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Leitartikel

Zahnmedizinische Versorgung für Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftige

Ausgabe 6, 2018

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1, GG). In dieser einfach formulierten und doch in ihrer Bedeutung gewaltigen Aussage, die allen anderen Artikeln in unserem Grundgesetz vorangestellt ist, liegt die zentrale Begründung für einen aktuellen Schwerpunkt der zahnmedizinischen Arbeit: Die Alterszahnheilkunde und die Versorgung von Menschen mit Behinderungen nehmen im Berufsbild wie im Alltag der Zahnärzteschaft immer mehr Raum ein.

Die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen ist im Durchschnitt schlechter als die der übrigen Bevölkerung. Dies ist und bleibt ein Feld, in dem alle Akteure im Gesundheitswesen einen Beitrag zu leisten haben. Es geht dabei nicht nur um den Schutz vor Folgeerkrankungen durch fehlende Mundgesundheit und auch nicht ausschließlich um die reine Schmerztherapie. Der Erhalt der eigenen (gesunden) Zähne bis ins hohe Alter, aber auch eine Versorgung mit Zahnersatz dienen der sozialen Teilhabe. Denn wer einen zahnlosen Mund aus Scham kaum noch in Gegenwart anderer Menschen öffnen will, wer nicht mehr mit anderen zu Tisch sitzen kann, der verliert die Möglichkeit zum sozialen Austausch, zum Umgang mit anderen Menschen. Hochbetagten Pflegebedürftigen oder Menschen mit Behinderungen etwas mehr Lebensqualität zu schenken, ist nicht nur ein gutes Ziel – es ist längst gelebte Realität durch tausende Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland. Die Zahl der Kooperationsverträge mit Pflegeheimen steigt kontinuierlich an. Immer mehr Menschen in stationärer Pflege bekommen regelmäßig Besuch vom Zahnarzt. Allerdings müssen die zusätzlichen Leistungen der Pflegeheime auch wirtschaftlich erbracht werden können. Denn perspektivisch müssen wir alle an dem Ziel einer flächendeckenden aufsuchenden Betreuung arbeiten. In dieser Situation befremdet es, wie einseitig manche Akteure das Bild der Lage zeichnen. Der aktuelle Barmer-Zahnreport etwa beklagt große Defizite in der Versorgung. Demnach habe sich zwar der Zugang zu diagnostischen und prophylaktischen Maßnahmen verbessert, während die abgerechneten Behandlungsleistungen stagnieren.

Zahlen sind bekanntermaßen unbestechlich. Doch geben diese wirklich die Realität in Pflegeheimen wieder bzw. wurden diese von den Verfassern richtig interpretiert? Misst sich der Wert zahnmedizinischer Behandlung und Betreuung wirklich nur in Abrechnungspositionen? Viele Einrichtungen verweisen heute schon auf deutliche Verbesserungen für die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Sagt das Urteil derjenigen, die unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger tagtäglich mit viel Empathie pflegen, wirklich weniger aus als die Statistikzahlen bei Barmer?

Wichtig ist, dass jemand da ist und die Patienten mit ihren Beschwerden und Problemen bei der Mundgesundheit ernst nimmt. Dass die Mundhöhle gepflegt und sauber ist, auch wenn in der letzten Phase des Lebens womöglich kein umfangreicher Eingriff, kein aufwendiger Einsatz neuer Prothesen mehr vorgenommen wird. Die vermeintlichen Behandlungsbedarfe, die die Studie feststellt, gehen an der Lebenswirklichkeit vieler Pflegebedürftiger offensichtlichvorbei.

Indessen sind die beteiligten Akteure keineswegs tatenlos: Mit Inkrafttreten der neuen Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur „Verhütung von Zahnerkrankungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen“ am 1. Juli dieses Jahres werden weitere Leistungen in den Katalog der Betreuung Pflegebedürftiger und von Menschen mit Behinderungen mit aufgenommen. Mit dieser notwendigen rechtlichen Grundlage und dem Engagement auf allen Seiten – die Kassen, indem sie ihre Versicherten besser über ihre Rechte informieren, die Träger von Pflege und Behindertenhilfe, die weitere Kooperationen vereinbaren und die Politik, die eine angemessene Vergütung sicherstellt – kann die Versorgung dieser Bevölkerungsgruppen deutlich gestärkt werden. Durch engagierte Zahnärztinnen und Zahnärzte, die jeden einzelnen Fall bestmöglich nach individuellem Bedarf behandeln.

Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der KZV BW