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Leitartikel

Telemedizin – mitgestalten oder erleiden

Ausgabe 8, 2018

Der Staat prescht voran bei der Nutzung neuer digitaler Möglichkeiten im Gesundheitswesen. Dabei das Ziel klar vor Augen, die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Unter der Ägide des Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU), der erst fünf Monate im Amt ist, werden sukzessive neue Gesetze und Maßnahmen auf den Weg gebracht. Es ist an der Zeit, innerprofessionell mutig und verantwortungsbewusst zu handeln und mit eigenen Vorschlägen initiativ zu werden, um nicht als Claqueur und Zuschauer den unaufhaltsamen Entwicklungen hinterherzuschauen.

Für die erfolgreiche Weiterentwicklung unserer Gesundheitsversorgung ist das Vorantreiben der Digitalisierung die zentrale Voraussetzung. Diesen Anspruch versucht die Politik unter anderem mit Einführung des eHealth- Gesetzes seit Dezember 2015 zu verwirklichen. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen sieht das in seinem aktuell erschienenen Gutachten so. Gemäß seinem Slogan „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ wird dem Einsatz digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien in der Gesundheitsversorgung ein umfangreiches Nutzenpotenzial vorausgesagt. Dabei spielt die Förderung von Top-down-Großprojekten, wie zum Beispiel die Einführung der Telematik-Infrastruktur, des elektronischen Berufsausweises oder der elektronischen Patientenakte, eine wichtige Rolle. Neben dem ab Herbst angekündigten eHealth-II-Gesetz hat Gesundheitsminister Spahn taufrisch ein Eckpunkte-Papier für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) veröffentlicht, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll. Darin geht es beispielsweise um die Erweiterung der Aufgaben der Terminservicestellen. Niedergelassene Ärzte sollen zudem verpflichtet werden, mehr Sprechstunden anzubieten. Für unterversorgte und von Unterversorgung bedrohte Gebiete ist vorgesehen, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen künftig eigene Praxen eröffnen oder Versorgungsalternativen anbieten müssen. An diesem sicherlich auf Praktikabilität zu prüfenden Beispiel wird eines klar: Der Minister fackelt nicht lange. Seinem Generalvorwurf an die Körperschaften, sie bräuchten zu lange zur Umsetzung der vom Gesetzgeber getroffenen gesetzlichen Entscheidungen, müssen wir mittels aktiver regionaler Eigeninitiativen nach dem Bottom-up-Prinzip wirkungsvoll begegnen.

Ein guter Ansatz und ein mutiger Schritt in die gewünschte Richtung ist das Modellprojekt docdirekt der Ärzteschaft Baden-Württemberg. Das vom stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung des Landes, Dr. Johannes Fechner, den LZK-Delegierten auf der Vertreterversammlung der LZK Baden- Württemberg am 21. Juli präsentierte Modellprojekt ist deutschlandweit bisher einzigartig. Seit April dieses Jahres ist es möglich, an den Modellstandorten in Stuttgart und Tuttlingen nach der probeweisen Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes speziell für dieses Projekt eine Fernbehandlung mit Hilfe moderner digitaler Kommunikationstechniken durchzuführen. Und das ohne vorherigen persönlichen Kontakt des Arztes mit dem Patienten. Ziel ist es, durch den Einsatz von Teleärzten, einer einheitlichen Notrufnummer sowie spezieller patientennah erreichbarer Portalpraxen eine gezielte und schnelle Vermittlung der Patienten auch im Notfall zu erreichen, was insbesondere für ländliche Gebiete sehr nützlich sein kann.

Aus Sicht der zahnärztlichen Körperschaften interessant wäre es, die gemeinsame Umsetzbarkeit verschiedener telemedizinischer Modellprojekte zu prüfen. Mögliche Initiativen wären beispielsweise die Einrichtung eines zentralen „Zahnunfall-Zentrums“ nach Schweizer Vorbild oder die digitale Koordinierung im Zuge der bereits langjährig etablierten zahnärztlichen Patientenberatung. Auch vor dem Hintergrund wachsender Konkurrenz durch Medizinische Versorgungszentren als Großstrukturen zahnärztlicher Berufsausübung, die den kleinen Einzelpraxen nicht nur in Sachen Notfalldienst rund um die Uhr durch ihre Struktur im Vorteil sind, ist zu überlegen, wie die zahnärztlichen Körperschaften im Schulterschluss diesen beruflich existenziellen Herausforderungen mit einer wirksamen Strategie erfolgreich entgegenwirken können. Frei nach dem deutschen Soziologen Max Weber gilt für die Gesundheitspolitik und vor allem für die zahnärztliche Profession in heutiger Zeit umso mehr: Nur mit intensivem Bohren harter Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft zugleich lässt sich etwas verbessern. Lassen Sie uns noch heute damit beginnen!