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Einer von uns

Der Zahnarzt Christoph Stevenson hat schon mehr als 40 Oldtimer restauriert

 

Blei im Blut und die Kunst im Herzen

Ausgabe 7, 2018

Der Dunninger Zahnarzt Christoph Stevenson ist seit acht Jahren im Ruhestand, sein gesamtes Berufsleben pendelte er aber zwischen Praxis und Werkstatt. Er ist begeisterter Oldtimer-Restaurator und hat über die Jahre hinweg mehr als 40 Fahrzeuge instand gesetzt. Sein Talent für diese Kunst könnte familiäre Gründe haben. Warum, lesen Sie in diesem Teil unserer Serie „Einer von uns“.

Christoph Stevenson steht in seiner Garage. Trotz des gleißenden Sommersonnenlichts draußen ist es duster. Ein paar Lampen, die von der flachen Decke hängen, spenden Licht. Sie scheinen auf die Massen von Regalen, in denen Fahrzeugteile aus allen Zeitaltern des Automobils zu entdecken sind. Zwei Autos aus den 50er-Jahren stehen dort, halb zerlegt und bereit, sich von ihrem Restaurator wieder zusammenbauen zu lassen. An einer Tür zu einem Nebenraum des schuppenartigen Gebäudes steht eine Fräsmaschine, vor der ein Bohrer liegt. „So einen“, sagt Christoph Stevenson und lächelt, „habe ich in der Praxis auch benutzt.“ Sein Schmunzeln hat einen Grund: Der Bohrer in der Garage ist drei Zentimeter dick. Zu seinen Praxis-Zeiten hätte der sich inzwischen im Ruhestand befindende Zahnarzt dieses Gerät keinem Patienten zeigen dürfen. Doch die Garage ist ohnehin sein Reich. Seine Komfortzone, in der er sich jahrzehntelang vom Praxisalltag erholt hat, und in der der 68-Jährige heute noch so oft es möglich ist an seinen geliebten Oldtimern schraubt.

Kunst im Blut. Das Restaurieren von Oldtimern ist ähnlich wie das Restaurieren von Gebissen eine wahre Kunst. Und die Kunst liegt Stevenson im Blut. Sein Ur-Urgroßvater war der Bruder des Großvaters eines gewissen Robert Louis Stevenson. Der schottische Autor schrieb einst Werke wie „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ oder das berühmte Epos „Die Schatzinsel“. Herausgefunden hatte Christoph Stevenson seine Verwandtschaft zum Namensvetter, als er zu seinem 15. Hochzeitstag im Jahr 1989 eine Karikatur des Autoren geschenkt bekam, die er für seine eigene hielt. Die frappierende Ähnlichkeit sollte kein Zufall sein, wie er schon bald bei Recherchen herausfand. Zahnarzt und Oldtimer-Restaurator war er zu dieser Zeit aber schon längst. Es mag sein, dass ihm die Muse bereits durch die familiären Verbindungen im Blut lag, doch das erste wirkliche Interesse an Technik entstand bei Christoph Stevenson dadurch, dass er mit seiner Familie in Rottweil auf einem Fabrikgelände aufwuchs. Sein Vater arbeitete dort als Personalleiter, die Familie hatte eine Wohnung auf dem Werksgelände. „Ich hatte dort kaum Kontakt zu anderen Kindern, habe also ständig bei den Handwerkern herumgeschnüffelt und mir erklären lassen, was sie dort machen“, sagt er. Sein erstes eigenes Auto bekam er mit 13. Einen DKW-Kombi, den er an einer Tankstelle entdeckt hatte, der aber den Kindern des Tankwarts gehörte, die ihn zum Spielen benutzten. 

Lego gegen Auto. Das Glück für den jungen Christoph Stevenson: Die Kinder waren bereit, ihr Spielgefährt gegen eine Modelleisenbahn und ein paar Lego-Baukästen einzutauschen. Auf dem geschlossenen Werksgelände tüftelte der spätere Zahnarzt am Motor, restaurierte ihn und machte seine ersten Fahrversuche. Später, noch zu Schulzeiten, half er selbst an einer Tankstelle aus und entdeckte wieder ein Auto, das ihn interessierte. Einen Mercedes 180, den der Tankwart nicht mehr brauchte. Wieder handelte Christoph Stevenson. Diesmal bekam er das Gefährt für eine Flasche Asbach und hatte das nächste Auto, an dem er schrauben konnte. Als er schließlich kurz vor dem Schulabschluss sein eigenes Unternehmen „Jimmys Allrounddienst“ gründete – benannt nach seinem Spitznamen und spezialisiert auf handwerkliche Hilfstätigkeiten – schien sein Weg bestimmt. Doch dann kam alles anders. „Meine damalige Tanzstundenfreundin war die Tochter eines Zahntechnikermeisters“, erinnert er sich. „Durch sie kam ich in dieses Umfeld und fand es interessant.“ Als nach dem Abitur die Bundeswehr bei ihm anklopfte, tat er sein Bestes, um der Wehrpflicht zu entgehen. Er entschied sich für eine Ausbildung zum Zahntechniker. Die gefiel ihm so gut, dass sein Berufswunsch geboren war: Zahnarzt. Doch die fünfjährige Wartezeit wegen seines mäßigen Notenschnitts brockte ihm schließlich doch noch den Wehrdienst ein – nicht zu seinem Nachteil. Er ließ sich auf die Zahnstation versetzen und arbeitete fortan dem inzwischen verstorbenen Ehrenvorsitzenden der KZV BW, Dr. Peter Kuttruff, zu, mit dem er in seiner Freizeit gemeinsam an dessen Porsche schraubte. „Wir standen da im Stevenweißen Kittel und haben das Auto hergerichtet“, erzählt Stevenson.

400 Mark für ein Auto. In dieser Zeit, im Jahr 1975, kaufte sich Stevenson einen Mercedes 170 DS. 400 Mark kostete das Auto damals. Es war der Beginn einer langen Leidenschaft. „Auf diese Automarke habe ich mich später spezialisiert, sagt er. Der Wagen diente ihm während des Studiums als fahrbarer Untersatz. Später war es sein Hochzeitsauto. „Der Nachbar ahnte schon was, als ich es blitzblank geputzt habe, ihm von der Hochzeit aber nicht erzählt hatte“, sagt Stevenson und lacht. Noch heute steht der moosgrüne Wagen in seiner Werkstattgarage. Die Motorhaube ist geöffnet, der mehr als 40 Jahre alte Motor kommt dort zum Vorschein und sieht aus wie neu. „Wenn der TÜV da ist, findet er nie etwas“, sagt Stevenson, der im Kellergeschoss seiner Werkstattscheune noch zwei Unimogs stehen hat. Einen davon hat er zum Elektrowagen umgerüstet. Direkt daneben demonstriert er einen 43er Willys-Overland. Ein altes amerikanisches Armeefahrzeug, das am D-Day in der Normandie landete und anschließend die Nazis aus Frankreich vertrieb. Ein Stück Geschichte, liebevoll hergerichtet und heute als Forstfahrzeug im Einsatz. „Damit hole ich unser Brennholz“, sagt Christoph Stevenson, der wohl einen ganzen Tag lang über seine restaurierten Fahrzeuge philosophieren könnte. Man merkt ihm an, wie sehr sein Herz an seinem Hobby hängt, das „sich selbst finanziert, denn wenn man ein Auto irgendwann mal verkauft, hat man die ganzen Materialkosten auch wieder drin.“ Verkaufen – das macht der Zahnarzt im Ruhestand aber äußerst ungern. Lieber fahren seine Frau und er die Autos noch selbst, so lang es geht, oder führen sie vor.

Ein Schmuckstück. So wie beim ziegelroten 170-S-Cabrio. Den Mercedes kaufte Stevenson im Urzustand, verrostet, verwahrlost und ohne Motor in der Schweiz für 1000 Franken. Er richtete ihn liebevoll her und hat damit schon ein Brautpaar zur Kirche gebracht. Heute ist das Auto gut und gerne das 30-fache wert. Aber das ist dem Restaurator nicht wichtig. Er lebt sein Hobby, er liebt den Duft des Metalls, der in der Luft liegt und die Funken, die beim Schweißen durch den Raum wehen – und die Tatsache, dass es sich all die Jahre perfekt mit dem Zahnarztberuf ergänzt hat. „Das ist sich wirklich sehr ähnlich. Schließlich sollte man auch als Zahnarzt wissen, in welche Richtung man eine Implantatschraube aufdreht. Aber es ist auch gut, mal etwas technisches ohne Menschen zu machen, als Ausgleich.“ Den Ausgleich braucht er als Rentner zwar nicht mehr. Doch eines ist sicher: Langweilig wird es Christoph Stevenson im Ruhestand noch lange nicht.

» christian.ignatzi@izz-online.de