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Leserreise

Zahnärzte aus Baden-Württemberg auf Exkursion durch Mexiko

 

Tabasco, Tequila und Maya-Tempel

Ausgabe 12, 2018

Gedanken beim Abflug in Frankfurt: Was wissen wir aus den Medien über Mexiko? Berichte über Flüchtlingstrecks, Drogenkartelle, Gewaltkriminalität und Morde beherrschen fast täglich die Nachrichten. Mit diesen Informationen im Hinterkopf startete die Gruppe der LZKMitglieder- Fachexkursion in eine spannende und aufschlussreiche Reise nach Mexiko, dem Land der Maya und Azteken. Im Rahmen des Fachprogramms gab es zusätzlich spannende Einblicke in die dortige Zahnmedizin.

Kurz vor Allerheiligen die Ankunft am „Día de los Muertos“: Überall im katholisch geprägten Land Vorbereitungen für ein Fest in der Familie und auf dem Friedhof. Mit Ausgelassenheit und Freude wird die Rückkehr der verstorbenen Seelen groß gefeiert. Auch mit einem an den James Bond Film angelehnten Umzug in Mexico City mit bunten Totenköpfen und schrillen Verkleidungen.

Neben dem modernen, über 20 Millionen Einwohnern großen Mexico City ist die Besiedelung des flächenmäßig großen Landes (fast sechsmal so groß wie Deutschland) teilweise sehr dünn. Umso reicher die Zeugnisse der großen Geschichte der Maya und Azteken, bereits in Mexico City erlebbar: Das Museo Nacional de Antropologia vereint großartige archäologische Fundstücke des ganzen Landes und der ganzen Geschichte, von den ersten Nomadenstämmen bis zur Conquista, der Eroberung Mexikos durch die Spanier.

Exkursionsprogramm. Bereits im Museum der erste fachliche Bezug: Zähne und Schönheit, bereits in präkolumbischer Zeit ein Thema. Schädel mit Schneidezähnen, die durch kleine grüne Jade-Steinchen verschönert wurden! Zahnschmuck also schon in der Frühzeit. Dass aber Federschmuck bei den Azteken wertvoller als Gold war, überraschte wie so vieles bei dieser Reise.

Gegensätze auch im Stadtbild der Megacity: Im fast europäisch gediegen- gemütlich anmutenden Künstlerviertel Coyoacan das blaue Frida- Kahlo-Museum, breite Boulevards mit viel Grün und dann gigantische Vorstädte, zwar bunt und vielfarbig, aber nicht unbedingt einladend. Nur 50 km außerhalb dann die ersten Pyramiden von Teotihuacan, bis ins 6. Jahrhundert bedeutendste Stadt Mesoamerikas. Hier forderten die Stufen der weltweit drittgrößten Pyramide, der Sonnenpyramide, zum ersten Mal die Kondition der Reiseteilnehmer.

Wüsten und Kakteen, dieses Bild von Mexiko wäre einseitig. Grüne, hügelige Landschaften und später die flachen Ebenen des Regenwaldes bestimmten das Bild. Auch ein morgendlicher Blick auf den immer noch aktiven, 5462 Meter hohen Vulkan Popocatepetl mit seiner Rauchfahne war uns vergönnt, natürlich aus sicherer Entfernung vom Hotel aus.

Zahnmedizin in Mexiko. Ganz nah am Patienten dann das Fachprogramm an der UNAM, einer der ältesten und größten Universitäten des amerikanischen Kontinents. 600.000 Bewohner hat der Campus innerhalb der Stadt Mexico City! Das Fachprogramm an der Zahnklinik ließ die Zahnärzte-Gruppe doch mehrfach staunen. Ehrenvoller Empfang durch die (erste weibliche) Klinikdirektorin Dra. Elba Rosa L. Huerta persönlich. 500 Studierende werden hier pro Jahr in Zahnmedizin ausgebildet. Moderne Behandlungseinheiten, aktuelle Materialien, Mikroskope bei Endobehandlungen. 3D-Vorführungen zu Didaktik und Lehre (beispielsweise im Anatomie- Saal) sowie eindrucksvoll eine 3DPräsentation einer cranio-facialen Schädel-OP. Der hohe Stand der computergestützten Ausbildung beeindruckte die deutschen Zahnärzte. Und dann der Besichtigungsgang durch alle Fachabteilungen, wo bei laufenden Patienten-Behandlungen und freundlicher Begleitung die Beantwortung fachlicher Fragen problemlos möglich war. Erkenntnis: Kein Entwicklungsland in Zahnmedizin! Das nahmen die Zahnärzte aus Baden-Württemberg mit auf die weitere Reise in Richtung Halbinsel Yucatán.

Mexiko-Experte Gregor Dammeier, allwissend in der Geschichte der Maya, setzte das Fortbildungsprogramm fort: Pyramiden, Tempelanlagen, Grabkammern … vieles noch unerforscht, im Regenwald versteckt und bislang nicht entdeckt. Geheimnisse eines hochstehenden Volkes mit erstaunlichen Kenntnissen in Astronomie, Mathematik und Architektur. Die Welt der Götter und Herrscher wurde lebendig. Grausame Opfer-Riten einerseits und technische Meisterleistungen beim Bau von Tempeln und Palästen andererseits. Staunendes Zuhören und Entdecken von Details auf steinernen Abbildungen. Grausam auch die Geschichte, die indigenen Völker durch massive Herrschergewalt millionenfach zu dezimieren, um damit Macht über das Land zu erringen. Macht und Größe, davon zeugen auch die im grünen Regenwald Chiapas gelegenen Bauwerke von Palenque. Hier beobachteten die Maya den Sternenhimmel, berechneten den Lauf der Gestirne und ersannen den eindrucksvollen Sonnenkalender.

Dentaler Alltag. Nebenan, im kleinen Provinzstädtchen Palenque dann wieder zahnärztlicher Alltag: Der Besuch der Zahnarztpraxis von Dr. Noé Adán Díaz. Trachtenmädchen aus der Region vor der Praxistüre zum Empfang der „delegación alemana“, selbst das lokale Fernsehen ist präsent und berichtet ausführlich. Fachliche Gespräche mit Dr. Díaz drehen sich um Fragen der zahnärztlichen Grundversorgung in Mexiko (nur Schmerzbehandlung, Extraktionen etc.) sowie die diversen weiteren Behandlungsangebote in Paro, Endo, Prothetik und KFO, die Dr. Díaz mit seinen Kollegen anbietet. Ausführlich berichtet Dr. Díaz, der diverse Weiterbildungszertifikate besitzt, von einer Initiative für LKG-Patienten der Region: Er koordiniert und organisiert den Einsatz eines größeren Ärzteteams (MKG, Anästhesisten), die aus der Hauptstadt hin und wieder einfliegen und vor Ort, in der ärmsten Provinz Mexikos, Operationen wie Lippenverschluss oder Gaumenplastik durchführen. Und auch hier, wie bereits an der UNAM, nicht nur kollegialer, sondern herzlicher Abschied. Deutschland (und deutschen Zahnärzten) wird eine hohe Wertschätzung entgegengebracht.

Kulturelle Einblicke. Die alte Maya-Hochburg und die moderne Zahnarztpraxis verschwinden im Rückspiegel des klimatisierten Reisebusses. Chichén Itzá, ein weiterer Höhepunkt der Ausgrabungsstätten, mit einem Observatorium zur Beobachtung der Sterne und der großen Stufenpyramide im Puuc-Stil. Steinerne Darstellungen von grausamen Menschenopfern und von Göttern und Herrschern. Auch hier weiß man: Vieles verbirgt noch der umliegende Regenwald. Hier wird der Regengott Chaac am Besichtigungstag offensichtlich seinem Namen gerecht: Die meisten hat der tropische Regenguss voll erwischt.

Nicht nur alte Ruinenstädte der frühen Maya-Kultur, auch die an das koloniale Erbe erinnernden Städte (Campeche, Mérida, Vallodolid) waren geschickt und als Kontrast im Reiseprogramm enthalten. Nachfahren der Maya, klein an Gestalt, aber mit großer Freundlichkeit gegenüber den Fremden, leben hier. Welche Grausamkeiten die Geschichte der Conquista mit der Unterjochung und Dezimierung der Bevölkerung gebracht hat, macht betroffen. Der Besuch einer alten Hazienda zeugt von der kolonialen Macht und wirtschaftlichen Stärke, die ganz wesentlich von der Sisal-Produktion geprägt war.

Dass sich die Maya und Azteken, außer dem bereits erwähnten Zahnschmuck, mit Zahngesundheit beschäftigten, wurde fast zufällig zum Thema.

Den weißen Milchsaft einer bestimmten Baumart (Manilkara) kochten die Maya auf, um Bälle für ihre Ballspiele zu formen. Aber auch zum Kauen taugte die gummiartige Masse: Chicle, das Wort stammt aus dem aztekischen „tzictli“ wurde schon in der Frühzeit der Maya-Kultur zur Zahnpflege und für besseren Atem gekaut. Lange bevor Chiclesaft Ende des 19. Jahrhunderts (von Amerikanern) entdeckt wurde, und der Siegeszug von chewing gum begann.

Nebenbei: Der russische Revolutionär Leo Trotzki, durch Unterstützung von Frida Kahlo im Exil in Mexico City, äußerte sich zu diesem Thema: Kaugummi sei ein Instrument des Kapitals, damit die Menschen nicht zum Denken kommen. Schon die Maya sahen das praktischer: Zahnpflege und guter Atem, ein Zeichen von Hochkultur.

Dr. Reinhard Schugg, Rottweil