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Titelthema

Information für die Praxis

 

Telematikinfrastruktur und Online-Dienste

Ausgabe 5, 2018

Seit Januar 2015 gilt ausschließlich die neu eingeführte elektronische Gesundheitskarte (eGK). Sie soll Milliarden einsparen und sinnvolle Vernetzungen bringen. Bis heute hat sie nach Berechnungen des Dachverbands der Innungskrankenkassen bereits 1,7 Milliarden Euro an Kosten verursacht. Viele Kassen setzen darauf, eigene Angebote für einen digitalen Datenaustausch zu entwickeln und fortzuschreiben. Wie aber ist der aktuelle Sachstand im Telematik-Konglomerat aus eGK, Konnektor, Institutionskarte (SMC-B) und elektronischem Heilberufeausweis (eHBA)?

Bis zum 31.12.2018 muss laut Gesetz das Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) in allen Praxen durchgeführt werden können. Für diesen Datenabgleich ist ein entsprechender Anschluss an die Telematikinfrastruktur (TI) erforderlich. Sofern ein Anschluss nicht erfolgt, droht den Praxen ein Honorarabzug von einem Prozent. Wesentlich für den Datenaustausch mit dem Server ist der sogenannte „Konnektor“, ein Verbindungselement, das von speziellen Unternehmen mit besonderen Genehmigungen und Zertifikaten hergestellt und geliefert wird.

Zugelassener Konnektor. In diesem Bereich besteht derzeit jedoch noch ein sehr überschaubares Angebot, da seit November 2017 bis Redaktionsschluss lediglich ein Konnektor, der KoCoMed+ Konnektor (Firma KoCo Connector GmbH) zugelassen wurde. Zwei weitere Konnektoren befinden sich derzeit im Zulassungsverfahren der GEMATIK (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) und sollen dieses voraussichtlich bis Juli durchlaufen haben. Im Zulassungsprozess befinden sich aktuell die beiden Konnektoren der Firmen Secunet und RISE, sodass zumindest ein kleiner Markt von drei zugelassenen Konnektoren in naher Zukunft erwartet werden dürfte.

E-Health-Kartenterminals. Seit November 2017 hat das zugelassene E-Health-Terminal „ORGA 6141 online“, der Firma Ingenico Healthcare die GEMATIK-Zulassung; seit März 2018 steht mit dem Gerät „eGK Tastatur“, der Firma Cherry GmbH ein zweites stationäres Kartenterminal für die Anbindung an die Telematikinfrastruktur zur Verfügung.

VPN-Zugangsdienst. Um an der Telematikinfrastruktur erfolgreich teilnehmen zu können, wird darüber hinaus ein Internetanschluss sowie ein sogenanntes Virtuelles Privates Netzwerk (VPN) benötigt. Innerhalb dieses Netzwerks werden die elektronischen Anwendungen unter Einsatz moderner Verschlüsselungstechnologien völlig abgeschirmt vom sonstigen Internet genutzt. Mit dem VPN-Zugangs- Foto: Fotolia/Jürgen Fälchle I nformationen für die Praxis Telematikinfrastruktur und Online-Dienste Titelthema 9 www.zahnaerzteblatt.de ZBW 5/2018 Foto: Fotolia/iconimage Telematikinfrastruktur. In den kommenden Monaten sollen alle Praxen an Deutschlands größtes elektronisches Gesundheitsnetz angeschlossen werden. dienst der CompuGroup Medical Deutschland AG (seit 10.11.2017) sowie der T-Systems-International GmbH (seit 11.04.2018) stehen zumindest zwei von der GEMATIK zertifizierte VPN-Zugangsdienste am Markt zur Verfügung.

Als erster Ansprechpartner für jede Zahnarztpraxis ist der eigene IT-Dienstleister bzw. der Hersteller des Praxisverwaltungssystems (PVS) zu sehen, denn auch das eigene PVS muss vor dem Anschluss an die Telematikinfrastruktur zunächst aktualisiert werden. Einzelne Softwarehäuser bieten bereits Komplettpakete für alle Geräte sowie deren Installation an. Vor dem Abschluss eines entsprechenden Vertrages sollen die Kammermitglieder genau prüfen, in welchem Quartal die Geräte installiert werden. Das ist insofern wichtig, da sich die Höhe der Erstattung des Standard-Erstausstattungspaketes nach dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme der neuen Technik in der Zahnarztpraxis richtet.

Elektronischer Praxisausweis. Bevor die Installation erfolgen kann, muss jede Zahnärztin und jeder Zahnarzt die so genannte SMC-BKarte zur Identifizierung im Netzwerk beantragen. Die Karte wird bei der Installation in das Kartenterminal gesteckt und über eine PIN aktiviert. Anfang Dezember 2017 erfolgte die Zulassung der Bundesdruckerei als Anbieter von Elektronischen Praxisausweisen (SMCB- Karte). Darüber hinaus steht mit der SMC-B-Karte von T-Systems seit 27.02.2018 ein zweiter Anbieter des Elektronischen Praxisausweises bereit. Die SMC-B-Karte wird über die für die Zahnarztpraxis zuständige Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV) beantragt. Hierfür hat beispielsweise die KZV BW bereits in einem geschützten Bereich ihres Internetportals entsprechende Informationen und Links bereitgestellt. Eine Beantragung der SMC-B-Karte sollte frühestens vier Wochen vor dem geplanten Installationstermin erfolgen.

Elektronischer Zahnarztausweis. Für die verpflichtende erste Anwendung „Versichertenstammdatenmanagement“ ist kein Elektronischer Zahnarztausweis notwendig. Der später im Rahmen der Telematikinfrastruktur benötigte Elektronische Zahnarztausweis verfügt über bzw. ermöglicht dann folgende Funktionen:

• Sichtausweis, wie sein Vorgänger der aktuelle Zahnarztausweis,

• Ausweisung in der elektronischen Welt (Web-Portale, etc.),

• Erstellung einer qualifizierten elektronischen Signatur (QUES) für Abrechnungsunterlagen, elektronischen Versand von Dokumenten, etc.,

• Sichere Ver- und Entschlüsselung zahnmedizinischer Daten,

• Zugriff auf Daten, die auf der eGK abgespeichert sind. Absehbare Daten sind hier die Notfalldaten sowie der Medikationsplan.

Darüber hinaus ist der elektronische Zahnarztausweis für den späteren Zugriff auf die elektronische Patientenakte zwingende Voraussetzung.

Ab voraussichtlich dem ersten bzw. dem zweiten Quartal 2019 soll das Antragsverfahren, ähnlich wie beim derzeitigen „normalen“ Zahnarztausweis über die zuständige Landeszahnärztekammer möglich sein und der Elektronische Zahnarztausweis ausgegeben werden.

Erklärfilm. Auf der Internetseite der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung unter https:// www.kzbv.de/anbindung-an-die- telematikinfrastruktur.1163. de.html findet sich ein ausführlicher Erklärfilm zur Anbindung an die Telematikinfrastruktur, der die technischen Voraussetzungen in der Praxis sowie die benötigten Komponenten vorstellt.

Das von Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung in Kooperation mit der KZV Sachsen entstandene Video gibt in ca. 20 Minuten einen sehr guten Überblick über die Telematikinfrastruktur sowie die notwendigen Vorgänge bei der Anbindung in die Praxis. Es werden die notwendige Ausstattung und Schritt für Schritt der entsprechende Einrichtungsprozess der verschiedenen Elemente genau dargestellt und erläutert.

» beck@lzk-bw.de

 

Mehr Wettbewerb beim Aufbau der Telematikinfrastruktur

 

Zulassung für Praxisausweis von T-Systems

Ausgabe 5, 2018

Nach der Bundesdruckerei hat die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) mit T-Systems einen zweiten Anbieter für die Ausgabe von elektronischen Praxisausweisen an Zahnarztpraxen zugelassen. Die dienen der gesicherten Anmeldung an die Telematikinfrastruktur (TI). Sie sind wichtiger Baustein für den gesetzlich vorgesehenen Aufbau des digitalen Gesundheitsnetzwerkes.

Unternehmen, die in einem marktoffenen Zulassungsmodell weitere Ausweise anbieten möchten, erhalten bei der KZBV Informationen zum Ausgabeverfahren. Praxen können den Ausweis über das Portal der für sie zuständigen Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) beantragen. „Von dem neuen Anbieter erhoffen wir uns mehr Wettbewerb und mehr Bewegung in der Preisgestaltung der Praxisausstattung für die Anbindung an die TI. Bisher hat sich das Angebot an technischen Komponenten leider verhaltener entwickelt, als angenommen“, sagte der stellv. Vorstandsvorsitzende der KZBV, Dr. Karl-Georg Pochhammer. Der Anschluss von bundesweit rund 45.000 Zahnarztpraxen mache Fortschritte, allerdings sei der gesetzlich vorgesehene Zeitplan für den Rollout nicht zu halten. „Jetzt ist der Bundesgesundheitsminister gefragt, bei den bislang vorgegebenen Fristen die nötige Flexibilität zu zeigen. Die Zahnärzteschaft ist nicht der Zahlmeister für Versäumnisse der Industrie.“

VSDM zum 31.12. Pflicht. Nach aktuellem Stand muss vom 31. Dezember 2018 an das sogenannte Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) in allen Praxen möglich sein. Für diesen Datenabgleich ist ein zertifizierter Anschluss einer Praxis an die TI erforderlich. Die KZBV hält die Verlängerung der Frist für unumgänglich – idealerweise bis zum 31. Dezember 2019. Anders als bei den Praxisausweisen gibt es für Konnektoren nach wie vor nur einen einzigen Hersteller. Dass bis Ende des Jahres alle Praxen mit Konnektoren ans Netz gehen können, ist aus Sicht der KZBV nahezu ausgeschlossen. Erfolgt die Anbindung an die TI nicht fristgerecht, sieht das Gesetz Sanktionen in Form von Honorarabschlägen vor. Um angesichts der aktuellen Marktsituation eine für die Praxen grundsätzlich kostendeckende Finanzierung herzustellen, laufen derzeit Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband. Zahnärztinnen und Zahnärzte müssen für den Anschluss an die TI nicht selbst aufkommen. Sie erhalten von den Krankenkassen Pauschalen für Erstausstattung und Betrieb. Der fehlende Wettbewerb bei den Konnektor-Anbietern hat jedoch zu einer Preislage geführt, die eine Nachverhandlung der Pauschalen erforderlich macht. Die Möglichkeit der Anpassung der Pauschalen an die tatsächliche Marktsituation ist fester Bestandteil der Grundsatzfinanzierungsvereinbarung zwischen KZBV und GKV-SV.

KZBV

 

EU-Datenschutz-Grundverordnung

 

Die Kammer unterstützt Sie!

Ausgabe 5, 2018

Am 25.5.2018 tritt die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) in Kraft. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gilt das neue Datenschutzrecht auch für Zahnarztpraxen. „Ursprünglich war das neue Datenschutzrecht für internationale Großkonzerne, die am europäischen Markt teilnehmen wollen, gedacht, jetzt wird die Verordnung mittelständischen Betrieben wie den Zahnarztpraxen übergestülpt. Für die Praxen ist die Umsetzung erneut mit finanziellen Belastungen und großem bürokratischen Aufwand verbunden“, beklagt LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert, „aber die Kammer steht der Kollegenschaft zur Seite und stellt eine praktische Handreichung zur Verfügung“.

Die Landeszahnärztekammer ist sich bewusst, dass die Praxen derzeit von Anfragen und Angeboten externer Dienstleister zur Umsetzung der neuen Datenschutzbestimmungen überhäuft werden, „aber Sorgfalt und Rechtssicherheit gehen vor“, betont LZK-Präsident Dr. Tomppert. Der LZK-Vorstand hat zu gegebenem Anlass eine Task Force (siehe Interview mit Task-Force- Mitglied Dr. Hendrik Putze auf den folgenden Seiten) gebildet, bestehend aus Juristen und Zahnärzten, die eine praxisnahe Hilfestellung für die Kollegenschaft in Form einer Online-Handreichung erarbeitet. Die Informationen bestehen aus Erläuterungen, Mustertexten, Musterverträgen und Merkblättern und werden sukzessive auf der Webseite der LZK BW zur Verfügung gestellt.

Die gesamte Ausarbeitung wird voraussichtlich zehn Kapitel umfassen – die folgenden sechs Kapitel sind bereits auf der Webseite unter https://www.lzk-bw.de/zahnaerzte/ praxisfuehrung/eu-datenschutzgrundverordnung/ veröffentlicht:

• Kapitel 1: Der betriebliche Datenschutzbeauftragte

• Kapitel 2: Auftragsverarbeitung

• Kapitel 3: Informationspflichten gegenüber dem Patienten

• Kapitel 4: Informationspflichten auf der Webseite der Praxis

• Kapitel 5: Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten

• Kapitel 6: Meldepflicht bei Datenschutzpannen

Sobald ein neues Kapitel vorliegt, informiert die Landeszahnärztekammer über den Online-Newsletter Kammer KOMPAKT. Die LZK BW hat den Online-Newsletter Kammer KOMPAKT im vergangenen Jahr für die schnelle Übermittlung aktueller berufs- und gesundheitspolitischer Meldungen aufgelegt. Er erscheint in unregelmäßigen Abständen, immer bei Bedarf und stets aktuell – derzeit sobald ein neues Kapitel der Online-Handreichung zur EU-DSGVO fertiggestellt ist.

Angebot zur Kooperation. Die Umsetzung der EU-Datenschutz- Grundverordnung ist nicht nur für die Praxen herausfordernd, sondern auch für die überwachende Behörde. Der Landesbeauftragte für den Datenschutz ist daher an einem kooperativen Austausch mit der Landeszahnärztekammer interessiert und lud LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert, Dr. Hendrik Putze und den Datenschutzbeauftragten der LZK, RA Stefan Oschmann zu einem Gespräch ein.

Die Vertreter der LZK folgten der Einladung des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit BW am 9. April 2018 gerne, denn das Gespräch bot die Gelegenheit, das umfangreiche Material, das die LZK bisher erarbeitet hat und auf ihrer Webseite sukzessive für die Kollegenschaft zur Verfügung stellt, dem kritischen Blick der zuständigen Behörde zu unterziehen.

Das Engagement der Landeszahnärztekammer wurde durchweg positiv gesehen. Volker Broo, leitender Beamter und Stellvertreter von Dr. Stefan Brink, Matthias Roth, Referent im Referat III Datenschutz im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen und Maria Wilhelm, Referentin Stabsstelle Europa, lobten die Online-Handreichung und boten an, sämtliche von der Kammer zur Verfügung gestellten Dokumente zu prüfen und damit auch dem Wunsch nach einer weitestgehenden Rechtssicherheit bei deren Verwendung zu entsprechen.

LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert hob die angenehme Gesprächsatmosphäre hervor, „die Vertreter der Landesdatenschutzbehörde zeigten sich aufgeschlossen und haben uns ihre Unterstützung und Kooperation angeboten – es war ein gutes Gespräch und wir sind erfreut, dass wir über den direkten Draht künftig einen Ansprechpartner für unsere Fragen gefunden haben. Wir haben vereinbart, dass wir uns künftig regelmäßig austauschen, da momentan noch alles im Fluss ist und auch zwischen den Landesdatenschutzbeauftragten der Bundesländer noch Abstimmungsbedarf besteht.“

» mader@lzk-bw.de

 

EU-DSGVO: Die Kammer unterstützt Sie!

 

Juristisch korrekt und praktikabel

Ausgabe 5, 2018

Dr. Hendrik Putze ist Mitglied der vom LZK-Vorstand eingerichteten Task Force zur Umsetzung der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung in die Zahnarztpraxis. Weiterer Zahnarzt im Team ist der stv. Präsident und Referent für Praxisführung, Dr. Norbert Struß. Zwei Juristen – der Leiter der Abteilung Recht in der LZK-Geschäftsstelle, Justiziar und Datenschutzbeauftragte, RA Stefan Oschmann und der Geschäftsführer der BZK Karlsruhe, Ass. Jur. David Richter – komplementieren die Arbeitsgruppe. Wir haben Dr. Hendrik Putze drei Fragen zur Arbeit der Task Force gestellt.

ZBW: Warum braucht man in einer Arbeitsgruppe, die sich mit der Umsetzung eines Gesetzes beschäftigt, Zahnärzte? Trauen Sie das den Juristen nicht zu? Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Dr. Putze: Im Rahmen unserer Tour de Ländle Anfang des Jahres durch die Kreisvereinigungen von Nordwürttemberg mit meinem Kollegen Dr. Eberhard Montigel habe ich aus meinem Referat Praxisführung und Digitales berichtet. In den Fragen und Diskussionen mit den Kollegen nahm das Thema „Neue Datenschutz- Grundverordnung“ eine immer größer werdende Bedeutung ein. Die Kollegen werden gerade zunehmend mit Angeboten von Juristen und IT-Fachleuten vor allem zum Thema externer Datenschutzbeauftragter überhäuft, die kostenpflichtig sind und bis zu 2.000 Euro im Jahr für diese Dienstleistung verlangen. Gleichzeitig ist das Thema Datenschutz im Moment in allen Medien ganz weit oben, natürlich auch wegen der Facebook-Affäre.

Ich habe daraufhin mehrere Informationsveranstaltungen von Ärzten und Zahnärzten zu diesem Thema besucht, in denen vor allem Rechtsanwälte und IT-Experten ihre Interpretation der neuen Datenschutz-Grundverordnung kundtaten. Im Gegensatz zur Ankündigung in den Veranstaltungsinformationen wusste ich nach den Veranstaltungen immer noch nicht, was nun konkret in der Praxis zu machen ist. Davon abgesehen waren die Informationen auch ziemlich unterschiedlich und deshalb eher verwirrend. Was mir auch negativ bei diesen Veranstaltungen auffiel, war, dass die Referenten immer selber entsprechende Dienstleistungen – natürlich gegen Entgelt – anbieten. Das neue Gesetz führt zu einer Art Goldgräberstimmung bei ITlern und Rechtsanwälten!

Von diesen frustrierenden Erfahrungen habe ich dann im LZKVorstand berichtet. Die Kollegen haben die Problematik gleich erkannt und unserem Präsidenten Dr. Torsten Tomppert ist es zu verdanken, dass er sofort eine Task Force eingesetzt hat, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und zwar unter besonderer Berücksichtigung der zahnärztlichen Besonderheiten.

Die Arbeit in dieser Task Force ist sehr effektiv, da im kleinsten Kreise juristische und zahnmedizinische Expertise zusammengeführt werden. Und ich denke, dies ist auch das Besondere an der Herangehensweise der LZK Baden-Württemberg an dieses Thema und der Unterschied zu anderen Kammern. Unser Ziel ist es, den Zahnarztpraxen die praktische Umsetzung der neuen Datenschutz-Grundverordnung in der Praxis juristisch korrekt und doch so einfach und praktikabel wie möglich näherzubringen.

Die gesamte Handreichung umfasst zum jetzigen Zeitpunkt bereits sechs Kapitel, weitere Kapitel sind geplant. Zusätzlich gibt es für jedes Kapitel Mustertexte oder Merkblätter. Geben Sie mal einen praktischen Tipp – wie sollen Ihre Kollegen das Projekt Datenschutz-Grundverordnung in der Praxis angehen?

Auf der Homepage der LZK Baden-Württemberg finden die Kollegen unter Zahnärzte – Praxisführung – EU-Datenschutz- Grundverordnung alle bis jetzt erarbeiteten Unterlagen. Auf der Übersichtsseite gibt es einleitende Informationen, auf der rechten Seite sind allgemeine Hinweise und die einzelnen Kapitel aufgeführt. Man fängt mit den allgemeinen Hinweisen an und bekommt dort Informationen, wie mit den Mustertexten und Musterverträgen umzugehen ist. Gleichzeitig findet sich hier unser grafisches Ablaufschema. Und dann arbeitet man einfach Kapitel für Kapitel ab, individualisiert die notwendigen Formulare, schickt die entsprechenden Briefe an die jeweiligen Empfänger und speichert die Dokumente bei sich auf dem PC. Hierzu empfiehlt sich ein Ordner EU-Datenschutz-Grundverordnung mit den einzelnen Kapiteln als Unterordner.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch unser Änderungsprotokoll, welches ab Mitte Mai eingestellt wird. Im Moment überarbeiten wir auch die eingestellten Dokumente ständig, da noch einige Punkte juristisch nicht endgültig geklärt sind. Wenn man es einmal durchgearbeitet hat, sollte man immer mal wieder ins Änderungsprotokoll schauen, ob sich spätere Änderungen ergeben haben, die für die eigene Praxis relevant sind.

Getreu Ihrem Kammer-Motto „Die Kammer – Ihr Partner“ haben Sie der Kollegenschaft umfangreiche Hilfestellung bei der Umsetzung der EU-DSGVO versprochen – wird es neben der Online-Handreichung auch Seminare und Schulungen in den Zahnärztehäusern für die Kolleginnen und Kollegen geben?

Selbstverständlich wird es für Info die Kollegen in den Bezirken Veranstaltungen zu diesem Thema geben. Jeder Bezirk entscheidet selbst, ob er dies im Rahmen von Seminaren, Infoveranstaltungen oder Kreisversammlungen macht. Im Bereich der BZK Stuttgart bieten wir aktuell drei Seminare jeweils 3-stündig in Heilbronn, Filderstadt und Schwäbisch Gmünd an. In diesen Seminaren soll den Kollegen und auch den Mitarbeitern, die das Ganze nachher in der Praxis umsetzen, Hintergrundwissen vermittelt werden. Wir werden auch ganz praktische Hinweise geben, wie mit den auf der LZK-Homepage zur Verfügung gestellten Unterlagen umzugehen ist. Damit sollte auch ein intern bestellter Datenschutzbeauftragter in der Lage sein, seine Aufgaben in der Praxis zu erfüllen. Und das ohne an einen externen Dienstleister 100 Euro pro Monat zu bezahlen. Ziel ist es, dass die Kollegen nach dem Seminar genau wissen, was und wie sie es machen müssen.

Die Fragen stellte Andrea Mader

 

 

Gemeinsames Symposium von Ärzten und Zahnärzten

 

Digitalisierungszwang und Cyberkriminalität

Ausgabe 5, 2018

Ein vollbesetzter Saal zeigte, wie sehr das Thema unter den Nägeln brennt, das Bezirksärztekammer Nordbaden und Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe gemeinsam in Angriff nahmen. Nach einer Anfang November durchgeführten Fortbildung zum Thema „Hackeralarm“ stand Ende März die neue Datenschutzgrundverordnung auf der Agenda. Im Haus der BÄK Nordbaden in Karlsruhe wurde noch lange nach Veranstaltungsende heftig diskutiert, denn „im Lichte von Digitalisierungszwang und Cyberkriminalität“ birgt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung eine Menge Zündstoff.

Prof. Dr. Dr. Christof Hofele, Vizepräsident der Bezirksärztekammer Nordbaden, der die Leitung der bestens besuchten gemeinsamen Fortbildung innehatte, begrüßte die Gäste – auch in Vertretung des Präsidenten der Bezirksärztekammer Nordbaden und führte eloquent durch den nervenaufreibenden Abend. Er machte klar, dass auch Arztpraxen und Kliniken immer häufiger Ziel von Cyberkriminalität und Hackerangriffen sind. Zudem gelten ab 25. Mai 2018 in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union neue Datenschutzbestimmungen. Daher müssen alle niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte sicherstellen, dass sie bis zum Stichtag die erforderlichen Anpassungen vorgenommen haben.

Preußischer Gehorsam. In Deutschland galten zwar schon bislang recht hohe Anforderungen an den Datenschutz. Die neuen Regelungen, die ohne Übergangsfrist in Kraft treten, bringen nun zusätzlich eine Reihe von formalen Änderungen, wenn auch inhaltlich keine großen Veränderungen eintreten. So wird etwa die Bestellung eines Datenschutzbeauftragten für viele Praxen Pflicht, Verstöße können zudem mit hohen Bußgeldern sanktioniert werden. Dies hatte der Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-Württemberg, Dr. Stefan Brink, bereits in der Veranstaltung im November angekündigt und damit wohl für Unmut und Verunsicherung gesorgt, die an diesem Abend noch zu spüren waren. Dr. Norbert Engel, Vorsitzender der BZK Karlsruhe, hatte die Anspannung bemerkt, denn er nannte es „verwegen“, den Kolleginnen und Kollegen einen schönen Abend zu wünschen. Zu brisant ist das, was mit Inkrafttreten der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ab dem 25. Mai 2018 gilt: Unternehmen, Freiberufler und Gewerbetreibende haben als Verantwortliche jederzeit die Pflicht, die Einhaltung der Datenschutzgrundsätze gegenüber den Aufsichtsbehörden nachzuweisen. Wie man später am Abend erfuhr, ist diese sog. Accountability nur dann erfüllt, wenn man nachweisen kann, dass die Verarbeitung personenbezogener Daten rechtmäßig, nach Treu und Glauben, transparent, zweckgebunden, datenminimiert, richtig, speicherbegrenzt sowie integer und vertraulich erfolgt. Diese neue Verordnung gilt zwar europaweit, doch wie Dr. Engel betonte, bekundeten bislang nur Deutschland und Östereich diese umsetzen zu wollen: Deutschland sicherlich mit „preußischem Gehorsam“, Österreich wahrscheinlich in der milderen Habsburger Form.

Trojaner. Als Einstieg referierte erneut Dr. Sven Rößing, niedergelassener Facharzt für Orthopädie, der Anfang 2017 von einem Hackerangriff betroffen war. Ein Cryptolocker- Trojaner hatte das Praxissystem verschlüsselt und forderte die Zahlung von 4.500 Euro in Bitcoins, um das System wieder freizugeben. Nach einer längeren Telefonodyssee gelangte Dr. Rößing an die richtige Adresse, die Kriminalpolizeidirektion, Dezernat Cyberkriminalität, die dazu riet, auf keinen Fall auf die Erpressung einzugehen (s. dazu auch ZBW 12/2017 S. 32 ff.). So wurde der Praxisbetrieb an diesem Tag manuell geführt. Übers Wochenende konnte die Datensicherung des Vortages in insgesamt 66 Stunden wieder aufgespielt werden, danach die händisch geführten Datenblätter ins System eingepflegt werden – ein großer Aufwand in jeder Hinsicht. Als Betroffener hatte Dr. Rößing viele Tipps für den Daten-Notfall an die Kollegenschaft weitergereicht, unter anderem auch den, alle wichtige Telefonnummern ausgedruckt bereitzuhalten. Er empfahl zudem, einen Notfallplan für solche Ereignisse auszuarbeiten, denn ein Cyberangriff kann jede Praxis treffen.

Man sollte außerdem eine Versicherung für Hackerangriffe zumindest in Erwägung ziehen und die Mitarbeiter immer wieder für das Thema sensibilisieren. Gut überlegt werden will die Serverauslagerung in eine Cloud, denn diese muss absolut sicher sein, daher sind Überlegungen, sich in eine Universitätscloud einzumieten, eine KV-Cloud zu etablieren oder sich zu Genossenschaften zur Datenverwaltung zusammenzuschließen, höchst aktuell.

Auf ZAC. Tipps zur Prävention gab es anschließend von Isabell Blumer, Polizeikommissarin im LKA Stuttgart. Sie stellte ZAC vor, die Zentrale Ansprechstelle Cyberkriminalität beim LKA, die rund um die Uhr erreichbar ist und Betroffenen die Odyssee erspart, von der Dr. Rößing nach dem Cyberangriff auf seine Praxis berichtet hatte. Unter der Telefonnummer 0711/5401-244 und der Mail-Adresse cybercrime@polizei.bw.de sollte im Falle eines Netzangriffs jederzeit ein Ansprechpartner erreicht werden, der erste Beweissicherungsmaßnahmen einleiten und den Kontakt mit Ansprechpartnern bei den örtlichen Dienststellen herstellen kann. Nach Aussagen von Frau Blumer hat sich Ransomware („ransom“ englisch für Lösegeld) zu einer der größten Bedrohungen für Internetnutzer entwickelt. Die Krypto-Varianten, die man für wenig Geld im Darknet bekommen kann, verschlüsseln diverse Dateiformate und fordern gleichzeitig die Zahlung von Lösegeld, meist in Form von Bitcoins. Im Jahr 2017 hat die Polizei in Baden-Württemberg 317 solcher Fälle bearbeitet und dabei festgestellt, dass auch die Zahlung von Lösegeld, von der natürlich dringend abgeraten wird, meist nicht zum Ziel führt, denn die Erpresser sind oft nicht in der Lage, die Sperre aufzuheben.

Mit Augenmaß. Einen weiteren hochkarätigen Referenten hatte man mit Dr. Carsten Ulbricht eingeladen, einen auf Internet, ECommerce und Social Media spezialisierten Rechtsanwalt mit einem Schwerpunkt beim Datenschutz. Er konnte ein bisschen von der Aufregung dämpfen, indem er darauf hinwies, dass man Augenmaß bewahren müsse und bedenken, dass die Idee hinter der EU-DSGVO richtig ist, nämlich die Rechte von Privatpersonen zu schützen. Zu prüfen ist daher vor allem, ob die Praxis-IT in der Lage ist, die Rechte der Betroffenen zu wahren. Auch wenn EDVWartung oder Datensicherung in einem externen Rechenzentrum vorgenommen werden, ist der Praxisinhaber die datenschutzrechtlich verantwortliche Person und muss sich daher davon überzeugen, dass alle Datenschutzregeln eingehalten werden.

Nicht gegen Mittelstand. Dr. Ulbricht betonte, dass sich die neue Verordnung nicht gegen den deutschen Mittelstand richte, sondern gegen internationale Großkonzerne und gegen alle diejenigen, „denen Datenschutz egal ist“. Außerdem ist seiner Beobachtung nach aus dem Datenschutz ein großes Geschäft geworden, der von vielen Seiten benutzt wird, um Dienstleistungen zu verkaufen. Weiterhin gab der Referent zu bedenken, dass allgemein nicht damit gerechnet wird, dass die Aufsichtsbehörden sofort nach Inkrafttreten der DSGVO hohe Bußgelder verhängen werden, über die ja Gerichte zu entscheiden haben. Außerdem bemisst sich die Höhe der Bußgelder generell an Faktoren wie Dauer, Art und Schwere des Verstoßes, Schadensumfang etc.

Einwilligung. Wichtige Punkte, die jede Praxis in ihren organisatorischen Abläufen berücksichtigen sollte, betreffen die Einwilligung, die vor jeder Datenverarbeitung vom Patienten eingeholt werden muss. Auch wer Patienten an Termine erinnern will – etwa per Brief, Mail oder SMS, sollte dies noch einmal getrennt von der Einwilligung zur normalen Verarbeitung der Daten in der Praxis-EDV aufführen. Vorsicht ist für Ärzte auch beim Datenaustausch in Ärztenetzen oder Kooperationen geboten: Auch hier sollte vor jeglicher Datenweitergabe der Patient explizit zustimmen. Die Praxis darf die beim Patienten erhobenen Daten, dazu zählen auch die Diagnosen, immer nur zum Zweck der Leistungserbringung und Abrechnung erheben. Wer bei privatversicherten Patienten die Abrechnung über einen externen Dienstleister laufen lässt, sollte sich hierfür beim Patienten eine getrennte Einwilligungserklärung einholen. Vorsicht ist bei der Weitergabe von Daten zu Studienzwecken geboten. Auf der sicheren Seite sind Ärzte nur dann, wenn sie die Erlaubnis des Patienten dazu einholen. Auch das Recht auf Löschung gehört zu den durch die europäische Verordnung neu geregelten Rechten von Privatpersonen, die für Ärzte relevant sind, sodass sie bei einer Datenverknüpfung mit anderen Stellen – etwa in Kooperationen oder wenn sie Praxisdaten in gesicherten Clouds ablegen – sicherstellen müssen, dass alle Daten zu löschen sind, wenn ein Patient dies wünscht.

Datenschutzbeauftragte. Auf die Frage ob eine Arztpraxis zwingend einen Datenschutzbeauftragten haben muss, verwies Dr. Ulbricht auf die Standard-Juristen- Antwort „es kommt darauf an“. Das EU-Recht sieht diesen nur vor, wenn die Hauptaktivität des Betriebs dem Umfang oder seinem Zweck nach die massenhafte, regelmäßige und systematische Beobachtung von betroffenen Personen erfordert oder das Kerngeschäft eines Unternehmens in der massenhaften Verarbeitung sensibler Daten besteht. Dies ist bei Praxen, deren Kerngeschäft die medizinische Leistungserbringung ist, nicht der Fall. Dennoch wird man bei einer Arztpraxis mit mehreren Berufsträgern wohl davon ausgehen müssen, dass ein Datenschutzbeauftragter benannt werden muss, zumindest wird dies für Gemeinschaftspraxen mit mehreren Ärzten gelten. Wichtige Aufgabe des Datenschutzbeauftragten ist die Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA) die prüft, wie hoch das Risiko ist, dass die Daten in irgendeiner unrechtmäßigen Weise genutzt werden könnten. In Arztpraxen, wo hochsensible Daten erhoben werden, ist die Implementierung einer DSFA laut Dr. Ulbricht dringend anzuraten.

D. Kallenberg

» info@zahnaerzteblatt.de

 

IAB-Studie zu den Arbeitsmarkteffekten der Digitalisierung

 

Digitalisierung wälzt Arbeitsmarkt um

Ausgabe 5, 2018

Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge, kann die Digitalisierung in den nächsten Jahren zu grundlegenden Änderungen auf dem Arbeitsmarkt führen. Viele berufliche Tätigkeiten, bei denen der Mensch bislang als unersetzbar galt, könnten potenziell von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden. Das Risiko, durch neue Technologien ersetzt zu werden, steigt am schnellsten bei einfachen Tätigkeiten, die keine berufliche Ausbildung benötigen. Viele Berufsbilder werden sich grundlegend verändern. Gleichzeitig entstehen völlig neue Tätigkeiten.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beurteilt seit einigen Jahren, in welchem Ausmaß Berufe im Zuge der Digitalisierung potenziell ersetzbar sind. Dieses sogenannte Substituierbarkeitspotenzial gibt an, wie hoch der Anteil der Tätigkeiten ist, die potenziell von Computern oder computergestützten Maschinen ausgeführt werden könnten.

Substituierbarkeitspotenzial. Laut aktueller IAB-Studie (IABKurzbericht 4/2018) haben vor allem Helferberufe – das sind Tätigkeiten ohne berufliche Ausbildung – das größte Potenzial, ersetzt zu werden: 58 Prozent dieser einfachen Jobs könnten auch von Computern oder Maschinen erledigt werden. Je höher das Anforderungsniveau an die Tätigkeit bzw. je höher die berufliche Qualifikation jedoch ist, desto geringer ist das Substituierbarkeitspotenzial. So haben Berufe, für die man ein Hochschulstudium benötigt, ein Potenzial von 24 Prozent, durch digitale Techniken ersetzt zu werden. Im Vergleich dazu schneiden medizinische und nichtmedizinische Berufe etwas besser ab: Das Potenzial der ersetzbaren Tätigkeiten liegt in diesem Berufssegment bei 21 Prozent. Gerade der 3D-Druck hat in der Medizin- und Zahntechnik besondere Effekte: So können Prothesen und Zahnersatz genau auf die Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten und dabei weniger aufwändig gefertigt werden.

Beschäftigungsentwicklung. Es ist noch völlig offen, ob die Substituierbarkeitspotenziale der beruflichen Tätigkeiten überhaupt in vollem Umfang ausgeschöpft werden. Nicht jede Tätigkeit, die als ersetzbar gilt, wird zukünftig tatsächlich komplett digital ausgeführt werden. Einer Automatisierung von Tätigkeiten können nämlich wirtschaftliche, ethische oder rechtliche Aspekte entgegenstehen und dazu führen, dass nur ein Teil des technisch möglichen Potenzials ausgeschöpft wird. Handgefertigte Produkte werden im digitalen Zeitalter eine größere Wertschätzung haben, so dass es weiterhin Betriebe geben wird, die handwerklich produzieren.

Schätzungen des IAB zufolge wird die Digitalisierung kaum Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigten in Deutschland haben. So werden im Jahr 2035 zwar 1,46 Millionen Arbeitsplätze nicht mehr benötigt. Auf der anderen Seite werden aber durch die Digitalisierung 1,4 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Vor allem das produzierende Gewerbe wird von einem Beschäftigungsabbau betroffen sein, während die Branche „Information und Kommunikation“ in Zukunft deutlich mehr Stellen bieten wird. Das Gesundheitsund Sozialwesen befindet sich im Rahmen dieser Vorhersage nur in einem leichten Abwärtstrend. Hier werden bis 2035 bundesweit nur 0,3 Prozent der Tätigkeiten (d. h. 19.000 Stellen) wegfallen (IABKurzbericht 9/2018).

Umwälzungen. Durch die Digitalisierung wird es insgesamt zu größeren Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Berufssegmenten kommen. Vor allem innerhalb der Berufe wird es große Umbrüche geben, denn mit dem Einsatz neuer Technologien verändern sich gleichzeitig die Berufsbilder. Die Aus- und Weiterbildung muss diesen Veränderungen angepasst werden. Das IAB empfiehlt, gleichzeitig auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen zu achten, denn Kooperationsbereitschaft, Kommunikationsstärke, Selbstmanagement und Empathie werden in der digitalen Zukunft umso wichtiger werden.

» richter@lzk-bw.de

 

Kolumne

 

Wir tippen im Dunkeln

Ausgabe 5, 2018

Der Normalzustand sozialer Medien ist heute nicht mehr öffentlich. Es findet ein großer digitaler Rückzug ins Private statt. „Dark Social“ – das, was von außen unsichtb ar stattfindet, gewinnt an Bedeutung.

Ein Feuerwerk der Technologie, weltweite Euphorie, funkelnde PR-Visionen hat Elon Musk, der Steve Jobs der Millennials, in den letzten Tagen gezündet. Ein neuer Technikoptimismus scheint heraufzuziehen. Aber so interessant die neue Freude am Gerät erscheint, so sehr wird dadurch auch eine Leerstelle betont: Elon Musks Schaffen ist zwar radikal digital geprägt, könnte aber selbst nicht weiter vom Internet entfernt sein. Raketen, Marsflüge, Hochgeschwindigkeitszüge, Elektroautos, erneuerbare Energien – weniger Netz geht kaum, wenn man von der Zukunft spricht.

Gleichzeitig steht die Vorreiterfigur der sozialen Medien, Mark Zuckerberg, massiv in der Kritik. Ich halte das für ein Symptom der Krise der digitalen sozialen Öffentlichkeit. Über die Vernetzung zwischen Menschen lässt sich derzeit wenig Positives sagen. Es wäre auch nicht glaubwürdig, weil sich in der öffentlichen Wahrnehmung gerade etwas grundlegend ändert.

Meine These: Es findet ein großer digitaler Rückzug ins Private statt. Das Private ist immerhin nicht politisch – auf die Weise, wie „Politik“ in öffentlichen sozialen Medien so absurd anstrengend sein kann. Öffentlichkeit hat sich für die meisten Menschen offenbar nicht als wertvoll erwiesen.

Junge Menschen sind heute zwar äußerst aktiv im sozialen Netz, allerdings sehr viel intensiver dort, wo soziale Medien nicht öffentlich oder halböffentlich sind: in privaten digitalen Räumen, allen voran WhatsApp, ab Werk nicht öffentlichen Messengern und Gruppenchats. Die frühere Erfolgsgeschichte von Snapchat war sogar angetrieben von einer ausschließenden und damit öffentlichkeitsreduzierenden Haltung. Die App war schon so gestaltet, dass sich digital Spätsozialisierte kaum damit zurechtfanden.

Krise der Sozialen Medien. Seit 2012 existiert der Begriff Dark Social, gemeint war damit der Teil der sozialen Medien, der von außen nicht zugänglich unter der Oberfläche stattfindet: Messenger, Chats, auch private E-Mail-Verteiler. Bisher hat man das als Sonderfall behandelt. Aber ich glaube, es hat sich umgekehrt. Der Normalzustand von Social Media ist heute nicht mehr öffentlich. Es gibt lediglich einen Teil, den man „Public Social“ nennen könnte. Public Social ist gewissermaßen die Spitze des sozialmedialen Eisbergs, auf den ersten Blick sichtbar, aber in der Gesamtbetrachtung klein.

Soeben haben ehemalige Mitarbeiter von Facebook und Google, darunter der Erfinder des Like-Buttons, eine Kampagne gestartet, die sie „The Truth about Tech“ nennen, „Die Wahrheit über Digitalkonzerne“. Ihre Kommunikation wirkt an vielen Stellen überzogen bis angstheischend, weil ihre Verkündungsgewissheit die gleiche Qualität hat wie ihre frühere Absolutheit, Technik werde die Welt in ein goldenes Zeitalter führen. Die Kampagne ist damit typisch für das Differenzierungsproblem der gesamten Debatte über soziale Medien, sie ist vergleichbar nervig wie der zum verbissenen Zigarettenmahner gewordene Ex- Raucher.

Trotzdem ist „The Truth about Tech“ ein Symptom: (Öffentliche) soziale Medien sind eindeutig in einer weltweiten Krise. Schon die Mitverantwortung bei der Wahl der faschistoiden Ego-Tröte Trump würde dafür ausreichen, aber es wird schlimmer. Facebook wirkt auf den Philippinen und in Kambodscha als Unterdrückungsinstrument. Die Regierungen „benutzen Facebook als Waffe“, schreibt „Bloomberg“, indem aufhetzende Propaganda verbreitet wird. Die genozidalen Gewaltexzesse gegen die Rohingya in Burma sind offenbar zum Teil zurückzuführen auf Falschnachrichten, verbreitet in öffentlichen sozialen Medien. Ein Facebook-Völkermord könnte entstanden sein, das exakte Gegenteil aller ursprünglichen Intentionen, mit sozialen Netzwerken die Welt zu verbessern.

Filterblase als soziales Schutzmilieu. Leider ist es nicht so, dass die private Sphäre sozialer Medien diesbezüglich unschuldig daherkommt. Denn das Phänomen der gezielt verfälschten Nachrichten sickert auch in die nichtöffentlichen sozialen Medien, die Verschiebung ins Private betrifft fast alle Digitalphänomene. Aus Indien, Kenia oder Katalonien sind dazu offizielle Statements bekannt, dass hassanheizende Inhalte via WhatsApp oder Facebook Messenger zu einer Epidemie geworden seien, die Gewalt nach sich ziehe. Das zeigt, dass die Probleme mit sozialen Medien insgesamt wesentlich größer sind als nur der öffentlich sichtbare Teil.

Es gibt keine digitale Plattform, auf der sich Debatten und Diskussionen so wunderbar und produktiv führen lassen wie auf Facebook – wenn man über eine gut gepflegte soziale Umgebung verfügt. Aber „gut gepflegt“ bedeutet zunehmend nicht öffentlich. Der Begriff Filterblase bezeichnete ursprünglich ein bedenkliches Phänomen, nämlich, dass soziale Medien Echokammern der Selbstbestätigung begünstigen. Inzwischen wird Filterblase eher als soziales Schutzmilieu verstanden, als selbst zusammengestellter Kommunikationsraum, der bestimmte Formen des Austauschs überhaupt erst ermöglicht. Schon lange taumelt Facebook mit geschlossenen Gruppen und der oft beklagten Undurchsuchbarkeit zwischen privat, halbprivat und öffentlich hin und her. Aber sogar hier lässt sich eine Verschiebung weg von Public Social erkennen: Die letzten Änderungen an Facebooks Newsfeed sollen wieder mehr Freunde anzeigen und weniger große Medien, deren Seiten als Teil der Öffentlichkeit betrachtet werden müssen.

Auch der Erfolg von Podcasts ließe sich so erklären: Podcasts verlangen vom Publikum die Investition von Zeit, Ruhe und Konzentration. Sie sind anders als Text kaum zu überfliegen und viel schwieriger zitatweise zu verbreiten. Dadurch wirken sie, als würden sie abseits der großen Öffentlichkeit stattfinden. „X schrieb auf Twitter/ Facebook“ ist in redaktionellen Medien allgegenwärtig, „X sagte in einem Podcast“ existiert in Deutschland praktisch nicht.

Bedürfnisse der Werbetreibenden. Vielleicht differenzieren sich soziale Medien gerade aus, rütteln sich evolutiv zurecht, und der Teil „Public Social“, den man bisher für den wichtigsten hielt, wird in den Köpfen der Menschen zweitrangig. Wenn das so ist, dann fiele ein weiterer Traum der Frühzeit des Netzes in sich zusammen, der brechtsche Radiotraum: Damals, als man dachte, eine Öffentlichkeit, an der alle partizipieren, sei etwas Gutes, Produktives, gar Demokratisierendes. Ich bin überzeugt, dass öffentliche soziale Medien positiv wirken können. Dazu lassen sich schon heute zu viele glänzende Ansätze erkennen. Doch die gegenwärtige Ausprägung erscheint mir als Sackgasse, als riesige Maschinerie, die perfekt abgestimmt ist auf die Bedürfnisse der Werbetreibenden – aber ansonsten blind für die meisten gesellschaftlichen Belange.

So, wie öffentliche soziale Medien im Moment funktionieren – oder besser: nicht funktionieren –, erscheint die Flucht ins Private zu vielen Menschen als vorläufig beste Lösung. Facebook ist auf kommerziell höchst erfolgreiche Weise vorerst gescheitert. Und zwar am Clash zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.

Sascha Lobo

 

US-Psychologen entwickeln Theorie

 

Was anfällig für Fake News macht

Ausgabe 5, 2018

Manchmal scheint es kaum zu fassen: Das ist doch so offensichtlich falsch, warum glauben so viele Menschen das? US-Psychologen haben eine Theorie dazu entwickelt, was Leute an Fake News festhalten lässt.

Bilder von der Amtseinführung des US-Präsidenten Donald Trump zeigten deutlich, dass weniger Menschen vor Ort waren als bei der Amtseinführung von Trumps Vorgänger Barack Obama. Dennoch beharrte der Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer: „Das war das größte Publikum, das je einer Amtseinführung beiwohnte“. Viele Menschen glaubten ihm das – warum? US-Psychologen haben eine Theorie dazu entwickelt.

Politische Überzeugungen. Falschmeldungen – Fake News – werden demnach von Menschen geglaubt, die ihre politischen Überzeugungen oder ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Partei höher bewerten als das Ziel, genau zu sein. Im Fall der Amtseinführung sei den Betroffenen die Zugehörigkeit zur republikanischen Partei und der damit verbundene soziale Status wichtiger als Genauigkeit in der Sache, erklären Jay Van Bavel und Andrea Pereira von der University of New York (USA).

Ihre Hypothese stellen sie im Fachmagazin „Trends in Cognitive Sciences“ vor. Sie basiert unter anderem auf der Theorie der sozialen Identität, die sich mit Gruppenprozessen befasst. „Eine wirklich hochwertige Nachrichtenquelle ist nicht so wichtig, wenn wir glauben, dass die Menschen, die sie produzieren, einer anderen Gruppe angehören als wir“, erklärt Van Bavel.

Die Forscher führen diese Denkweise darauf zurück, dass in langen Zeiten der menschlichen Entwicklung die Stammeszugehörigkeit des Menschen von entscheidender Bedeutung war. Deshalb werde die Identität mit der eigenen sozialen Gruppe, etwa Mitgliedern einer Partei, als wichtiger eingeschätzt als Werte wie Genauigkeit oder Wahrhaftigkeit. Die Forscher machen Vorschläge, wie diese Denkweise durchbrochen werden kann: Wichtig sei, die Bedürfnisse nach gesellschaftlicher Anerkennung bei den Betroffenen zu berücksichtigen. „Die Menschen empfinden Unsicherheit im Allgemeinen als Unlust erzeugend und herauszufinden, dass du eine falsche Überzeugung hast, kann deine Identität bedrohen“, schreiben die Psychologen.

Sie empfehlen, sich bei der Argumentation auf eine größere Mengengruppe zu beziehen: alle Amerikaner oder gar alle Menschen; oder auf Kritiker in der Partei des Betroffenen. Eine weitere Möglichkeit, politische Polarisierung zu reduzieren, sehen die Wissenschaftler darin, den Menschen ihre Ignoranz gegenüber politischen Details bewusst zu machen. Dies geschehe dann, wenn sie aufgefordert würden, diese Details genau zu erklären.

Die Argumentation sei zwar nicht falsch, aber auch nicht neu, kritisiert Thomas Kliche, Politikpsychologe von der Hochschule Magdeburg- Stendal. Ihn stört, dass Van Bavel und Pereira Parteizugehörigkeit und Weltanschauung weitgehend gleichsetzen. „Wenn dies der Fall wäre, gäbe es in Deutschland nicht die Krise der SPD“, betont Kliche. Für ihn sind die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche vielmehr ein Ausdruck tiefer Verunsicherung durch Herausforderungen wie Globalisierung und Digitalisierung.

Politische Bildung. Kliche plädiert dafür, die bewusste und verantwortliche Auseinandersetzung mit Entscheidungs- und Gestaltungsfragen in allen Lebensbereichen zu fördern, etwa durch Partizipation, mitarbeiterorientierte Führung oder Stärkung der Politischen Bildung. Auch eine Stärkung der Fähigkeit, mit offenen Situationen und Mehrdeutigkeiten klarzukommen, sei unabdingbar. Zudem müsse die Politik neue Strategien für Veränderungskommunikation entwickeln: Zwar sei es vor Wahlen riskant, langfristige Herausforderungen und schwierige Lösungswege offen zu durchdenken, so Kliche. Dennoch sei dies notwendig, um eine blinde Selbstzerstörung der Gesellschaft zu verhindern.

dpa