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Titelthema

Bundesregierung will Pflegenotstand angehen

 

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz und die Auswirkungen auf die Zahnmedizin

Ausgabe 11, 2018

Als im Sommer die drei Bundesminister Jens Spahn (Gesundheit), Franziska Giffey (Familie) und Hubertus Heil (Arbeit und Soziales) gemeinsam vor die Presse traten und eine „Konzertierte Aktion Pflege“ für mehr Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung verkündeten, waren die Reaktionen zumindest gemischt. Stellte die Ankündigung einerseits einen wohltuenden, sachorientierten Gegensatz zur ansonsten überaus konfliktgeprägten Performance der Bundesregierung dar, wurden andererseits doch auch schnell Zweifel laut, ob diese mediale Großoffensive wirklich halten könne, was sie verspricht. Mittlerweile sind jedoch erste konkrete gesetzliche Maßnahmen auf der Zielgeraden, etwa das von Gesundheitsminister Spahn aufgelegte Pflegepersonal- Stärkungsgesetz.

 

Pflegenotstand. Die Zustände in deutschen Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen sind seit Monaten regelmäßig Teil der medialen Berichterstattung. Besonders große Aufmerksamkeit genoss der Schlagabtausch eines Pflege-Azubis mit Kanzlerin Merkel vor der letzten Bundestagswahl, der schonungslos die teils gravierenden Engpässe aufdeckte. Eklatanter Personalmangel, permanente Hetze bei der Arbeit, häufig unbezahlte Mehrarbeit und ein hoher Krankenstand. Viele Pflegekräfte arbeiten nur in Teilzeit, weil sie buchstäblich nicht mehr leisten können, oder haben den Beruf komplett gewechselt und fehlen nun für die Versorgung. Diese Personalnot geht dann unmittelbar zulasten der Pflegebedürftigen.

Eine bessere Personalausstattung in Krankenhäusern wie in der Altenpflege wurde nicht erst seitdem vielfach eingefordert und fand schließlich Eingang in den Koalitionsvertrag von Union und SPD. Hier ist neben einem Sofortprogramm zur Verbesserung der Personalsituation von verbindlichen Personalbemessungsinstrumenten die Rede, außerdem soll es eine Ausbildungsoffensive, Weiterqualifizierung und eine bessere Gesundheitsvorsorge für die Beschäftigten geben.

Pflegepersonal-Stärkungsgesetz. Ein erster Schritt in diese Richtung ist nun getan: Im August wurde vom Bundeskabinett der Entwurf des Pflegepersonal- Stärkungsgesetzes (PpSG) beschlossen, die erste Lesung im Bundestag fand Ende September statt. Mit dem hier enthaltenen „Sofortprogramm Pflege“ können ab Januar kommenden Jahres 13.000 Pflegekräfte in stationären Pflegeeinrichtungen neu eingestellt werden. Je nach Größe der Einrichtung gibt es bis zu zwei zusätzliche Stellen pro Heim. Zudem sollen Investitionen in die Digitalisierung von Pflegeheimen gezielt zu einer Entlastung der Fachkräfte beitragen. Hier werden neue Zuschussmöglichkeiten über die Pflegeversicherung geschaffen. Weitere Entlastung soll auch die verbesserte Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten bringen. Damit wird ein Bereich berührt, der in der öffentlichen Debatte häufig nur am Rande vorkommt: die zahnmedizinische Behandlung und Vorsorge in der Pflege.

Flächendeckende Versorgung. Die Bedeutung einer regelmäßigen zahnmedizinischen Betreuung von Pflegebedürftigen auch für deren generellen Gesundheitszustand ist unumstritten. Das spiegelt sich auch in der Entwicklung der letzten Jahre wider. Für einen wesentlichen Fortschritt sorgen einerseits die seit Juli 2018 geltenden gesetzlichen Regelungen im Rahmen des § 22a SGB V. Damit können Pflegebedürftige wie Menschen mit Behinderungen zusätzliche zahnmedizinische Leistungen zur Verbesserung der individuellen Mundgesundheit in Anspruch nehmen. Diesen unbestreitbaren Verbesserungen müssen jedoch weitere Maßnahmen folgen. Insbesondere geht es darum, dass alle Menschen mit Behinderungen unabhängig ihrer finanziellen Situation von der zahnärztlichen Versorgung erreicht werden, denn diese Maßnahmen umfassen derzeit nur Menschen mit einem Pflegegrad sowie diejenigen, die Eingliederungshilfe beziehen. Dies betrifft von allen Menschen mit Behinderungen aber nur eine Minderheit. Es wird daher weiterhin eine große Herausforderung sein, den Kreis derer, die von einer regelmäßigen Vorsorge und Behandlung profitieren, auszuweiten.

Kooperationsverträge. In diesem Zusammenhang ist auch festzuhalten, dass die Zahl der Kooperationsverträge zwischen Pflegeheimen und Zahnärzten kontinuierlich ansteigt. Bis Oktober 2018 wurden in Baden-Württemberg bereits 428 entsprechende Vereinbarungen unterschrieben.

Damit hat sich deren Anzahl in wenigen Jahren zwar vervielfacht, dennoch wird dadurch bislang nur ein Viertel aller stationären Pflegeeinrichtungen abgedeckt. Viele Pflegeheime erfahren allerdings trotzdem – ohne Kooperationsvertrag – regelmäßig eine zugehende Betreuung durch eine Vertragszahnärztin oder einen Vertragszahnarzt. Unabhängig davon bleibt perspektivisch eine lückenlose Versorgung in allen Einrichtungen das Ziel.

In diesem Sinne sieht das Pflegepersonal- Stärkungsgesetz eine weitergehende Verpflichtung stationärer Pflegeeinrichtungen zum Abschluss von Kooperationsverträgen mit geeigneten vertrags(zahn)ärztlichen Leistungserbringern nach SGB V § 119b vor. Die bestehende Verpflichtung der Pflegeheime wird verbindlicher ausgestaltet, indem die bisherige „Soll-Regelung“ durch eine „Muss-Regelung“ ersetzt wird. Weiterhin besagt der Gesetzentwurf, dass KVen wie KZVen bei Vorliegen eines Antrags einer Pflegeeinrichtung einen entsprechenden Vertrag innerhalb von drei Monaten vermitteln müssen. Die Pflegeeinrichtungen sind weiter dazu verpflichtet, eine verantwortliche Pflegefachkraft für die Zusammenarbeit zu benennen. Dazu kommt, dass die Evaluation der Kooperationsverträge künftig auch für den zahnärztlichen Bereich verpflichtend ist.

Telemedizin. Zusätzlich wird zur Weiterentwicklung der zahnärztlichen Versorgung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen sowie zu einer verbesserten Kooperation von Zahnärzten und Pflegepersonal auch der Bereich der Telemedizin gestärkt. Demnach sollen im vertragszahnärztlichen Bereich Sprechstunden und Fallkonferenzen per Video ermöglicht werden. Der Bewertungsausschuss Zahnärzte soll auf Grundlage der Vereinbarung entsprechende Anpassungen im einheitlichen Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen vornehmen.

Fazit. Mit dem geplanten Gesetz geht die Bundesregierung nach Ansicht vieler Beobachter an verschiedene zentrale Probleme heran, wenngleich die konkrete Umsetzung und deren Auswirkungen – insbesondere in Bezug auf die Verpflichtung zu Kooperationsverträgen – noch schwer abzuschätzen sind. Die Verbesserungen im pflegerischen Alltag und die versprochene Aufwertung des Berufs müssen schnell sichtund spürbar werden. Nur so wird es möglich sein, junge Leute für dieses Berufsfeld zu begeistern, um künftig genügend Personal zur Verfügung zu haben, damit die versprochenen Verbesserungen auch in der einzelnen Einrichtung ankommen. Dies wiederum ist nötig, damit nicht zuletzt auch die Kooperation mit den Zahnärzten zum gewünschten Ergebnis führt und eine nachhaltige Verbesserung der Mundgesundheit der Betroffenen erreicht werden kann. Denn auch der regelmäßige Besuch eines Zahnarztes ersetzt nicht die tägliche Mund- und Zahnpflege, für die viele Pflegebedürftige auf die Unterstützung von entsprechend geschultem Personal angewiesen sind.

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

Prävention bei Pflegebedürftigkeit und Behinderung

 

Der baden-württembergische Goldstandard

Ausgabe 11, 2018

Was zukunftsweisende Konzeptionen im Bereich der Alters- und Behindertenzahnheilkunde anbelangt, kann man mit Fug und Recht vom „baden-württembergischen Goldstandard“ sprechen, befand LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert in seinem Grußwort. Und der Goldstandard in BW hat zwei Namen: Dr. Elmar Ludwig und Dr. Guido Elsäßer, die Referenten der Landeszahnärztekammer für Alters- und Behindertenzahnheilkunde. Gemeinsam mit der Vorstandsvorsitzenden der KZV BW, Dr. Ute Maier haben sich die beiden LZK-Referenten auf eine Tour de Ländle begeben, um über die neuen präventionsorientierten Leistungen nach § 22a SGB V zu informieren. Den Auftakt der Tour bildete die Veranstaltung am 22. Oktober im Zahnärztehaus Stuttgart.

Persönliches Engagement der Referenten und Rückendeckung durch die Körperschaften ist das eine, aber auch die gesetzliche Entwicklung hat dazu beigetragen, dass Dr. Ute Maier von einer „Erfolgsgeschichte“ spricht, wenn es um die Prävention bei Pflegebedürftigkeit und Behinderung geht. In nur sechs Jahren hat das Thema Alters- und Behindertenzahnheilkunde aufgrund der demografischen Entwicklung Eingang in zahlreiche gesetzliche Regelungen gefunden: Versorgungsstrukturgesetz 2012, Pflegeneuausrichtungsgesetz 2013 Versorgungsstärkungsgesetz 2015. Seit 1. Juli 2018 sind präventionsorientierte Leistungen für alle Menschen mit Pflegegrad und für Menschen, die Eingliederungshilfe beziehen, mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechenbar – unabhängig vom Ort der Leistungserbringung und auch ohne Kooperationsvertrag. Sämtliche Positionen inklusive Zuschlagspositionen erläuterte Dr. Maier im Detail. Und sie konnte auf ein weiteres BW-Plus hinweisen: „In Baden-Württemberg sind die Leistungen unbudgetiert“.

Einen interessanten Ausblick eröffnete die KZV-Vorsitzende mit der Erläuterung der Inhalte des neuen Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes, das voraussichtlich zum 1. Januar 2019 in Kraft treten wird. Bundesgesundheitsminister Spahn setzt auch im zahnmedizinischen Bereich auf Digitalisierung – künftig soll es eine vertragszahnärztliche Videosprechstunde in Pflegeeinrichtungen geben. Außerdem werden die KZVen vom Gesetzgeber verpflichtet, innerhalb von drei Monaten Kooperationsverträge zu vermitteln, wenn Pflegeheime einen Antrag auf Vermittlung eines solchen Vertrags gestellt haben. „Die Crux ist, dass die KZV verpflichtet wird, aber Zahnärzte nicht dazu verpflichtet werden können, Kooperationsverträge abzuschließen“.

Alle Menschen sind behindert. Dr. Elsäßer definierte zunächst den Kreis der nunmehr Anspruchsberechtigten für die neuen Leistungspositionen. Grundlage für die Abrechnung der neuen Leistungen ist das Formblatt „Zahnärztliche Information, Pflegeanleitung und Empfehlungen für Versicherte und Pflege- oder Unterstützungspersonen“. „Für mich ist der Vordruck die Basis für die interdisziplinäre Zusammenarbeit“, so Dr. Elsäßer, „um ins Gespräch mit den Heilerziehungs- und Altenpflegern zu kommen“. Dr. Elsäßer erläuterte das Formblatt Zeile um Zeile, in dem an vielen Stellen mit Smileys zur Beurteilung des Zustandes der Zähne, der Schleimhaut oder des Zahnersatzes gearbeitet wird. Dr. Elsäßer verstand es in seinem Vortrag, auf den besonderen Bedarf dieser vulnerablen Patientenklientel aufmerksam zu machen, „dieser Patient kann weder schlucken noch essen, trotzdem nimmt er am Leben teil und hat ein Recht auf soziale Teilhabe und schöne und saubere Zähne“. Aber er vergaß auch nicht darauf hinzuweisen, dass sich der Aufwand für diese Patienten auch für die Praxen rechnen muss.

Ein gutes Gefühl. „Wir schenken den Menschen Lebensqualität!“. Mit der gleichen Empathie und wie gewohnt engagiert, demonstrierte Dr. Elmar Ludwig die Settings zur Anwendung der neuen Leistungen: In der Pflegeeinrichtung, in der Häuslichkeit und in der Praxis. Anhand zahlreicher Bilder und aufbauend auf den persönlichen Erfahrungen versuchte er die Kolleginnen und Kollegen für die Alterszahnheilkunde zu gewinnen. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn die Bewohner schmerzfrei und zufrieden sind“. Unbedingt zu beachten ist dabei die Aspirationsgefahr und rückengerechtes Arbeiten.

» mader@lzk-bw.de

 

Kommentar

 

Einsatz für eine bessere zahnmedizinische Versorgung Pflegebedürftiger

Ausgabe 11, 2018

Eine Nation von Pflegebedürftigen sind wir noch nicht – dennoch gibt es nur wenige gesellschaftliche Themen, die derzeit so vielen Veränderungen unterworfen sind und eine ähnliche Dynamik entfalten, wie die Pflege. Nicht nur die Zahl der Betroffenen nimmt stetig zu, diese haben zudem Anspruch auf immer umfangreichere Leistungen. All das schafft einen Bedarf an professioneller Pflege, der seit Jahren nicht mehr gedeckt werden kann. Entsprechend angespannt ist die Situation für Pflegepersonal wie auch Pflegebedürftige, „Pflegenotstand“ ist ein Schlüsselbegriff der politischen Debatte geworden.

 

Wenn man dieser Situation wenigstens irgendetwas Gutes abgewinnen will, dann doch wohl die Tatsache, dass es endlich eine gesellschaftliche Debatte über den Stellenwert der Pflege gibt. Da geht es nicht um Zehntel-Prozentpunkte beim Pflegeversicherungsbeitrag und auch nicht um ein weiteres Sofortprogramm für Pflegestellen. Da geht es um die grundlegende Frage: Wollen wir, dass Menschen im hohen Alter oder Menschen mit Behinderung menschenwürdig betreut und gepflegt werden und sind wir als Gesellschaft auch zu den nötigen Weichenstellungen und Investitionen bereit?

Aus Sicht der Zahnärzteschaft kann es dazu nur ein ganz klares und uneingeschränktes „Ja“ geben. Es ist kein Geheimnis: Die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung ist im Durchschnitt schlechter als die der übrigen Bevölkerung. Gründe dafür sind u. a. die (abnehmende) Fähigkeit zur eigenständigen Mundpflege, Schwierigkeiten, einen Zahnarzt aufsuchen zu können und bislang auch mangelnde Kenntnisse bei Pflegekräften oder Pflegepersonen in der Familie.

Es ist indessen nicht nur der erklärte Wille, hier zu spürbaren Verbesserungen zu kommen, sondern längst gelebte Realität. Die Zahnärzteschaft zeigt seit Jahren ein hohes Engagement bei der aufsuchenden Betreuung Pflegebedürftiger, ob in stationärer oder ambulanter Pflege. Wir wollen unseren Beitrag leisten, dass eine menschenwürdige Pflege auch den Erhalt der Mundgesundheit mit einschließt. Das zeigt sich u. a. auch in der Entwicklung der Anzahl der Kooperationsverträge zwischen Pflegeeinrichtungen und Vertragszahnärzten, aber auch in der zunehmenden Anzahl an Kolleginnen und Kollegen, die das Thema Alterszahnheilkunde und die Betreuung von Menschen in Pflegeheimen aktiv angehen, auch ohne einen Kooperationsvertrag. Zwar sind wir zweifelsohne noch lange nicht am Ziel, die jetzt im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz angedachten Verbesserungen für Pflegekräfte sind jedoch ein guter Schritt in die richtige Richtung. Dieser Weg muss fortgesetzt werden, und dazu müssen alle Akteure an einem Strang ziehen.

In dieser Situation verwundert es umso mehr, dass der Gesetzgeber eine Drei-Monats-Frist einführen will, innerhalb der nach Antragstellung durch ein Pflegeheim ein Betreuungszahnarzt als Kooperationspartner gefunden werden muss. Eine starre Frist dieser Art kann das Problem sicherlich nicht lösen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn die Selbstverwaltung vonseiten der Politik immer wieder wegen vermeintlich mangelnder Handlungsfähigkeit attackiert wird und gleichzeitig Verpflichtungen ins Gesetz geschrieben werden, für die es keinerlei Handhabe gibt. Wenn die Kassenzahnärztliche Vereinigung zukünftig Zahnärzte zwangsverpflichten muss, entsprechende Kooperationsverträge zu unterschreiben, ist das das falsche Signal. Zudem ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der Anträge durch Pflegeheime wegen einer entsprechenden Muss-Bestimmung im Gesetz in kurzer Zeit stark erhöhen wird. Die zahnärztliche Versorgung steht durch verschiedene strukturelle und politische Entwicklungen bereits jetzt unter Druck. Die Erwartung, dass dann reihenweise unterbeschäftigte Zahnärzte aufspringen und einen Kooperationsvertrag nach dem anderen unterschreiben, ist da gelinde gesagt etwas weltfremd. Im Sinne einer weiteren Verbesserung der Versorgung von Pflegebedürftigen wäre es weit zielführender, gemeinsam die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wenn die Politik eine konzertierte Aktion für die Pflege ausruft, sollte sie die maßgeblichen Akteure von zahnärztlicher Selbstverwaltung über die Krankenkassen bis zu den Pflegeträgern mit ins Boot holen, anstatt politische Ziele, die in der Sache völlig richtig sind, mit den falschen Mitteln wie der Ausübung von gesetzlichem Zwang auf dem Rücken der Selbstverwaltung und der Zahnärzte durchsetzen zu wollen.

 

Expertenstandards in der Pflege werden erweitert

 

Bessere Mundgesundheit bei Pflegebedürftigen

Ausgabe 11, 2018

Der Gesetzgeber hat mit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz 2008 die Entwicklung und Aktualisierung von Expertenstandards in der Pflege angestoßen. Expertenstandards sind wichtige Instrumente, die maßgeblich zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege beitragen. Bislang gibt es unter der Ägide des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) elf Expertenstandards. Nun steht die Verbesserung der Mundgesundheit bei pflegebedürftigen Menschen im Fokus. Anfang 2019 soll ein neuer Expertenstandard zur „Erhaltung und Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“ unter Einbeziehung der Zahnärzteschaft entwickelt werden.

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Die Landeszahnärztekammer Baden- Württemberg hat schon vor vielen Jahren die Initiative gestartet, die Prävention und Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen oder Menschen mit Behinderung zu verbessern. Dr. Guido Elsäßer, Referent für Behindertenzahnheilkunde der LZK BW, und Dr. Elmar Ludwig, Referent für Alterszahnheilkunde der LZK BW, haben diese Entwicklung – auch auf Bundesebene – entscheidend mitgeprägt. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Bereich Alters- und Behindertenzahnheilkunde werden Dr. Elsäßer und Dr. Ludwig deshalb von der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) als zahnärztliche Fachberater in das Gremium zur Entwicklung des Expertenstandards zur Erhaltung und Förderung der Mundgesundheit in der Pflege entsandt.

Expertenstandard. Die Entwicklung von Expertenstandards in der Pflege ist im Sozialgesetzbuch XI unter § 113a verankert. Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) war von Anfang an in den Entwicklungsprozess eingebunden. Alle bislang definierten Expertenstandards berücksichtigen sowohl pflegewissenschaftliche Erkenntnisse als auch pflegepraktische Erfahrungen und definieren Ziele und Maßnahmen bei der ambulanten und stationären pflegerischen Versorgung. Bislang gibt es elf Expertenstandards in der Pflege.

Mundgesundheit. Dass es nun einen Expertenstandard in Sachen Mundgesundheit geben soll, kann die Zahnärzteschaft als großen Erfolg verbuchen, denn sie weist schon seit Jahren auf die Problematik der Mundgesundheit in Pflegeeinrichtungen hin. Immer mehr Menschen mit pflegerischem Betreuungsbedarf verfügen über eigene Zähne, sind aber häufig nicht mehr in der Lage, die Zahnpflege selbständig durchzuführen. Neben den Problemen der Zahnpflege kommen auch chronische Krankheiten sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf die Mundgesundheit, auch durch die Einnahme von Medikamenten, hinzu. Das Personal in Pflegeeinrichtungen ist bislang zu wenig darauf vorbereitet. Dies soll sich mit dem neuen Expertenstandard endlich ändern. Dr. Ludwig fasst seine Schwerpunkte zusammen, die er beim Expertenstandard setzen möchte: „Mund- und Zahnpflege erfordern heute umfangreiche Kompetenzen, nicht nur hinsichtlich der Pflegemittel, sondern besonders in Bezug auf die Pflegemethoden. Rückengerechtes Arbeiten am Rollstuhl oder am Pflegebett und dabei immer die Aspirationsgefahr im Blick.“ Dr. Elsäßer möchte als Experte außerdem darauf achten, dass auch pflegebedürftige Kinder und Erwachsene unter 70 Jahren nicht aus dem Fokus geraten. „Der Expertenstandard soll möglichst für alle Menschen mit Pflegebedarf gelten, gleichgültig welchen Lebensalters und ob mit oder ohne Behinderung“, so Dr. Elsäßer.

Entwicklung. Anfang 2019 soll mit der Entwicklung des Expertenstandards zur Mundgesundheit begonnen werden. Mit dabei sind neben dem DNQP und der BZÄK die Deutsche Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) und die Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderung oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf (AG ZMB). Im Herbst 2020 soll der Entwurf des Expertenstandards stehen. Bis zur Implementierung des Expertenstandards werden ca. drei Jahre veranschlagt.

» richter@lzk-bw.de

 

Katrin Altpeter, Schulleiterin der Altenpflegeschule des maxQ., im Interview

 

„Inhalte des Theorieunterrichts in der Praxis umsetzen“

Ausgabe 11, 2018

Pflegebedürftige Menschen sind abhängig von der Versorgung durch andere Personen – durch Angehörige oder durch professionelle Pflegekräfte. Dabei geht es nicht nur um die unmittelbar lebensnotwendige Versorgung, sondern auch um ein „menschenwürdiges Leben“, um den Erhalt der Lebensqualität. Viele ältere Menschen kommen heute mit gut gepflegten eigenen Zähnen oder mit hochwertigem Zahnersatz in die Pflege. Ihre eigene Fähigkeit, eine gute Mundhygiene zu betreiben, nimmt jedoch ab. Auch deswegen ist die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen durchschnittlich schlechter als bei der übrigen Bevölkerung. Im ZBW-Interview: Katrin Altpeter, ehemalige Sozialministerin des Landes Baden-Württemberg und heutige Schulleiterin der Altenpflegeschule des maxQ. in Stuttgart, zu aktuellen Entwicklungen und zum Stellenwert der Zahngesundheit innerhalb der Pflegeausbildung.

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Frau Altpeter, Mundhygiene bei Pflegebedürftigen war bislang ein häufig unbeachtetes Thema. Dabei ist mangelnde Mundgesundheit auch für das Immunsystem insgesamt eine schwerwiegende Gefahr. Sie haben als Altenpflegerin, als Lehrerin für Pflegeberufe sowie als Landespolitikerin unterschiedliche Perspektiven auf dieses Thema gewinnen können. Was sind Ihre Erfahrungen?

In der Tat gibt es sehr unterschiedliche Perspektiven zum Thema Mundhygiene. Während das Thema in der Ausbildung im Rahmen der Prophylaxen eine wichtige Rolle spielt, hat es in der täglichen Pflegepraxis, ob im stationären oder im häuslichen Bereich, oft nicht die Wichtigkeit, die es braucht. Hier gilt es noch einiges an Aufklärungs- und Informationsarbeit zu leisten. Deshalb war ich als Politikerin über die Initiativen der KZV zur Zahngesundheit im Alter auch sehr dankbar.

Viele Pflegebedürftige, ob in häuslicher oder stationärer Pflege, haben jahrelang keinen Zahnarzt gesehen. Wird dieses Problem heute ausreichend ernst genommen?

Das Thema wurde lange Zeit nicht wirklich ernst genommen, ich bin aber froh, dass es in den letzten Jahren eine Entwicklung in der Pflege gegeben hat und weiterhin gilt, sich des Themas „Mundgesundheit“ in stärkerem Maß anzunehmen.

Wo müsste sich denn vor allem etwas bewegen, damit die Zahngesundheit von Pflegebedürftigen nachhaltig verbessert werden kann?

Ziel muss sicherlich sein, dass es beim Thema „Zahngesundheit“ keinen Unterschied zwischen pflegebedürftigen und gesunden Menschen gibt. Dies umfasst Zahnarztbesuche, prophylaktische Maßnahmen in gleicher Weise wie die tägliche persönliche Mundhygiene.

Seit Inkrafttreten von § 22a SGB V im Juli 2018 haben Pflegebedürftige das Recht auf zusätzliche zahnärztliche Vorsorge. Haben Sie schon erste Erfahrungswerte, wie sich dies in der Praxis auswirkt?

Ich begrüße ausdrücklich, dass mit dem § 22a SGB V Versicherte, die Leistungen nach SGB XI oder SGB XII beziehen, Anspruch auf Leistungen zur Verhütung von Zahnerkrankungen haben und somit zur Verbesserung der Zahngesundheit beigetragen werden kann. Da die Regelung erst seit Juli 2018 in Kraft ist, können wir jetzt, Ende Oktober, noch keine wirklichen Erfahrungswerte haben. Ich hoffe aber, es gelingt, dass möglichst viele Versicherte diese Leistung in Anspruch nehmen können.

Regelmäßige Besuche durch den Zahnarzt sind wichtig, aber zwischen den halbjährlichen Intervallen darf die tägliche Zahnpflege nicht zu kurz kommen. Welche Rolle spielt dieses Thema in der Pflegeausbildung und was hat sich hier in den letzten Jahren getan? Sind die Pflegekräfte vorbereitet für den richtigen Umgang etwa mit Prothesen oder Implantaten?

In den letzten Jahren hat sich die Sensibilität für das Thema „Mundpflege“ schon deutlich erhöht. Unsere Auszubildenden werden während des Theorieunterrichts an unserer Altenpflegeschule im Rahmen der Unterrichtseinheit „Körperpflege“ von den Lehrkräften ausführlich auf Mund- und Zahnpflege sowie den Umgang mit Prothesen und Implantaten vorbereitet. Auch führen wir während des Unterrichts praktische Übungen mit unseren Schülerinnen und Schülern durch. Insofern hat das Thema in der theoretischen Ausbildung mittlerweile den Stellenwert, der ihm gebührt. Oft zeigt sich aber in der Praxis, dass Inhalte des Theorieunterrichts wegen Zeit- oder Personalmangel nicht entsprechend umgesetzt werden können und sich dann im Laufe der Zeit auch verflüchtigen. Hier sehe ich durchaus noch großen Handlungsbedarf.

Sie haben an Ihrer Schule bereits mit der Zahnärzteschaft zusammengearbeitet und den Vertragszahnarzt und Referenten für Alterszahnheilkunde Dr. Elmar Ludwig eingeladen. Wie waren Ihre Erfahrungen bzw. die Resonanz der Schülerinnen und Schüler? Würden Sie diese Kooperation fortsetzen?

Unsere Erfahrungen waren durchweg positiv. Ein Fachmann für Alterszahnheilkunde kann unseren Auszubildenden das Thema natürlich sehr viel anschaulicher und fundierter näherbringen, als wir das als Pflegepädagogen tun können. Auch unsere Schülerinnen und Schüler waren vom Unterricht von Dr. Ludwig total begeistert und haben uns rückgemeldet, dass sie sehr viel mitgenommen haben. Für mich ist es absolut wünschenswert, diese Kooperation im Rahmen einer gesicherten Finanzierung fortzusetzen.

Eine besondere Herausforderung ist die Pflege dementer Personen. Wie gelingt es, hier trotzdem eine sorgfältige Pflege von Zähnen oder Zahnersatz sicherzustellen?

Hier gilt es, sich auf die speziellen Bedürfnisse und Ängste von Menschen mit demenziellen Erkrankungen einzustellen. Dazu gehören für mich in erster Linie das Wissen um die Symptome und Auswirkungen einer demenziellen Erkrankung und ein empathischer Umgang mit den dementen Menschen.

Die nötigen Kompetenzen auf Seiten des Pflegepersonals sind nur eine Seite der Medaille. Die Bedeutung der Mundpflege muss sich auch in der Arbeitsplanung einer Pflegeeinrichtung widerspiegeln. Haben die Pflegekräfte denn überhaupt ausreichend Zeit, um sich um die Mundpflege der Pflegebedürftigen zu kümmern?

Das Argument „Zeit“ fällt häufig, wenn es um Fragen der Mundpflege geht. Für mich allerdings ist die Mundpflege ein elementarer Teil der Körperpflege und darf nicht vernachlässigt werden. Ausreichende personelle Ressourcen sind hierzu die fundamentale Voraussetzung. Hier haben wir noch dringenden Handlungsbedarf.

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz sieht unter anderem vor, dass stationäre Pflegeeinrichtungen verpflichtender dazu angehalten werden, Kooperationsvereinbarungen mit Zahnärzten abzuschließen. Was erwarten Sie sich von dieser Regelung?

Ich hoffe sehr, dass die Möglichkeiten, die das Pflegepersonal- Stärkungsgesetz bietet, von der Praxis auch wirklich wahrgenommen und umgesetzt werden. So kann sich längerfristig die Zahngesundheit von P f l e g e h e i m b ew o h - nern entscheidend verbessern.

Wenn Sie nochmal politische Verantwortung übernehmen und bspw. einen Tag lang mit Gesundheitsminister Jens Spahn tauschen würden: Was würden Sie konkret für den Bereich Pflege, und hier mit besonderem Schwerpunkt auf die Mundgesundheit der Betroffenen, unternehmen?

Ich glaube nicht, dass ein Tag ausreichen würde, um die Herausforderungen, die es beim Thema Pflege gibt, entsprechend anzugehen. Im Bereich „Mundgesundheit“ würde es für mich darum gehen, den Transfer „Theorie – Praxis“ wesentlich zu verbessern, nicht zuletzt auch durch Fort- und Weiterbildungen der Pflegenden in der Praxis. Aber auch dies kann nur ein Anfang sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Holger Simon-Denoix

 

Neue Möglichkeiten durch § 22a SGB V

 

Ein besonderer Praxisbesuch

Ausgabe 11, 2018

Dr. Guido Elsäßer war bundesweit der erste Referent einer Landeszahnärztekammer speziell für die Behindertenzahnheilkunde. Für die seit 1. Juli 2018 geltenden präventiven Leistungen für Menschen mit Behinderung hat er berufspolitisch lange gekämpft. Wie die praktische Umsetzung der neuen gesetzlichen Regelungen im Praxisalltag aussehen, hat ZBW-Redakteurin Andrea Mader bei einem Besuch in seiner Schwerpunktpraxis in Kernen-Stetten erlebt.

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„Ist kaputt“, Walther Geking* zeigt auf seinen Zahn, „muss man reparieren. Das machst du“, legt er fest und zeigt auf ZFA Britta Kraft. Dr. Guido Elsäßer betritt das Behandlungszimmer. „Jetzt kommt der Doktor“. Das klingt nach Ehrerbietung, aber Dr. Elsäßer winkt ab, „wir sind nicht mehr die Götter in Weiß. Heute gibt es ein neues Verständnis im Umgang mit Behinderten, im Mittelpunkt steht der Patient. Wie auch mit Patienten ohne Behinderung, gehen wir auf Augenhöhe mit unseren behinderten Patienten um. Wenn es angezeigt ist auch in einfacher Sprache. Vieles läuft nonverbal“, erläutert er.

„Die Prothese passt nimmer rein“, teilt Walther Geking mit, „da muss man ‘ne Neue machen“. Dr. Elsäßer schmunzelt, „vielleicht kann man sie reparieren?“ Dann wirft er einen Blick in den Mund von Walther Geking und auch die Prothese schaut er sich an. „Die passt schon noch“, stellt er fest, „da ist etwas weggebrochen, wir reparieren das, während Frau Kraft die Zähne sauber macht“. Jetzt bekommt Walther Geking Angst, er krallt sich an den Armlehnen des Behandlungsstuhls fest, zuckt, zittert. Es dauert eine Weile bis Britta Kraft mit der Zahnsteinentfernung beginnen kann. Die ganze Zeit beruhigt sie ihren Patienten, spricht mit ihm und lobt „gut machen Sie’s“.

Walther Geking ist 78 Jahre alt. Er lebt seit seinem 10. Lebensjahr in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Früher in Schorndorf, seit fünf Jahren nun in einer Wohngemeinschaft der Diakonie Stetten. Zu seinem heutigen Zahnarztbesuch begleitet ihn eine Mitarbeiterin aus der Betreuungsgruppe der Wohngemeinschaft.

Walther Geking war das letzte Mal im Juni bei Dr. Elsäßer in der Praxis. Nur drei Monate später hat er wieder Beläge und Zahnstein. „Sie müssen jeden Tag putzen“, sagt Dr. Elsäßer in strengem Ton und legt lächelnd nach, „haben Sie im Urlaub ein bisschen geschlampert?“ Das lässt auch Walther Geking wieder lächeln. Die zweite Zahnsteinentfernung wäre ohne die neuen gesetzlichen Bestimmungen nicht möglich. Seit dem 1. Juli haben Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung einen verbindlichen Rechtsanspruch auf zusätzliche zahnärztliche Vorsorgemaßnahmen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung.

Enormer Aufklärungsbedarf. Der von Walther Geking zu Beginn als „kaputt“ bezeichnete Zahn ist abgebrochen und muss entfernt werden. Die Prothese muss in der Folge erweitert werden. All das vermerkt Dr. Elsäßer auf dem Formblatt bzw. der Anlage 2 „Zahnärztliche Information und Pflegeanleitung“. Das neue Formblatt ist Grundlage für die Abrechnung der neuen Leistungen. „Ich verwende das Formblatt als Kommunikationsplattform zwischen Patienten, ihren gesetzlichen und pädagogischen Betreuern und mir als Zahnarzt“, erläutert Dr. Elsäßer. Das ausgefüllte Formblatt wird der pädagogischen Mitarbeiterin aus der Betreuungsgruppe der Wohngemeinschaft ausgehändigt, für den gesetzlichen Betreuer. „Das ist bei Walther seine Friseurin“, erklärt sie, „schon seit 20 Jahren schneidet sie ihm die Haare“ und regelt seine Angelegenheiten, die das Betreuungsgericht festgelegt hat. Dazu zählt auch die Gesundheitssorge, das heißt, sie muss entscheiden, ob die von Dr. Elsäßer empfohlene Behandlung erfolgen kann. Erst nachdem sie ihre Unterschrift unter das entsprechende Formular gesetzt und mit Dr. Elsäßer gesprochen hat, kann eine Terminvereinbarung für Walther Geking in der Praxis erfolgen und die Behandlung beginnen. „Der Beratungsund Aufklärungsbedarf bei dieser Patientenklientel ist enorm“, erklärt Dr. Elsäßer und legt einen ganzen Stapel an Formularen vor: Behandlungsvertrag, Anamnesebogen für Patienten mit Unterstützungsbedarf, Einwilligungserklärungen für diverse Eingriffe, Einwilligungserklärung bei Narkose. Dr. Elsäßer hat all diese Formulare selbst mit seinem Team entwickelt. „Vielen Kollegen ist das einfach zu viel Aufwand, sie behandeln deshalb eher ungern Patienten mit Behinderung“. Für Dr. Elsäßer ist das keine Alternative, er hat eine Schwerpunktpraxis für Behindertenzahnheilkunde in KernenStetten und ist ein bundesweit anerkannter Experte für den Bereich der Behindertenzahnheilkunde u. a. auch bei der Bundeszahnärztekammer. „Dieser erhöhte Beratungsund Aufklärungsaufwand muss auch im BEMA abgebildet werden und entsprechend der GOZPosition für die Fremdanamnese honoriert werden“, fordert Dr. Elsäßer mit Blick auf den vor ihm liegenden Stapel an Formularen.

„Anna Doriani ist sehr musikalisch, sie spielt Klavier und gerade lernt sie Gitarre – was sie aber besonders auszeichnet, ist, dass sie sich alle Geburtstage merken kann“, stellt Dr. Elsäßer seine nächste Patientin vor. Anna Doriani lebt allein in einer Wohnung in der Diakonie Stetten, auch zum heutigen Zahnarztbesuch ist sie allein gekommen. „Ich bin traurig“, erklärt sie, „weil ein Freund umzieht“. Vor der anstehenden Wurzelkanalbehandlung hat sie ziemliche Angst – sie stöhnt und winselt leise vor sich hin und krallt sich an ihrem VfBTrikot fest. „Das tut nicht mehr weh, der Zahn hat keinen Nerv mehr“, versichert Dr. Elsäßer. Er muss viele Pausen einlegen und seine Patientin zum Durchhalten motivieren. Dennoch kann er die geplante Wurzelkanalbehandlung nicht abschließen. Dr. Elsäßer bricht die Behandlung ab und schlägt Anna Doriani vor, sie soll nächstes Mal einen pädagogischen Mitarbeiter mitbringen. Dann möchte er es nochmals versuchen, um eine Behandlung in Vollnarkose zu vermeiden. „Vielleicht ist sie ja nur so aufgewühlt, weil ein Freund fortgezogen ist?“ Dr. Elsäßer ist enttäuscht, dass der zeitliche Mehraufwand in den neuen gesetzlichen Regelungen nicht berücksichtigt wurde, „hier wünschen wir uns Zuschlagspositionen“, unterstreicht er die Forderungen der AG Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf (AG ZMB) innerhalb der DGZMK.

Viel lustiger. „Auf Wohngruppen von Behinderteneinrichtungen ist es einfach viel lebensfroher“, sagt Dr. Elsäßer gut gelaunt. Ausgestattet mit Notebook, Handy und einem kleinen Rollwagen mit EinmalInstrumenten zur Untersuchung sind er und seine Mitarbeiterin Britta Kraft auf dem Weg in die Gartenstraße. Dort stehen vier Häuser der Diakonie Stetten, in der je drei Wohngruppen à neun Personen leben. „Heute untersuchen wir nur und entscheiden, wen wir zur Behandlung in die Praxis einbestellen“, erläutert Dr. Elsäßer. Die neuen präventionsorientierten Leistungen nach § 22a SGB V gelten unabhängig vom Ort der Leistungserbringung und auch ohne dass ein Kooperationsvertrag bestehen muss.

Dr. Elsäßer und Britta Kraft beginnen im Erdgeschoss. Sie klingeln und werden von Christian Härle empfangen. Christian Härle ist Heilpädagoge und betreut die Wohngruppe. Ein heller Untersuchungsort in der Wohnung ist schnell gefunden: Das Zimmer eines Bewohners. Auf dem Nachttisch stellt Britta Kraft das Notebook ab und wählt sich mit dem Handy per Hotspot auf den Praxisserver ein. „Das freut mich jetzt richtig“, begeistert sich Dr. Elsäßer, „so kann Frau Kraft die Befunde direkt in die PraxisEDV eingeben“. Zum Einsatz kommt wieder das Formblatt „Zahnärztliche Information und Pflegeanleitung“. Christian Härle schiebt Reiner Richter ins improvisierte Untersuchungszimmer. Reiner Richter ist Dr. Elsäßer bestens in Erinnerung – aufgrund seiner Spastik hat er ihm erst kürzlich in der Aufregung einen schmerzhaften Tiefschlag verpasst, unabsichtlich natürlich. Heute auf der Wohngruppe ist er viel ruhiger als in den Praxisräumen und sehr kooperativ – ein Termin in der Praxis ist dennoch notwendig für eine Füllung.

Richard Rudolph ist der nächste, er hat viele weiche Beläge und kann sich die Zähne nicht selbst putzen. „Hier wird die Mundpflege etwas vernachlässigt.“, bemerkt Dr. Elsäßer als Christian Härle gerade aus dem Zimmer gegangen ist, um den nächsten Bewohner zur Untersuchung zu holen, „jetzt gibt es einen konstruktiven Anschiss“. Der „Anschiss“ hält sich dann in Grenzen – Christian Härle soll besser nachputzen bei den Bewohnern, am besten mit einer elektrischen Zahnbürste, da dies schneller und effektiver geht. „Es ist nicht zielführend, die Mitarbeiter ständig zu kritisieren, wenn die Mundhygiene der Bewohner nicht in Ordnung ist – man muss sensibel vorgehen und motivieren. Die Personalsituation auf den Wohngruppen ist häufig sehr angespannt“.

Strahlend kommt Susanne Sommer ins Zimmer gefahren, die Arme weit ausgebreitet. Sofort fällt der Blick auf die fehlenden Frontzähne. Ein Unfall, vier zerstörte Zähne mussten entfernt werden. „Sieht furchtbar aus“, zeigt sich Dr. Elsäßer erschüttert, „das kann man so nicht lassen, vor allem wenn man so gerne und viel lacht wie Frau Sommer“. Einen Kostenvoranschlag für die Sanierung gibt es schon, „es hängt an der gesetzlichen Betreuerin“, vermutet Christian Härle.

„Das ist kein Zahnstein mehr, das ist ein Zahnfels“, zeigt Dr. Elsäßer auf einen Turm in der Mundhöhle von Hans Neumann. Ein Zahn ist bei ihm kaum zu erkennen, so mächtig sind die Beläge. „Das muss weg, auch weil es stinkt, wenn da eine junge FSJlerin oder ein Ehrenamtlicher kommt und sich um Herrn Neumann kümmern soll, wirkt das abstoßend. Das geht gar nicht“. Hans Neumann ist Autist und hat panische Angst vor einer ärztlichen Behandlung. Dass er überhaupt den Mund öffnet, hat mit der ruhigen und vertrauensvollen Art von Dr. Elsäßer zu tun. Außer einem kurzen Blick in den Mund lässt Hans Neumann nichts zu.

Die Entfernung des Zahnfelses wird in Narkose erfolgen müssen. Britta Kraft vermerkt es im Formblatt. Nun wird es dauern bis die gesetzlichen Betreuer von Hans Neumann alle erforderlichen Formulare unterschrieben und ihre Einwilligung gegeben haben.

„Der Zahnarzt kommt“. So werden Dr. Elsäßer und Britta Kraft im ersten Stock empfangen. Tagsüber sind die Bewohner normalerweise in den Werkstätten zum Arbeiten, in der heilpädagogischen Förderung oder im SeniorenClub. Heute sind alle da, für die Reihenuntersuchung. Als erstes ist Peter Berger an der Reihe, „er geht jetzt nämlich gleich in die Kirche“, erläutert Betreuerin Elvira Reusch während sie ihm bei der Untersuchung die Hand hält. „Thomas Stahl hat die besten Zähne im Haus“, lobt Dr. Elsäßer den nächsten Patienten, „hier wird eindeutig besser geputzt als in den anderen Gruppen, es ist ein enormer Unterschied“. Kein Wunder – Elvira Reusch hat ein echtes Faible für Zähne: „Könnte ich meinen Beruf nochmal wählen, ich würde etwas mit Zähnen machen“ und gesteht, „ich bereue es noch heute, meine Zahnspange nicht konsequenter getragen zu haben“. Für keinen Bewohner dieser Gruppe muss ein Termin in der Praxis gemacht werden. Ein wenig Zahnstein – „das machen wir gleich weg“.

Bei Traudl Ludwig entwickelt sich eine Diskussion zwischen Dr. Elsäßer und Elvira Reusch: Die junge Frau erhält wegen Aspirationsrisiko Sondennahrung und hat einen Beißreflex. Aus Angst, dass die Zahnpasta zu scharf und zu ungewohnt ist und etwas in die Luftröhre gerät, putzt Elvira Reusch nur ohne Zahnpasta. „Die Bedenken sind unbegründet“, korrigiert Dr. Elsäßer und bestärkt die Betreuerin, bei Traudl Ludwig genauso gewissenhaft mit wenig geschmacksneutraler Juniorzahnpasta und elektrischer Zahnbürste oder manuell zu putzen wie bei den anderen Bewohnern. Und wenn der Mund nicht aufgeht, dann eben nur die Außenflächen. Im obersten Wohnbereich des Hauses trägt Christiane Bema die Verantwortung für die acht Bewohnerinnen und Bewohner. Sie hat vorhin schon einmal im Erdgeschoss vorbeigeschaut als Dr. Elsäßer die Wohngruppe von Christian Härle untersucht hat. „Das ist der erste Besuch hier in der Wohngruppe“, erzählt sie, „normalerweise komme ich mit mehreren Bewohnern zu Dr. Elsäßer in die Praxis. Dass die Untersuchung nun auch in den Wohnbereichen stattfinden kann, bedeutet für die Heilerziehungspflegerin „deutlich weniger Aufwand“.

Forderungen. Nach knapp drei Stunden kehren Dr. Elsäßer und seine Mitarbeiterin in die Praxis zurück. Beim abschließenden Gespräch in seinem Büro unterstreicht er nochmals die Forderungen der AG Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf (AG ZMB) innerhalb der DGZMK, deren Vorstandsmitglied er ist. „Jetzt gibt es endlich eine echte Verbesserung im Bereich der präventiven Maßnahmen für diese Patientengruppe, die sich auch für die Praxen rechnet. Was noch fehlt sind Zuschläge für den zeitlichen Mehraufwand bei der Behandlung und eine Position für den enormen Beratungsund Aufklärungsaufwand bis alle beteiligten Personen Bescheid wissen. Und es fehlt eine Position für die Fluoridierung nach der Entfernung der Beläge – die prophylaktische Fluoridierung gibt es nur für Kinder. Aber immerhin, dieses Mal hat der Gesetzgeber die Menschen mit Behinderung nicht wieder vergessen und geht auf ihren besonderen Bedarf ein“.

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