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43. Jahrestagung der südbadischen Zahnärzteschaft in Rust

 

Großes Treffen der Dentalfamilie

850 Zahnärztinnen und Zahnärzte konnte der Vorsitzende der Bezirkszahnärztekammer Freiburg, Dr. Peter Riedel, in Rust begrüßen. Zusammen mit 800 Praxismitarbeiterinnen und rund 100 Zahntechnikern, die diesmal – wie die Jahre zuvor schon Oralchirurgen und Kieferorthopäden – zu einem eigenen Spezialpodium einluden, traf sich die gesamte Dentalfamilie. Und das Vorhaben des Vorstandes, „die gesamte Zahnheilkunde mit einer einzigen Fortbildungsveranstaltung abzudecken“, wurde ein voller Erfolg.

Das Confertainment Center des Europaparks war vom 12. bis 14. April attraktiver Rahmen für eine der beliebtesten und meistbesuchten Fortbildungsveranstaltungen in Deutschland. Das diesjährige Kongressthema „Zahnerhaltung einmal anders“ umfasste insgesamt neun Vorträge, in denen moderne Behandlungskonzepte in der Parodontologie und Endodontologie abgehandelt wurden. Der wissenschaftliche Leiter, Prof. Dr. Elmar Hellwig, Freiburg, hatte dazu renommierte Referenten eingeladen, sodass Zahnmediziner – und in einer gesonderten Veranstaltung auch das Praxisteam – in den Genuss interessanter und praxisbezogener Vorträge kamen. Anwesend war zudem die gesamte zahnärztliche Prominenz aus dem Ländle und, schon zur Tradition geworden, hochrangige Vertreter der elsässischen Zahnärzteschaft. Zehn attraktive Pre-Congress-Themen, ein Notfallseminar fürs gesamte Praxis­ team, Hygiene-Updates, Seminare für Studierende und Auszubildende sowie die auf das Tagungsthema abgestimmten Stände der 69 Aussteller sorgten dafür, dass für alle Mitglieder der großen Dentalfamilie etwas geboten wurde. Dazu kamen das Get-together am Vorabend des Kongressauftakts, der traditionelle Gesellschaftsabend und die vielen Möglichkeiten zum kollegialen Austausch.

Zahnerhalt als Kernaufgabe. Wie Prof. Dr. Hellwig ausführte, ermöglichen neue endodontische und parodontologische Konzepte auch diejenigen Zähne zu erhalten, die man vor wenigen Jahren noch ex­ trahiert hätte. „Auch wenn Implantologie und Prothetik vielversprechende Optionen nach Zahnverlust bieten, so bleibt der Fächerkanon Zahnerhaltung die Kernaufgabe der zahnärztlichen Tätigkeit.“ Das gilt auch für Zahnunfälle, über die Prof. Dr. Gabriel Krastl, Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie in Würzburg, referierte. Bei Kindern und Jugendlichen, die am häufigsten von Unfällen mit Zahnbeteiligung betroffen sind, ist der Zahnarzt „zum Zahnerhalt verpflichtet“. Mit geeigneten endodontischen Maßnahmen kann erreicht werden, dass bei nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum die Zahnwurzeln ihr Längen- und Dickenwachstum fortsetzen und der Zahn langfristig erhalten werden kann. „Die beste Wurzelkanalfüllung ist eine vitale Pulpa“, meinte der Referent, der sich für eine partielle Pulpotomie aussprach, bei der nur 2 mm der Kronenpulpa entfernt werden. Ist die verbliebene Pulpa gesund, ist mit einem Sistieren der Blutung innerhalb von fünf Minuten zu rechnen. Auf die artifiziell freigelegte Pulpaoberfläche wird Kalziumhydroxid oder MTA aufgebracht und mit einem härtenden Kalziumhydroxidzement überschichtet.

Extrusion. Über die „forcierte Extrusion als Behandlungskonzept für ausweglose Fälle“ sprach Dr. Gernot Mörig, Düsseldorf. Er erläuterte, dass unter Einsatz kieferorthopädischer Prozeduren auch Zähne, die unter Knochenniveau frakturiert sind, elongiert und dadurch gerettet werden können. Selbst bei stark destruierten Frontzähnen ist es häufig möglich, das Wurzelfragment in wenigen Tagen so weit zu extrudieren, dass anschließend eine langfristige Kronenversorgung möglich ist. Für chirurgische Kronenverlängerungen zum Erhalt von Wurzeln, die meist mit massiven ästhetischen Einbußen einhergehen, gibt es daher aus seiner Sicht, besonders im ästhetisch relevanten Bereich, keine Indikation mehr. Darüber hinaus zeigte er eindrucksvoll, wie durch Anregung der körpereigenen Kompetenz neuer Knochen hinzugewonnen wird. Diese Therapie kommt ohne körperfremde Materialien und meist ohne Antibiotika aus.

Milchzähne erhalten. Die „Endodontie bei Milchzähnen“ behandelte Dr. Hubertus von Waes von der Klinik für Kinderzahnmedizin in Zürich. Da er darüber hinaus Direktor des Schulzahnärztlichen Dienstes der Stadt Zürich ist, konnte er aus erster Hand berichten, dass trotz großer Anstrengungen in der Prophylaxe Karies weiterhin einen erheblichen Behandlungsaufwand bei Kindern ausmacht. Bedingt durch die Milchzahnmorphologie mit geringer Schmelz-Dentin-Dicke, einer fehlenden posteruptiven Schmelzreifung und erhöhter Schmelzporosität sieht man oft Kariesläsionen, die bis in die Pulpa reichen. Dr. von Waes schilderte die verschiedenen Vorgehensweisen, mit denen schwer zerstörte Kindermilchzähne erhalten werden können. Dazu gehören Verfahren wie eine indirekte Überkappung oder die Pulpektomie, bei der das Zahnmark vollständig entfernt wird und gesunde Wurzelpulpen mit Medikamenten überdeckt werden, um diese vital zu erhalten. Mehrere Faktoren sind für den Erfolg dieser Maßnahme wichtig: Die Pulpa sollte möglichst steril und atraumatisch amputiert und mit einem möglichst physiologischen, selbstdesinfizierenden, bioinduktiven Material überdeckt werden.

Revisionen erfolgreich. Der dauerhafte Erfolg jeder endodontischen Behandlung hängt jedoch von vielen Faktoren ab, sodass ein weiteres wichtiges Thema des Kongresses die Revision einer bereits erfolgten Wurzelkanalbehandlung war. Dank neuer Techniken und neuer Erkenntnisse im Bereich der Mikrobiologie können diese mit einer Erfolgsrate von 60 bis 80 Prozent aufwarten. Prof. Dr. Michael Hülsmann von der Poliklinik für Präventive Zahnmedizin, Parodontologie und Kariologie in Göttingen, zeigte auf, in welchen Fällen eine erneute Wurzelkanalbehandlung angezeigt ist und wie man Patienten über Möglichkeiten, Probleme, Zeitaufwand, Kosten und eingeschränkte Erfolgswahrscheinlichkeit der Revision informiert. Er wies darauf hin, dass sich die Revisionsbehandlung grundsätzlich von der Primärbehandlung unterscheidet und dass sie immer als „Behandlung eines infizierten Wurzelkanalsystems“ anzusehen ist.

Sorgfältige Diagnose. „Dia­ gnostik und Therapieplanung in der zeitaufwendigen Endodontie“ war das Thema von PD Dr. David Sonntag, Düsseldorf. Er stellte seinem Vortrag ein Wort von Laotse voran, dem legendären chinesischen Philosophen, der im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll: „Es ist fruchtvoller, nichts zu tun, als mit viel Mühe nichts zu schaffen“. Doch von Nichtstun war keine Rede, vor allem bei der Diagnostik ist Regsamkeit angesagt. So reicht nach Ansicht des Referenten bei endodontischen Maßnahmen das OPG für eine korrekte Diagnosestellung nicht aus. Es sollte immer ein zusätzlicher Zahnfilm angefertigt werden, manchmal benötigt man auch exzentrische Aufnahmen, um Wurzel- und Kanalformationen richtig erkennen und einschätzen zu können. Zusammen mit dem Vortrag von Dr. Christoph Kaaden, München, über den endodontischen Workflow in der täglichen Praxis, erfuhr man hier nicht nur viel Neues zu den theoretischen Grundlagen, die Referenten gingen mit vielen Fallbeispielen auch gezielt auf das praktische Arbeiten und Assistieren ein. Ferner wurden viele kleine Tipps und Tricks gezeigt, die den Behandlungsablauf erleichtern sollen. Besonders beeindruckend: das Video einer Sechshandbehandlung.

Parodontaltherapien. Wie man in der Parodontologie durch die Beherrschung von Infektionen einer fortschreitenden Zerstörung des Zahnhalteapparates Einhalt gebietet, zeigte Prof. Dr. Peter Eickholz auf. Der Direktor der Poliklinik für Parodontologie am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Frankfurt am Main plädiert dafür, dass eine Parodontaltherapie so wenig invasiv wie möglich und so invasiv wie nötig durchgeführt wird. „Behandlungskonzepte für eine regenerative Parodontaltherapie“ kamen von Prof. Dr. Henrik Dommisch von der Berliner Charité. Sein Vortrag bot einen Überblick hinsichtlich der Indikationsbereiche für die Regeneration, der unterschiedlichen regenerativen Techniken sowie der wissenschaftlichen Evidenz.
Dabei galt sein Augenmerk den im Rahmen regenerativ-chirurgischer Eingriffe eingesetzten Biomaterialien, für die es inzwischen eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen gibt, die den Einsatzbereich sowie die Vorhersagbarkeit der Anwendung zum Inhalt haben.

Geweberegeneration. Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger, Leiterin der Sektion Parodontologie Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Universität Freiburg hat sich dann zum Abschluss der Tagung mit „chirurgischen Optionen bei Rezessionen“ beschäftig. Exponierte Wurzeloberflächen, die bei vielen Patienten vorhanden sind und sich in Zahnhalsüberempfindlichkeit und Wurzelkaries manifestieren, können oft nur mit Hilfe der plastischen Parodontalchirurgie therapiert werden. Auch Verfahren der gesteuerten Geweberegeneration werden heute zur Rezessionsbehandlung herangezogen. Die Transplantation von Bindegewebe oder Gingiva zur Wurzeldeckung kann zu Komplikationen an der Entnahmestelle der Transplantate führen. Daher wurden unterschiedliche Ersatzmaterialien entwickelt, für die noch keine Langzeitergebnisse vorliegen, die jedoch erste vielversprechende Erfolge zu verzeichnen haben.

Mund auf. Im Festvortrag „Die Zähne von Prominenten im Wandel der Zeit“ wartete Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle mit interessantem Bildmaterial und einer guten Prise Humor auf. Der Ärztliche Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde des Universitätsklinikums Heidelberg bekam viel Beifall, zeigte er doch anhand des neuen Bundeskabinetts sowie zahlreicher Persönlichkeiten aus der Weltpolitik wie sich der Stellenwert der Zähne im Lauf der Zeit verändert hat. Ein Ausflug in die Physiognomik und die Frage, ob man den Charakter eines Menschen an Mund und Zähnen ablesen kann, bot Stoff zu mancher weiterführenden Diskussion.
Weitere Bildimpressionen von der Fortbildungstagung in Rust finden Sie unter zahnaerzteblatt.de.

D. Kallenberg
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29. Fortbildungstagung der BZK Freiburg für Zahnmedizinische Fachangestellte

 

Praxisausflug nach Rust

Ausgabe 6, 2018

Rust ist mehr als Fortbildung. Darauf legt die BZK Freiburg wert. Das jedes Jahr proppenvolle Confertainment Center des Europa-Park Rust gibt ihr Recht. Schon am Vorabend der Fortbildungstagung stimmen sich die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen beim Get-together mit DJ Tobias Schilling auf die Tagung ein. Mit einer Currywurst schlendern sie über die Dentalausstellung und informieren sich über Geräte, Instrumente und Materialien. Nach der Fortbildungstagung werden die neuesten Attraktionen im Europa-Park erkundet. Zuvor aber führte die stv. Referentin für Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen der BZK Freiburg, Dr. Priska Fischer durch einen ansprechenden Fortbildungstag, der unter dem Tagungsmotto „Zahnerhaltung einmal anders“ stand.

Parodontale Rezessionen nehmen zu. Das hat auch mit dem Alter zu tun. Für das Praxisteam bedeuten parodontale Rezessionen eine Herausforderung. Was die optimale Therapie ist und was das Team tun kann, darauf gab Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger im ersten Vortrag eine Antwort. Exponierte Wurzeloberflächen und freiliegende Zahnhälse führen nicht zwangsläufig zu Zahnverlust. „Es gilt deshalb zunächst, die Patienten zu beruhigen und ihnen die Angst vor dem Zahnverlust zu nehmen.“ Mit der richtigen Putztechnik können Rezessionen stabil bleiben. „Ihre Aufgabe ist die Korrektur der traumatischen Putztechnik.“ Auch durch Fluoridierungsmaßnahmen lässt sich die Dentinhypersensibilität kontrollieren. Chirurgische Deckungsmaßnahmen durch den Zahnarzt müssen nicht sein und sind nur der letzte Ausweg.

Keine Milchzahnzange. Ziel der Milchzahnbehandlung ist die Erhaltung bis zum natürlichen Verlust. Dabei kommen heute auch endodontische Maßnahmen zum Einsatz. Dr. Hubertus van Waes gab einen Einblick in das Spektrum der endodontischen Behandlungen im Milchgebiss. Die direkte Überkappung führe häufig zum Misserfolg, eine indirekte Überkappung, quasi eine Füllung, sei zielführender. Bei der selektiven Kariesexkavation werde die Karies gezielt belassen. In Großbritannien seien die Füllungen meist besonders schlecht und die Karies werde mit Stahlkronen überdeckt. Im Frontzahnbereich geeignet ist auch die Pulpektomie, die Wurzelfüllung. Das Spektrum ist breit, „man muss nicht gleich zur Milchzahnzange greifen“.

Breites Einsatzgebiet. Ein praxisnahes Thema präsentierte Dr. Anne Kruse, die die Möglichkeiten und Grenzen von Luft-PulverWasserstrahlgeräten präsentierte. In den Praxen ist der Einsatz dieser Geräte nicht mehr wegzudenken, sie sind effektiv, bedeuten eine hohe Zeitersparnis und von den Patienten werden sie als angenehm empfunden. Die Risiken lassen sich für Patienten wie Behandler durch die Schutzausrüstung reduzieren. Kontraindiziert ist ihr Einsatz bei Asthma und anderen Atemwegserkrankungen, bei Unverträglichkeit gegenüber verschiedener Pulverbestandteile und bei Infektionskrankheiten durch die Aerosolbildung. „Und wenden Sie die Geräte nur auf intaktem Schmelz an, nicht beim PAR-Patienten“.

Zähne als Botschaft. Ein echtes Highlight war in diesem Jahr der Festvortrag von Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle. Er nahm eine dentale und orofaziale Charakterisierung von Prominenten vor – ebenso kurzweilig wie heiter.

Zahn abgebrochen. Prof. Dr. Gabriel Krastl sah sich in der undankbaren Rolle, seinen Vortrag im Anschluss an den Festvortrag zu halten, denn jede ZFA konnte nun eine faziale Analyse seines Gesichts vornehmen. Bezeichnenderweise war sein Thema der abgebrochene Zahn. „Das Zahntrauma führt alle Disziplinen zusammen“. Prof. Krastl zeigte neue Aspekte der Traumatologie.

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43. Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte in Rust

 

Spezialpodien Kieferorthopädie, Oralchirurgie und Zahntechnik

Ausgabe 6, 2018

Gleich drei Spezialpodien flankierend zum wissenschaftlichen Hauptprogramm ergänzten die 43. Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte im Confertainment Center des Europaparks in Rust. Zu den bereits etablierten Spezialpodien Kieferorthopädie und Oralchirurgie gab es eine Premiere – erstmals veranstaltete die Bezirkszahnärztekammer Freiburg in Kooperation mit der Zahntechnikerinnung Baden das Spezialpodium Zahntechnik.

Im Traumpalast des Confertainment Centers füllten gut 130 kieferorthopädische Fachzahnärztinnen und -zahnärzte das nahezu hundert Jahre alte historische Spiegelzelt. Unter der souveränen und sympathischen Moderation von Dr. Silke Kuhlmann stellten die Ordinarien der vier baden-württembergischen KFO-Lehrstühle ihre Forschungsergebnisse und Behandlungsschemata vor. Prof. Dr. Britta A. Jung, Freiburg, ging auf moderne KFO-Therapieverfahren ein, während Prof. Dr. Christopher J. Lux, Heidelberg, auf die Wichtigkeit suffizienter Mundhygiene- und Präventionskonzepte zur Vermeidung von Demineralisationen bei festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen hinwies. Einer für betroffene Patienten überaus relevanten Problematik widmete sich Prof. Dr. Dr. Bernd Lapatki, Ulm, der über Zahnmedizin und Blasinstrumentenspiel sprach. Die Universität Tübingen entsandte gleich zwei Referenten: Prof. Dr. Timm Schott, der die kieferorthopädische Abteilung während der Lehrstuhlinhabervakanz kommissarisch geleitet hatte, sprach über farbige Zahnspangen und fluoreszierende Zähne und der frisch gebackene Ordinarius, Prof. Dr. Bernd Koos, widmete seine Ausführungen dem Schnarchen im Kindesalter und ging der Frage nach, ob dies ein Risiko für ein obstruktives Schlafapnoesyndrom im Erwachsenenalter sei. Lange, interessante interkollegiale Diskussionen, die sich weit in die Pausen hineinzogen, waren ein beredter Beweis dafür, dass die fünf Referenten die Erwartungen des Auditoriums mehr als erfüllt haben.

Oralchirurgie. Der Moderator des Oralchirurgischen Spezialpodiums und Autor dieser Zeilen zeigte sich hocherfreut darüber, dass eine sehr große Zahl junger Kolleginnen und Kollegen den Sala Bianca des Confertainment Centers füllten und damit bewiesen, dass das Interesse an der zahnärztlichen und der Oralchirurgie ungebrochen ist. Die rund hundert Teilnehmer des 2. Spezial­ podiums Oralchirurgie wurden nicht enttäuscht, denn sie durften ein facettenreiches und überaus interessantes wissenschaftliches Programm erleben. Den Auftakt hierzu steuerte PD Dr. Stefan Röhling, Basel und Lörrach, dar, der über den neuen Standard bei der navigierten Implantologie sprach und gegen Ende seiner Ausführungen eine neue Generation extrem miniaturisierter Navigations-Hard- und software vorstellte.
Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, Mainz, konnte wertvolle Hinweise für die richtige Auswahl von Knochenersatzmaterialien für die oralchirurgische Augmentation geben und der Chef der Kieferchirurgischen Abteilung des Bundeswehrkrankenhauses Koblenz, Prof. Dr. Dr. Richard Werkmeister, steuerte den sicherlich außergewöhnlichsten Beitrag zum wissenschaftlichen Programm bei: Werkmeister sprach über „Verletzungen im Kiefer-, Gesichtsbereich durch Explosionen und Terrorattentate“ und zog mit seinen Ausführungen das Auditorium in den Bann. Er zeigte den Unterschied zwischen Schäden durch Schussverletzungen, wie sie bis Mitte der siebziger Jahre bei Kriegs- und Terroropfern typisch waren und heutigen Explosionsschäden und -folgen, die eine große Herausforderung für das Fachgebiet darstellen. Im letzten Teil seines Beitrags zeigte er anhand hervorragend dokumentierter Fallbeispiele Möglichkeiten der Rehabilitation. Die Vorstandsvorsitzende der KZV Baden-Württemberg, Dr. Ute Maier, gab wertvolle Hinweise zur Abrechnung oralchirurgischer Leistungen in der GKV. Der Berufsverband Deutscher Oralchirurgen ist Kooperationspartner des Spezialpodiums Oralchirurgie und sein Landesvorsitzender, Dr. Manuel Troßbach, leitete die in das Programm eingebettete Mitgliederversammlung und hatte mit Dr. Susanna Zentai zudem eine sehr versierte Referentin verpflichtet, die über den Umgang mit Erstattungsstellen referierte.

Zahntechnik. Ebenfalls einen Kooperationspartner gab es beim „jüngsten Kind“ der Spezial­ podientrilogie, dem Spezialpodium Zahntechnik. Hierfür konnte die Bezirkszahnärztekammer Freiburg die Zahntechnikerinnung Baden gewinnen, deren Obermeister Zahntechnikermeister Harald Prieß sich in seinem Grußwort hocherfreut über diese schöne Zusammenarbeit zwischen Zahntechnikern und Zahnärzten zeigte. Seit der Tagung in Rust im vergangenen Jahr, als erste Kontakte geknüpft wurden, konnte nicht nur ein Veranstaltungskonzept, sondern auch ein hochattraktives Programm auf die Beine gestellt werden, welches gut 130 Zahntechnikerinnen und Zahntechniker ins Confertainment Center lockte. Und diese wurden nicht enttäuscht. Mit den Zahntechnikermeistern Volker Weber, Aachen, und Christian Müller, Freiburg, wurden zwei alte Hasen verpflichtet, welche ihre Ausführungen aus einem schier unerschöpflichen Erfahrungsschatz speisten. Als Vertreter der jüngeren Zahntechnikergeneration sprach ZTM Stephan Röben, Freiburg, über den Stateof-the-Art der digitalen Wertschöpfungskette. Auch die Zahntechniker warteten mit einem außergewöhnlichen Vortrag auf: ZTM Johannes Storch, Konstanz, sprach über die Mañana-Kompetenz, die auf Arbeiten seiner Schwester, der Trainerin und Psychodramatherapeutin, Maja Storch basiert und dabei helfen kann, effektiv zu entspannen. Das erste Spezialpodium Zahntechnik – eine gelungene Auftaktveranstaltung, die im kommenden Jahr in Rust ganz sicher eine Wiederholung finden wird. Die Bezirkszahnärztekammer Freiburg hat die Fachkollegen- und Zahntechnikerpodien behutsam und zielsicher in den vergangenen Jahren entwickelt, um flankierend zum Hauptprogramm für Zahnärztinnen und Zahnärzte und für Zahnmedizinische Fachangestellte eine ideale Ergänzung zu bieten und um die Dentalfamilie komplett in Rust zu versammeln.
Das neu entwickelte Logo spiegelt diese Zielsetzung wider und fand bei den knapp 2300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, welche an den drei Veranstaltungstagen die Räume des Confertainment Centers füllten, breite Zustimmung.
Dr. Georg Bach

 

Young Dentist Lounge an der Akademie Karlsruhe

 

Mit Optimismus den Beruf gestalten

Junge Zahnärztinnen und Zahnärzte waren Ende April von der BZK Karlsruhe in die Akademie Karlsruhe eingeladen, um Erfahrungen auszutauschen sowie Aufbau und Gremien der Selbstverwaltung kennenzulernen. Darüber hinaus erhielten sie von renommierten Praktikerinnen wie Dr. Tania Roloff, Hamburg, neue Impulse z. B. für die Gestaltung eines auf Kinder ausgerichteten Praxiskonzepts.

Bei seiner Begrüßung führte Dr. Volker Bracher aus, was das Leitmotiv „Die Kammer – Ihr Partner“ für die Kolleginnen und Kollegen im Alltag bedeutet. Er sprach über den Dialog, die Netzwerkbildung, über Informationen per Rundschreiben und über Kreisversammlungen, alles Bestandteile der Partnerschaft, die im Laufe des Seminars aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wurde. Positiv war es insbesondere, dass auch lange niedergelassene Kolleginnen und Kollegen praxisnah ihre Erfahrungen einbrachten.

Vielfalt. Dr. Norbert Engel hob in seinem Grußwort die Vielfalt des zahnärztlichen Berufes hervor. Er warb für das Engagement in der Kammer, an der berufspolitischen Willensbildung und Diskussion mitzuwirken. „Die Gesellschaft braucht unsere fachliche Expertise.“ Eine der wichtigen „Expertisen“ stellen Gutachten dar, die Dr. Gudrun Börsig, Karlsruhe, in allen Facetten, einschließlich der Anforderungen an Gutachter vorstellte. Praktische Tipps rundeten ihren Vortrag ab. Ihr Credo: „Achtet auf die Kommunikation. Fast 90 Prozent der Gutachten sind auf Kommunikationsprobleme zwischen Pa­­tient und Zahnarzt zurückzuführen.“ Ihr Appell: „Bindet den Patienten mit ein!“.

Kinder. Keine geringere als Dr. Tania Roloff aus Hamburg brachte das Thema „Kinderzahnheilkunde – was bei kleinen Patienten anders ist“ auf sympathische und eloquente Weise den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nahe. Sie zeigte auch auf, warum die Kinderzahnheilkunde in den USA eine Männerdomäne ist und sich in Deutschland verstärkt Zahnärztinnen der Kinderzahnheilkunde widmen. Sie zeigte am Beispiel ihrer Praxis die Organisation und die Spezifika einer rein auf Kinder ausgerichteten Praxis.

Patientenfall. Last but not least stellte ZÄ Claudia Pfeil, Akademie Karlsruhe, Planungshilfen der Akademie vor, beschrieb einen Patientenfall, der anschließend in Arbeitsgruppen bearbeitet wurde. Die Arbeitsergebnisse, die tatsächliche Planung und Therapie wurden anschließend vorgestellt.

Fazit. Praktisch, kollegial, informativ motivierend war dieser Tag unter dem Motto Young Dentist Lounge. Und die Idee, diesen Tag nicht in einem Verwaltungsgebäude oder einer Uni zu veranstalten, hatte einen besonderen Reiz. Denn die Akademie Karlsruhe mit ihren vortrefflichen Vo- raussetzungen zeigte zugleich die Angebotsvielfalt einer Kammer gemäß dem Leitbild „Die Kammer – Ihr Partner“.

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Aktuelle Aspekte zur Adhäsivtechnik – Teil 1

 

Direkte Komposite im Seitenzahnbereich

Ausgabe 6, 2018

Restaurationen aus direkten Kompositen gehören im Seitenzahnbereich heutzutage zum Standard im Therapiespektrum der modernen konservierend-restaurativen Zahnheilkunde. Diese Füllungsart ist sowohl bei den Patienten als auch bei den Behandlern sehr beliebt und hat mittlerweile in vielen klinischen Studien ihre Leistungsfähigkeit auch im kaulasttragenden Seitenzahnbereich unter Beweis gestellt.

Direkte Kompositrestaurationen sind sehr erfolgreich in der Behandlung von Defekten im Seitenzahnbereich [1]. Allerdings müssen hierfür grundlegende Regeln der Adhäsivtechnik beachtet werden. Zu diesen zählen z. B. eine sorgfältige Einhaltung des Adhäsivprotokolls, die Organisation eines kontaminationsfreien Arbeitsfeldes, die Inkrementtechnik mit Beachtung der Durchhärtungs­tiefe der einzelnen Schichten des jeweiligen Komposits, eine ausreichende Lichtpolymerisation und eine sorgfältige Ausarbeitung und Politur [2]. Generell weisen adhäsive Restaurationen eine hohe Techniksensitivität auf [1]. Das gleiche Material zeigt bei unterschiedlichen Behandlern oft hochsignifikante Unterschiede in der Erfolgsbilanz [3, 4].
Im kaulasttragenden Seitenzahnbereich werden Kompositfüllungen mittlerweile seit über drei Jahrzehnten als ästhetische Alternative zu metallischen Restaurationen eingesetzt [5]. Besonders im vergangenen Jahrzehnt stieg diese Entwicklung kontinuierlich an. Erste klinische Daten, die zu Beginn der 1980er-Jahre zur Anwendung von Kompositen im Seitenzahnbereich erhoben wurden, waren vor allem aufgrund ungenügender mechanischer Eigenschaften der zu dieser Zeit verfügbaren Werkstoffe nicht ermutigend. Die geringe Abrasionsbeständigkeit der damaligen Kompositmaterialien führte in kurzer Zeit zum Verlust der Füllungskonturen. Frakturen, Randeinbrüche, Randundichtigkeiten mit Verfärbungen bzw. Sekundärkaries und Hypersensibilitäten als Folge der Polymerisationsschrumpfung waren weitere Gründe, welche die Lebensdauer der Füllungen limitierten [2, 6-11]. Diese Unzulänglichkeiten wurden durch die Weiterentwicklungen im Materialsektor der Komposite und der Adhäsivsysteme in den letzten Jahren erheblich reduziert [1214]. Allerdings stellen die negativen Auswirkungen der Polymerisationsschrumpfung – wie im Einzelfall eine ungenügende Haftung an den Kavitätenwänden, eine mangelnde Randdichtigkeit oder Höckerdeflexionen – immer noch das größte Problem der kompositbasierten Werkstoffe dar [15]. Frakturen des Füllungskörpers und eine zu starke Abrasionsanfälligkeit stellen heute bei Kompositrestaurationen im Regelfall aber kein Problem mehr dar. Wenn sie im Einzelfall dennoch auftreten, können sie oft auf eine ungenügende Aushärtung des Werkstoffs zurückgeführt werden. Diese kann aber nicht den Kompositen und der direkten Füllungstechnologie angelastet werden, sondern sie ist vielmehr das Resultat einer ungenügenden Polymerisationstechnik oder einer mangelnden Aufmerksamkeit des Behandlungsteams [16-24].


Direkte Kompositrestaurationen haben sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem unverzichtbaren Bestandteil im Therapiespektrum der modernen konservierend-restaurativen Zahnheilkunde entwickelt [25]. Sie werden unter anderem wegen des breiten Anwendungsspektrums, der Schonung der Zahnhartsub­ stanz durch eine defektorientierte Kavitätengestaltung, der adhäsiven Stabilisierung geschwächter Zahnstrukturen sowie des im Vergleich zu indirekten Restaurationsalternativen (Inlays, Teilkronen, Kronen) preiswerteren und zeitsparenderen Verfahrens eingesetzt [11, 26, 27]. Kompositrestaurationen sind außerdem bei Bedarf auch einfach in der Mundhöhle zu reparieren [28-30].
Die Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) zu Kompositrestaurationen im Seitenzahnbereich aus dem Jahr 2016 (S1-Handlungsempfehlung; AWMF-Registernr.: 083-028), verabschiedet durch die Vorstände der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mundund Kieferheilkunde (DGZMK), der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) und der Deutschen Gesellschaft für Restaurative und Regenerative Zahnerhaltung (DGR 2 Z), fasst das aktuelle, wissenschaftlich abgesicherte Einsatzspektrum direkter Komposite und auch deren Kontraindikationen zusammen [1].
Aufgrund des weltweit zu verzeichnenden Rückgangs des Einsatzes von Amalgam und der immer noch stetig steigenden Anwendung von Komposit ist die Materialklasse der direkten Kompositwerkstoffe prädestiniert, Amalgam in der näheren Zukunft als das am häufigsten eingesetzte Füllungsmaterial abzulösen [31] (Abb. 1a bis 1d). Innerhalb ihres Indikationsbereichs korrekt platzierte adhäsive Kompositfüllungen zeigen hervorragende klinische Überlebensraten [31] und haben sich dementsprechend einen herausragenden Platz in der restaurativen Zahnheilkunde erobert.

Schichttechnik. Für lichthärtende Kompositmaterialien stellt die Verarbeitung in der inkrementellen Schichttechnik den Goldstandard dar [10, 32]. Üblicherweise erfolgt die Applikation der Komposite aufgrund ihrer Polymerisationseigenschaften und der limitierten Durchhärtungstiefe in Einzelinkrementen mit maximal 2 mm Schichtstärke. Die einzelnen Inkremente werden jeweils separat mit Belichtungszeiten von 10 s bis 40 s polymerisiert, je nach Lichtintensität der Lampe, der Farbe bzw. der Transluzenz/Opazität der entsprechenden Kompositpaste und der Art und Konzentration des in der Kompositpaste enthaltenen Photoinitiators [33]. Dickere Kompositschichten führten mit den bis vor der Einführung der Bulk-FillKomposite verfügbaren Materialien zu einer ungenügenden Polymerisation des Kompositwerkstoffs und somit zu schlechteren mechanischen und biologischen Eigenschaften [34-36]. Mit der Schichttechnik lässt sich zudem durch eine günstige dreidimensionale Ausformung der Einzelinkremente in der Kavität ein niedrigerer C-Faktor („Configuration Factor“ = Verhältnis der gebondeten zu freien Kompositoberflächen) realisieren [37]. Somit können durch möglichst viele frei schrumpfende Kompositoberflächen der materialimmanente polymerisationsbedinge Schrumpfungsstress und dessen negative Auswirkungen auf die Restauration – wie Ablösung des Komposits von den Kavitätenwänden, Randspaltbildung, Randverfärbungen, Sekundärkaries, Höckerdeflexionen, Rissbildung in den Zahnhöckern, Schmelzfrakturen und Hypersensibilitäten – minimiert werden (Abb. 2a bis 2i) [34, 37].

Bulk-Fill-Technik. Die vorgenannte klassische Schichttechnik mit 2 mm dicken Kompositinkrementen ist vor allem bei großvolumigen Seitenzahnkavitäten ein zeitaufwendiges und techniksensitives Vorgehen, das aus betriebswirtschaftlicher Sicht eines entsprechend kostendeckenden Honoraransatzes bedarf [1, 38, 39]. Deshalb äußern viele Behandler den Wunsch nach einer Alternative zu dieser komplexen Mehrschichttechnik, um Komposite zeitsparender – somit wirtschaftlicher – und gleichzeitig einfacher bzw. mit größerer Anwendungssicherheit verarbeiten zu können [40-43]. Hierfür wurden in den vergangenen Jahren die Bulk-Fill-Komposite entwickelt, die bei entsprechend hoher Lichtintensität der Polymerisationslampe in einer vereinfachten Applikationstechnik in Schichten von 4 mm bis 5 mm Dicke, mit kurzen Inkrementhärtungszeiten von 10 s bis 20 s, schneller in die Kavität appliziert werden können [33, 41, 44-47]. Die Bulk-Fill-Komposite werden von der Industrie in zwei Varianten angeboten:

Niedrigvisköse fließfähige Bulk-Fill-Komposite (Abb. 3a bis 3i), die an der Oberfläche von einer zusätzlichen 2 mm starken Deckschicht aus einem seitenzahntauglichen Hybridkomposit geschützt werden müssen [1, 48, 49], da ihr reduzierter Füllkörperanteil und die vergleichsweise großen Füllkörper für einen geringen Polymerisationsstress optimiert sind. Dies resultiert allerdings im Vergleich zu traditionellen Hybridkompositen in schlechteren mechanischen und ästhetischen Eigenschaften wie einem geringeren E-Modul, einer höheren Abrasionsanfälligkeit, einer größeren Oberflächenrauigkeit sowie einer schlechteren Polierbarkeit [33, 50-54]. Darüber hinaus dient die Deckschicht zur Ausgestaltung einer funktionellen okklusalen Konturierung, die mit einer fließfähigen Konsistenz kaum oder nur sehr schwierig zu gestalten wäre.


Normal- bis hochvisköse, standfeste, modellierbare Bulk-Fill-Komposite (Abb. 4a bis 4i), die bis an die okklusale Oberfläche reichen können und keine schützende Deckschicht und somit kein zusätzliches Kompositmaterial benötigen.
Bulk-Fill-Komposite in beiden Viskositätsvarianten erlauben aufgrund optimierter Durchhärtungstiefen und einem reduzierten Polymerisationsschrumpfungsstress im Vergleich zu konventionellen Kompositen erhöhte Schichtstärken von max. 4 bis 5 mm. Dies bedeutet, dass lediglich die hochviskösen Vertreter in einer Kavitätentiefe, die maximal der Durchhärtungstiefe des Materials entspricht, als wahre Bulk-Fill-Materialen angesehen werden können. Liegen tiefere Defekte vor oder werden die fließfähigen Varianten eingesetzt, so erfordert dies immer eine zusätzliche Schicht.

Ormocere. Die meisten Komposite für direkte Restaurationen enthalten auf der klassischen Metha­crylatchemie basierende organische Monomermatrizes [55]. Alternative Ansätze hierzu existieren in der Silorantechnologie [56-61] und der Ormocerchemie [15, 62-68]. Bei den Ormoceren („organically modified ceramics“) handelt es sich um organisch modifizierte, nichtmetallische anorganische Verbundwerkstoffe [15, 62-69]. Ormocere besitzen sowohl ein anorganisches als auch ein organisches Netzwerk, sie können somit hinsichtlich ihrer Materialklasse zwischen anorganischen und organischen Polymeren eingeordnet werden [67, 70-72]. Diese Materialgruppe wurde vom Fraunhofer-Institut für Silikatforschung, Würzburg, entwickelt und in Zusammenarbeit mit Partnern in der Dentalindustrie im Jahre 1998 erstmals als zahnärztliches Füllungsmaterial vermarktet [64, 65]. Seither hat für diesen Anwendungsbereich eine deutliche Weiterentwicklung der ormocerbasierten Komposite stattgefunden. Bei der ersten Generation von zahnmedizinischen Ormoceren wurden der Matrix zur Einstellung der Viskosität und somit zur besseren Verarbeitbarkeit durch den Behandler noch zusätzliche Methacrylate zur reinen Ormocerchemie beigemischt (neben Initiatoren, Stabilisatoren, Farbpigmenten und anorganischen Füllkörpern) [73]. Mit der aktuellen Ormocergeneration ist es gelungen, einen Werkstoff herzustellen, der keine konventionellen Monomere mehr in der Matrix enthält (Admira Fusion, Voco, Cuxhaven). Ormocerbasierte Komposite gibt es mittlerweile in allen gebräuchlichen Varianten, vom fließfähigen Material über das universell einsetzbare normalvisköse Ormocer bis zu durchhärtungsoptimierten Bulk-Fill-Varianten (niedrigvisköse und modellierbare Konsistenz) für den Seitenzahnbereich. Ormocere unterscheiden sich im klinischen Anwendungsprotokoll nicht von den klassischen methacrylatbasierten Kompositen. Sie müssen mit einem Adhäsivsystem an den Zahnhartsubstanzen verankert, entsprechend ihrer Durchhärtungstiefe in Schichten appliziert und mit Licht ausgehärtet werden (Abb. 5a bis 5l).

Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www.zahnaerzteblatt.de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.
Den zweiten Teil des Beitrags lesen Sie in der nächsten ZBW-Ausgabe.