Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

53. Bodenseetagung der Bezirkszahnärztekammer Tübingen in Lindau

 

Neue Konzepte in der Zahnerhaltung

Ausgabe 11, 2018

In diesem Jahr hatte der Vorstandsvorsitzende der Bezirkszahnärztekammer Tübingen, Dr. Wilfried Forschner, besonderen Grund zur Freude, war doch die 53. Bodenseetagung nach drei Jahren wieder in die Inselhalle nach Lindau zurückgekehrt. Er konnte am 14. und 15. September rund 550 Zahnärztinnen und Zahnärzte begrüßen, die auf das Thema Zahnerhaltung 2020 mit neuen Konzepten, Materialien und Techniken gespannt waren.

Einen schönen Vergleich wählte Prof. Dr. Bernd Haller, Fortbildungsreferent der BZK Tübingen, in seiner Einführung. Wie die Stadt Lindau oft als die Perle am Bodensee bezeichnet werde, sei die Zahnerhaltung die Perle der Zahnmedizin. Sie habe einen alten liebenswerten Kern, der über viele Jahre Bestand habe und hinzu kämen immer wieder neue und zeitgemäße Aspekte und Entwicklungen. Ziel der diesjährigen Bodenseetagung sei es, ein Update über neue Konzepte und Materialien zu geben, aber auch über konzeptionelle Veränderungen in der Wissenschaft zu informieren.

Kariesmanagement. Ein gutes Beispiel hierfür war das erste Referat von Prof. Dr. Sebastian Paris von der Charité in Berlin, der in seinem Referat „Modernes Kariesmanagement“ einen Paradigmenwechsel in der Kariologie aufzeigen konnte. Wurde Karies über Jahrzehnte als übertragbare Infektionserkrankung betrachtet, sei heute klar, dass Karies eine durch „Zuckerkonsum verursachte biofilmassoziierte, multifaktoriell beeinflusste dynamische Erkrankung ist, welche durch eine Verschiebung der Ökologie der oralen Mikroflora“ gekennzeichnet sei. Er stellte die therapeutischen Konsequenzen vor, die sich daraus ergeben und zeigte den Grad der wissenschaftlichen Evidenz für die jeweiligen Therapieoptionen. Hohe wissenschaftliche Evidenz konnte er für die Ernährungsbeeinflussung, das Zähneputzen und die Anwendung von fluoridierter Zahnpasta zeigen ebenso wie für Kaugummi zur Speichelstimulation und Fissurenversiegelung im Bereich der mikro-invasiven Therapie. Prof. Paris betonte, dass modernes Kariesmanagement mehr als nur „Bohren und Füllen“ sein sollte. Vielmehr sei eine Schonung der Zahnhartsubstanz und möglichst späte invasive Intervention das Ziel, die dem dynamischen Charakter der Karies Rechnung trage. Hoher Wert sollte auf eine individualisierte Prävention gelegt werden.

Pflanzenextrakte. Neue Zahncremes und Mundspüllösungen standen im Mittelpunkt des Referats von Prof. Dr. Matthias Hannig, Homburg/Saar. Anhand wissenschaftlicher Studien untersuchte er, welche Naturprodukte und Pflanzenextrakte für die Prophylaxe geeignet sind. Er stellte klinische Studien vor, die die Wirksamkeit und Effektivität von Pflanzenextrakten, ätherischen Ölen, Probiotika und Hydroxylapatit mit dem Goldstandard Chlorhexidin verglichen haben. Seine abschließende Bewertung ergab, dass die Datenlage noch unzureichend ist und deutlich mehr klinische Studien benötigt werden. Im Evidenzgrad sollte mindestens Level 3 erreicht werden, um diese Verfahren endgültig bewerten zu können. Momentan liege der Evidenzgrad vielfach nur auf Level 1 oder 2. In all diesen Verfahren sieht Prof. Hannig jedoch ein immenses Potenzial, das noch besser ausgearbeitet werden könne, damit es die Patienten intensiver einsetzen können.

Update Komposite. Privatdozent Dr. Tobias T. Tauböck, Zürich, stellte in seinem Referat die Neuentwicklungen im Bereich der Komposite auf den Prüfstand und gab ein Update zu Materialien und deren Entwicklungen in den letzten Jahren. Komposit-Restaurationen zeigen gute klinische Langzeitergebnisse, wie Dr. Tauböck anhand einer Studie aus Skandinavien zeigen konnte. Diese beobachtete Komposit-Restaurationen über 30 Jahre und konnte eine Überlebensrate von 60 bis 70 Prozent, abhängig vom Material, nachweisen. Mit einer mittleren Erfolgsrate von 66,7 Prozent und einer Misserfolgsrate von 1,1 Prozent aufs Jahr gerechnet, seien dies sehr gute Ergebnisse, betonte Dr. Tauböck. Die klassische 2mm-Schichttechnik und die Bulk-Fill-Technik bringen ähnlich gute Ergebnisse hervor, wobei die Prognose maßgeblich vom Behandler abhängig sei. Nano- modifizierte Komposite haben laut Dr. Tauböck sehr zuverlässige mechanische Eigenschaften und eine geringe Abrasion und Abrasivität. Bulk-Fill-Komposite eignen sich sehr gut für große Kavitäten und können in einer vereinfachten und zeitsparenden Schichttechnik mit einer Schichtstärke von 4 bis 5 mm verarbeitet werden. 10-Jahresdaten belegten, dass sie eine sichere Alternative zu Hybrid-Kompositen sind. Auch bei Mikrokavitäten wie Tunnel- und Slotkavitäten seien Bulk-Fill-Komposite indiziert, weil in diesen Fällen keine einzelnen Schichten aufgebracht werden könnten.

Selbstadhäsive Komposite haben in Studien deutlich schlechter abgeschnitten, erläuterte Dr. Tauböck. Auch wenn ihnen aus wissenschaftlicher Sicht eine hohe Bedeutung beigemessen wird, sei die Realisierbarkeit schwierig. Sie zeigten eine deutlich eingeschränkte Schmelz- und Dentinhaftung und könnten ein Adhäsivsystem bislang noch nicht adäquat ersetzen, so sein Fazit.

Adhäsive. Prof. Dr. Bernd Haller, Ulm, ging in seinem Vortrag der Frage nach, welches Adhäsiv für welchen Zweck geeignet ist. Adhäsive hätten heute einen breiten Indikationsbereich und sollen sowohl für alle Ätzstrategien, Komposite und Zahnsubstanzen wie auch für den Verbund zu allen Werkstoffen und für alle Restaurationsarten geeignet sein. Prof. Haller ging detailliert auf die verschiedenen Adhäsivsysteme ein, zeigte welches Adhäsiv sich für welchen Zweck eignet und dass der Erfolg von der richtigen Anwendung abhängt. Seiner Meinung nach sind die heutigen Universaladhäsive empfehlenswert. Direkte Füllungen und Aufbauten aus lichthärtendem Komposit seien möglich, Aufbaurestaurationen aus dualhärtendem Komposit mit der richtigen Materialkombination ebenfalls. Auch für die Adhäsivbefestigung von Inlays oder Teilkronen aus Silikatkeramik mit dualhärtendem Befestigungskomposit am Zahn bei separater Lichthärtung und selektiver Ätzung sind sie geeignet, wenn die Silikatkeramik klassisch vorbereitet wird, erläuterte Prof. Haller. Eine Befestigung von Kronen und Brücken mittels Universaladhäsiven sei ebenfalls möglich, wobei die Beständigkeit nicht so hoch sei. Von einer Befestigung von Wurzelstiften und Restaurationen aus Nichtedelmetall riet er ab, da es hierzu noch zu wenig Erfahrungswerte gebe. Bei speziellen und hochwertigen Restaurationen wie z. B. aus Edelmetall könnten keine Universaladhäsive eingesetzt werden.

Frontzahnrestaurationen. Unter dem Titel „Frontzahnrestaurationen – Konzepte, Materialien Technik – Ein Update für perfekte Ergebnisse“ zeigte Ulf Krueger- Janson, Frankfurt, Möglichkeiten und Konzepte für ästhetische Restaurationen im Frontzahnbereich. Er zeigte die ästhetischen Möglichkeiten für Patienten im Rahmen seiner Methodik auf und wie er digitale Techniken für die Form und Grundmuster natürlicher Frontzähne einsetzt. Auch die Beratung der Patienten erfolge mithilfe digitaler Technik und Bildgebung. In mehreren Fallbeispielen demonstrierte er den Lückenschluss mit passenden Proportionen und wie mittels einfacher Schichttechniken der Aufbau eines natürlichen Zahns imitiert werden kann. Mit zahlreichen Abbildungen und informativen Details zur technischen Umsetzung veranschaulichte er sein Konzept.

Glasfaserverstärkte Komposite. Prof. Dr. Diana Wolff, Tübingen, ging in ihrem Vortrag auf die Anwendung von glasfaserverstärkten Kompositen ein. Ursprünglich für die Industrie entwickelt, eröffnen sie in der Zahnheilkunde viele neue Möglichkeiten. Obwohl sie bereits seit 1989 auf dem Markt sind, handele es sich in Deutschland immer noch um ein Nischenprodukt, so Prof. Wolff. Die Technik sei gleich wie bei Kompositen, nur dass der Füllkörper kein Komposit, sondern eine Glasfaser sei. Im Frontzahnbereich lassen sie sich z. B. gut einsetzen bei Nichtanlagen, zur Verblockung oder für direkte glasfaserverstärkte Brücken. Im Seitenzahnbereich bei Zähnen mit umfangreichem Zahnhartsubstanzverlust wie z. B. nach endodontischer Behandlung sollte kritisch hinterfragt werden, ob eine Stiftversorgung wirklich notwendig ist, erläuterte Prof. Wolff. Werde keine Stiftversorgung vorgenommen, sei das sogenannte Short FRC-Material eine zukunftsweisende Alternative anstelle eines einfachen Kompositzapfens. Das Einbringen von Short FRC-Material als Kernaufbau erhöhe die Bruchzähigkeit, weise eine gute Biegefestigkeit und Resistenz gegen Ermüdungsfrakturen auf und könne die mechanische Belastung des Zahnes gleichmäßig in der vergleichsweise großen Restauration verteilen.

Vitalerhaltung der Pulpa. Ein spannendes Thema diskutierte Prof. Dr. Roland Weiger, Basel, der die Möglichkeiten und Grenzen für eine Vitalerhaltung der Pulpa praxisorientiert vorstellte. Dabei zeigte er Therapievarianten bei pulpanaher Karies und die Unterschiede zu Frankreich, wo bis zu 75 Prozent der Meinung sind, dass „Karies in Pulpanähe belassen“ werden sollte, „um eine Pulpaexposition zu vermeiden“. In Deutschland wird die Meinung vertreten, zu 25 Prozent Karies in Pulpanähe zu belassen“, jedoch über 50 Prozent sprechen sich für die Entfernung der Karies aus. Mit der möglichen Folge einer Pulpaexposition. Prof. Weiger verstand es exzellent, den Pulpa-Dentin-Komplex und die Folgen nach präparativen Maßnahmen, nach der Kariesentfernung oder nach traumatischer Exposition in seinen unterschiedlichen Facetten diskursiv darzustellen.

Schmerz. Verschiedene Formen von Schmerzen behandelte Dr. Dr. Frank Sanner, Frankfurt a. M. in seinem Vortrag „Typischer und atypischer Zahnschmerz – der Weg zur richtigen Diagnose“. So beschrieb er anhaltende dentoalveoläre Schmerzstörungen, von welchen 77 Prozent Frauen betroffen sind. Häufig sei ein schmerzhafter Eingriff vorausgegangen. Charakteristisch für diese Schmerzform sei es, dass Patienten „nachts und nach dem Aufwachen schmerzfrei sind“ und tagsüber über „brennende, kribbelnde, pelzige Symptome“ klagen. Allerdings seien auch „Kombinationen mit dentogenen Schmerzen“ möglich. Darüber hinaus beschrieb Dr. Sanner die Ursachen einer Nervschädigung infolge einer Autoimmunerkrankung. Auch mechanische Reizung (zum Beispiel bei der Trigeminusneuralgie), Chemotherapie, Neurotrope Viren, Wurzelbehandlungen, Operation, Nervtrauma sowie unbekannte Ursachen werden diskutiert. Weiter beschrieb Dr. Sanner die Symptomatische Pulpitis, bei der die Pathologie ersichtlich ist, der Schmerz lokal kontinuierlich zunimmt und der Patient auf Kälte und Wärme sehr empfindlich reagiert. Symptome werden als ziehend, drückend oder pochend beschrieben. Mit zunehmendem Schmerz und Dauer seien die Ursachen „schwerer lokalisierbar“, fügte Dr. Sanner hinzu. Wichtig sei eine differenzierte Schmerzanamnese, die sich nach Ort des Hauptschmerzes, Umstände des Schmerzbeginns, Schmerzcharakter, Ausstrahlung, zeitlichem Verlauf, Faktoren, die den Schmerz verstärken oder abschwächen und nach Schmerzstärke gliedere. Bei Patienten mit Demenz sei eine „dentale Schmerzdiagnostik besonders schwierig“.

Gewusst wie. „Was erwartet Sie heute?“, fragte PD Dr. Anne-Katrin Lührs, Hannover, die unter dem Stichwort „Restaurationsreparatur 2.0“ – Gewusst wie!“ Reparaturkonzepte für Komposit, Amalgam, Gold und Keramik diskutierte. Nachdem sie die „Versorgungsgründe“ wie z. B. Frakturen oder Sekundärkaries beschrieben hatte, zeigte sie die „Vorteile der Reparatur“ auf. Diese zeichnen sich durch „verlängerte Langzeitüberlebensraten, Substanzschonung, Vermeidung von Pulpaschäden, Schmerzvermeidung sowie „geringere Gefahr für Nachbarzahnschädigung“ aus. Zudem sei die „Reparatur“ ein patientenorientiertes Konzept. Sie zeigte anhand zahlreicher Beispiele wann eine Reparatur oder ein Austausch indiziert ist. So stellte sie auch die „S1-Handlungsempfehlung für Kompositrestaurationen im Seitenzahnbereich“ vor. „Alle gängigen Restaurationsmaterialien können bei gegebener Indikation und adäquater Vorbereitung der Substratoberflächen mit Kompositmaterialien repariert werden.“

Abrasionsgebiss. Im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Jürgen Manhart, München, stand die „Versorgung im Abrasionsund Erosionsgebiss mit Vollkeramik – Substanzschonung vs. ästhetische Patientenanliegen“. Abnutzungserscheinungen der Zähne bis hin zur Schädigung der Zahnhartsubstanz seien oft schon bei jüngeren Patienten zu beobachten. Einzelne Zähne oder ganze Zahnreihen könnten durch unbewusste Gewohnheiten wie Knirschen und Pressen oder durch Fehlbelastung in Mitleidenschaft gezogen werden und deutlich an Höhe verlieren. Das beeinträchtige die Ästhetik, könne aber auch zum Zahnverlust führen sowie anatomische Strukturen im Kieferund Gesichtsbereich beeinträchtigen. Prof. Manhart zeigte, wie eine Versorgung mit Vollkeramik bei Patienten mit Abrasions- bzw. Erosionsgebiss aussehen kann und wie mittels fortschrittlicher Materialen und Adhäsivtechnik auch in diesen Fällen substanzschonend behandelt werden kann. Diesen Beitrag mit all seinen Facetten zu beschreiben, sprengte den Rahmen des ZBW-Berichts.

Fazit. Die 53. Bodenseetagung zeigte ein spannendes und praxisorientiertes Fortbildungsspektrum, das bei den rund 550 Zahnärztinnen und Zahnärzten auf eine überaus positive Resonanz stieß. Darüber hinaus stimmte das Ambiente der „neuen“ Inselhalle, die Parkmöglichkeiten und nicht zuletzt das Rahmenprogramm am Abend. Bereits heute gilt es die 54. Bodenseetagung am 20. und 21. September 2019 fest im Kalender zu markieren.

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47. Tagung für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen der BZK Tübingen in Lindau

 

Heimkehr in den sicheren Hafen

Ausgabe 11, 2018

Zwei Jahre Intermezzo in Konstanz. Mit der Rückkehr der 47. Tagung für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen nach Lindau ging für Dr. Bernd Stoll „ein Wunsch in Erfüllung“. 25 der bisherigen 47 ZFA-Tagungen der BZK Tübingen hat Dr. Bernd Stoll organisiert und geleitet – zur persönlichen Jubiläumstagung hatte sich der Referent für ZFA der LZK und der BZK Tübingen etwas Besonderes einfallen lassen: Was war, was ist und was ist in der Zukunft denkbar. Unter diesem Tagungsmotto beleuchteten langjährig mit der Bodenseetagung verbundene Referenten die verschiedenen Teildisziplinen der Zahnheilkunde. Den Auftakt machte Dr. Stoll selbst und blickte auf den Beruf der ZFA zurück.

Die Berufsbezeichnung nahm eine ebenso rasante Entwicklung wie die Lehrinhalte und die Voraussetzungen für den Beruf. 1865 war der Beruf noch ausschließlich „barmherzigen Töchtern aus höherem Hause“ vorbehalten. 1913 gehörte zum Lehrinhalt des „Empfangsfräuleins des Zahnarztes“ das „Zahnziehen, das Füllen mit Zinngold und der Speinapf“. 1940 war das Empfangsfräulein zur „Sprechstundenhelferin“ aufgestiegen. 1969 wurden an die „Zahnärztliche Helferin“ hohe körperliche und seelische Voraussetzungen gestellt: So sollten die jungen Frauen über „gesunde Gliedmaßen, einen befriedigenden allgemeinen Gesundheitszustand und ein höfliches und freundliches Wesen“ verfügen. Make-Up bitte nur „dezent“, außerdem eine „nette Haarpracht“ und selbstverständlich muss „eine gute Mundpflege zu erkennen sein“. In den 60er-Jahren arbeiteten die zahnärztlichen Helferinnen fast 50 Wochenstunden und erhielten eine Lehrlingsvergütung zwischen 75 und 125 DM.

Die erste Ausbildungsverordnung zur Zahnarzthelferin trat erst 1989 in Kraft, 2001 trug man der steigenden Attraktivität des Berufes mit der neuen Ausbildungsverordnung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten Rechnung. 17 Jahre später „arbeiten wir derzeit an einer neuen Ausbildungsverordnung“, berichtete Dr. Stoll. Mit der eindrucksvollen Zahl von 54.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die seit der Gründung des Tübinger ZMF-Instituts 1974 die verschiedenen Kursteile der Aufstiegsfortbildung durchlaufen haben, schloss Dr. Stoll seinen Rückblick. Die ZFA heute ist „Hygienemanagerin, Qualitätsmanagerin, Abrechnungsmanagerin, Digitalisierungsmanagerin, Kommunikations- und Praxisverwaltungsexpertin“. Und was bringt die Zukunft? Noch mehr zielgruppenspezifische Kommunikation, mehr aufsuchende Versorgung, Digitalisierung, ist sich Dr. Stoll sicher.

Mythen demontieren. Die häusliche Prophylaxe von gestern ist für Prof. Dr. Adrian Lussi vor allem mit der Demontage sich hartnäckig haltender Mythen verbunden: Wartezeiten vor dem Zähneputzen sind nämlich nicht von Nutzen, ebenso ist Zahnpasta ohne Fluoride definitiv wirkungslos. „Kein Weg führt am Zähneputzen vorbei“, betonte Prof. Lussi und fügte schmunzelnd hinzu: „Es muss ja nicht die Doramed, die radioaktive Paste von früher sein, mit der die Zellen mit neuer Lebensenergie geladen werden“. Prophylaxe zeigt Wirkung. Zur effektiven häuslichen Prophylaxe gehört gleichermaßen die fluoridhaltige Zahnpasta ab dem 1. Lebensjahr. Und eine gezielte Ernährungslenkung. Eine Ernährungslenkung ist auch für eine wirksame Erosionsprophylaxe erforderlich – ebenso wie Zahnpasten und Lösungen mit Zinn. Und die Zukunft? Prof. Lussi sprach natürlichen Peptiden Potenzial zu.

Der Dreck muss weg. Und wie sieht das Gestern, Heute und Morgen bei der professionellen Prophylaxe aus? „Prophylaxe funktioniert und das in allen Altersgruppen“, betonte Prof. Dr. Johannes Einwag. Eine PZR ist heute selbstverständlich in der Primärprophylaxe und für alle gilt Zähne putzen, Fluoride und Ernährungslenkung. In allen anderen Fällen erfolgen zielgerichtete Maßnahmen entsprechend der Diagnose. Die UPT kommt in der Sekundarprophylaxe zum Einsatz. Die Erfolge in der Prophylaxe bringen es allerdings mit sich, dass die Bevölkerung im Durchschnitt mehr Zähne hat und das bis ins hohe Alter. Ein Blick auf die Ergebnisse der DMS V Studie macht die Herausforderungen der Zukunft offensichtlich: Für die verbliebenen Zähne ist ein deutlich ansteigender Behandlungsbedarf festzustellen, insbesondere bei parodontologischen Erkrankungen. Was ist zu tun? Neben der Ernährungslenkung bleiben an weiteren Möglichkeiten in der professionellen Prophylaxe das mechanische und chemische Biofilmmanagement und der direkte Schutz per Fissurenversiegelung. „Entscheidend ist: Der Dreck muss weg“, appellierte Prof. Einwag, „aber schonend“. Dabei gehen häusliche und professionelle Prophylaxe Hand in Hand: Denn Chemie wirkt nur auf sauberen Zähnen und ist kein Ersatz für schlechte Mundhygiene! Am besten zur Entfernung des Biofilms sind Pulverstrahlgeräte. Neben den fachlichen Herausforderungen gilt es in der Zukunft die organisatorischen, sprich zeitlichen Herausforderungen zu meistern.

Toll, ein anderer macht’s. Abgekürzt TEAM. Diese allseits bekannte Wahrheit über Teams ist zwar inzwischen ein wenig abgehangen, aber dennoch oft wahr. Auch in den Praxisteams der Zahnarztpraxen? Kommunikationstrainer Peter Edwin Brandt legte in diesem Jahr seinen Schwerpunkt auf das Team: Was macht eine Gruppe zum Team? Was ist das Besondere an einem Team? Gemeinsam mit den engagierten Fortbildungsteilnehmerinnen im Auditorium erarbeitete Edwin Brandt die Antworten. Und schlüpfte gleichzeitig blitzschnell in die Rolle der einzelnen Teammitglieder und brachte dabei eine schauspielerische Glanzleistung. Jedes Team durchläuft nach den Erfahrungen von Edwin Brandt vier Phasen: Die Orientierungsphase wird vom Nahkampf abgelöst, hier brechen Konflikte aus, die dann in der dritten Vereinbarungsphase geklärt werden. Erst am Schluss erreicht das Team die sogenannte Arbeits- und Leistungsphase, in der alle gerne in die Praxis kommen und miteinander arbeiten und ggf. auch ab und zu etwas in ihrer Freizeit zusammen unternehmen.

Zweiter Fortbildungstag. Implantologie gestern? Das waren Blatt-Implantate, die in den Kiefer geklopft wurden, ohne Schablone, nachdem sie zuvor handschriftlich in die Panoramaschichtaufnahme eingezeichnet worden sind. Ältere Patienten galten als Indikationseinschränkung wegen ihres Alters und ihrer Medikamente. Implantologie heute ist Planungssicherheit durch 3D-Technik, digitalen Workflow und verbesserten Materialien. Heute kommen kurze Schraubenimplantate aus Titan zum Einsatz, mit großer Stabilität und weniger chirurgischem Einsatz. Und was erwartet Dr. Ali-Reza Ketabi für die Zukunft in ca. drei bis vier Jahren? Shorties, das sind ultrakurze Implantate von vier mm Länge, Softwareprogramme, die Krankheiten erkennen, Roboter-Zahnärzte und noch mehr Verbesserung bei der Prothetik der Hygienefähigkeit des Zahnersatzes.

Die parodontologische Behandlung gestern war vor allem unpopulär und mechanistisch, führte zu Gewebeverlust und Schmerzen und brachte für den Patienten keinen nachhaltigen Erfolg. Heute, das heißt ab den 90er-Jahren, hat man viel Wissen generiert, unter anderem, dass zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung unter einer schweren Parodontitis leiden, es gibt eine Klassifikation, die Gingivopathien, chronische PAR und aggressive PAR unterscheidet, es sind mehr Risikofaktoren bekannt und statt Plaque spricht man vom Biofilm. Die Therapie für die Patienten ist heute weniger schmerzhaft und es droht weniger Gewebe- und Zahnverlust. „Die Zukunft, das Morgen, hat schon angefangen“, wusste Dr. Dirk Vasel. „Wir wissen heute, dass Bakterien nicht unsere Feinde sind, sondern wir mit ihnen in Symbiose leben – nicht die Bakterien, sondern wir sind das Problem, unser Lebensstil, der aus Stress, Bewegungsmangel, Zucker etc. besteht“, appellierte Dr. Vasel bei der parodontologischen Behandlung von morgen auf ein ganzheitliches Konzept zu setzen. Neben PZR, Antibiotika, UPD und regenerativer Therapie gehört vor allem „die Optimierung unseres Lifestyles, um die Ansiedelung günstiger Bakterien zu bewirken“.

Die zweitägige Fortbildungstagung beschloss Marco Wagner von der LZK-Geschäftsstelle zum Thema Hygiene und Begehung. Das Gestern reicht in diesem Themenkomplex bis ins Jahr 2014 als zu den anlassabhängigen Begehungen durch die Gesundheitsämter der Stadt- und Landkreise nach dem Infektionsschutzgesetz die anlassunabhängigen Begehungen nach dem Medizinproduktegesetz durch die Regierungspräsidien kamen. Wie man sich heute am besten auf die Praxisbegehungen der Regierungspräsidien vorbereitet, nahm den Großteil der Ausführungen von Marco Wagner ein. Und die Zukunft? Denkbar sind behördliche Überwachungen im Infektions- und Arbeitsschutz und gemäß Röntgenverordnung.

» mader@lzk-bw.de

 

Strukturierte Fortbildung im FFZ

 

Zahnärztliche Chirurgie und Traumatologie

Ausgabe 11, 2018

Zum dritten Mal fand im Fortbildungsforum Zahnärzte (FFZ) unter der Leitung von Professor Dr. Andreas Filippi aus Basel das Curriculum für Zahnärztliche Chirurgie und Traumatologie statt. An den insgesamt vier Wochenenden wurden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Professor Filippi, Professor Dr. Sebastian Kühl und Dr. Irène Hitz Lindenmüller das gesamte Spektrum der Zahnärztlichen Chirurgie (von der einfachen Zahnentfernung bis zur Weisheitszahnentfernung), die gesamte Zahnerhaltende Chirurgie (von der WSR bis zur Zahntransplantation), das gesamte Spektrum der Risikopatienten (von der allgemeinanamnestischen Auffälligkeit bis zur Mundschleimhauterkrankung) sowie der gesamten Traumatologie der Zähne vermittelt. Alle theoretischen Themenblöcke wurden durch viele Hands-on-Übungen am Schweinekiefer vertieft: Laserchirurgie, Piezochirurgie, Schnittführung und Nahttechnik, Reposition von Zähnen und Schienungstechnik. Allen Beteiligten hat dieses Curriculum sehr viel Spaß gemacht. Es wird im FFZ alle zwei Jahre angeboten – und somit besteht die nächste Gelegenheit zur Teilnahme im ersten Halbjahr 2020.
FFZ/AF