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Fortbildung

Als Risikogruppe oft nicht wahrgenommen

 

Psychisch kranke Kinder und Jugendliche mit schlechter Mundgesundheit

Ausgabe 5, 2018

Psychische Auffälligkeiten und Störungen betreffen in Deutschland etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen (1, 2). Sie gehen mit erheblichen Beeinträchtigungen des familiären, schulischen und erweiterten sozialen Umfelds sowie der somatischen Gesundheit und der Lebensqualität einher (3, 4). Trotz dieser hohen Prävalenz psychischer Störungen konzentrieren sich Literaturquellen zur Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen auf die Krankheitsbilder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus und sind darüber hinaus beschränkt und widersprüchlich.

Einige Studien berichten von einem höheren Kariesbefall (5-10) und einer schlechteren Mundhygiene (8, 10-12), andere beobachteten keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen ohne ADHS oder Autismus (13-15). Obwohl es keinen direkten Mechanismus zu geben scheint, wie psychische Störungen eine schlechtere Mundgesundheit verursachen, können typische Verhaltensmuster wie Einschränkungen in der Kommunikationsfähigkeit, Nachlässigkeit, Neigung zu Selbstverletzungen, zahnschädigende Ernährungsgewohnheiten, Nebenwirkungen von psychotropen Medikamenten, Widerstand gegenüber der zahnärztlichen Behandlung, abnorme Schmerzempfindlichkeit oder Schwierigkeiten in sozialen Kontakten indirekt die Mundgesundheit negativ beeinflussen (16) (Abb. 1).

Im Gegensatz zur begrenzten Datenlage über die Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen liegen zahlreiche Studien vor, die einen schlechteren Mundgesundheitsstatus und erhöhten zahnärztlichen Behandlungsbedarf bei Erwachsenen mit psychischen Störungen im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung belegen (17-20). Die Mundgesundheit hat in dieser Patientengruppe keine hohe Priorität, obwohl sie die Nahrungsaufnahme, das Sprechen und Aussehen, die soziale Einbindung, das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität beeinflusst (21-24).

Erhöhtes Risiko. Aufgrund des erhöhten Risikos für orale Erkrankungen von erwachsenen Patienten mit psychischen Störungen ist es wichtig, die Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten zu erfassen und zu verbessern, da im Kindes- und Jugendalter auftretende psychische Störungen bis ins Erwachsenenalter chronifizieren können (25, 26). Weiterhin können anhand der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (MLQ) Auswirkungen oraler Probleme auf die oralen Funktionen sowie das soziale und emotionale Wohlbefinden (27) quantifiziert und damit die klinischen Mundgesundheitsparameter ergänzt werden. Bislang lagen zur MLQ von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen im Schrifttum keine Daten vor.

Da psychische Störungen aus der Kindheit oft bis ins Erwachsenenalter persistieren (25), könnte eine frühzeitige präventiv orientierte Mundgesundheitspflege im Kindes- und Jugendalter dazu beitragen, die Krankheitslast im Erwachsenenalter zu reduzieren. Die Entfernung des Biofilms (dentaler Plaque) ist die kausale Maßnahme per se zur Vorbeugung der oralen Erkrankungen Karies und Gingivitis (28, 29). Für die Empfehlung zwei Mal täglich mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta die Zähne zu reinigen, gibt es eine starke Evidenz (30). Die regelmäßige Durchführung einer sorgfältigen Mundhygiene ist, insbesondere bei stationären kindlichen Patienten, nicht immer sichergestellt (31), da die oralen Probleme und die Mundhygiene von den allgemeinen gesundheitlichen Problemen verdrängt werden (32, 33). Dennoch sollte der stationäre Aufenthalt als Chance genutzt werden, Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen zu erreichen und neben einer Mundgesundheitserziehung auch ein individualisiertes Putztraining anzubieten, um mit den Elementen Wissen, Wollen und Können die Zahnreinigung durch Entfernung des dentalen Biofilms zu verbessern.

Klinische Studie. In einer kontrollierten klinischen Studie verfolgten die Autoren das Ziel, erstmalig den Mundgesundheitsstatus und die MLQ von 6- bis 17-jährigen stationären psychiatrischen Patienten zu erfassen (34). Insgesamt nahmen 162 Kinder und Jugendliche teil, davon 81 stationäre Patienten der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Jena im Alter zwischen 6 und 17 Jahren. Das Auftreten von Karies und Gingivitiden in dieser Studienpopulation wurde mit 81 gesunden Gleichaltrigen verglichen, wobei jedem psychiatrischen Patienten ein gesunder Patient der Poliklinik für Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde gleichen Geschlechts und Alters zugeordnet wurde.

Die MLQ spiegelt die subjektiven funktionellen, sozialen und emotionalen Einflüsse der Mundgesundheit auf das allgemeine Wohlbefinden wider. Sie wird mit speziellen validierten Fragebögen erhoben und quantifiziert. In der vorliegenden Studie wurde die MLQ der psychiatrischen Patienten mit dem CPQ-G11-14-Fragebogen gemessen und mit bundesdeutschen Referenzwerten (35) verglichen. Die Fragen bezogen sich auf die letzten drei Monate und lauteten beispielsweise „Wie oft wolltest/konntest du wegen Mundproblemen dem Schulunterricht nicht aufmerksam folgen?“, „Wie oft hast du vermieden zu lächeln, wenn andere Kinder dabei waren?“ oder „Wie oft hattest du Schwierigkeiten beim Kauen fester Nahrung?“. Mit diesen Fragen werden die verschiedenen Aspekte der Beeinträchtigungen (Subdomains: orale Symptomatik, funktionelle Einschränkungen, emotionales und soziales Wohlbefinden) erfasst.

Kariesprävalenz. In Übereinstimmung mit dem Schrifttum (5, 7, 9, 10) waren sowohl die Kariesprävalenz als auch der Kariesbefall bei psychisch kranken Patienten in beiden Dentitionen signifikant höher als bei gesunden Gleichaltrigen (Abb. 1). Von den psychisch kranken Patienten waren insbesondere diejenigen mit den Diagnosen „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“ oder „Akute belastende Lebensereignisse“ am stärksten von Karies betroffen. Sie wiesen auch den höchsten Anteil unbehandelter kariöser Läsionen in beiden Dentitionen auf (Abb. 2). Gingivitiden traten bei 56,8 der psychiatrischen Patienten auf. Sie waren mit einem signifikant höheren Kariesbefall im permanenten Gebiss assoziiert. Obwohl es keinen direkten Mechanismus zu geben scheint, wie akuter oder chronischer Stress eine Karies oder Gingivitis hervorruft, beeinflussen Stressoren indirekt die Mundgesundheit. In Stress-Situationen fokussieren Kinder und Jugendliche sowie deren familiäres Umfeld auf den Umgang mit den Stress auslösenden Problemen, wodurch mitunter triviale Dinge wie die tägliche Mundhygiene vernachlässigt werden. Einige Studien legen nahe, dass sogenannte widrige Kindheitserfahrungen (adverse childhood experiences) wie Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, Scheidung der Eltern, häusliche Gewalt, psychische Erkrankung der Bezugsperson, Gefängnisaufenthalt der Bezugsperson, Exposition zu Drogen- oder Alkoholmissbrauch sowie ein niedriges Familieneinkommen als toxische Stressoren negative Auswirkungen auf die Mundgesundheit haben (36, 37).

Stationäre Patienten. Die MLQ von stationären kindlichen und jugendlichen Patienten mit psychischen Erkrankungen war im Vergleich zu ihren gesunden Altersgefährten nicht beeinträchtigt (Abb. 3). Signifikante Unterschiede wurden jedoch bei der Analyse der Subdomains „Orale Symptomatik“, „Funktionelle Einschränkungen“, „Emotionales Wohlbefinden“ und „Soziales Wohlbefinden“ offensichtlich. Bei Patienten mit psychischen Erkrankungen wurden einerseits stärkere Beeinträchtigungen der oralen Symptomatik und funktionellen Einschränkungen und andererseits deutlich geringere Beeinträchtigungen des emotionalen und sozialen Wohlbefindens beobachtet (Abb. 4). Die stärkere Beeinträchtigung der Subdomains „Orale Symptomatik“ und „Funktionelle Einschränkungen“ erklärt sich durch die höhere Prävalenz unbehandelter kariöser Läsionen und von Gingivitiden bei Patienten mit psychischen Erkrankungen im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen. Zur geringeren Beeinträchtigung des emotionalen und sozialen Wohlbefindens können typische Verhaltensweisen psychisch kranker Patienten wie die Verdrängung der oralen Probleme, die Priorität anderer Probleme oder die im Rahmen ihrer psychiatrischen Therapie erlernten Bewältigungsstrategien im Umgang mit emotionalen Problemen und widrigen sozialen Umständen beigetragen haben. Daher begründet sich das bessere subjektive Empfinden von emotionalen und sozialen Komponenten der MLQ bei Patienten mit psychischen Erkrankungen keineswegs mit einer besseren Mundgesundheit. Im Gegenteil, auch Patienten mit diagnostizierter Karies oder Gingivitis glichen die Beeinträchtigungen durch orale Probleme mit emotionalem und sozialem Wohlbefinden aus (Abb. 3). Auch bei gesunden Kindern und Jugendlichen korreliert der Mundgesundheitsstatus nicht einheitlich mit der MLQ (38, 39). So wurde berichtet, dass nur etwa 40 Prozent der Kinder mit einem akuten zahnärztlichen Behandlungsbedarf subjektive Einschränkungen ihrer MLQ angaben (40). Andererseits wurde aber auch beobachtet, dass bei Schulkindern unbehandelte kariöse Läsionen signifikant mit einer stärkeren Beeinträchtigung der MLQ in allen Subdomains assoziiert waren (41). Daher wird argumentiert, dass neben dem klinischen und funktionellen Status individuelle Faktoren wie beispielsweise der Kohärenzsinn oder das Selbstwertgefühl die subjektive Empfindung der eigenen Mundgesundheit und deren Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden beeinflussen (42, 43). Die in der vorliegenden Studie beobachtete Kompensation oraler Probleme mit emotional-sozialen Ressourcen bei kindlichen und jugendlichen Patienten mit psychischen Erkrankungen trat bei erwachsenen Patienten nicht auf (24, 44). Erwachsene Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen oder schweren Depressionen wiesen nicht nur eine schlechtere Mundgesundheit sondern auch eine stärkere Beeinträchtigung der MLQ im Vergleich zu gesunden Erwachsenen auf.

Fazit. Schlussfolgerungen aus der vorliegenden Studie sind:

• Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen haben einen deutlich höheren Kariesbefall als psychisch gesunde Kinder.

• Trotz der schlechteren Mundgesundheit war die MLQ der psychiatrischen kindlichen und jugendlichen Patienten nicht schlechter als die bundesdeutschen Referenzwerte.

• Die Patienten kompensierten die Beeinträchtigungen durch die orale Symptomatik und die funktionellen Einschränkungen mit einem besseren emotionalen und sozialen Wohlbefinden. Daher führt die schlechte Mundgesundheit selten dazu, dass die Patienten Klagen äußern. Das fehlende Klageverhalten darf jedoch nicht als Zeichen für eine gute Mundgesundheit interpretiert werden.

• Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen sind eine Risikogruppe und sollten von Psychologen und Psychiatern die Empfehlung erhalten, mindestens zweimal jährlich den Zahnarzt aufzusuchen, damit sie bedarfsgerecht und präventionsorientiert zahnärztlich betreut werden können.

Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www. zahnaerzteblatt.de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

Dr. Ina M. Schüler,

Prof. Dr. Roswitha Heinrich-Weltzien,

Poliklinik für Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde, Universitätsklinikum Jena

 

Karlsruher Konferenz 2018

 

Aus der Praxis für die Praxis

Ausgabe 5, 2018

In der lichtdurchfluteten Gartenhalle beim Karlsruher Zoo eröffnete Prof. Dr. Winfried Walther, Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung, am 16. März die 33. Karlsruher Konferenz. Sie war in jeder Hinsicht etwas Besonderes, nicht nur weil ausschließlich niedergelassene Zahnärzte referierten. Auch das Spektrum war beachtlich: Vier Zahnmediziner, die eine Praxis mit ganz besonderem Profil aufgebaut haben, sprachen über „Integrierte Kompetenz – die besondere Praxis“. Dabei beleuchteten sie Themen wie biologisches Gewebsmanagement, CAD/CAM, Laserzahnheilkunde und die Behandlung von Behinderten und Pflegebedürftigen.

In der Gartenhalle am Zoo, dem Ausweichquartier während des Umbaus der Karlsruher Stadthalle, waren rund 190 Zahnärztinnen und Zahnärzte versammelt, die der Einladung von Professor Walther gefolgt waren, um am Beispiel zu lernen: „Das kann man am besten von den Kolleginnen und Kollegen, von ihren Erfahrungen und ihrem Wissen“. Schon der Auftakt mit Dr. Sabine Hopmann, Lemförde, die Prof. Walther als „kämpferische Kollegin“ angekündigt hatte, zeigte, wie anspruchsvoll das wissenschaftliche Programm war, das dennoch immer Bezug zur Praxis hatte und auch betriebswirtschaftliche und organisatorische Aspekte nie aus den Augen verlor. In ihrem Referat „Biologisches Gewebsmanagement durch Replantation und Extrusion von Zahnsegmenten“ stellte Dr. Hopmann das Tissue Master Concept (TMC) nach Dr. Stefan Neumeyer vor, das im Wesentlichen darin besteht, resorptiven Prozessen entgegenzuwirken und „ein vitales Stück Zahn mit vitalem Faserapparat in Ruhe einheilen zu lassen“. Dem parodontalen Ligament auf der Wurzeloberfläche und dem supraalveolären Faserapparat kommt hierbei eine zentrale Bedeutung zu.

Biologische Möglichkeiten. Das biologische Potenzial von intakter Alveole und Faserapparat kann durch Extrusions- und Replantationstechnik auch noch bei bereits als hoffnungslos eingestuften Zähnen genutzt werden. Die Referentin konnte an gut dokumentierten Patientenfällen zeigen, wie durch Anregung der körpereigenen Kompetenz neuer Knochen hinzugewonnen wird. Mit durchschnittlich drei Patienten pro Woche, die einer Extrusionstherapie zugeführt werden, hat sie im Laufe der Jahre genug Erfahrung gewonnen, um von langzeitstabilen und sehr vorhersagbaren Ergebnissen zu sprechen – und das bei Behandlungszeiträumen von maximal drei Monaten. Das Ziel der entsprechenden Maßnahmen ist, optimale anatomische Voraussetzungen für jegliche Weiterbehandlung zu schaffen und umfangreiche chirurgische oder augmentative Maßnahmen zu vermeiden.

Verkannte Technologie. Nur fünf Prozent der Praxen arbeiten mit Lasern, stellte Dr. Manfred Wittschier, Landshut, zu Beginn seines Vortrages „Laser, eine verkannte Technologie“ fest. Er ist seit 1997 überzeugter Laseranwender und sieht einen Nachholbedarf bei dieser Nischentechnologie, die aber nach seiner Definition „keine eigene Zahnheilkunde generiert.“ „Laser ist ein Instrument, keine Therapie“ meinte der Praktiker, der große Chancen für eine Vervollkommnung der Therapie in der Laseranwendung sieht. Er riet dazu, Effekte wie Koagulation, Dekontamination (auch von Implantatoberflächen), Dehydration und Biostimulation zu nutzen, die im Gegensatz zur Ablation, die höchste Intensität erfordert, auch mit niederer Intensität zu erzielen sind.

Vervollkommnung. In der Parodontologie oder der Endodontie kann der Laser als adjuvantes Mittel ergänzend zur konventionellen Therapie eingesetzt werden. Studien haben gezeigt, dass der Laser durch seinen dekontaminierenden Effekt die Keimlast, auch in mechanisch nicht erreichbaren Bereichen, deutlich senken kann. Der biostimulierende Effekt begünstigt durch eine gesteigerte Proliferation von Osteoblasten und eine vermehrte Anlagerung von Kollagen die Regeneration des Gewebes. Ein günstigerer Heilungsverlauf durch die Biostimulation ist auch gegenüber konventionellen chirurgischen Techniken festzustellen, was der Referent anhand der Durchtrennung eines Lippenbändchens oder bei der Entfernung eines Fibroms zeigte. Weil bei der Laserablation eine Koagulation und damit eine Blutstillung erreicht wird, ist eine Naht in den meisten Fällen nicht erforderlich.

Nutzen erkennen. Gründe für die extreme Zurückhaltung, was den Einsatz von Dentallasern angeht, sieht Dr. Wittschier im fehlenden Grundlagenwissen, das postgradual erworben werden muss, in zu wenigen wissenschaftlichen Publikationen zum Thema, sodass Zahnärzte den Nutzen für die Erweiterung ihres Therapiespektrums nicht zu erkennen vermögen. Um Lasertherapien erfolgreich anwenden zu können, muss außerdem das Praxisteam von Anfang an einbezogen werden, die Praxisroutine auf die neuen Möglichkeiten abgestimmt und eine mittlere bis hohe Investition in Angriff genommen werden.

Empathie entscheidend. Ein Vortrag, für den sich die weite Anreise gelohnt hat, so eine Stimme aus dem Auditorium, wurde von Dr. Guido Elsäßer, Kernen, geboten. Zu seinem Thema „Zahnmedizinische Betreuung von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung“ hat der Referent im Arbeitskreis Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung der Landeszahnärztekammer wertvolle Pionierarbeit geleistet. Er machte deutlich, dass es beim Umgang mit diesen speziellen Patienten noch viele Barrieren gibt, auch in Form von Wissensdefiziten, Hemmungen und Unsicherheiten. Außerdem müssen neben speziellen zahnmedizinischen Fragestellungen auch allgemeinmedizinische, psychologische, pädagogische, pflegerische, soziale, rechtliche und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt werden. Wie ein funktionierendes Praxiskonzept aussehen und wie man das Praxisteam zu einem emphatischen Umgang mit besonderen Patienten motivieren kann, zeigte der Referent, der sein auf Barrierearmut ausgelegtes Praxiskonzept präsentierte.

Kommunikation. Doch es ging ihm nicht nur um bauliche und technische Aspekte, um Fragen des Transports und der Lagerung, sondern um einen offenen Umgang mit Patienten. Mit dem Patient auf Augenhöhe zu sprechen, ist Dr. Elsäßer wichtig, um Vertrauen aufzubauen. Bei der Kommunikation ist einfache Sprache, eventuell unterstützt durch Bildtafeln, eine wichtige Voraussetzung. Um eine ruhige und stressfreie Behandlung zu gewährleisten, sollte seiner Ansicht nach ein Special-Care Tag eingeführt werden, an dem nur Menschen mit Behinderung behandelt werden. Dr. Elsäßer, der seit 22 Jahren neben dem üblichen Praxisbetrieb auch seine besonderen Patienten im Umkreis der Diakonie Stetten betreut, hat in diesem Zusammenhang einen speziellen Anamnesebogen vorgestellt, der sich auf das Wesentliche beschränkt und den man auszugsweise bei ZBW-Online abrufen kann. Er umfasst u. a. Fragen nach der Wohnform des Patienten, der stationär betreut, in Wohngruppen leben oder auch in die Familie integriert sein kann – auch um abzuschätzen, ob es Unterstützung bei der Mundhygiene gibt. Ferner ist zu klären wie es um die rechtliche Situation steht, da in bestimmten Fällen nur mit Unterschrift des gesetzlichen Betreuers eine Behandlung erfolgen darf. Erfasst wird außerdem die Fähigkeit zur Kommunikation. Wichtig ist außerdem festzuhalten, wer den Fragebogen ausgefüllt hat, ein pädagogischer Mitarbeiter der betreuenden Einrichtung, der gesetzliche Betreuer, der Hausarzt, ein Verwandter etc. Dies auch im Hinblick darauf, dass bei der Behandlung dieser Personengruppe ein Konsens zwischen allen Beteiligten (Patient, Zahnarzt, Hausarzt, Betreuer, Verwandte, Zahntechniker) hergestellt werden sollte und die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Bezugspersonen, Heilerziehungspflegern, Ergotherapeuten, Logopäden usw. intensiv sein muss, um individuell das Beste für den Patienten zu erreichen.

High Tech. Das Beste für seine Patienten möchte auch Dr. Bernd Reiss, Malsch, erreichen, der zum Thema „Digitale Verfahren in der Zahnmedizin“ sprach und dabei mit einer gehörigen Portion Understatement von „High Tech in der Dorfpraxis“ berichtete. Die erste Berührung mit digitalen Verfahren hatte Dr. Reiss 1987 an der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung in Karlsruhe. Seither ist er Cerec treu geblieben – in der sicheren Überzeugung, dass das einzig Beständige der Wandel ist. Das zeigte auch sein historischer Abriss, der einen weiten Bogen spannte vom ersten Scanner bis zu einem Ausblick auf Systeme, die in Zukunft die Zahnmedizin verändern werden. Vor allem in der Kieferorthopädie, wo digitale Verfahren bereits Einzug hielten, sieht Dr. Reiss großes Potenzial für die Anwendung digitaler Systeme. Ursprünglich als Ersatz für die konventionelle Amalgamfüllung gedacht, bietet das moderne Cerec-System nicht nur die Möglichkeit der Chairside- Sofortversorgung, sondern ergänzt auch den intraoralen Befund um Bilder bzw. Scans, die auch als Verlaufskontrolle bei Gingivarezessionen oder Erosionen genutzt werden können.

Neuland. Dr. Reiss berichtete davon, welche Herausforderungen die Integration des Cerec-Systems in seine Praxis mit sich brachte, zumal es eine der weltweit ersten Praxen war und er auf keine Erfahrungen anderer Kollegen zurückgreifen konnte, als er und sein Praxispartner mit der CAD/CAMTechnologie Neuland betraten. Wesentlich zum Erfolg beigetragen hat die umfangreiche Fortbildung und der direkte Kontakt zu Experten und Kollegen in der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung. Außerdem war die Zeit reif für weniger destruktive restaurative Verfahren sowie den Einsatz bioverträglicher Materialien, für die die Digitalisierung neue Ansätze möglich machte.

Biomorphing. In einer Live-Demonstration zeigte Dr. Reiss eindrücklich auf, wie schnell aus dem Scan der Präparation des Gegenkiefers und des Bisses eine Konstruktion der Restauration unter den Gesichtspunkten des Biomorphings entsteht. Zur Reduktion von Störkontakten nimmt Dr. Reiss ein zusätzliches dynamisches Bissregistrat, welches er über der Präparation scannt und für die Okklusionskontrolle während seiner Konstruktion nutzt.

D. Kallenberg

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Karlsruher Tag der Zahnmedizinischen Fachangestellten

 

Rundum gelungen

Ausgabe 5, 2018

Einen rundum gelungenen, ebenso abwechslungsreichen wie informativen und kurzweiligen Fortbildungstag erlebten fast 200 zahnmedizinische Mitarbeiterinnen am 17. März in der Karlsruher Gartenhalle. Neben kompetenten Referenten und lehrreichen Vorträgen lebt eine Fortbildungstagung auch von der lebendig moderierten Diskussion – und diese übernahm, wie seit vielen Jahren, in bewährter Manier der Referent für Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen der Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe, Dr. Robert Heiden. Die Choreografie des Karlsruher Tag der ZFA hätte nicht besser sein können.

Den Auftakt bildete PD Dr. Bernadette Pretzl aus Heidelberg mit ihren Empfehlungen zu Mundspüllösungen und Medikamenten. In ihrem pädagogisch wertvollen Vortrag, der gespickt war mit praktischen Tipps und präzisen Hilfestellungen, beantwortete Dr. Pretzl die Frage, wann und warum eine chemische Plaquekontrolle mit Mundspüllösungen bei der Prophylaxe hilfreich ist, welche Nebenwirkungen es gibt und womit die chemische Plaquekontrolle durchgeführt wird. Grundsätzlich könne die chemische Plaquekontrolle die mechanische Plaquekontrolle nicht ersetzen, sondern lediglich unterstützen. „Egal, welche chemische Lösung – sie muss auf der Oberfläche haften, sonst entfaltet sie keine Wirkung. Gleichzeitig dürfen Speichel und orale Mundflora nicht geschädigt werden“. Eine gewebeschädigende Wirkung haben alkoholhaltige Spüllösungen. Alkohol finde sich zum Teil auch in homöopathischen Produkten, warnte Dr. Pretzl.

Chirurgische Techniken zur Verbesserung der gingivalen Verhältnisse gewinnen ständig an Bedeutung. Dr. Christian Engel ist Experte für Weichgewebsmanagement und erläuterte den Zahnmedizinischen Mitarbeiter/innen in Karlsruhe die verschiedenen Techniken und den besten Zeitpunkt für das Weichgewebsmanagement. Auch für die Mitarbeiterinnen der Abrechnung gab es konkrete Hilfestellungen: Trotz häufiger Diskussionen mit privaten Kostenerstattern erfolgt die Abrechnung der dargestellten Leistungen über GOZ und GOÄ und nicht über BEMA.

Besondere Patienten. Keine Angst vor dem „besonderen Patienten“. So lautete der Appell von Dr. Guido Elsäßer. Besondere Patienten sind Patienten mit Behinderungen. In die Schwerpunktpraxis von Dr. Elsäßer in Kernen kommen sehr viele unterschiedlich behinderte Menschen: Hör- und Sehbehinderte, Rollstuhlfahrer, aber auch Patienten mit geistiger Behinderung. Sie alle haben unterschiedliche Erwartungen an ihren Zahnarztbesuch – Dr. Elsäßer hat die Erwartungen seiner Patienten auf Video aufgezeichnet und vorgespielt. Dr. Elsäßer gab viele praktische Tipps zu Kommunikation, Mimik und Gestik sowie zur Ausstattung der Praxisräumlichkeiten im Behandlungszimmer ebenso wie am Empfang. Mit kantigen Aussagen, „Behinderte sind nicht krank, sondern behindert“, und mit authentischen Botschaften, „kein Behinderter erwartet, dass wir alles über seine Behinderung wissen“ und „auch bei Sondenernährung sind Zähne für die Ästhetik wichtig“ gelang es ihm für den Umgang mit behinderten Patienten zu sensibilisieren.

Teamwork. Innovation ist in der Akademie Karlsruhe zu Hause, betonte ZMF Nadja Pfister und berichtete über Aktuelles und Innovatives aus der zahnärztlichen Fortbildungseinrichtung in der Lorenzstraße. Bei der Dokumentation am Stuhl und der sich anschließenden Abrechnung kommt es auf die perfekte Zusammenarbeit an. Damit die Praxisteams sich diese Zusammenarbeit besser vorstellen können, demonstrierten Annette Lohmüller, ZMV, Nicole Oleksiuk, ZMF und Diana Knauer, ZMF, den gesamten Ablauf über den Anamnesecheck, die Befunderhebung, das Röntgen, die Aufklärung über die Behandlungsplanung, die Aushändigung des Heil- und Kostenplanes bis zur Drucknahme, Anästhesie, Extraktion, Wundversorgung der Naht bis zur Versorgung mit dem Provisorium kurzerhand live auf der Bühne. Für die perfekte Schauspieleinlage gab es viel Beifall aus dem Auditorium.

Die Körpersprache-Show von Comedian, Zauberer und Kabarettist Andreas Hartmann war der bestmögliche und krönende Abschluss eines gelungenen Karlsruher Fortbildungstages.

» mader@lzk-bw.de