Zahnaerzteblatt.de

 

Einer von uns

 

Ein Leben im Dienst der Berufspolitik

Ausgabe 10, 2018

In der Serie „Einer von uns“ stellt das ZBW regelmäßig Kolleginnen und Kollegen vor, die neben dem Beruf etwas Außergewöhnliches auszeichnet. Dr. Gallus Sauter war mehr als 16 Jahre lang Vorsitzender der BZK Tübingen, früherer Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer und der FDI World Dental Federation.

Der Großvater: Zahnarzt. Der Vater: Zahnarzt. Dr. Gallus Sauters Weg schien vorgezeichnet, doch dann kamen ihm die Nazis in die Quere. Der heute 93-jährige gebürtige Oberschwabe war gezwungen, in den Krieg zu ziehen, statt wie es eine heutige Karriere vorsehen würde, an die Uni zu gehen, um die väterliche Praxis zu übernehmen. Bei der Marine geriet Sauter in Kriegsgefangenschaft, wo ihm seine zweite Leidenschaft, die Musik, wohl das Leben rettete. Als Musiker im russischen Lager erhielt er seinen ersten Verdienstorden – für Verdienste um die Kulturarbeit in der Sowjetunion. Am 3. November 1949 durfte Sauter wieder in die Heimat. Nun begann sein Leben ein zweites Mal. Und nun sollte es wirklich die Zahnmedizin sein. Doch leicht war es nicht. „Ich bewarb mich damals in Tübingen, Mainz, Freiburg“, erinnert sich Dr. Sauter, „und bekam sieben Absagen, ehe ich durch irgendeinen Zufall dann doch eine Zulassung in Tübingen bekam.“ Damals waren diejenigen Studenten bevorzugt, die keine NS-Vergangenheit hatten und etwa aus dem Ausland kamen. Doch Dr. Sauter bekam die zweite Chance und erlebte die Anfänge der modernen Zahnmedizin in den frühen Fünfzigerjahren. Im Mai des Jahres 1950 erhielt er seine Zulassung. „Das war eine Zeit, in der man an der Universität noch viel mehr gearbeitet hat.“ An vielen Abenden saß Dr. Sauter im Labor und schrieb gleichzeitig seine Doktorarbeit zum Thema Anatomie. „Ich hatte bei der Marine ein paar Semester Medizin studiert“, erzählt er. So kam die Affinität zum ungewöhnlichen Thema. Bis 1955 arbeitete er nach dem Staatsexamen und der Promotion noch in der Klinik. „In der Zahnmedizin war damals alles ein bisschen einfacher“, sagt Dr. Sauter. „Wir hatten ein Handtuch für alle. Das war der Semesterlappen.“ In Sachen Hygiene hatte man damals also noch viel zu lernen. „Wir haben ohne Handschuhe operiert und uns davor 20 Minuten mit Sagrotan die Hände gewaschen. Dann war alles in Ordnung.“ Auch Mundschutz und Kopfhaube gehörten nicht zur Ausrüstung der Behandler. „Aber passiert ist nie etwas“, sagt Dr. Sauter. „Wir haben eben für Hygiene gesorgt, soweit es möglich war.“ Alte Stühle und Bohrmaschinen ohne Turbine gehörten damals ebenso zur Tagesordnung.

Neues Leben. Als Dr. Sauter heiratete, verließ er die Uniklinik in Tübingen und zog nach Ravensburg, um sich in freier Praxis niederzulassen. 40 Jahre arbeitete er dort als Zahnarzt und Oralchirurg. „Die Oralchirurgie hat mir am meisten Spaß gemacht. Das war für mich interessanter als nur Abdrücke machen, Kronen Schleifen und Füllungen legen“, erzählt Dr. Sauter. „Verlagerte Weisheitszähne, das war mein Hauptgebiet.“ Doch schnell entdeckte er, dass es mehr gab, als den Praxisalltag. Seine Karriere in der Standespolitik begann 1975. „Von diesem Zeitpunkt an haben die Krankenkassen plötzlich alles bezahlt“, erinnert sich Dr. Sauter an das berühmte Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Zahnverlust als Krankheit klassifizierte und dafür sorgte, dass die Kassen die Behandlungskosten übernehmen mussten. „Das war eine Katastrophe, denn da wurde man von Patienten so überschwemmt, die standen Schlange“, erzählt Dr. Sauter. „Das war furchtbar.“ Zu diesem Zeitpunkt erzählten ihm befreundete Zahnärzte von der Standespolitik. „Willi Schulte und Dieter Schwieder (Anm. der Redaktion: Prof. Dr. Willi Schulte war Ordinarius in Tübingen und stellv. Präsident der LZK BW, Dr. Hans-Dieter Schwieder war Präsident der LZK BW) haben mich überredet. Ich habe gedacht, ich muss zwei-, dreimal nach Tübingen, aber von wegen. Ich musste nach Köln, nach Stuttgart. Und dann haben sie mir nach und nach weitere Ämter zugewiesen.“ Dr. Sauter erzählt stets mit einem Lächeln auf dem Lippen von der Anfangszeit der Standespolitik. Denn so empört er auch klingt, tatsächlich hatte er viel Freude an der standespolitischen Arbeit. „Ich bin quasi in die Standespolitik geflüchtet“, sagt er und lacht. Er verzichtete auf wirtschaftliche Erfolge und engagierte sich von da an mit viel Elan für seinen Berufsstand. Langsam aber sicher wuchs er mit seinen Aufgaben. Während ein Assistent in Ravensburg für die Patienten da war, war es Dr. Sauter für seine Kollegen. Zunächst in der VV, dann schon von 1975 an für 16 Jahre als Vorsitzender der BZK Tübingen. Später saß er im Prüfungsausschuss und war als Vorsitzender des Oralchirurgieweiterbildungsausschusses für die Materialprüfung in Deutschland zuständig. In Köln hatte er ein Amt beim Normenausschuss Dental. Was Dr. Sauter an der Standespolitik so gereizt hat? „Man kam jede Woche einmal raus aus der Praxis. Konnte mit Kollegen reden, man war immer auf dem neuesten Stand.“

Die „Tübinger Mafia“. In der Standespolitik nannten er und seine Kollegen sich mit einem Augenzwinkern die „Tübinger Mafia“. Zu den Vorstandssitzungen nahmen sie stets ihre Frauen mit, die sich gut verstanden. Vorstandssitzungen fanden zum Teil in einem Schlösschen an der Adria statt, oder, wenn es etwas näher sein sollte, im Schloss Monrepos oder im Zeppelinhotel. „In diesen Zeiten war die Standespolitik wirklich familiär“, erinnert Sauter. Heute, sagt er, sei das alles anders. „Man hat die Zeit nicht mehr und geht eher schnell in ein Flughafenhotel.“ Zudem stelle er fest, „dass wenige bereit sind, das selbst zu machen, weil wirtschaftliche Erfolge in der Praxis heute wichtiger sind. Die Karriere ist im Fokus. Bei uns war das anders. Wir haben auch mal auf was verzichtet, haben getagt und uns gefreut, dass wir beieinander waren.“ Neben der Freude an gemeinsamen Sitzungen mit Freunden waren es vor allem die standespolitischen Erfolge, die Dr. Sauter in Erinnerung geblieben sind. „Wir haben ja auch etwas auf den Weg gebracht“, sagt er. Etwa das Zahnmedizinische Fortbildungsinstitut in Stuttgart. „Damals haben wir die fortgebildete Helferin aus der Taufe gehoben.“ Auch die neu initiierte Bodenseetagung war zweifellos ein Highlight. Später leitete Dr. Sauter als Vizepräsident der FDI in Köln eine deutsche Delegation in Buenos Aires. Das war im Jahr 1987. Er reiste mal nach Manila, mal nach Dublin und traf Kollegen aus aller Welt. „Das war auch privat eine schöne Zeit.“ Doch natürlich war nicht immer nur eitel Sonnenschein in der frühen Phase der zahnärztlichen Berufspolitik. Über manche Kontroversen der 70er-Jahre würden viele heute aber nur müde lächeln. Etwa die Diskussionen über Gebietsbezeichnungen: „Bei der Oralchirurgie stritten wir, ob es Kieferorthopädie heißen soll, Zahnarzt für Oralchirurgie oder nur Zahnarzt – Komma – Oralchirurgie“, erzählt Dr. Sauter. Oder wenn es um die Beleuchtung von Praxisschildern ging: „Mein Vater hatte mal ein Praxisschild beleuchtet, weil das in einer dunkle Ecke hing. Da bist du sofort angezeigt worden von Kollegen, dass du das Schild wieder ausmachen musst“, erzählt Dr. Sauter von seinen Erinnerungen an den Kammeranwalt. Heute ist das anders. Die gute Öffentlichkeitsarbeit der Zahnärzteschaft, insbesondere durch das IZZ, sei eine Errungenschaft der Moderne. „Damals kamen die Patienten ausschließlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda“, erzählt Dr. Sauter.

Verdienter Ruhestand. Im Jahr 1991 gab Dr. Sauter seine Praxis und die standespolitischen Posten auf, um in den verdienten Ruhestand zu gehen. „Nach 1991 habe ich noch Vorlesungen gehalten ein Jahr und ein, zwei Ämter auslaufen lassen“, erzählt er. Heute verfolgt er die Standespolitik, wo er es kann noch immer – und erkennt auch Besserungen im Beruf, wie das Recall-System. „Das gab es bei uns noch nicht, weil das so aussah, als wollte man Patienten fangen.“ Bei all den Veränderungen, die Dr. Sauter erlebt hat, ist er ein ganz normaler Mensch geblieben. Heute hängt die Urkunde für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse in seiner Münchner Wohnung neben dem Regal mit den Golf-Pokalen. „Alle sind das bei weitem nicht“, sagt er, „nur die, die hineinpassen.“

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