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Fortbildung

44. Jahrestagung der südbadischen Zahnärzteschaft in Rust

 

Moderne Strategien in der Prothetik

Ausgabe 7, 2019

Zur 44. Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte am 10. und 11. Mai konnte Dr. Peter Riedel, Vorsitzender des Vorstands der Bezirkszahnärztekammer Freiburg, nun bereits zum fünften Mal seine Gäste in Rust begrüßen. Mit 900 Zahnärztinnen und Zahnärzten und 800 Zahnmedizinischen Mitarbeiter/innen gehört diese Veranstaltung mittlerweile zu den beliebtesten in Deutschland.

Das diesjährige Fortbildungsprogramm der wissenschaftlichen Fortbildungstagung der Bezirkszahnärztekammer Freiburg stand ganz im Zeichen der Prothetik mit ihren unterschiedlichen Facetten. Der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Elmar Hellwig hatte in bewährter Weise ein vielseitiges und anspruchsvolles Fortbildungsprogramm zusammengestellt, das den Zahnärztinnen und Zahnärzten neuestes und praxisgerechtes Wissen bot. Trotz der großen Erfolge der Prävention, so Prof. Hellwig, gebe es nach wie vor einen großen Bedarf für prothetische Maßnahmen. Heute sei nur noch jeder achte jüngere Senior im Alter zwischen 65 und 74 Jahren zahnlos. Im Jahr 1997 sei es noch jeder vierte gewesen. Jüngere Senioren besitzen heute im Durchschnitt fünf eigene Zähne mehr als noch vor 12 Jahren. Und bei immer mehr jüngeren Senioren bestehe heute die Möglichkeit, festsitzenden Zahnersatz zu verankern. Neue Techniken und Materialien und insbesondere der Einsatz von Implantaten haben das therapeutische Spektrum der Prothetik erheblich erweitert. Deshalb sei die moderne zahnärztliche Prothetik nach wie vor von großer Bedeutung, da sie ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität älterer Menschen sei.

Patientenorientiert. Prof. Dr. Stefan Wolfart, Aachen, zeigte in seinem Vortrag „Von der Prophylaxe bis zum Implantat: Der Patient im Mittelpunkt eines modernen Praxiskonzepts“ die Bedeutung eines Behandlungskonzepts auf, bei dem die Bedürfnisse des Patienten und seine Zufriedenheit im Mittelpunkt stehen. Es sei unerlässlich, zu Beginn der Behandlung ein individuelles Patientenprofil zu erstellen, bei dem sowohl die individuelle Wertigkeit bei Ästhetik, Funktion und Invasivität wie auch finanzielle Möglichkeiten des Patienten berücksichtigt werden. Ebenso wichtig sei die Berücksichtigung allgemeinmedizinischer Risiken sowie der Faktoren Rauchen, Mundhygiene und Parodontitis. Dieses Patientenprofil bilde die erste Stufe der sieben Grundregeln der implantatprothetischen Planung, so Prof. Wolfart. Weiterhin müsse gesunde Zahnhartsubstanz erhalten werden und festsitzende Restaurationen in so kleinen Einheiten wie möglich erstellt werden. Zweifelhafte Zähne sollten nur in bis zu dreigliedrigen Restaurationen einbezogen werden und die Versorgung bis zum 1. Molaren in allen Quadranten erfolgen. Bei herausnehmbarem Zahnersatz sollten zweifelhafte aber parodontal sanierte Zähne integriert werden und abschließend müsse die Nachsorge sichergestellt werden.

Wissenschaftliche Tagung. Dr. Alexis Ioannidis, Prof. Dr. Elmar Hellwig, Dr. Peter Riedel und Prof. Dr. Stefan Wolfart (v. l.).

Kurze Implantate. Dr. Alexis Ioannidis, Zürich, ging in seinem Referat der Frage nach „Wie kurz darf ein Implantat sein?“ und gab einen systematischen Überblick über randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zu Überlebensraten und Komplikationen bei kurzen Implantaten (< 6 mm) in verschiedenen Einsatzbereichen. Er empfahl, kurze Implantate mit Vorsicht auszuwählen. Sei im Oberkiefer genügend vertikale Höhe vorhanden, könne man sich für ein längeres Implantat entscheiden. In einer Situation, in der mit wenig chirurgischem Aufwand Knochen nach vertikal transportiert werden könne, riet er ebenfalls zu einem längeren Implantat. Liege jedoch eine Situation vor, die mit hohem chirurgischen Aufwand einhergehen würde, könne ein kurzes Implantat bevorzugt werden. Bei einer Situation im Unterkiefer mit großer vertikaler Höhe riet er zu einem längeren Implantat, während er eine vertikale Augmentation im Unterkiefer vermeiden und sich deshalb dort für ein kurzes Implantat entscheiden würde.

Digitalisierung. „Die digitale Wertschöpfungskette ‚State of the Art‘“ war das Thema von ZTM Stephan Röben, Freiburg, der die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im Bereich der Zahnheilkunde aufzeigte. Die zunehmende Feminisierung, das Heranwachsen neuer Generationen wie der Generation Y (in den 1980er- oder 1990er- Jahren Geborene) der Generation Z (von 1997 bis 2012 Geborene) sowie das steigende Durchschnittsalter der Zahnärztinnen und Zahnärzte aber auch Veränderungen auf dem Markt der Zahntechniker sowie Dentalketten seien Faktoren, die in den nächsten zehn Jahren zu starken Veränderungen führten. Aufgrund dieses Generationenwechsels werde die Integration moderner Technologien wie z. B. navigierte Implantation, Intraoralscanner, CAM oder 3D-Druck in die Zahnarztpraxis immer wichtiger. Anhand ausgewählter Beispiele zeigte Stephan Röben welche Perspektiven sich dem Zahnarzt bieten und welche Möglichkeiten sich im Team zwischen Zahnarzt und Dentallabor ergeben können.

Digitalisierung. ZTM Stephan Röben zeigte neue Perspektiven und Möglichkeiten in der Zahnheilkunde und Zahntechnik durch die Digitalisierung.

Kieferkammerhalt. Dr. Dodji Lukas Akakpo gab einen Überblick über moderne Techniken des Kieferkammerhaltes und des Weichgewebsmanagements.

Kieferkammerhalt. Dr. Dodji Lukas Akakpo, München, zeigte in seinem Vortrag „Neue Strategien zum Kieferkammerhalt“. Der Erhalt des Bündelknochens sei ein Schlüsselfaktor für die Vermeidung von Volumenverlust nach Zahnextraktionen, erläuterte er. Deshalb müsse ein möglicher Attachmentverlust in die Behandlungsplanung miteinbezogen werden. Das Verfahren der Guided Bone Regeneration (GBR) sei gut dokumentiert, werde jedoch aufgrund der fünf bis sechs Monate dauernden Heilungsphase selten angewendet. Die Sofortimplantation sei die patientenfreundlichste Option, jedoch könne auch hier der Knochenverlust nicht vermieden werden. Im Bereich der Füllstoffe gebe es Studien, die belegten, dass der Knochenabbau von 50 Prozent auf 20 Prozent verringert werden könne, vorausgesetzt es handle sich um bovines Knochenersatzmaterial. Die Weichgewebstransplantation sei eine weitere Methode, den Volumenverlust zu kompensieren, jedoch verhalten sich Bindegewebstransplantate sehr unterschiedlich je nachdem wo sie entnommen wurden. Hier sei die klinische Erfahrung ausschlaggebend. Abschließend stellte er klinische Konzepte vor und gab einen Ausblick auf die Zukunft.

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Faktoren der Planung

 

Individuelle Versorgungskonzepte

Ausgabe 7, 2019

Angesichts einer Fülle von möglichen Therapieoptionen gewinnt ein patientenorientiertes Behandlungskonzept zunehmend an Bedeutung. Körperliche Einschränkungen, der allgemeine Gesundheitszustand und finanzielle Möglichkeiten müssen hier ebenso berücksichtigt werden wie eine geringe Bereitschaft für eine zeitaufwändige Therapie und die zunehmende Anzahl geriatrischer und multimorbider Patienten. Der zweite Teil des wissenschaftlichen Programms der 44. Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte beschäftigt sich insbesondere mit Therapiekonzepten, die diese Faktoren berücksichtigen.

Full-Arch-Versorgungen. PD Dr. Sönke Harder, München, ging auf die implantatgetragenen Sofortversorgungen des zahnlosen Kiefers ein und zeigte klinische Erfahrungen auf. Ein für Patienten attraktives Behandlungskonzept ist die prothetische Sofortbelastung und -versorgung von implantatgetragenen Full-Arch-Versorgungen im zahnlosen Kiefer, da sie auf augmentative Maßnahmen verzichtet und eine kurze Behandlungsdauer hat. Dr. Harder zeigte an ausgewählten Patientenfällen, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um dieses Konzept umzusetzen. Räumliche, personelle und logistische Möglichkeiten der Praxis müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Erwartungshaltung, der Gesundheitszustand und die Anatomie der Patienten. Dr. Harder erläuterte Vor- und Nachteile dieses Konzepts und erörterte neben den chirurgischen und prothetischen Behandlungsaspekten auch die wissenschaftliche Datenlage.

Periimplantitis-Prävention. PD Dr. Eberhard Frisch M.Sc. untersuchte, welche die Rolle der Weichgewebe bei der Entstehung von Periimplantitis spielen.

Teilprothese. Prof. Dr. Klaus W. Böning erläuterte, dass die Teilprothese auch in der heutigen Zahnheilkunde noch ihren berechtigten Einsatz hat.

Sofortversorgung. PD Dr. Sönke Harder beleuchtete die implantatgetragenen Sofortversorgungen des zahnlosen Kiefers.

Teilprothese. „Hat die Teilprothese ausgedient?“ lautete die Fragestellung von Prof. Dr. Klaus W. Böning, Dresden. Während er die Frage bei finanziell und gesundheitlich nicht eingeschränkten Patienten eindeutig bejahte, gebe es jedoch auch Patienten, für die aufgrund ihres Gesundheitszustands sowie geringer Risikobereitschaft und finanzieller Möglichkeiten eine Teilprothese die beste Lösung sei. Gerade auch angesichts einer steigenden Zahl von geriatrischen und multimorbiden Patienten, die noch eigene Zähnen haben, geht Prof. Böning langfristig von einer Renaissance der Teilprothese aus. Er legte dar, wie unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten sowie der Mundhygiene- und Therapiefähigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Patienten unterschiedliche Lösungsansätze die jeweils besten sind. Er stellte die Vor- und Nachteile des RPI-Klammer-Systems mit sublingualem Bügel bzw. lingualer Platte vor. Teilprothesen mit rotierendem Einschub seien z. B. in den USA State of the art. Eine ästhetische Lösung bei geringem Budget sei die Teilprothese mit Retentionsarmen aus Polyamid-12. Auch das „Stiefkind der Prothetik, der gussklammerverankerte Zahnersatz“ sei „besser als man denkt“. Prof. Böning demonstrierte die Entscheidungsfindung an anschaulichen Beispielen mit besonderem Fokus auf den geriatrischen multimorbiden Patienten und Patienten mit limitierten finanziellen Ressourcen.

Weichgewebe. PD Dr. Eberhard Frisch, M.Sc., Hofgeismar/ Freiburg, beschäftigte sich mit dem periimplantären Weichgewebe und stellte die provokante Frage „Brauchen Implantate Zahnfleisch?“. Er zeigte strukturbiologische Unterschiede zwischen Zahn und Implantat auf und erläuterte die Entstehung der Periimplantitis. Anhand von Langzeit-Fallbeobachtungen demonstrierte er, dass Veränderungen im Weichgewebe Einfluss auf die Entstehung periimplantärer Erkrankungen haben. Die Verbreiterung keratinisierter Mukosa (KM) trage deshalb laut Dr. Frisch zur Prävention der Periimplantitis bei und führe zu stabilem Weichgewebe. An ausgewählten Fälle zeigte er wie Bindegewebstransplantate, freie Schleimhauttransplantate sowie Epitelbindegewebstransplantate zum Aufbau keratinisierter Mukosa eingesetzt werden können. Dadurch ergeben sich, so Dr. Frisch, neue und zusätzliche Therapieoptionen in der Behandlung der Periimplantitis.

Keramikversorgungen. Laut Prof. Dr. Petra Gierthmühlen gewinnen minimalinvasive vollkeramische Rekonstruktionen immer mehr an Bedeutung.

Psychosomatische Aspekte. PD Dr. Anne Wolowski beschäftigte sich mit den psychosomatischen Aspekten der Prothetik und gab praktische Tipps für den Alltag.

Minimalinvasive Versorgung. „PerfekteKeramikversorgungenvon A-Z“ lautete das Thema von Prof. Dr. Petra Gierthmühlen, Düsseldorf. Sie beschrieb in ihrem Vortrag den Paradigmenwechsel von der klassischen Vollkronenpräparation zur minimalinvasiven Versorgung. Aufgrund der adhäsiven Befestigung seien retentive Präparationsformen nicht mehr erforderlich. Anhand ausgewählter Patientenfälle stellte Prof. Gierthmühlen den Workflow vor, beginnend mit der digitalen Erfassung der intraoralen Situation. Arbeitsgrundlage seien moderne Technologien zum Vermessen patientenindividuellerInformationenimKieferbereich und Scanner zur fotorealistischen 3D-Digitalisierung von Gesichtern. Digitale Orientierung und Design sowie digitales Mock-up folgen bis hin zum individuellem Zahnersatz. Detailliert und praxisnah zeigte sie die Möglichkeiten eines vollkeramischen Behandlungskonzeptes, von Einzelzahnversorgungen bis hin zu komplexen Versorgungen im Oberund Unterkiefer. Weiterhin gab Prof. Gierthmühlen Empfehlungen zur Materialauswahl, die sie durch wissenschaftliche Daten belegte.

Psychosomatik. PD Dr. Anne Wolowski, Münster, untersuchte die psychosomatischen Aspekte der Prothetik. Patienten mit psychosomatischen Beschwerden seien häufig Frauen im Alter von 55 oder 60 Jahren oder älter, die typische Krankheitsverläufe aufweisen. Diese Patienten, so Dr. Wolowski, müssten frühzeitig erkannt werden, um typische Konflikte zu vermeiden. Häufig suchen diese Patienten den Zahnarzt mit einer ausschließlich somatischen Erwartungshaltung auf. Beachtet der Zahnarzt die psychosozialen Faktoren zu spät, könne die Behandlung für alle Beteiligten ausgesprochen belastend werden. Deshalb sei es wichtig, dass der Behandler typische somatische Befunde wie auch psychosoziale Merkmale der Beschwerden berücksichtige. Bei der Aufklärung müsse das Vertrauen des Patienten gewonnen und die Eigenverantwortung des Patienten gefördert werden. Patient und Zahnarzt müssten die Wahlmöglichkeiten kennen und Entscheidungskriterien aktiv und gleichberechtigt einbringen. Auch die Auswahl der Behandlung erfolge gemeinsam, damit beide die Verantwortung für die Entscheidung tragen und späteren Vorwürfen und Schuldzuweisungen vorgebeugt werden könne. Weiterhin sei es wichtig, realistische Behandlungsziele zu vereinbaren und die indizierte somatische Therapie unter Berücksichtigung des Zeitmanagements konsequent zu verfolgen. Typische Fehler im Umgang mit den Patienten seien „Heilversprechen“, die zu einer unkorrigierten Erwartungshaltung führen, ein rein beschwerdegesteuertes Handeln, das Fördern einer passiven Patientenhaltung, unbegründete Verdachtsdiagnoseäußerungen sowie das „alleine lassen und stigmatisieren“ des Patienten. Hinsichtlich der psychosomatischen Aspekte empfahl Dr. Wolowski eine realistische Abschätzung der klinischen Relevanz der Beschwerden und eine hinreichende, zügige, nicht redundante Differenzialdiagnostik. Hinweise auf wesentliche psychosoziale Einflussfaktoren müssten rechtzeitig erfasst werden und ggf. eine interdisziplinäre Diagnostik vorbereitet und koordiniert werden. Besonders legte sie den Kollegen Transparenz und Aufklärung in jeder Phase ans Herz sowie eine gute Dokumentation.
Weitere Bildimpressionen von der Fortbildungstagung in Rust finden Sie unter zahnaerzteblatt.de.

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44. Jahrestagung der Südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte in Rust

 

Spezialpodien Kieferorthopädie, Oralchirurgie und Zahntechnik

Ausgabe 7, 2019

Erneut ergänzten drei Spezialpodien die 44. Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte im Confertainment Center des Europaparks in Rust. Die Spezialpodien Kieferorthopädie und Oralchirurgie finden nun schon einige Jahre flankierend zum wissenschaftlichen Hauptprogramm statt, aber auch das Spezialpodium Zahntechnik, das vergangenes Jahr erstmals in Kooperation mit der Zahntechnikerinnung Baden seine Premiere hatte, ist auf derart großes Interesse gestoßen – und nicht nur auf das der Zahntechniker – dass es als „Dauereinrichtung“ vorgesehen ist, wie es Innungsmeister Harald Prieß treffend ausdrückte.

Kieferorthopädie. Aufgrund der hohen Nachfrage ist das Spezialpodium KFO in den eleganten Salla Bianca umgezogen und so füllten gut 130 kieferorthopädische Fachzahnärztinnen und -zahnärzte und kieferorthopädisch tätige Kolleginnen und Kollegen das Auditorium. Unter der souveränen, fachkundigen und sympathischen Moderation von Dr. Silke Kuhlmann stellten die Ordinarien der vier baden-württembergischen KFO-Lehrstühle ihre Forschungsergebnisse und Behandlungsschemata vor. Prof. Dr. Britta A. Jung, Freiburg, ging auf die skelettale Verankerung ein, ihr oblag es im Auftaktvortrag auf diesbezügliche Indikationen und klinische Anwendungen einzugehen. Prof. Dr. Christopher J. Lux, Heidelberg, widmete seinen Beitrag dem anspruchsvollen kieferorthopädischinterdisziplinären Management bei Nichtanlagen und traumatischem Verlust bleibender Zähne. Wichtig für das Auditorium waren hier die dargelegten Entscheidungspfade des Tübinger Hochschullehrers.
Einer für die Kollegenschaft, aber auch für unsere Patienten überaus relevanten Problematik widmete sich Prof. Dr. Dr. Bernd Lapatki, Ulm, der über „Orthodontics goes digital!“ sprach.
Und in der Tat ergänzen und mitunter ersetzen neue digitale Verfahren konventionelle, „analoge“ Vorgehensweisen – das kieferorthopädische Fachgebiet verändert sich!
Auch die Universität Tübingen entsandte ihren Ordinarius – Professor Dr. Bernd Koos widmete seine Ausführungen einem Dauerbrenner – Kiefergelenkserkrankungen im kieferorthopädischen Kontext. Eine hochaktuelle Thematik, die auch einige Zahnärztinnen und Zahnärzte aus dem benachbarten Dome, in dem das Mainpodium lief, in den Salla Bianca lockte. Lange, interessante interkollegiale Diskussionen, die sich weit in die Pausenzeiten hineinzogen, waren ein beredter Beweis dafür, dass die vier Referenten und die Moderatorin die Erwartungen des Auditoriums mehr als erfüllt haben.

Spezialpodium Oralchirurgie. Dr. Robert Schwagierek, BDO-Landesvorsitzender, Dr. Manuel Troßbach, BDO-Landesvorsitzender, Prof. Katja Nelson, Dr. Tabea Flügge, Dr. Anne Bauersachs (v. l.).

Oralchirurgie. Der Moderator des Oralchirurgischen Spezialpodiums und Autor dieser Zeilen zeigte sich hocherfreut darüber, dass erneut knapp 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – unter ihnen eine beträchtliche Zahl junger Kolleginnen und Kollegen – den Traumpalast, ein historisches Zirkuszelt, bis auf den letzten Platz füllten und damit bewiesen, dass das Interesse an der zahnärztlichen und der Oralchirurgie ungebrochen ist. Und die Teilnehmer des nunmehr bereits 3. Spezialpodiums Oralchirurgie wurden nicht enttäuscht, denn sie durften ein facettenreiches und überaus interessantes wissenschaftliches Programm erleben. Den Auftakt hierzu steuerte Prof. Dr. Dr. Jürgen Hoffmann, Heidelberg, bei, der über kaufunktionelle Rehabilitation bei komplexen Defektsituationen sprach und gegen Ende seiner Ausführungen auf das Heidelberger Therapieschema einging.
abea Flügge (beide Freiburg) konnten wertvolle Hinweise für die richtige Auswahl und Anwendung digitaler Verfahren in der Chirurgie geben; im Anschluss daran referierte Dr. Anne Bauersachs über Medikamente in der oralchirurgischen Praxis.
Die in Sonneberg, Thüringen, niedergelassene Oralchirurgin gab nicht nur einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Medikamente, die bei oralchirurgischen Eingriffen von Relevanz sein können, sondern ergänzte ihren eloquent vorgetragenen Beitrag zum wissenschaftlichen Programm mit vielen Tipps für die Praxis. PD Dr. Michael Korsch indes steuerte den sicherlich außergewöhnlichsten Beitrag zum wissenschaftlichen Programm bei: Er sprach über „Zygomaimplantate – Alternative zu extraoralen Spenderregionen und langwierigen Behandlungen durch festsitzende Sofortversorgung“ und zog mit seinen Ausführungen das Auditorium in den Bann. Er legte im zweiten Teil seines Vortrages den Schwerpunkt auf die Planung und Durchführung sofortbelasteter, festsitzender implantatgetragener Restaurationen, die nach Ansicht des Heidelberger Oralchirurgen eine der großen Herausforderungen, aber auch Chancen für unser Fachgebiet sind, und zeigte im letzten Teil seines faszinierenden Beitrages anhand hervorragend dokumentierter Fallbeispiele Möglichkeiten solcher Rehabilitationen. Der Berufsverband Deutscher Oralchirurgen ist Kooperationspartner des Spezialpodiums Oralchirurgie und sein Landesvorsitzender, Dr. Manuel Troßbach, leitete die in das Programm eingebettete Mitgliederversammlung der baden-württembergischen BDO-Sektion.


Referenten. Prof. Dr. Dr. Jürgen Hoffmann, Prof. Dr. Katja Nelson, Dr. Tabea Flügge (Foto links, v. l.) sowie PD Dr. Michael Korsch, Dr. Manuel Troßbach, BDO-Landesvorsitzender, Dr. Anne Bauersachs und Dr. Robert Schwagierek BDO-Landesvorsitzender (Foto rechts, v. l.).

Zahntechnik. Ebenfalls einen Kooperationspartner gab es beim „jüngsten Kind“ der Spezialpodientrilogie, dem Spezialpodium Zahntechnik. Bereits zum zweiten Mal konnte die Bezirkszahnärztekammer Freiburg hier die Zahntechniker- Innung Baden gewinnen. Deren Obermeister ZTM Harald Prieß zeigte sich in seinem Grußwort hocherfreut über diese schöne Zusammenarbeit zwischen Zahntechnikern und Zahnärzten und den hohen Zuspruch, den dieses neue Format im vergangenen Jahr erfahren hatte.
Wie im Vorjahr gelang es der Innungsleitung erneut ein hochattraktives Programm auf die Beine zu stellen, das knapp 90 Zahntechnikerinnen und Zahntechniker ins Confertainment-Center lockte. Und diese wurden nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil: Mit den Zahntechnikermeistern Tom Lassen, Starnberg, Hans Jürgen Lange, Darmstadt, und Clemens Schwerin, Unterhaching, wurden drei sehr versierte und erfahrene Referenten verpflichtet, die ihre Ausführungen aus einem schier unerschöpflichen Erfahrungsschatz speisten.
stand auch hier der Übergang von der analogen zur digitalen Zahntechnik im Fokus. ZTM Schwerin sprach über Import/Export-Datenmanagement im digitalen Workflow. In idealer Ergänzung hierzu definierte ZTM Lassen den digitalen Arbeitsablauf als ideales Instrument für das weitere Zusammenrücken der Disziplinen, als er über „Vom intraoperativen Scan zum definitiven Ersatz“ referierte. Der hessische Zahntechnikermeister Lange konzentrierte sich ebenfalls auf das digitale Labor und führte in die Welt der überraschenden Indikationsvielfalt der Hybridkeramik ein. Auch die Zahntechniker wagten analog zum zahnärztlichen Programm den Blick über den Tellerrand und hatten Prof. Dr. Hartmut Walz verpflichtet, der amüsant und eindringlich zugleich über seine „Anleitung zu Fehlentscheidungen – wie Sie garantiert falsch entscheiden“ sprach und mit seinen Ausführungen gewollt genau das Gegenteil seines Vortragstitels bewirkte.
Das zweite Spezialpodium Zahntechnik – eine gelungene Veranstaltung, die auch in den kommenden Jahren fester Programmpunkt in Rust werden wird, so das Fazit des Innungs-Obermeisters. Die Bezirkszahnärztekammer Freiburg hat die Fachkollegen- und Zahntechnikerpodien behutsam und zielsicher in den vergangenen Jahren entwickelt, um flankierend zu den Hauptprogrammen für Zahnärztinnen und Zahnärzte und Zahnmedizinische Fachangestellte eine ideale Ergänzung zu bieten und um die Dentalfamilie komplett in Rust zu versammeln.

Dr. Georg Bach

 

Jubiläumstagung der BZK Freiburg für Zahnmedizinische Fachangestellte

 

30 Jahre Fortbildung für das Praxisteam

Ausgabe 7, 2019

Spannung und Entspannung versprach die stv. Referentin für Zahnmedizinische Fachangestellte der BZK Freiburg, Dr. Priska Fischer, für die Tagung zum Thema „Ein Leben ohne Lücken – Moderne Strategien in der Prothetik“. Das gleichbleibend große Interesse der zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen sei sowohl dem Tagungsthema als auch dem Gesamtkonzept der Fortbildungstagung geschuldet, resümierte Dr. Priska Fischer in ihrer Begrüßung. Mit einem flotten Film-Warm-up startete die Tagung in ihre Jubiläumsauflage.

Super Resonanz. Bis auf den letzten Platz mit fast 800 zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen gefüllt war der Ballsaal Berlin des Confertainment-Centers nicht nur beim Festvortrag.

„Keine Lücken lassen – auch nicht bei der Ernährung“, appellierte PD Dr. Johan Wölber im ersten Vortrag des Tages. Die Prävalenz bei jungen Erwachsenen zwischen 35 und 45 Jahren für Parodontitis ist sehr hoch. Was sind die Gründe? Die Beläge auf den Zähnen? Diese können es nicht ausschließlich sein, führte Dr. Wölber am Beispiel der Schweizer Steinzeit-Studie aus. „Es ist unsere Ernährung, die nicht (mehr) artgerecht ist“, betonte Dr. Wölber, „es sind Zucker, Kohlenhydrate, Stärke und tierische Proteine im Mix, die Beläge und Parodontitis verursachen.“ Der Ernährungsmediziner präsentierte eine aktuelle Studie über den Einfluss antientzündlicher Ernährung auf Gingivitis. Diese konnte um 50 Prozent reduziert werden, zudem führte die Ernährungsumstellung zu einem Gewichtsverlust von 1,5 kg pro Woche. Dr. Wölber empfahl eine Ernährung, die reich ist an Omega- 3-Fettsäuren, Ballaststoffen, Mikronährstoffen und sekundären Pflanzenstoffen: Kurz gesagt Orangen statt Orangensaft, Heidelbeeren, Blaubeeren und Kiwis morgens ins Müsli mit Haferflocken, Seefisch mindestens dreimal die Woche, Vollkorn- statt Weißmehl, schwarzer Kaffee, Brokkoli und wenn schon Schokolade, dann wenigstens die dunkle und das panierte Schnitzel, wenn möglich, nur noch einmal die Woche. Eine Ernährungsumstellung im Rahmen der zahnärztlichen Prophylaxe werde nicht nur Karies und Parodontitis vorbeugen, sondern auch die allgemeine Gesundheit fördern, versprach Dr. Wölber abschließend.

Nicht „gekodakt“ werden. Mit einem hochprozentigen, garantiert antientzündlichen Dank aus den Händen der Tagungsleiterin ging es lückenlos weiter mit dem Zahntechnikermeister Stephan Röben. Er begab sich mit den rund 800 zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen im Auditorium auf die Reise, eine Reise in die Digitalisierung der Zahnarztpraxis. „Der erste Schritt in die richtige Richtung ist die Marktbeobachtung“, empfahl Stephan Röben. Nahezu täglich biete die Digitalisierung in Zahnheilkunde und Zahntechnik eine Fülle neuer Perspektiven. Virtuelle und Künstliche Intelligenz, „wer sich nicht anpasst, wird gekodakt“, warnte der Zahntechnikermeister. „Machen ist wie wollen, nur krasser.“

Medizin trifft Zahnmedizin. Die nächste Lücke, und zwar eine Wissenslücke, schloss Dr. Catherine Kempf mit ihrem Vortrag über den allgemeinmedizinischen Risikopatienten. Schwerwiegende Notfälle in der Praxis sind selten, aber es trifft vor allem Risikopatienten. In den USA ist kürzlich ein 11-jähriges Mädchen mit einer Milchallergie gestorben, weil sie die falsche Zahnpasta verwendet hat. Die Risikopatientin hätte erkannt werden können, mit einer gründlichen allgemeinmedizinischen Anamnese, betonte Dr. Kempf. Die Anamnese müsse in zeitlichem Zusammenhang mit der Behandlung stehen und jedes Mal aktualisiert werden. Am besten ist eine Anamnese mit allen Sinnen: mündlich, per schriftlichem Anamnesebogen, visuell und auch das Hören, Tasten und Riechen gehören dazu.
Hat ein Patient Asthma, dann ist die Verwendung von CHX kontraindiziert. Hat die Patientin einen implantierten Defibrillator, dann sollte ein Test für den Ultraschall- Scaler gemacht werden. „Gewusst was, ist gewusst wie“, betonte die Münchener Anästhesistin und wiederholte ihre Hauptbotschaft: „Alle Kontraindikationen der Geräte und der Produkte müssen bekannt sein!“
Die Patienten sind Laien, erinnerte Dr. Kempf weiter und man müsse davon ausgehen, dass sie von der Einnahme von Bisphosphonaten nichts berichten, „weil sie in der Regel gar nicht wissen, was das ist“. Besser geeignet sei daher im Anamnesebogen die Frage nach Knochenerkrankungen, nach Infusionen und Medikationsplänen. Die Medikamenten- Anamnese, darauf wies Dr. Kempf abschließend noch mit Nachdruck hin, sei besonders wichtig wegen Neben- und Wechselwirkungen.

Ernährungsexperte. Keine Lücken bei der Ernährung und gute Stimmung hinterließ PD Dr. Johan Wölber mit seinem Eröffnungsvortrag.

Moderation. Eloquent moderierte Dr. Priska Fischer die Tagung zum 30. Jubiläum der BZK Freiburg für ZFA.

Jubiläums-Intermezzo. Zum 30-jährigen Jubiläum ließ der ehemalige Geschäftsführer der BZK Freiburg, Christoph Besters, die Fortbildungstagung für Zahnmedizinische Fachangestellte nochmals Revue passieren: Die erste Tagung fand am 27. April 1990 im Kurhaus in Hinterzarten statt. Der damalige Helferinnen- Referent Franz Schleemilch hatte die Familie Kohler-Schatz – Angelika Kohler-Schatz und Dr. Dieter Schatz – als Referentenduo verpflichtet. Ab 1991 tagten die Mitarbeiterinnen dann im Kurhaus von Schluchsee. Von 1992 bis 2008 führte Dr. Anton Fabinger als Referent für Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen durch die Tagung. 2008 übernahm Dr. Peter Riedel das Referat und führte die Tagung ins Confertainment Center nach Rust, wo die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen nun gemeinsam mit den Zahnärzten im deutlich schöneren Ballsaal Berlin tagen.
Gemeinsam mit Christoph Besters erinnerten sich auch zwei Mitarbeiterinnen des ehemaligen Vorsitzenden der BZK Freiburg, Dr. Joachim Schwalber, Heike und Isabella, an die Tagungen in Schluchsee.

Teambildung auf Augenhöhe. Beim Abdruck seines Vortragstitels im Programmheft sei ein Fehler passiert, monierte Prof. Dr. Stefan Wolfart, „mein Vortrag heißt ‚Das Team ist entscheidend‘.“ Dass das keine leeren Worte sind, stellte Prof. Wolfart im letzten Vortrag des Tages eindrucksvoll unter Beweis. Zunächst stellte er dem Auditorium seine 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor, insbesondere hob er zwei Damen hervor, „ohne die bin ich verloren, wenn die beiden krank sind, bricht die Welt zusammen.“ Respekt und Wertschätzung seien wichtige Aspekte bei der Teamarbeit, so Prof. Wolfart. „Aber auch der Chef braucht ab und zu ein Lob“, bat er.
Ansonsten ist es „unsere Aufgabe, die Patienten glücklich zu machen“, betonte Prof. Wolfart und präsentierte einige Patientenstimmen aus seiner Praxis, die sich ein nettes und zuverlässiges Team, individuelle Behandlungspläne, standardisierte Behandlungsabläufe, wenig Komplikationen, langfristige Lösungen und ein abgestimmtes Nachsorgeprogramm wünschen. Die schönste Auszeichnung dürfte aber sein, wenn die Patienten über die Praxis und das Praxisteam schwärmend sagen: „Hier sind Sie in guten Händen.“
Tagungsleiterin Dr. Priska Fischer zeigte sich beeindruckt von der „Teambildung auf Augenhöhe“ in der Klinik von Prof. Dr. Wolfart am Universitätsklinikum Aachen und wünschte allen Mitarbeiterinnen Patienten in den Praxen, die genauso freudestrahlend für die Praxis werben mit den Worten „hier sind Sie in guten Händen.“
Mit dem Ausblick auf die nächste Tagung am 24. April 2020 zum Thema „Notfälle und Komplikationen in der Zahnarztpraxis“ verabschiedete Dr. Priska Fischer die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen in den Entspannungsteil der Tagung, den Europapark Rust.

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Aus Sicht der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie

 

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Ausgabe 7, 2019

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKG-Spalten) gehören mit einer Inzidenz von ca. 1:500 geborenen Kindern zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen des Menschen in Deutschland. Im folgenden Beitrag wird das Krankheitsbild und seine Behandlung aus Sicht der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie dargestellt.

Die Krankheitsentität wird in die Gruppen der durchgehenden LKG-Spalten (50 Prozent), der isolierten Gaumenspalten (30 Prozent) und der Lippen- (Kiefer-) Spalten (20 Prozent) sowie seltenen Gesichtsspalten untergliedert. Die Ausprägung der Spalte mit Angabe der Seite kann mithilfe der von Kriens eingeführten LAHSHAL- (L=Lippe, A=Alveolus, H=Hartgaumen, S= Weichgaumen) Klassifikation abgebildet werden.
In Abhängigkeit von der Spaltform leiden die betroffenen Patienten potenziell unter Beeinträchtigungen der Ästhetik, des Oberkieferwachstums, der Zahnzahl, der Zahnstellung und der Okklusion sowie des Sprechens und des Hörens. Diese Komplexität an Funktionsstörungen am wachsenden Menschen erfordert eine enge interdisziplinäre Behandlung durch Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Kieferorthopädie, Phoniatrie und Pädaudiologie, Hals-Nasen- Ohrenheilkunde, Kinderheilkunde sowie Logopädie und Zahnmedizin. Die Behandlung erstreckt sich von der Geburt bis zum frühen Erwachsenenalter.

Lippenplastik. Kind mit LKG-Spalte vor Lippenspaltverschluss (Abb. 1a) ...

... und Zustand nach Lippenspaltverschluss nach Tenisson/ Randall. (Abb. 1b).

Allgemeine chirurgische Prinzipien. Das Ziel jedes chirurgischen Therapiekonzepts muss der vollständige Verschluss der Spalte unter Herstellung einer normalen Form und Funktion sein. Gleichzeitig sollen nachteilige Effekte eines chirurgischen Eingriffs, wie zum Beispiel Wachstumsstörungen, minimal gehalten werden. Um diese Ziele zu erreichen, wurden zahlreiche operative Techniken für den Verschluss der einzelnen Spaltabschnitte entwickelt und haben zum Teil bis heute Bestand. Gleichzeitig gibt es an den verschiedenen Spaltzentren unterschiedliche Therapiekonzepte in Bezug auf die Abfolge und den Zeitpunkt der chirurgischen Eingriffe. Der Verschluss der Lippe und des Gaumens erfolgt in der Regel im ersten oder zweiten Lebensjahr. Dabei belegt beispielhaft die aktuell noch laufende prospektiv randomisierte Scandcleft-Studie, dass sich trotz unterschiedlicher Operationszeitpunkte und unterschiedlicher Operationsabfolgen beim Gaumenverschluss gleichwertige Sprechergebnisse erzielen lassen.
Des Weiteren zeigte die Eurocleft-Studie (1996- 2000), dass die Zahl der an einem Zentrum durchgeführten Spalteingriffe und die Zusammensetzung eines Spaltteams einen signifikanten Einfluss auf die Therapieergebnisse haben. Als Folge dieser Studie wurde in Großbritannien eine strikte Zentrumsbildung umgesetzt mit der Forderung nach zwei bis drei Chirurgen pro Zentrum, von denen jeder für eine ausreichende chirurgische Expertise eine Mindestzahl von Spalteingriffen pro Jahr durchführen soll. Weiter müssen die Spaltzentren interdisziplinäre Teams mit den oben genannten Disziplinen vorhalten. Mit diesen Vorgaben konnte dort die Qualität der Behandlung von LKG-Patienten in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert werden.

Veloplastik. Kind mit LKG Spalte vor Gaumenspaltverschluss (Abb. 2a) ...

... und Zustand nach intravelarer Veloplastik und vor 2-zeitigem Hartgaumenverschluss. (Abb. 2b).

Primärchirurgie. Bei der Lippenspalte ist das Gewebe paramedian im Bereich der Philtrumkante gespalten. Der M. orbicularis oris ist nicht vereinigt und seine Muskelfasern inserieren lateral im Bereich der Basis des Nasenflügels und medial im Bereich der Columella. Als Folge kommt es zu der typischen spaltbedingten Nasendeformität mit Lateralisierung des Nasenflügels, einer Verkürzung des Nasenstegs und damit zu einer Verbreiterung und Abflachung der Nase auf der Spaltseite. Die Oberlippe ist auf der Spaltseite verkürzt mit Verziehung des Amorbogens nach kranial. Das Lippenrot ist insbesondere bei doppelseitigen Spalten im Bereich des Prälabiums in der Regel hypoplastisch.
Alle genannten Aspekte der Deformität müssen für ein gutes ästhetisches und funktionelles Ergebnis berücksichtigt werden. Letztlich soll nur eine dezente Narbe zurückbleiben. Zur Korrektur wurden verschiedene Techniken der Lippenspaltplastik entwickelt. Die weltweit am häufigsten verwendeten Techniken bei der unilateralen Lippenspalte sind die Lippenspaltplastik nach Tennison/Randall sowie nach Millard, seltener nach Pfeifer. Die Technik nach Tennison/Randall erzielt eine Verlängerung der Oberlippe über die Bildung eines Dreieckläppchens aus dem lateralen Lippenelement, die Technik nach Millard über ein Rotations/Verschiebeverfahren und die Technik nach Pfeifer über eine wellenförmige Schnittführung. Bei der bilateralen Lippenspalte sind es Techniken und Schnittführungen wie nach Veau, Pfeifer oder Modifikationen, die geradlinige Narben im Verlauf der Philtrumkanten hinterlassen.
Die genannten Schnittführungen sollen alle das Prinzip der funktionellen Muskelvereinigung nach Delaire enthalten. Zur Verbesserung der Nasenform wird heute an den meisten Spaltzentren im Rahmen der Lippenspaltplastik eine primäre partielle geschlossene Rhinoplastik durchgeführt. Um Wachstumshemmungen zu vermeiden, erfolgt die Präparation des Nasenflügels tunnelierend ohne Exposition des Flügelknorpels. Eine gleichzeitige Luxation und mittige Einstellung des deviierten Nasenseptums wird noch strittig diskutiert.

Gaumenspaltplastik. Der Gaumen untergliedert sich in den Hart- und Weichgaumen. Man unterscheidet deshalb hier das ein- und zweizeitige Vorgehen, je nachdem, ob Hart- und Weichgaumen gleichzeitig in einem Eingriff oder getrennt in zwei Eingriffen verschlossen werden. Argumente für den einzeitigen Verschluss sind die Vermeidung einer zweiten Operation und gleichwertige Sprechergebnisse im Vergleich zum zweizeitigen Vorgehen. Argumente für den zweizeitigen Verschluss sind eine im Verlauf eintretende Verschmälerung der Hartgaumenspalte, eine Verbesserung der Position der Kiefersegmente und damit eine Vereinfachung des Eingriffs sowie möglicherweise eine Reduktion der Wachstumshemmung des Oberkiefers. Zwar zeichnet sich in der Scandcleft-Studie kein signifikanter Unterschied zwischen verschiedenen Protokollen ab, bislang liegen jedoch nur Ergebnisse für das Alter von fünf Jahren vor.
Die erste Gaumenspaltplastik erfolgte in Deutschland bereits im 19. Jahrhundert und wurde in den Folgejahren von Langenbeck, Axhausen und Veau weiterentwickelt. Aber erst Kriens beschrieb Ende der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts die pathologische Anatomie der Gaumenmuskulatur beim Spaltpatienten. Er konnte zeigen, dass bei der Gaumenspalte die velare Muskulatur weiter anterior und lateral ansetzt und daraus ein unphysiologischer Muskelverlauf resultiert. Er leitete daraus ab, dass der M. levator veli palatini von seiner falschen Insertion gelöst, nach medial transponiert und in der Mittellinie vereinigt werden muss, um eine Muskelvererlaubindung zu erzielen. Diese Operationstechnik wird nach Kriens als „intravelare Veloplastik“ bezeichnet und hat weltweite Verbreitung erzielt. Dagegen spielt die gegenläufige Z-Plastik nach Furlow eine untergeordnete Rolle. Die intravelare Veloplastik wurde inzwischen von Sommerlad weiterentwickelt mit der Forderung einer radikalen, weit nach lateral reichenden Präparation des M. levator veli palatini und der Zielsetzung, den Muskel möglichst weit nach posterior zu verlagern. Sommerlad hat hier zur exakten Muskelpräparation das Operationsmikroskop obligat eingeführt.

Kieferspaltosteoplastik. Kind mit LKG Spalte vor Kieferspaltosteoplastik (Abb. 3a) ...

... und Zustand nach Kieferspaltosteoplastik und kieferorthopädischer Behandlung. (Abb. 3b).

Qualitätskriterium. Eine gute velopharyngeale Funktion und ein gutes Sprechen sind das Hauptziel der Gaumenspaltplastik und damit ein Qualitätskriterium. Im Alter von fünf Jahren sollte der Erwerb von Sprechlauten abgeschlossen sein, um einen normalen Schuleintritt zu erlauben. Kinder mit einer LKG-Spalte haben dabei ein erhöhtes Risiko für eine Sprechstörung. Sie können durch eine Störung der Luftstromlenkung durch Nase und Mund auffallen. Diese sogenannte Hypernasalität resultiert aus einer velopharyngealen Insuffizienz, d. h. einem unzureichenden Abschluss von Oro- und Epipharynx bei der Bildung von Verschlusslauten. Zum anderen können die Kinder durch eine fehlerhafte Bildung von Konsonanten auffallen. Häufig werden die Laute weiter posterior im Mund- und Rachenraum gebildet. Eine Sprechstörung kann sich negativ auf die Verständlichkeit und Akzeptanz der Kinder auswirken – mit allen daraus resultierenden negativen Folgen in der Schule und im sozialen Umfeld. Infolge der Gaumenspalte leiden die Kinder auch häufiger unter einer Schallleitungsschwerhörigkeit, was wiederum das Risiko für eine Sprechstörung erhöhen kann.
In verschiedenen skandinavischen Studien konnte gezeigt werden, dass im Alter von fünf Jahren mehr als 70 Prozent der Kinder keine Hypernasalität unabhängig vom OP-Protokoll aufweisen. Die Ergebnisse für normales Sprechen waren in Großbritannien bis zur Eurocleft Studie mit einer Rate von 48 Prozent signifikant schlechter. Infolge einer Zentralisierung kam es zu einer deutlichen Verbesserung der Ergebnisse mit aktuell persistierenden Sprechstörungen bei ca. 20 Prozent der Kinder. Diese Daten zeigen, dass der Qualität der Gaumenspaltplastik eine sehr hohe Bedeutung für die Sprechfunktion zukommt.

Kieferspaltosteoplastik. Bei der LKG-Spalte und bei der Lippen-Kiefer-Spalte liegt im Oberkiefer ein Knochendefekt vor. Die Kieferspaltosteoplastik dient deshalb der Herstellung einer Kieferkammkontinuität, dem physiologischen Durchbruch und der korrekten Einstellung der spaltbegrenzenden Zähne sowie einer Unterstützung der Oberlippe und der Nasenflügelbasis. In Abhängigkeit vom Zeitpunkt des Eingriffs werden die primäre, sekundäre und tertiäre Kieferspaltosteoplastik unterschieden. Die primäre Kieferspaltosteoplastik wird im Milchgebiss durchgeführt, die sekundäre Kieferspaltosteoplastik im Wechselgebiss und die tertiäre Kieferspaltosteoplastik im bleibenden Gebiss. Als mögliche Alternative zur Kieferspaltosteoplastik ist die Gingivoperiostplastik aufzuführen. Hier wird im Rahmen der Lippenspaltplastik über die Bildung von Mukoperiostläppchen ein Hohlraum im Bereich der Kieferspalte gebildet, in dem sich dann Knochen bilden soll. Als potenzielle Probleme bei dieser Technik werden eine unzureichende knöcherne Durchbauung mit Notwendigkeit einer späteren Osteoplastik sowie die Gefahr von Wachstumsstörungen berichtet.
Die primäre Kieferspaltosteoplastik ist mit erheblichen Wachstumsstörungen des Oberkiefers und der Notwendigkeit einer späteren Umstellungsosteotomie verbunden. Aus diesem Grund wurde sie von den meisten Zentren verlassen.
In den meisten Spaltzentren wird heute die sekundäre Kieferspaltosteoplastik im Alter von sechs bis zwölf Jahren durchgeführt. Ziel ist es, den spaltbegrenzenden Zähnen einen regulären Durchbruch unter Ausbildung eines natürlichen Parodonts zu erlauben. Meist wird hier die Entwicklung des Eckzahns, seltener des seitlichen Schneidezahns, beachtet. Als idealer Zeitpunkt wird eine Wurzelentwicklung zur Hälfte oder zwei Drittel und eine Lage der Kronenspitze in der Nähe des Alveolarkamms betrachtet. Die exakte Festlegung des Operationszeitpunkts erfolgt in enger Absprache mit der Kieferorthopädie. Vor dem Eingriff sollte der Oberkiefer in seiner Breite ausreichend nachentwickelt sein und auch die vertikale Position der Kieferstümpfe übereinstimmen.
Als Transplantat wird meist Spongiosa aus dem Beckenkamm verwendet. Knochen vom Unterkiefer oder der Kalotte kommen deutlich seltener zum Einsatz. Alloplastische Materialien spielen bislang praktisch keine Rolle.
Bei dem Eingriff muss im Bereich der Kieferspalte ein sowohl zur Nase als auch zur Mundhöhle abgeschlossener Hohlraum gebildet werden, in den das Transplantat bis auf Höhe des Nasenbodens und des Alveolarkamms eingebracht wird. Mit dieser Technik lassen sich Erfolgsraten von 70 bis 98 Prozent erzielen. Die kieferorthopädische Behandlung kann sechs Wochen nach dem Eingriff fortgesetzt werden.

Sekundärchirurgie. Unter Sekundärchirurgie werden Maßnahmen zusammengefasst, die zur Korrektur von verbliebenen Deformitäten oder Funktionsstörungen dienen. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen sollte durch eine gute Primärchirurgie möglichst reduziert werden, da jeder weitere Eingriff eine zusätzliche Belastung für die Patienten darstellt. Trotzdem lassen sie sich nicht vollständig vermeiden. Defizite in der Lippenform, z. B. Pfeiflochdeformität, Verkürzung der Oberlippe oder Auffälligkeiten der Lippennarbe werden meist durch eine komplette Reoperation der Lippe verbessert. Durch die Weiterentwicklung der Weichgaumenplastik ist die Sprechfunktion in den vergangenen Jahren stetig verbessert worden. Dennoch verbleibt ein Anteil von ca. fünf Prozent der Patienten, die von einer sprechverbessernden Operation profitieren. An erster Stelle steht hier im Zweifel die Reoperation des Gaumens nach dem Prinzip der radikalen intravelaren Veloplastik nach Sommerlad, bevor man sich für eine Velopharyngoplastik (z. B. nach Sanvenero Rosselli) oder eine andere Technik entscheidet.
Ungefähr 20 Prozent der Patienten mit einer LKGSpalte entwickeln im Verlauf eine maxilläre Retrognathie, die durch eine Le-Fort-I-Osteotomie behandelt werden sollte. Nicht alle Patienten entscheiden sich zu einem solchen Eingriff aufgrund der langen Behandlungsdauer seit der Kindheit und der bereits durchgeführten Operationen. Bei einer kieferorthopädischen Kompensation der Retrognathie resultiert jedoch in der Regel ein unbefriedigendes Ergebnis mit flachem Gesichtsprofil.
Die primäre geschlossene Rhinoplastik im Rahmen der Lippenspaltplastik verbessert die Nasenform deutlich. Dennoch ist die spaltbedingte Nasendysplasie ein persistierendes funktionelles und ästhetisches Problem. Die endgültige Septorhinoplastik sollte erst nach Wachstumsabschluss und nach evtl. durchgeführter Oberkiefer-Umstellungsosteotomie durchgeführt werden. Der Goldstandard ist die offene Technik, bei der das knorplige Nasengerüst vollständig freigelegt und unter direkter Sicht korrigiert wird. Hier gelangen häufig Rippen- oder Ohrknorpeltransplantate zur Anwendung.

Zusammenfassung. Obwohl in dem vorgelegten Beitrag in erster Linie die chirurgische Sicht dargestellt wurde, muss betont werden, dass die Therapie der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten eine interdisziplinäre Aufgabe ist. In den vergangenen Jahren konnte die Qualität der Behandlung weiter verbessert werden, was insbesondere auf eine Zentrumsbildung zurückzuführen ist.
Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www. zahnaerzteblatt.de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

Prof. Dr. Dr. Michael Krimmel
Klinik und Poliklinik für Mund-,
Kiefer- und Gesichtschirurgie
Prof. Dr. Bernd Koos
Poliklinik für Kieferorthopädie
Prof. Dr. Dr. Siegmar Reinert
Klinik und Poliklinik für Mund-,
Kiefer- und Gesichtschirurgie
Zentrum für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und
kraniofaziale Fehlbildungen
Universitätsklinikum Tübingen