Zahnaerzteblatt.de

 

Titelthema

Neue zahnärztliche Pflegeleistungen ab 1. Juli

 

Mehr Vorsorge für gehandicapte Menschen

Ausgabe 6, 2018

Mit neuen präventiven Pflegeleistungen wird die zahnärztliche Versorgung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen ab Juli weiter verbessert. Nach aufwendigen Verhandlungen haben sich GKV-Spitzenverband und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung Ende April im Bewertungsausschuss darauf geeinigt. Dank des hohen Einsatzes vonseiten der Zahnärzteschaft wird der Leistungskatalog fortentwickelt für einen Personenkreis, der eine deutlich schlechtere Mundgesundheit aufweist als der Durchschnitt. Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung haben damit „einen verbindlichen Rechtsanspruch auf zusätzliche zahnärztliche Vorsorgemaßnahmen“, betonte die „Pforzheimer Zeitung“.

„Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter“ – so lautete der Titel des Versorgungskonzepts der Zahnärzteschaft, das im Jahre 2010 vorgestellt wurde. Mit dem Titel war zugleich der Anspruch definiert aufgrund von Lücken im Leistungskatalog der Krankenkassen und folglich hoher Versorgungsdefizite bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen. Dazu kommt, dass dieser Personenkreis ein erhöhtes Risiko für Mundkrankheiten wie Karies oder Parodontitis trägt. Körperliche Einschränkungen bewirken, dass die eigene Mundund Zahnpflege für manche der Betroffenen nur schwer zu bewerkstelligen oder gänzlich unmöglich ist. Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KZV BW), betont: „Hier ist eine besondere, auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmte zahnmedizinische Fürsorge nötig!“ In der Folge war es der Berufspolitik gelungen, das Problembewusstsein zu schaffen und politischen Handlungsdruck zu erzeugen – der konkrete Handlungsbedarf ist im Konzept der Zahnärzte ausgearbeitet.

Maßnahmen. Aufsuchende Betreuung im Pflegeheim oder zu Hause (§ 87 Abs. 2j SGB V), zahnärztliches Präventionsmanagement (§ 22a SGB V), Kooperationsverträge zwischen Zahnärzten und Pflegeeinrichtungen (§ 119b SGB V; s. Tabelle) – diese bereits umgesetzten, konkreten Maßnahmen werden nun fortgeführt mit weiteren, neuen präventiven Leistungen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte Ende April eine Richtlinie für Art und Umfang der Versorgung dieser Patientengruppen erlassen, die am 1. Juli 2018 in Kraft tritt (einzelne Inhalte der RiLi: s. Infokasten). Zahnärztinnen und Zahnärzte können „nicht nur kurativ, sondern auch präventiv behandeln“, bekräftigte Dr. Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). Zur Schaffung möglichst gleichwertiger Lebensverhältnisse in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft leiste man einen wichtigen Beitrag. Auf Landesebene arbeitet die KZV BW bereits seit Jahren aktiv und erfolgreich daran, das bestehende Pflegedefizit bei Menschen mit Behinderungen abzubauen. So wurde etwa mit der AOK Baden- Württemberg eine Vereinbarung zur „Zahnärztlichen Behandlung von Pflegebedürftigen in einer vollstationären Einrichtung der Hilfe für behinderte Menschen“ abgeschlossen. Ziel dieser Vereinbarung ist es, die Qualität der Versorgung für Personen in vollstationären Einrichtungen durch zusätzliche Prophylaxemaßnahmen zu verbessern.

Kraftanstrengung. Die Versorgung von Menschen mit Handicap sei eine gemeinsame Kraftanstrengung von Zahnärzten, Ärzten, Wissenschaft, Krankenkassen und Politik, so Dr. Ute Maier. Die Kritik im Rahmen des Barmer Zahnreports 2018, es würden Ziele bei der Versorgung von Pflegeheimbewohnern verfehlt, stieß auf Unverständnis und massive Gegenreaktionen. Dr. Wolfgang Eßer: „Statt Geld für teure Eigen-PR oder zweifelhaftes Sponsoring zu vergeuden, sollten Kassen ihre Versicherten besser über bestehende Ansprüche in der zahnärztlichen Versorgung informieren.“ Da tue sich einfach zu wenig. Und weiter: Die Krankenkassen müssten ihre Anstrengungen bei der Betreuung von alten und pflegebedürftigen Menschen deutlich ausweiten.

» guido.reiter@kzvbw.de

 

ZBW-Gespräch mit Dr. Guido Elsäßer

 

Das ist ein großer Erfolg

Ausgabe 6, 2018

„Endlich gibt es eine echte Verbesserung im Bereich der präventiven Maßnahmen für Menschen mit Behinderungen“, freut sich Dr. Elsäßer, Referent für Behindertenzahnheilkunde der LZK BW und Vorstandsmitglied der AG Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen oder bes. med. Unterstützungsbedarf (ZMB) der DGZMK. Wie diese Verbesserungen konkret aussehen und was Dr. Elsäßer gerne noch umgesetzt gesehen hätte, hat er uns im ZBW-Gespräch berichtet.

ZBW: Für wen gelten die neuen präventiven Leistungen nach § 22 a SGB V und um welche präventiven Leistungen handelt es sich konkret?

Dr. Elsäßer: Ab 1. Juli 2018 finanzieren die gesetzlichen Krankenkassen für Pflegebedürftige und neu auch für Menschen mit Behinderungen zahnärztliche präventive Leistungen unabhängig vom Ort, wo diese erbracht werden. Art und Umfang der Leistungen werden in der Richtlinie zum § 22a SGB V geregelt, die im Oktober 2017 durch den Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossen wurde. Anspruchsberechtigt sind Pflegebedürftige, die einen Pflegegrad (1-5) entsprechend § 15b SGB XI haben. Pflegebedürftigkeit wird durch den MDK festgestellt. Menschen mit Behinderungen sind dann anspruchsberechtigt, wenn sie Eingliederungshilfe nach § 53 SGB XII beziehen. Das betrifft laut Eingliederungs- Verordnung körperlich wesentlich behinderte Menschen, geistig wesentlich behinderte Menschen und seelisch wesentlich behinderte Menschen. Unter seelischen Störungen, die eine wesentliche Einschränkung zur Folge haben, werden u. a. Psychosen, Suchtkrankheiten, Neurosen und Persönlichkeitsstörungen verstanden. Über Leistungen der Eingliederungshilfe entscheidet das zuständige Sozialamt auf Kreis- bzw. Stadtebene. Dabei muss es nicht nur die Behinderungen und deren Folgen berücksichtigen, sondern auch die Einkommens- und Vermögensverhältnisse des Antragstellers. Die Eingliederungshilfe ist zurzeit noch eine Sozialleistung nach dem SGB XII (Sozialhilfe). Das Durchschnittsalter der Empfänger von Eingliederungshilfe beträgt etwa 35 Jahre. Die Erhebung eines Mundgesundheitsstatus soll die Beurteilung des Pflegezustands der Zähne, des Zahnfleischs, der Mundschleimhäute und des ggf. vorhandenen Zahnersatzes umfassen und dient als Grundlage eines auf einem verbindlichen Dokumentationsblatt zu erstellenden individuellen Mundgesundheitsplanes. Schließlich soll der Patient und/oder eine Unterstützungsperson, z. B. ein Heilerziehungspfleger, ein Altenpfleger oder pflegende Angehörige über die Bedeutung der Mundhygiene und über Maßnahmen zu deren Erhaltung aufgeklärt werden. Weiterhin darf nun die Entfernung harter Zahnbeläge halbjährlich abgerechnet werden.

Der Beratungs- und Aufklärungsbedarf ist bei der Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung enorm.

Wie bewerten Sie das Erreichte, was ist positiv?
Aus Sicht des Kassenzahnarztes gibt es endlich eine echte Verbesserung im Bereich der präventiven Maßnahmen für diese Patientengruppe. Bisher waren die Neuerungen auf Besuche in Heimen oder zu Hause fokussiert. Auch die Kooperationsverträge nützen nur Pflegebedürftigen, da die Verträge allein mit stationären Pflegeheimen (gemäß § 71(2) SGB XI) abgeschlossen werden können, aber nicht mit Behindertenwohneinrichtungen. Ab jetzt haben auch mobile Menschen mit Behinderungen oder/und Pflegebedarf, die in die Praxen kommen können, Anspruch auf zusätzliche präventive Leistungen. Das ist ein großer Erfolg, denn die großen Behindertenwohneinrichtungen, wo mehrere hundert Menschen leben, werden im Sinne der UNBehinder tenrechtskonvention verkleinert und viele neue kleine Wohneinheiten entstehen verstreut über das Land. Erlauben Sie mir ein typisches Beispiel: Ein junger Mann mit einer moderaten geistigen Behinderung wohnt in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft und geht täglich seiner Arbeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen nach. Er ist nicht pflegebedürftig und auch nicht immobil. Mit den neuen Leistungen hat er endlich Anspruch auf zusätzliche präventive Maßnahmen. Das ist gut so. Denn seine Lebenserwartung entspricht der der Allgemeinbevölkerung, seine Ernährungsweise entspricht der der Allgemeinbevölkerung und er lacht genauso gern wie alle anderen. Weil er wegen seiner geistigen Behinderung aber nur bedingt zu einer eigenverantwortlichen und ausreichenden Zahnpflege in der Lage ist, benötigt er Unterstützung, um seine Zähne dauerhaft gesund zu erhalten: täglich zu Hause durch Pflege- und Betreuungspersonal und in der Zahnarztpraxis wenigstens halbjährlich durch uns und unsere Mitarbeiterinnen. Mit den neuen Leistungen können wir die Patienten und die Pflegepersonen regelmäßig aufklären, instruieren und motivieren. Fortbildungsveranstaltungen für Pflegepersonal und pflegende Angehörige sind wichtig, aber können nicht die individuelle Beratung und die gemeinsame Erarbeitung eines Mundhygieneplanes direkt mit und am Patienten ersetzen. Dass nun auch halbjährlich wenigstens die harten Zahnbeläge entfernt werden können, ist ebenfalls sehr positiv. Wenn man aber sieht, dass sehr viele junge Menschen mit Behinderungen noch vollbezahnt oder mit festsitzendem Zahnersatz versorgt sind, hält sich die Freude in Grenzen, da die Bewertung mit 18 BEMAPunkten gleichgeblieben ist und damit den zeitlichen und personellen Mehraufwand bei der Behandlung von Patienten mit Behinderungen bei weitem nicht abdeckt.

Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen weiterhin im IP-Programm bleiben und die neuen Positionen zusätzlich, aber an anderen Tagen, erbracht werden können.
Auch die Voraussetzungen für die Behandlung von Parodontopathien wurden nun für Menschen mit eingeschränkter Selbstverantwortung erleichtert. Die PARRichtlinien setzen eine Mitwirkung der Patienten voraus. Dies können viele Menschen mit geistiger Behinderung nicht leisten. Eine Parodontalbehandlung war somit nicht als Kassenleistung abrechenbar bzw. man setzt sich als Kassenzahnarzt einem hohen Regressrisiko aus, wenn man es doch tut. Jetzt erfüllt die neue, oben beschriebene individuelle Mundgesundheitsaufklärung, auch wenn sie sich an Pflege- oder Unterstützungspersonen richtet, die Voraussetzungen für die Behandlung von Parodontopathien im Hinblick auf die bestehenden Mitwirkungspflichten. Das ist für Menschen mit Behinderungen und deren behandelnden Zahnärzte eine sehr gute Nachricht, da sie die Parodontalbehandlung aus dieser vertragsrechtlichen Grauzone holt.

Da es sich bei den neuen Leistungen teilweise um delegierbare Leistungen handelt, müssen wir unbedingt auch unsere Mitarbeiterinnen schulen.

Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen weiterhin im IPProgramm bleiben und die neuen Positionen zusätzlich, aber an anderen Tagen, erbracht werden können.

Was hätten Sie noch gerne umgesetzt gesehen?
Es gibt immer noch keine Möglichkeit, mit Behindertenwohneinrichtungen nach § 71(4) SGB XI Kooperationsverträge abschließen zu können. Die Zuschläge im Rahmen eines Kooperationsvertrags mit Pflegeeinrichtungen nach § 71(2) SGB XI sind deutlich höher als ohne Kooperationsvertrag. Hier werden Behinder tenwohneinrichtungen im Vergleich zu Pflegeeinrichtungen deutlich schlechter gestellt, obwohl in Behindertenwohneinrichtungen auch viele immobile Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftigkeit leben. Das ist nicht fair; weder für die Einrichtungen noch für die betreuenden Zahnärzte.

Das AuB-Konzept „Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter“ von BZÄK und KZBV und den Fachgesellschaften aus dem Jahr 2010, an dem auch unsere Fachgesellschaft beteiligt war, führt noch lokale Fluoridierungsmaßnahmen auf, die, für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, völlig unter den Tisch gefallen sind. Auch bin ich enttäuscht, dass der Mehraufwand in der Praxis (zeitaufwendigere Begleitung des Patienten innerhalb der Praxis, spezielle Lagerungstechniken, längere Behandlungsdauer aufgrund von Pausen bei reduzierter Belastbarkeit) nicht berücksichtigt wurde. Hier wünschen wir uns Zuschlagpositionen. Wichtig wäre zudem, die Fremdanamnese, vergleichbar der GOÄ-Nr. 4, in den BEMA aufzunehmen. Der Beratungs- und Aufklärungsbedarf ist bei der Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung enorm. Die Patienten müssen aufgeklärt werden, das Pflege- und Betreuungspersonal und natürlich der rechtliche Betreuer. Und das Ganze muss auch noch rechtssicher dokumentiert werden. Das frisst viel Zeit, die nicht honoriert wird. Und nicht zuletzt ist noch die Prothesenreinigung bzw. hygieneoptimierte Umarbeitung von Prothesen wünschenswert. Ich betrachte die neuen Präventionsleistungen als einen nächsten Schritt, der uns motivieren sollte, weiter an einer Verbesserung der Zahn- und Mundgesundheit von Menschen mit Behinderung und/oder Pflegebedarf zu arbeiten. Schließlich hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention auch verpflichtet, medizinische Leistungen anzubieten, die von Menschen mit Behinderungen speziell wegen ihrer Behinderungen benötigt werden.

Wie stellen Sie sich die praktische Umsetzung vor? Wo könnten ggf. Schwierigkeiten entstehen? Die Patientenvertreter im G-BA bestanden darauf, dass Anspruchsberechtigte und unterstützende Personen zeitnah über die neuen Leistungen informiert werden sollen. Dazu wird der G-BA eigens ein Informationsblatt, auch in einfacher Sprache übersetzt, herausgeben. Es ist daher damit zu rechnen, dass in den nächsten Wochen in den Praxen Betroffene und Angehörige oder Pflegende nach diesen Leistungen fragen.

Wir haben uns im Arbeitskreis Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung der LZK BW in der letzten Sitzung schon Gedanken gemacht, wie wir die Kolleginnen und Kollegen vor Ort bei der Umsetzung unterstützen können.

Als ich die neuen Gebührennummern des Bewertungsausschusses sah, empfand ich die Beschreibungen zunächst als sehr verwirrend. Das kommt daher, dass die neuen Leistungen ja sinnig in die vorhandenen eingepflegt werden mussten. Die verschiedenen Orte der Leistungserbringung (in der Praxis, in der Privatwohnung, in einer ambulant betreuten Wohngruppe, in einem Heim, regelmäßig oder nur gelegentlich, mit oder ohne Kooperationsvertrag) mussten berücksichtigt und teilweise die Leistungen auch neu bewertet werden. Unsere Synopse der Abrechnungspositionen in der zugehenden Betreuung wird im Moment überarbeitet, um einen schnellen Überblick über die Änderungen und Neuerungen zu bekommen, weiterhin plant die LZK mit der KZV eine Handreichung für die praktische Umsetzung der präventiven Leistungen nach § 22a. Da es sich bei den neuen Leistungen teilweise um delegierbare Leistungen handelt, müssen wir auch unbedingt unsere Mitarbeiterinnen schulen. Wir sind in Baden-Württemberg hier gut aufgestellt, da es ja schon zahlreiche Fortbildungsangebote im Bereich der Alters- und Behinder tenzahnheil - kunde an der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, am ZFZ Stuttgart und beim FFZ in Freiburg gibt. Zum Schluss möchte ich noch die Gelegenheit nutzen und auf den Intensivkurs „Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung in der Praxis“ im ZFZ Stuttgart am Samstag, den 09.06.2018 hinweisen, der als Teamkurs aufgebaut ist und sehr ausführlich auf die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung eingehen wird. Es sind noch Plätze frei.
Die Fragen stellte Andrea Mader

Ich betrachte die neuen Präventionsleistungen als einen nächsten Schritt, der uns motivieren sollte, weiter an einer Verbesserung der Zahn- und Mundgesundheit von Menschen mit Behinderung und/oder Pflegebedarf zu arbeiten.

 
 

Weiterentwicklung durch interdisziplinäre Impulse

Trotz besten Frühlingswetters ließen sich die Seniorenund Behindertenbeauftragten (SuB) der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg (LZK BW) am 21. April 2018 nicht davon abhalten, in Stuttgart zum vierten landesweiten SuB-Erfahrungsaustausch zusammenzu- kommen. Er bietet den Teilnehmern stets wichtige Informationen zu gesetzlichen Neuerungen, aktuellen Entwicklungen in der Alters- und Behindertenzahnheilkunde sowie die Möglichkeit zum Erfahrungs- austausch untereinander. Ergänzend sorgt ein Impulsvortrag für den wichtigen Blick über den Tellerrand, diesmal zum Thema Kau- und Schluckstörungen im Alter.

Die Zahnärzteschaft Baden-Württemberg ist im Bereich Alters- und Behindertenzahnheilkunde sehr engagiert: Es gibt landesweit 41 Senioren- und Behindertenbeauftrag- te. Sie sind die erste Anlaufstelle für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich gerne in einer Pflegeeinrichtung engagieren möchten oder bereits engagieren. Sie sind gleichzeitig Ansprechpartner für Pflegeeinrichtungen, mobile Pflegedienste sowie pflegende Angehörige, die die Mundhygiene ihrer Bewohner oder ihrer Angehörigen verbessern möchten.

Leichte Sprache. Über aktuelle Entwicklungen aus dem Bereich Behindertenzahnheilkunde berichtete Dr. Guido Elsäßer, LZK-Referent für Behindertenzahnheilkunde. Er verwies u. a. auf das „Handbuch der Mundhygiene“, das die Bundeszahnärztekammer inzwischen neu aufgelegt hat. Mit Dr. Guido Elsäßer und Dr. Elmar Ludwig waren zwei ausgewiesene Experten aus Baden-Württemberg maßgeblich an der Überarbeitung beteiligt. Als besonderen Erfolg hob Dr. Elsäßer den Kooperationsvertrag mit Special Olympics Baden-Württemberg hervor. Die Zusammenarbeit verspricht zahlreiche Vorteile: Sie liefert aktuelle Daten für die Versorgungsforschung, außerdem können im Rahmen der Special Olympic Events Patienten untersucht werden, die nicht in die Praxen kommen wollen oder können. Und nicht zuletzt geht aus der Kooperation ein Imagegewinn für die LZK BW hervor.
In diesem Jahr möchte sich Dr. Elsäßer verstärkt für die Verwendung der leichten Sprache einsetzen, um Menschen mit Behinderungen die selbständige Versorgung zu ermöglichen. So sollen Teile der Internetpräsenz der LZK in leichter Sprache verfasst werden. Dieses Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der LZK BW. Dr. Guido Elsäßer warb außerdem für den Bereich „Zahnarzt-Suche“ mit Merkmalen für die barrierefreie Praxis auf der LZK-Webseite, der eine große Unterstützung für die Betroffenen und Angehörigen darstellt. Dr. Elsäßer bat alle Beauftragten, bei den Zahnärztinnen und Zahnärzten dafür zu werben, sich eintragen bzw. ihre Eintragungen aktualisieren zu lassen. Das Thema Alters- und Behindertenzahnheilkunde sei für alle Praxen gleichermaßen wichtig. „Das Ziel ist, die Zahnarztpraxen für ältere Patienten sowie Menschen mit Behinderungen zu öffnen und entsprechend ausgestattet zu sein“, so Dr. Elsäßer.

Neues aus der KZV. Der Beitrag von Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der KZV BW, über die aktuellen KZV-Themen aus dem Bereich Alters- und Behindertenzahnheilkunde ist ein fester Bestandteil der Veranstaltung. Dr. Maier informierte über die derzeitigen Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen sowie über den aktuellen Stand der abgeschlossenen Kooperationsverträge: Bis Ende März 2018 wurden 384 Verträge geschlossen. Es sind dabei 221 Praxen bzw. 267 Zahnärzte beteiligt. Anschließend berichtete Dr. Maier über den neuen § 22a des Sozialgesetzbuches V, der am 1. Juli 2018 in Kraft treten wird.
Grundsätzliches Ziel sei die Stärkung der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen und von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der aufsuchenden häuslichen Betreuung sowie die weitere Förderung der Mundgesundheit von Pflegebedürftigen in stationä- ren Pflegeeinrichtungen.
Die zukünftige Anwendung von § 22a wurde anschließend ausführlich diskutiert mit dem Fazit, dass abzuwarten sei, welche Erfahrungs- werte sich hinsichtlich § 22a erge- ben werden.

Dysphagie im Alter. Je älter und gebrechlicher die Menschen werden, desto häufiger leiden sie an einer Schluckstörung bzw. Dysphagie. In Deutschland sind 5 Mio. Menschen davon betroffen, so z. B. 50 Prozent aller neurologischen und geriatrischen Krankenhauspatienten und mehr als 50 Prozent der in Senioreneinrichtungen lebenden Menschen. Diese Beschwerden können, wenn sie unerkannt bleiben, in der Folge zu weiteren schlimmen Erkrankungen führen. Der Impulsvortrag von Dr. Jörg E. Bohlender, Abteilung Phoniatrie und klinische Logopädie am Universitätsspital Zürich, zum Thema Kau- und Schluckstörungen im Alter brachte somit wichtige neue Erkenntnisse über den Umgang mit pflegebedürftigen Menschen. Der wichtigste Aspekt: Beim Älterwerden nehme die Gefahr einer Aspiration, also das Eindringen von Material in die Atemwege zu, vor allem, wenn der Hustenreflex fehlt. Bei Betroffenen stehe somit die Vermeidung einer Aspirationspneumonie sowie die Wiederherstellung oder Verbesserung einer sicheren Aufnahme von Nahrung und Medikamenten im Vordergrund. Eine optimale Therapie erfolge in Zusammenarbeit mit Spezialisten aus der Hals-NasenOhren-Heilkunde, Pneumologie, Neurologie, Radiologie, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Ernährungsberatung. Dr. Elmar Ludwig, LZK-Referent für Alterszahnheilkunde machte die Senioren- und Behindertenbeauftragten darauf aufmerksam, dass sie beim Umgang mit älteren Patienten die Aspirationsgefahr stets im Hinterkopf behalten sollten. Es sei darauf zu achten, dass beim Zähneputzen der Kopf des Patienten nach vorne gebeugt wird. Das Arbeiten solle immer zum Patienten hin erfolgen und sei damit auch schonender für den Rücken des Zahnarztes.

Expertenstandards. Zum Abschluss der Veranstaltung berichtete Dr. Elmar Ludwig über die derzeitigen Schwerpunkte in der Alterszahnheilkunde. Er wies u. a. auf die Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege hin. Sie wurden ins Leben gerufen, um dem Pflegealltag ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Da die Mundpflege bislang noch fehlt, konnte Dr. Ludwig mit anderen darauf hinwirken, dass nun ein entsprechender Expertenstandard ausgearbeitet wird. In diese Entwicklung werden viele Ausarbeitungen der Zahnärzteschaft BW eingehen und sie wird etwa zwei Jahre lang dauern.

Fazit. Der jährliche SuB-Austausch der LZK BW ist notwendig, damit die Senioren- und Behindertenbeauftragten ihre engagierte Arbeit erfolgreich weiterführen können. Der Tag wurde somit ausgiebig genutzt, um sich sowohl in Sachen Alters- und Behindertenzahlheilkunde auf den neuesten Stand zu bringen und neue Impulse aus anderen medizinischen Disziplinen aufzunehmen, als auch Erfahrungen weiterzugeben. Der nächste SuB-Erfahrungsaustausch wird am 13. April 2019 in Stuttgart stattfinden.

» richter@lzk-bw.de