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Fortbildung

Zahnärztliche Maßnahmen beim Kleinkind

 

Narkose bei Milchzahnkaries

Ausgabe 10, 2018

Die Nuckelflaschenkaries ist in Deutschland mit einer Prävalenz von rund 10 bis 17 Prozent bei Dreijährigen [Team DAJ 2017] ein relevantes Problem. Bei schweren Formen ist mitunter eine Behandlung in Narkose nötig. Neben den verschiedenen Behandlungsmaßnahmen wie Zahnextraktionen, die häufig durchgeführt werden, wirft dies auch Fragen nach dem nachfolgenden Management auf.

Ein zweieinhalbjähriges Mädchen wurde von seinen Eltern in der Abteilung Kinderzahnheilkunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universitätsmedizin Greifswald mit dem Wunsch nach „Schmerzfreiheit“ vorgestellt. Bei diesem kleinen Mädchen wurde nach einer Desensibilisierung über die Individualprophylaxe eine eingehende Diagnostik durchgeführt. Aufgrund diverser tief kariöser Zähne und akuter Zahnschmerzen bei mangelnder Kooperation bzw. Kooperationsfähigkeit wurde eine zahnärztliche Behandlung in Narkose inklusive nachfolgendem Management durchgeführt und anschließend ein regelmäßiger Recall geplant.

Untersuchung und Beratung. Eine intraorale Untersuchung bei Erstvorstellung ergab, dass im Oberkiefer alle Zähne bis auf die Milch-Dreier und Milch- Fünfer tief kariös zerstört waren und aufgrund der Schmerzanamnese die Diagnose diverser irreversibler Pulpitiden nahelag (Abb. 1a). Im Unterkiefer wiesen nur die zwei Milch-Vierer kavitierte kariöse Läsionen bis ins Dentin auf, die vor der Reinigung klinisch wegen Plaquebedeckung nicht sichtbar waren (Abb. 1b). Zur Abschätzung der Kooperation und Desensibilisierung für eine potenzielle Behandlung wurden die Zähne mit einer Plaque-Anfärbelösung touchiert (Abb. 2a) und mit einem rotierenden Bürstchen und hochdosiertem Fluoridgel gereinigt (Abb. 2b). Dazu wurden verschiedene Techniken der Verhaltensformung (wie Tell-Show-Do und Pausen-Hand) [AAPD 2005] und der hypnotischen Kommunikation genutzt.

Außerdem wurden die Eltern zu Mundhygiene- und Ernährungsgewohnheiten befragt, beraten und instruiert. Dies erfolgte über die Technik der motivierenden Gesprächsführung, einem erfolgreichen und wissenschaftlich anerkannten Beratungsansatz mit dem Ziel, die intrinsische Motivation zur Verhaltensänderung zu stärken [Miller und Rollnick 2015]. Dabei wird nicht einfach nur die Information mitgeteilt, sondern durch gezielte offene Fragen und aktives Zuhören eine Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand beim Patienten/Elternteil erzeugt und dadurch die Selbstwirksamkeit gestärkt. Die Eltern berichteten, dass sie die Nuckelflasche bereits seit einigen Monaten nicht mehr nutzten und die Zähne ihres Kindes nun täglich mit Kinderzahnpasta (500 ppm Fluorid) nachputzten. Durch das Anfärben der Zähne wurde die Menge der noch vorhandenen Plaque den Eltern deutlich visualisiert. Erst nach der Plaqueentfernung (Nachputzen der Eltern + PZR mit rotierendem Bürstchen) konnten (wie bereits beschrieben) insbesondere die kariösen Läsionen auf den Kauflächen der ersten Milchmolaren im Unterkiefer diagnostiziert werden.

Therapieplanung. Nach der Untersuchung folgte eine Beratung zu den Therapiezielen. Das Ergebnis: Lebensqualität mithilfe langfristig gesunder Zähne und ein vertrauensvolles Verhältnis zum Zahnarzt. Durch informierte Zustimmung fiel die Entscheidung über eine Behandlung in Narkose und es erfolgte eine umfassende Aufklärung über die geplante Behandlung. Den Eltern wurden neben den geplanten Behandlungen der Zähne (Extraktion, Stahlkronen, Füllungen und Versiegelungen) die Vorteile (Lückenmanagement im Seitenzahngebiet, Ästhetik, Sprache) und Nachteile (Kosten, Kooperation, Mitarbeit nötig) einer Oberkieferprothese erklärt. Die Eltern sprachen sich dafür aus, dass sie kurz- bis mittelfristig im Oberkiefer ihres Kindes eine Kinderprothese wünschten (nach Extraktion in ITN), sobald die Kooperation des Kindes es zulässt. In der partizipativen Entscheidungsfindung zwischen Eltern und Zahnarzt wurde beschlossen, die Mitarbeit des Kindes während privat zu bezahlenden Desensibilisierungsterminen zu verbessern, um die Abformungen bei einem der Nachkontrollbesuche nach der Narkosebehandlung durchführen zu können. Die Mitarbeit bei diesem Behandlungsschritt sollte auch einen Hinweis auf ein späteres regelmäßiges Tragen der herausnehmbaren Apparaturen geben können.

Zahnärztliche Maßnahmen in Narkose. In der Narkosebehandlung wurden im Oberkiefer die Zähne 54, 52, 51, 61, 62 sowie 64 extrahiert und die beiden Eckzähne mittels Frasaco-Strip-Kronen restauriert (Abb. 3a). Im Unterkiefer wurden die Milch-Vierer mit einer Stahlkrone versorgt (Abb. 3b). Alle sich zum Teil noch im Durchbruch befindlichen kariesfreien zweiten Milchmolaren wurden mit Glasionomerzement (temporär) versiegelt (Abb. 3a und b).

Maßnahmen nach ITN. Bereits zwei Wochen nach ITN konnten bei dem Mädchen die Alginatabformungen im Oberkiefer erfolgen. Im Lauf einer Woche wurde die Kinderprothese anhand des Modells vom Dentallabor angefertigt (Abb. 4). Eine Woche später wurde die Oberkieferkinderprothese eingesetzt (Abb. 5a und b). Ein Recall-Intervall von drei Monaten wurde empfohlen. Zudem sollte bereits in Anlehnung an die europäische Leitlinie [EAPD 2009] im Gegensatz zur Deutschen Empfehlung [DGZMK 2002] mit einer kleinen Menge Juniorzahnpasta (>1000 ppm Fluorid) geputzt und nachgeputzt werden. Bei den Folgebesuchen wies das Kind weiterhin eine altersgerechte gute Mitarbeit auf, trug laut Aussage der Eltern die Prothese bzw. den Lückenhalter täglich und war zufrieden mit dem Aussehen. Die Sprachentwicklung, insbesondere die Lage und Funktion der Zunge, konnten laut Aussage und Einschätzung der Mutter verbessert werden.

Diskussion. Bei Kleinkindern stellt sich stets die Frage, ob alle geplanten und indizierten Behandlungen ambulant mit Lokalanästhesie ohne wesentliche Traumatisierung des Kindes durchführbar erscheinen oder unter Umständen nur in Narkose möglich sind. Das geringe Alter des Kindes bedingt in der Regel eine geringe Kooperationsfähigkeit. Die geringe Kooperation dieses Kindes bei einfachen Maßnahmen wie Zähne putzen ließ den Schluss zu, dass u. a. multiple Extraktionen kaum ambulant möglich sein werden, außer mit „Fixierung“ des Kindes. Zudem bestand die Notwendigkeit, eine Vielzahl von sehr invasiven Maßnahmen wie Extraktionen durchzuführen. Daher war hier eine Indikation für eine zahnärztliche Behandlung in Narkose gegeben. Bei einer Behandlung in Narkose kann das gesamte Gebiss in einer Sitzung zahnärztlich behandelt werden; dabei sollte jedoch immer die Gesamtdauer berücksichtigt werden. Je nach Patient und Absprache mit dem Anästhesisten sollten Zahnbehandlungen in Narkose im Regelfall nicht wesentlich länger als rund eineinhalb Stunden betragen. Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen können nach einer Narkose auftreten, schwerwiegendere Komplikationen wie Herzstillstand oder allergischer Schock sind zwar äußerst selten, aber zwingend bei der Narkoseindikation und -aufklärung zu berücksichtigen. Ziel der Zahnbehandlung in Narkose ist es, zügig eine schmerzfreie und hygienefähige Mundhöhle zu schaffen, welche dem Kind eine den Umständen entsprechende bestmögliche Voraussetzung für die weitere Gebissentwicklung bietet. Zudem sollten später möglichst keine invasiven Zweitbehandlungen an Zähnen oder gar eine zweite Narkose benötigt werden.

Extraktion. Ein Erhalt von Zähnen, deren Verbleib in der Mundhöhle trotz Behandlung bis zum physiologischen Zahnwechsel unwahrscheinlich ist, sollte deshalb in der Regel nicht erfolgen. Bei Zähnen, die für die Gebissentwicklung sehr wichtig sind, kann es aber gerechtfertigt sein, einen größeren therapeutischen Aufwand zu betreiben. In diesem Fall wurden die tief kariösen Zähne 54, 52, 51, 61, 62, 64 extrahiert. Die Indikation zur Extraktion der zerstörten oberen Schneidezähne war aus unserer Sicht neben der Schmerzanamnese die klinisch offene Pulpa und auch die sichtbaren Fisteln vestibulär. Eine Behandlung mittels Pulpotomie bzw. Pulpektomie und nachfolgender Stahlkronenversorgung wäre bei 54 und 64 ggf. möglich gewesen, aber die Prognose für die beiden Zähne erschien uns bezüglich der Wertigkeit für die Gebissentwicklung nicht hoch genug, um das Risiko einzugehen, bei einem Misserfolg eine zweite Narkose zur Zahnentfernung durchzuführen.

Stahlkronen. Im Unterkiefer wurden die ersten Milchmolaren mit Stahlkronen versorgt. Alternativ könnte eine einflächige Läsion auch mit Kompomer versorgt werden. Konfektionierte Stahlkronen gewährleisten jedoch in der Kinderzahnheilkunde einen besseren klinischen Erfolg im Vergleich zu Füllungen [Santamaría et al. 2017], denn sie verringern das Risiko von Misserfolgen und folglich von Zweitbehandlungen deutlich [Innes et al. 2015]. Die Entscheidung für eine Kompomerfüllung anstelle einer Krone, insbesondere bei Kariesrisikokindern und bestehender Kariesaktivität wie in diesem Fall, hat häufigere Komplikationsraten sowie Nachbehandlungen zur Folge. Dies wird durch eine einfache Berechnung klar: Bei einer Annahme von zwei behandlungsbedürftigen Zähnen mit einer achtzigprozentigen Zweijahres-Erfolgsrate pro Milchzahnfüllung [Quist et al. 2010] im Gegensatz zur niedrig angesetzten Erfolgsquote von 90 Prozent pro Stahlkrone [Messer und Levering 1988] beliefe sich der Zweijahreserfolg auf Patientenebene bei den zwei Füllungen auf 64 Prozent und bei den Stahlkronen auf mindestens 81 Prozent. Bei einer Annahme von vier behandlungsbedürftigen Zähnen beliefe sich der Zweijahreserfolg auf Patientenebene bei den Füllungen auf 0,84 = 0,41 (41 Prozent) vs. immerhin noch 0,94 = 0,66 (66 Prozent) bei den Stahlkronen. Die zweiten Milchmolaren im Ober- und Unterkiefer wurden mit Glasionomerzement (GIZ) versiegelt, denn das Kariesrisiko bei diesem Kind wurde als sehr hoch eingestuft. Die Trockenlegung ist aufgrund der sich z. T. noch im Durchbruch befindlichen Zähne (Schleimhautkapuze) schwierig und zeitintensiv, sodass GIZ gewählt wurde, was eher als Übergangslösung angesehen werden kann.

Lückenmanagement mittels Kinderprothese. Die Entscheidung zur Anfertigung einer Kinderprothese beim Kleinkind sollte nach sorgfältiger Abwägung erfolgen. Auch wenn neben der Ästhetik mitunter die Sprache und die Kaufunktion verbessert werden können [Sacramento 2011], gelingt dies nur, sofern die Prothese auch tatsächlich getragen wird. Der ausdrückliche Wunsch und der Wille des Kindes, die Kinderprothese zu tragen, sind dafür sehr wichtig. Die Mitarbeit bei der Abformung ist ein möglicher Indikator dafür, ob ein größerer Fremdkörper im Mund potenziell toleriert wird. Laut Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) zur Indikation und Gestaltung von Lückenhaltern nach vorzeitigem Milchzahnverlust wird ein Lückenhalter erst empfohlen, wenn sich nach Abwarten über sechs Monate eine Lückeneinengung von unter einem Millimeter ereignet [DGZMK 2004]. Dies steht im Widerspruch zu der amerikanischen Leitlinie, die generell den Einsatz von Lückenhaltern zur Vermeidung von Platzeinengung empfiehlt. Studien zeigen, dass zudem der Hauptteil der Lückeneinengung in den ersten Monaten geschieht [Padma Kumari und Retnakumari 2006; Cuoghi et al. 1998].

Ungenügende Evidenz liegt zurzeit darüber vor, bei welchen Patienten die Wahrscheinlichkeit für Lückeneinengung am größten ist und wann ein Lückenmanagement folglich zwingend erfolgen sollte. Bei grober Abwägung von Kosten und Nutzen sind die Kosten selbst bei einer Vielzahl an „unnötig präventiv“ eingesetzten Lückenhaltern für die Krankenkassen insgesamt geringer als bei den in der Regel sehr kostenintensiven KFO-Behandlungen nach Lückeneinengung für vergleichsweise wenige Patienten. Diesem Mädchen konnte über die Anfertigung einer Kinderprothese zugleich die Chance auf den Platzerhalt und die ästhetische Rehabilitation gegeben werden, wenn sie regelmäßig getragen wird.

Präventionsmaßnahmen. Das Kind wurde vom Erstbesuch an in der Individualprophylaxe betreut. Aspekte der spezifischen Ernährungsberatung bei ECC (hochfrequenten Konsum zuckerhaltiger Getränke unterlassen), Fluoridierung der Zähne mit hochdosierten Präparaten in der Praxis und eine höhere Fluoridnutzung beim häuslichen Zähneputzen sind wichtig. Die alleinige Beratung ist jedoch meist nicht nachhaltig. Daher sollte z. B. die Beratungstechnik der motivierenden Gesprächsführung angewandt werden, denn sie stellt einen erfolgreichen und wissenschaftlich untersuchten Beratungsansatz dar [Miller und Rollnick 2015]. Ziel ist es, die intrinsische Motivation zur Verhaltensänderung, also auch die Selbstwirksamkeit, zu stärken und dadurch beim Patienten bzw. bei den Eltern einen nachhaltig positiven Einfluss auszuüben. Eine regelmäßige und verhältnismäßig engmaschige Kontrolle sollte insbesondere bei Kindern nach Narkose erfolgen, um die Mundhygiene zu kontrollieren und ggf. Remotivation zur Verbesserung anzubieten und Fluoridapplikationen durchzuführen. Auch das frühzeitige Erkennen und die Behandlung neuer kariöser Läsionen sind wichtig, denn auch wenn es vermeidbar ist, ist das Auftreten neuer Karies bei Kariesrisikokindern zumindest wahrscheinlich. So stellt Karieserfahrung im Milchgebiss einen guten Vorhersagefaktor für Karieszuwachs im bleibenden Gebiss dar [Schmoeckel et al. 2013]. Dem Vertrauensaufbau bzw. dem Abbau von Zahnarztangst durch regelmäßige einfache Prophylaxebesuche kommt bei den Kindern im Recall nach der Narkosebehandlung auch eine wichtige Rolle zu.

Fazit. Zahnbehandlungen in Narkose stellen nur einen ersten Schritt zum Ziel hoher oraler Lebensqualität dar, welche erst durch ein nachfolgendes langfristiges Management erreicht werden kann. Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www. zahnaerzteblatt.de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

Dr. Julian Schmoeckel, ZA Mohamed Baider, Prof. Dr. Christian H. Splieth, Abt. für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Universitätsmedizin Greifswald

 

Fortbildungstag 2018 an der Universitätsklinik für ZMK in Tübingen

 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit auf allen Ebenen

Ausgabe 10, 2018

Etwas Besonderes hatte sich die Tübinger Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde für ihren diesjährigen Fortbildungstag ausgedacht: Zum 50-jährigen Jubiläum des Eugen-Fröhlich-Fonds hat sie zusammen mit der Vereinigung für Wissenschaftliche Zahnheilkunde Stuttgart zwei hochkarätige externe Referenten geladen und dazu die alten und neuen Lehrstuhlinhaber in den Fächern Zahnerhaltung und Kieferorthopädie ans Katheder gebeten. Daraus wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Siegmar Reinert eine nicht nur lehrreiche, sondern auch vergnügliche Fortbildungsveranstaltung.

Das reine Vergnügen kam erst ganz zum Schluss, als Dessert sozusagen, denn Prof. Dr. Dr. Peter Proff, Ärztlicher Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie am Universitätsklinikum Regensburg, ging in seiner „Festrede“ auf das Thema „Der Zahn der Zeit in der Literatur, Kunst und Heilkunde der Antike“ ein. So kamen im Original und in Übersetzungen römische Dichter und Denker wie Cato, Seneca, Tacitus und Martial zu Wort. Auch Galen, der griechische Leibarzt von Marc Aurel, der kein Heilmittel gegen Zahnfleischschwund wusste und Aristoteles, der meinte, dass Zähne lebenslang nachwachsen, wurden zitiert. Betrachtungen zum Alter in der Antike, in der die durchschnittliche Lebenserwartung 22 bis 25 Jahre betrug und ein Mann mit 60 längst im Greisenalter war, rundeten den Vortrag ab.

Fonds und Fortbildung. Zuvor aber war fachliche Fortbildung auf der Tagesordnung, die ein hochkarätiges Publikum interessiert verfolgte – ganz im Sinne des Eugen- Fröhlich-Fonds. Benannt nach dem Direktor des damaligen Zahnärztlichen Instituts in Tübingen, wurde der Fonds ins Leben gerufen, um den Klinikbau finanziell zu unterstützen. Im Gegenzug wurde den spendenfreudigen Zahnärzten kostenlose Fortbildung geboten. Lehre und Forschung waren damals „durch Kürzungen im staatlichen Haushalt eingeschränkt“, wie Prof. Reinert in seiner Begrüßung betonte und dabei durchaus Parallelen zu heutigen Problemen sah. Zwar konnte Prof. Dr. Diana Wolff berichten, dass für die Sanierung der Zahnklinik 18 bis 20 Millionen Euro zur Verfügung stehen werden, denn die 1967/68 eröffnete Zahnklinik, die damals 20,5 Millionen DM gekostet hat, bedarf dringend einer Sanierung.

Blick zurück. In die Vergangenheit blickte auch Prof. Dr. Claus Löst an diesem 14. Juli 2018. Er war von Prof. Wolff, seiner Nachfolgerin auf dem Lehrstuhl für Zahnerhaltung, eingeladen worden, zum Thema „Was hatte die Zahnerhaltung bisher im Angebot – und was gilt noch?“ zu sprechen. Ausführlich ging er auf Themen wie Rezessionsdeckung und Bindegewebstransplantate ein, letztere bezeichnete er als „Overtreatment“. Grund für Rezessionen ist oft falsche Zahnbürste, „eine Waffe gegen sich selbst“. „Give teeth a chance“ heißt sein Credo, wenn es darum geht, um jede Wurzel zu kämpfen. Interessant waren daher auch seine Ausführungen zu den Indikationen für Wurzelspitzenresektionen. Besonders am Herzen liegt dem Emeritus die dentale Traumatologie, für die er sich ein Zahnunfallzentrum wünscht, das interdisziplinär arbeitet und in dem ein Arzt die Koordination übernimmt, damit die Primärversorgung stimmt.

Schwerpunkte heute. Wie das neue Leben bei den Tübinger Zahnerhaltern aussieht, schilderte Prof. Wolff, der Tagungsleiter Prof. Reinert ein breites wissenschaftliches Spektrum attestierte. Sie sprach von einem ihrer Schwerpunkte, der unter dem Rubrum „Gesund von Zahn bis Fuß“ dem Biofilm und den Bakterien des gesamten Körpers auf der Spur ist. In einem Verbundprojekt der Universitäten Freiburg, Heidelberg und Tübingen zum Thema Antibiotika- Resistenzen wird auch der Frage nachgegangen, ob der Biofilm im Mund Reservoir für Resistenzen sein kann. Mit der Erkenntnis, dass nicht die Menge der Bakterien, sondern eine Dysbiose des Biofilms zur Volkskrankheit Parodontitis führt, ist man ganz nah an die Medizin herangerückt. Ein entgleister Biofilm, der über den Sulkus in die Blutbahn gelangt, hat viele negative Auswirkungen auf den Gesamtorganismus.

>Gute Lehre. Auch die Patientenversorgung, die präventiv, minimalinvasiv und individuell ausfallen soll, hat sich im Lauf der Jahre verändert. Heute hat man viele Möglichkeiten Zähne zu erhalten, die noch vor Jahren als hoffnungslos galten. Durch Adhäsivtechnik und Komposite, durch direkte Zahnformkorrekturen, glasfaserverstärkte Kompostitbrücken und direkte Komposit-Veneers kann der Lebensweg eines kompromittierten Zahnes beträchtlich verlängert werden. Mit einem Ausblick auf den heutigen Universitätsbetrieb schloss Prof. Wolff ihre Ausführungen. „Wir machen eine gute Lehre“, die direkt am Patienten stattfindet, was man in der Humanmedizin erst gerade in die Didaktik einführt.“

Lückenschluss. Dem konnte Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, nur beipflichten. Der Ärztliche Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Uniklinik Heidelberg hatte sich der schwierigen Aufgabe gestellt, neue Optionen der Zahnerhaltung beim Lückenschluss vorzustellen. So zeigte er anhand eindrucksvoller Bilder Beispiele zum Lückenschluss als Ergänzung zu implantologischen, prothetischen und kieferorthopädischen Interventionen. Bei Einzelzahnlücken im Seitenzahnbereich empfahl er den Lückenschluss durch Zahnverbreiterung oder Zahnanhänger. Widersprochen hat er der oft geäußerten Meinung, dass Implantate zum Einzelzahnersatz zu einem besseren Erhalt von Knochen und Weichgewebe führen.

Angle-Klassen auf der Spur. Prof. Dr. Dr. Gernot Göz, dessen Vortrag ein „Kaleidoskop der Kieferorthopädie“ versprach, hatte gleich zu Beginn eine hübsche Anekdote parat: Die relative Lagebeziehung des menschlichen Ober- und Unterkiefers, die weltweit durch die Angle-Klassen beschrieben wird, hätte beinahe Bierkasse-Klasse heißen müssen. Die Familie des Kieferorthopäden Edward H. Angle, der 1855 auf einer Farm in Pennsylvania geboren wurde, hatte eigentlich Bierkasse geheißen, ehe sie sich einen amerikanischen Namen gab. Mit Angle-Klassen ging es dann auch gleich weiter, denn Prof. Göz, emeritierter Ordinarius und Ärztlicher Direktor der Abteilung Kieferorthopädie der Universität Tübingen und heute in freier Praxis tätig, zeigte eine Reihe von Prominenten, die Fehlstellungen der Klasse III aufweisen, darunter Roger Federer, Michael Phelps, Quentin Tarantino. Mit eindrucksvollen Bildern zur chirurgischen Dysgnathiebehandlung und Rehabilitation von Patienten mit kraniofazialen Anomalien, insbesondere Lippen-Kiefer- Gaumenspalten, dokumentierte er einen wichtigen Schwerpunkt seiner Arbeit in Tübingen.

Prächirurgische KfO. Sein Nachfolger Prof. Dr. Bernd Koos, der in der Hölderlinstadt studiert hat und seit April 2017 Ärztlicher Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie in Tübingen ist, kam aus Rostock an den Neckar. Er schilderte beispielhaft anhand der Pierre-Robin-Sequenz (RBS), die durch Mikrognathie, mandibuläre Retrognathie sowie Glossoptose gekennzeichnet ist, die prächirurgische Kieferorthopädie. Da viele der jährlich rund 80 Kinder mit RBS auch eine Gaumenspalte haben, die operativ verschlossen werden muss, wurde in Zusammenarbeit von Kinderärzten, Kieferorthopäden und Kieferchirurgen in Tübingen ein Therapiekonzept entwickelt, das seit mehr als 20 Jahren erfolgreich durchgeführt wird. Dabei spielt auch die Tübinger Atmungsgaumenplatte eine wichtige Rolle, die bereits in den ersten Lebenstagen eingesetzt werden kann, um den obstruktiven Atemstörungen entgegenzuwirken. Um Sprachentwicklung, Oberkiefer- und Unterkieferwachstum, Hörvermögen und Zahnentwicklung zu überwachen, ist eine engmaschige Kontrolle vorgesehen. Üblicherweise folgt eine kieferorthopädische Frühbehandlung ab dem 4. Lebensjahr und eine kieferorthopädische Hauptbehandlung ab dem 8. bis 9. Lebensjahr

D. Kallenberg