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Kultur

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt „Mixed Realities“

 

Ausgabe 7, 2018

Mit der Ausstellung „Mixed Realities“ stellt sich das Kunstmuseum Stuttgart als erste museale Einrichtung in der Innovations- und Metropolregion Stuttgart den Fragen und Anforderungen, die sich im Umgang mit digitalen Strategien wie „Virtual Reality“ (VR) und „Augmented Reality“ (AR) für die Kunst ergeben. Die Ausstellung möchte die Anwendungsmöglichkeiten von VR und AR in der bildenden Kunst einem generationenübergreifenden Publikum vor- und zur Diskussion zu stellen.

Die Ausstellung vereint exemplarisch sechs Positionen, bei denen nicht ausschließlich digitale Verfahren Anwendung finden, sondern bei denen diese mit traditionellen analogen Medien, etwa Malerei oder Skulptur, eine Verbindung bilden. Tim Berresheim, Spiros Hadjidjanos, Daniel Steegmann Mangrané, Mélodie Mousset, Regina Silveira und The Swan Collective nutzen mit VR und AR als mediale Realitätserweiterungen neue Formate der illusionistischen Bildgestaltung und beleuchten deren ästhetischkünstlerischen Implikationen. Dabei wird nicht zuletzt der Tatsache Rechnung getragen, dass die analogen und digitalen Verfahren eine gemeinsame gedankliche Wurzel haben. Grundlegend für die bildende Kunst ist die Idee, eine dreidimensionale Wahrnehmung sowohl auf der planen Fläche im Bild als auch in räumlich-plastischen Objekten zu erzeugen.

Licht und Schatten. Das wichtigste Mittel hierfür war jahrhundertelang der Einsatz von Licht und Schatten beim Entwurf tiefenperspektivischer Szenen und illusionistischer Räumlichkeit. Es ging um die Nachahmung der Natur bis zur Sinnestäuschung. Eine theoretische Fundierung erhielten diese Verfahren wirkungsorientierter Realitätserweiterung im Konzept der „Mimesis“, das bis heute ein zentrales Moment ästhetischer Theorien geblieben ist. Der Begriff beschreibt die Bedingungen und Modi von Ähnlichkeit, Angleichung und Repräsentation, die den Ausgangspunkt für jedes künstlerische Schaffen bilden. Bereits früh gab es Versuche, diese Raumillusionen und Virtualitätserfahrungen zu steigern. So können etwa die römisch-pompejanische Wandmalerei und die Panoramen des 19. Jahrhunderts, die gänzlich neue immersive Perspektiven erschlossen, indem sie die Betrachter in das Bild integrierten, als Vorläufer der VR-Erfahrung gelten.

Bereicherung. Die Künstler der Ausstellung untersuchen, wie unterschiedliche reale und virtuelle Ausdrucksformen sich beeinflussen, miteinander korrespondieren, einander fortführen. Der Begriff „Mixed Realities“ unterstreicht die These der Ausstellung, dass digitale und analoge Welten nicht parallel nebeneinanderbestehen oder Gegensätze bilden, sondern ein Kontinuum formen, sich ergänzen und bereichern.

 

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt Ernst Ludwig Kirchner

 

Die unbekannte Sammlung

Ausgabe 7, 2018

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) hat alle Höhen und Tiefen des Lebens durchlaufen. Selbstbewusst bis zum narzisstischen Geltungsdrang war er rastlos in seiner Arbeitswut. 2018, im 80. Todesjahr des Künstlers, präsentiert die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart ihren großen Schatz von 82 Zeichnungen sowie 84 Druckgrafiken und elf illustrierten Büchern von Kirchner, der die Künstlergemeinschaft „Brücke“ mitbegründete.

Alle seine Schaffensperioden und wichtigen Themen wie Großstadt und Tanz, Landschaften auf Fehmarn und die Alpen sind in diesem bemerkenswerten Bestand vertreten. Vor allem Kirchners Druckgrafik ist außergewöhnlich, gibt es die einzelnen Blätter doch nur selten in Auflagen, sondern oft nur in jeweils wenigen Handdrucken.

Künstlergemeinschaft. Begleitend zur Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Die unbekannte Sammlung“ zeigt die Staatsgalerie im Grafik-Kabinett Blätter weiterer Mitglieder der Künstlergemeinschaft „Brücke“: Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Mueller sind mit Zeichnungen, Holzschnitten, Radierungen und Lithografien aus dem reichen Bestand der Graphischen Sammlung vertreten.

Fast 40 Jahre her. In diesem Umfang zeigte die Staatsgalerie zuletzt 1980 Kirchners Werke. Nach nunmehr 38 Jahren präsentiert das Museum erstmals wieder den kompletten Bestand, ergänzt durch einige Dauerleihgaben aus einer Privatsammlung. Alle in den 1920er- Jahren erworbenen Druckgrafiken Ernst Ludwig Kirchners wurden 1937 als „entartet“ beschlagnahmt, sodass erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem erneuten Aufbau der Kirchner-Sammlung begonnen werden konnte. Dazu gehört auch ein 1957 erworbenes Konvolut mit 143 Zeichnungen und Druckgrafiken.

Als Provenienz wurde bisher die „Sammlung Dr. Gervais, Zürich/ Lyon“ angegeben – ein Hinweis, der sich auch auf Blättern in anderen Museen findet und bislang ein Rätsel blieb.

Erfundene Sammlung. Ein Forschungsprojekt der Staatsgalerie Stuttgart hat aufgezeigt, dass alle Blätter aus dem Nachlass des Künstlers bzw. seiner Witwe Erna Kirchner (1884-1945) stammen und dass die „Sammlung Gervais“ offenbar eine Erfindung des Kirchner- Schülers Christian Laely (1913- 1992) war, um die Werke trotz Vermögenssperre nach Deutschland verkaufen zu können. Die Ausstellung richtet den Blick auf diesen unbekannten Teil der bedeutenden Sammlung in der Staatsgalerie und lässt die Faszination und Sinnlichkeit erfahren, die für Kirchner in der Kunst der Grafik lag.