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Im Blick

Karlsruher „Mund auf“ Preisträger Dr. Konrad Schily

 

Achtung vor der Vielfalt

Ausgabe 5, 2018

In Zeiten von Fake News, Hassparolen in den sozialen Medien und der rapiden Ausbreitung populistischer Strömungen erfährt der Titel „Mund auf“ des Karlsruher Vortrags eine neue, nachhaltige Bedeutung. Selten füllte ihn ein Preisträger des Karlsruher Vortrags so inhalts- und geistreich wie Dr. Konrad Schily, der die renommierte Auszeichnung der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, die Mund-auf-Skulptur des Künstlers Joachim Czichon, am 17. März erhielt. Am Ende seines Vortrags über die Welt, in der wir leben, unsere Hoffnungen und ihre Gefahren, fühlte Dr. Konrad Schily sich mit dem Karlsruher Auditorium in der Gartenhalle „im Gespräch“.

Die Statue werde ihren Platz in seinem Arbeitszimmer finden und „mich an Sie, an Karlsruhe, erinnern“, sagte der Preisträger, der die Auszeichnung aus den Händen der Karlsruher Messechefin und Gastgeberin in der Gartenhalle, Britta Wirtz, und des Direktors der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, Prof. Dr. Winfried Walther, erhielt.

Enge Bande. Die Bande zwischen der Stadt Karlsruhe und der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe scheinen selten so eng wie in diesem Jahr, was nicht nur durch die gemeinsame Übergabe der Statue an den Preisträger und das Nachwort von Birgit Wirtz deutlich wird, sondern auch durch das Grußwort des Oberbürgermeisters, Dr. Frank Mentrup. Mit sichtlichem Stolz unterstreicht der Oberbürgermeister, dass mit der Akademie die erste und älteste zahnärztliche Fortbildungseinrichtung ihren Platz in Karlsruhe hat. Die zahlreichen ausländischen Gäste und Fortbildungsteilnehmer der Akademie trügen zur Imagebildung der Stadt bei. Besonders freue sich die Stadt, dass anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Akademie 2020 auch der Deutsche Zahnärztetag in Karlsruhe stattfinden wird, präjudiziert Dr. Mentrup listig an die Adresse des BZÄK-Präsidenten Dr. Peter Engel und des LZK-Präsidenten Dr. Torsten Tomppert.

500 Jahre Geistesgeschichte. „Die Welt, in der wir leben – unsere Hoffnungen und ihre Gefahren“, war das Thema, mit dem sich Dr. Konrad Schily in seinem Karlsruher Vortrag auseinandersetzte. Er holt weit aus und nimmt das Auditorium in der Gartenhalle auf eine Bildungsreise durch 500 Jahre Philosophie und Geistesgeschichte mit. Er beginnt bei Leonardo da Vinci: Maler, Wissenschaftler, Baumeister, Ingenieur – ein skeptischer Mensch mit wenig Hoffnungen, aber auch ein sehr tätiger Mensch. Da Vinci löst im 15. Jahrhundert einen Wandel aus und markiert den Übergang zu einer großen Zeit, in der der Mensch beginnt zu fragen, wer bin ich und wie und warum ist die Welt und die Natur so beschaffen, wie sie ist. „Der Renaissance-Mensch zweifelt und will die Schöpfung verbessern und weiter entwickeln“.

Dummheit höherer Ordnung. Auf die „Leonardo-Welt“ folgt eine Zeit der Empfindsamkeit, der Innerlichkeit, die Schily mit Gottfried Wilhelm Leibniz in Verbindung bringt. Gleichzeitig ziehen die Industrialisierung, verbunden mit bahnbrechenden Fortschritten in der Medizin, wie der Erfindung des Mikroskops, und ein großer Fortschrittsglaube ein. Die Vermischung der Leibniz-Welt mit McWorld – Schily verwendet hier ein globalisierungskritisches politisches Schlagwort in Anlehnung an die Ausbreitung der McDonalds Restaurants auf der ganzen Welt – führt zur „Entgrenzung der Welt“, zur Globalisierung. Die Globalisierung beschleunigt die Entstehung riesiger Konzerne, in dieser sich „verdichtenden Informationsgesellschaft“ mit ihrer „hohen Nachrichtenfülle“, die kaum zu ordnen sei „stört der Geist“ und es besteht „kein Interesse an Menschenrechten“, einzig „das Geschäft muss stimmen“. Schily spricht von einer „Dummheit höherer Ordnung“ und „ungeheuren Irritationen“.

Alternativlos. Die Auswüchse dieser Irritationen reichen bis heute: Schily berichtet über seine Zeit als FDP-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Gesundheitsausschuss und erinnert an die große Panik, die infolge von Vogelgrippe und Schweinepest in der Bevölkerung ausbrach und die Politik zum Handeln zwang. „Ein Medikament sollte laut Studien helfen, hatte aber keinen Effekt und bescherte nur den Firmen satte Profite“. Auch die nach Fukushima eingeleitete Energiewende laufe in einen gigantischen „Irrtum“: Deutschland habe die höchsten Stromkosten in Europa, die Windenergie sei längst nicht ausreichend, die Förderung der erneuerbaren Energien fördere nur Monokulturen, die der Agrarchemie in die Hände spielten und das Bienen- und Vogelsterben nehme ebenso rapide zu wie die Kosten für Subventionen. „Ich will mich aus einer Welt verabschieden, in der der Bürger nicht weiß, ob seine Bedürfnisse von der Industrie erzeugt werden“, wehrt sich Schily gegen diese Entwicklung in der Politik, die den Bürgern immer öfter als „alternativlos“ präsentiert werde.

Dschihad ist Abgrenzung. Mit dem Zitat des neuen Bundesheimatministers, den ersten Tag im Amt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, ist Konrad Schily in seinem Vortrag dann endgültig im Heute angekommen. „Was ist ein Deutscher? Wie identifiziere ich mich als Deutscher?“ fragt er provokant in die Gartenhalle, um die Aussage Seehofers dann indirekt als „Rückfall in alte Stammeszusammenhänge“ zu brandmarken. Für diese „Abgrenzung“ und die „mangelnde Achtung vor der Vielfalt“ verwendet Konrad Schily den Begriff des „Dschihad“. Dschihad ist das Gegenbild zu Vielfalt. Mit dem Beispiel der Schweiz, die „Vielfalt beherrscht“ und noch damit umgehen könne, leitet Schily in seine letzte Welt, die Erasmus- Welt, über. Erasmus von Rotterdam, der große Humanist der Renaissance, steht für Vielfalt, für Verständigung, für die Anerkennung des anderen und die Freiheit des Willens. „Erasmus war ein wahrer Europäer und nicht umsonst trägt das Bildungsprogramm der Europäischen Union seinen Namen“. Schily wünscht sich eine Versöhnung der Leonardound der Erasmus-Welt – so könne eine neue Renaissance entstehen und eine Welt, in der man wieder das Gespräch miteinander sucht und die Argumente des anderen. „Die Aufklärung ist noch nicht beendet“. Konrad Schily gesteht seinem Publikum, dass er heute mit einer gewissen Angst vor sie getreten sei, doch „jetzt fühle ich mich mit Ihnen im Gespräch!“

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