssen. Wie in den Medien berichtet, standen Anfang April bundesweit erst etwa 10.000 Geräte zur Verfügung. Das ist ein Bruchteil der Ausstattung, die benötigt wird. Es ist deshalb zu befürchten, dass bei weitem nicht alle Praxen in der Lage sein werden, rechtzeitig zum 01.01.2019 den Online-Abgleich der auf der eGK gespeicherten Versichertendaten vornehmen zu können.

Die KZBV hat versichert, alles zu tun, um in den Gesprächen mit dem Bundesgesundheitsministerium zu einer realistischen Umsetzung mit Verhinderung der angekündigten Sanktionen zu kommen. Die Forderung nach einer Verlängerung der Frist um mindestens sechs Monate unterstützen wir, gegen Sanktionen, wie den Honorarabzug, werden wir uns entschieden wehren. Die Zahnärzte dürfen nicht für das Versagen von Politik und Industrie in Haftung genommen werden. Unser neuer Gesundheitsminister muss jetzt initiativ werden.

Von der Digitalisierung verspricht man sich sehr viel: den standardisierten Datenaustausch, somit Verbesserungen in der Versorgung, aber auch konkret messbare Erleichterungen für die Praxen, zum Beispiel die sichere elektronische Kommunikation untereinander ergänzt um die Möglichkeit der qualifizierten elektronischen Signatur. Große Player – von der AOK bis zu Apple – haben das Potenzial längst erkannt und setzen auf eigene Lösungen. TI und eGK dagegen drohen zum Milliardengrab zu werden. Die strikte Ablehnung ist bei den Heilberuflern über die Jahre gewachsen, und sie wächst bei den Zahnärzten gerade weiter. TI und eGK bieten keinen Nutzen für Patienten und Praxen. Mit dem Versichertenstammdatenmanagement erledigt man zu allem Überfluss lediglich Verwaltungsarbeiten für die Krankenkassen, zusätzliche für die Praxen sinnvolle Anwendungen rücken in weite Ferne.

Bei anderen Großprojekten in unserem Land, die ebenfalls nur schwer in die Gänge kamen und vom Scheitern bedroht waren, hat man den Schwerpunkt auf konstruktive Partnerschaft der Beteiligten, auf Informationsvermittlung und realistische Umsetzung gesetzt. Das würde hier dringend Not tun, wenn man das vermeintliche digitale Vorzeigeprojekt des Gesundheitswesens noch retten will.

Dipl.-Volkswirt Christoph Besters, stellv. Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg