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Einer von uns

Dieter Freise war einer der besten deutschen Sportlern

 

Gold nicht nur im Zahn

Ausgabe 8, 2018

Der Heidelberger Zahnarzt Dieter Freise war ein erfolgreicher Hockey- Nationalspieler. 1972 gewann er bei den Olympischen Spielen in München Gold. Im April dieses Jahres starb Dieter Freise. In der ZBW-Serie „Einer von uns“ erinnern wir an einen außergewöhnlichen Sportler, der einer von uns war – ein leidenschaftlicher Zahnarzt.

Dieter Freises Karriereweg schien ein Stück weit vorherbestimmt: Sein Vater Günther war Zahnarzt und begeisterter Hockeyspieler – da lag es nahe, dass sein Sohn in seine Fußstapfen treten würde. Mit welcher Bravour er dies tat, war im Februar 1945, als Freise in Heidelberg das Licht der Welt erblickte, noch längst nicht absehbar. Zehn Jahre später begann er mit seiner beispiellosen Laufbahn beim Hockeyclub Heidelberg. Zweimal erreichte er mit diesem Verein die deutsche Meisterschaft, mit der Nationalmannschaft wurde er Europameister, 1972 holte er noch als Student der Zahnmedizin Gold bei den Olympischen Spielen in München. Um sich voll und ganz auf die Teilnahme an den Spielen konzentrieren zu können, hatte er ein Urlaubssemester genommen. Den Erfolg sollte er nie vergessen. „Olympia-Gold ist das Größte, das es für einen Sportler gibt, egal ob Profi oder Amateur“, hat Freise einmal gesagt.

Favoritenschreck. Die deutsche Mannschaft gehörte damals nicht zu den Favoriten auf den Sieg. Zwar hatte man mit ihr rechnen müssen, doch die Hockey-Nationen Pakistan und Indien waren der KonZahnmedikurrenz damals immer einen Schritt voraus. Deutschland gewann dennoch im Finale mit 1:0 gegen die pakistanische Mannschaft. Es war ein Meilenstein in der Geschichte in diesem Sport. Die Hockey- Herrschaft der Asiaten war gebrochen. Noch heute treffen sich die Mitglieder der Gold-Mannschaft regelmäßig. „Da kommen wirklich alle, das ist bis heute geblieben“, sagt Dieter Freises Witwe, Juliane Freise. „Der Zusammenhalt in dieser Mannschaft war großartig.“ 1982 wurde Freise zum letzten Mal mit dem HC Heidelberg deutscher Meister, ehe er sich auf seinen Job konzentrierte und Gold nicht mehr aus sportlichen Leistungen herausholte, sondern in die Gebisse seiner Patienten einsetzte.

Neuer Abschnitt. Zumindest tagsüber in der Praxis, denn der Sport war nach wie vor ein wichtiger Teil seines Lebens, wie sich Juliane Freise erinnert, die er im Jahr 1984 heiratete. „Bis 1986 hat er sogar noch in der Bundesliga gespielt, da musste er natürlich viel trainieren.“ Und nach seiner aktiven Zeit ging die sportliche Laufbahn auf der Trainerbank weiter. Jugendmannschaften, die Damenmannschaft, „ich war immer dabei, wenn er bei Spielen war“, erzählt Juliane Freise, die an Trainingstagen wohlwollend akzeptierte, nicht so viel von ihrem Mann zu haben. „Er hatte einen straffen Tagesablauf“, erinnert sie sich: Kurz nach sieben war Freise in der Praxis und machte seine Vorbereitungen. Die Mittagspause nutzte er dazu, seine Trainingspläne auszuarbeiten und direkt nach dem Praxistag ging es auf den Hockeyplatz. Zurück war er an den zwei Trainingstagen pro Woche erst gegen halb elf Uhr abends. Dazu kamen häufige Doppelwochenenden mit Spieltagen. „Das war mit viel Aufwand verbunden, aber er hat für den Hockeysport gelebt. Ich habe ihn unterstützt, so gut es ging“, sagt Juliane Freise, die auch an die Zahnarzttätigkeit ihres Mannes erinnert, die plötzlich eine große Verantwortung mit sich brachte, denn „als sein Vater verstorben ist, musste er kurzfristig die Praxis übernehmen. Das war im Jahr 1976.“

Neue Herausforderung. Der junge Mann, der auf dem Hockeyfeld als großer Kämpfer bekannt war, hatte eine neue Herausforderung abseits des Platzes vor sich. Der damals 31-Jährige musste beweisen, dass er den anspruchsvollen Amateursport und die berufliche Tätigkeit unter einen Hut bringen konnte – und lernte bald, dass beides mehr gemeinsam hat, als man auf den ersten Blick sieht, erzählt seine Frau: „Ich denke schon, dass der Hockeysport und die Zahnmedizin eng verbunden sein können, weil man für beides sehr viel Ausdauer braucht.“ Die Genauigkeit, die Akribie, das Auge: All das benötige man sowohl in der Zahnarztpraxis als auch auf dem Hockeyplatz. „Und so, wie er seinen Sport angegangen ist, hat er es auch in der Praxis gehalten. Er bereitete alles akribisch vor und kümmerte sich einfühlsam um seine Patienten.“ Das Verhältnis zu seinen Patienten war Freise besonders wichtig. Als Teamplayer hatte er schon vor seinem Berufsleben immer ein Auge auf andere gehabt, doch als er von jetzt auf gleich die Praxis seines Vaters übernehmen musste, waren sehr viele ältere Patienten dabei, die seine Eltern kannten. „Ihm war immer wichtig, dass er die Praxis so weiterführt, wie sie es auch gemacht haben“, sagt Juliane Freise. Und wenn auch mal ein Patient kam, der sich nicht viel leisten konnte, kam Freise einem armen Rentner gern entgegen. „Er war auf dem Hockeyplatz wie auch als Mensch einfach immer für sein Fairplay bekannt“, sagt seine Witwe.

Vom Hockey zum Golfen. Als er schließlich 2009 seine Praxis übergab und in die verdiente Rente eintrat, tauschte er den Hockey- gegen den Golfschläger. „Wir Hockeyspieler treffen auch Golfbälle, auch wenn die kleiner sind“, scherzte er damals. Seine Frau begleitete ihn gern als Caddy, noch viel mehr Freude machten ihr aber die gemeinsamen Fahrten im Wohnmobil in die zur zweiten Heimat gewordene Toskana oder zum Skifahren in die Berge. Im April starb Freise im Alter von 73 Jahren in Heidelberg. Die Stadt in der Kurpfalz verlor einen ihrer größten Sportler. Dieter Freise zählte in seiner aktiven Zeit zu den besten Spielern der Welt. 86 Mal (73 Mal im Feld, 13 Mal in der Halle) stand er für die Deutsche Nationalmannschaft auf dem Hockeyplatz, in den sechziger-Jahren entwickelte er sich zu einer wichtigen Stütze des Nationalteams. 1971 wurde er Deutscher Meister in der Halle, 1982 errang er die Meisterschaft ein zweites Mal, diesmal im Feld. Er hinterlässt seine Frau und zwei Töchter.

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