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Wie sich junge Zahnärztinnen ihre Zukunft vorstellen

Städtisches Leben, Familienvereinbarkeit und Arbeiten im Team

 

Wie sich junge Zahnärztinnen ihre Zukunft vorstellen

Ausgabe 3, 2019

Der Zahnarzt der Zukunft wird in den meisten Fällen eine Zahnärztin sein. Was wünschen sich die jungen Kolleginnen, die derzeit in den Beruf streben? Was ist ihnen bei ihrer Berufsausübung und im Praxisalltag wichtig? Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit sie sich als Zahnärztinnen gerne an einem Ort niederlassen?


Die Zukunft der Human- und Zahnmedizin wird weiblicher. Das belegte wiederholt im Dezember 2018 eine Studie der Stiftung Gesundheit, der zufolge der Gesamtteil der Ärztinnen in der ambulanten Versorgung im Jahr 2028 bei 54 Prozent liegen wird. Wirft man einen Blick auf die Studierenden der Zahnmedizin in Baden- Württemberg, so sind heute bereits 65 Prozent Frauen, 2030 wird es erstmalig mehr Zahnärztinnen als Zahnärzte im Land geben. Wie diese jungen Frauen ihre Zukunft gestalten, wird entscheidend mitprägen wie unsere künftige zahnärztliche Versorgung aussehen wird.
Dabei spielt der Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei den Zahnärztinnen eine große Rolle. Dies zeigt unter anderem die Studie „Zukunftsbild Heilberufler 2030“ der apoBank, die belegt, dass unter den Zahnärztinnen im Jahr 2030 Teilzeitbeschäftigungen und Anstellungen im Gegensatz zu Vollzeitbeschäftigung und Selbstständigkeit einen höheren Stellenwert einnehmen. Dennoch wird die Selbstständigkeit sowohl bei Zahnärztinnen als auch bei ihren männlichen Kollegen nach wie vor bevorzugt, wenn auch in kooperativen Praxismodellen. Bezüglich des Niederlassungsortes sieht sich die gesamte befragte Zahnärzteschaft vor allem in einer mittelgroßen Stadt. Was bewegt junge Zahnärztinnen sich in eigener Praxis niederzulassen? Ganz klar: Die Rahmenbedingungen, die zu den Lebensentwürfen der jungen Frauen passen, müssen gegeben sein. Oder anders ausgedrückt: Die Vorteile einer Niederlassung müssen gegenüber denen einer Anstellung überwiegen. Attraktiv sind die Arbeitsbedingungen dann, wenn sie auf die Lebensplanung der Frauen abgestimmt sind und eine individuelle Freizeitplanung, aber vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.

Arbeitszeiten. Geregelte und planbare Arbeitszeiten sind für die Organisation von Familie und Beruf, aber auch für einen notwendigen Freizeitausgleich von entscheidender Bedeutung. Ein Leben, das nur die Praxis und die Patienten kennt, will heutzutage so gut wie niemand mehr. Hier bietet die Niederlassung an sich gute Aussichten. Das haben auch die Zahnärztinnen erkannt, die an der apoBank-Studie teilgenommen haben. Aus Sicht der jungen Zahnärztinnen ist auch 2030 die Selbstständigkeit die attraktivste Berufsausübungsform. Allerdings mit einer wesentlichen Änderung: Nicht mehr die Einzelpraxis steht an Platz eins, vielmehr werden künftig Kooperationen gewählt. 23 Prozent der befragten Zahnärztinnen gehen davon aus, 2030 selbstständig in einer BAG zu arbeiten. Auch die Praxisgemeinschaft können sich 23 Prozent vorstellen. In einer Einzelpraxis wollen jedoch nur 17 Prozent tätig sein.

Kooperative Berufsmodelle. Kooperative Berufsmodelle bieten also den Zahnärztinnen von morgen eine gute Möglichkeit, die eigenen Lebensvorstellungen umzusetzen. Als Hauptmotivation für die Niederlassung geben sowohl die weiblichen als auch die männlichen befragten jungen Zahnärzte eine größere Entscheidungsfreiheit und höhere Verdienstmöglichkeiten, aber auch freiere Gestaltungsspielräume der Arbeitszeiten und bessere Selbstverwirklichungsmöglichkeiten an. Sie tragen zwar in der Selbstständigkeit auch eine größere Verantwortung und ein höheres finanzielles Risiko. Gleichzeitig sind sie aber unabhängig und können die besonderen Anforderungen ihrer Familiensituation bei der Gestaltung der eigenen Arbeitszeit flexibel berücksichtigen. Außerdem ist es ihnen möglich, zum Beispiel während der Schwangerschaft, während Kindererziehungszeiten oder während Pflegezeiten von Familienangehörigen Vertreter/innen, Entlastungsassistenten/ innen und Haushaltshilfen anzustellen. Diese Vorteile der Niederlassung lernen vor allem diejenigen frühzeitig kennen und schätzen, die bereits im Rahmen der eigenen Ausbildung oder als junge Zahnärztin eine Zeit lang in einer gut organisierten Praxis gearbeitet haben.

Teamstrukturen. Gerade für arbeitende Eltern, egal ob im ärztlichen oder nichtärztlichen Bereich, ist die Delegation von Aufgaben wichtig. Es ist unmöglich, alles selbst zu machen – sowohl bei der Arbeit als auch zu Hause. Die Abkehr von den hierarchischen Arbeitsstrukturen im medizinischen Bereich und das Schaffen von (interdisziplinären) Teamstrukturen bieten für die Zukunft große Chancen und kommen den Vorstellungen der jungen Medizinerinnen und Medizinern entgegen. Dann nämlich, wenn anfallende Aufgaben abgegeben oder von vornherein geteilt werden können, sind flexible Teilzeitarbeitsmodelle und die gemeinsame Übernahme von Verantwortung leichter möglich. Dieses ist auch in gemeinschaftlich geführten Praxen der Fall. Vor allem Frauen liegt die Arbeit im Team, sie schätzen den fachlichen Austausch und ein kollegiales Miteinander. Ein Bürokratieabbau, eine der großen berufspolitischen Forderungen, würde zusätzlich das straffe Zeitmanagement zwischen Beruf und Familie entlasten.

Soziales Umfeld. Wenn Eltern nicht auf Beruf und Karriere verzichten wollen, ist ein soziales Umfeld, das entlastet und unterstützt, viel wert. Hochqualifizierte Frauen leben häufig als Doppelkarrierepaar, das Austarieren der Lebens- und Karrierepläne ist dann oftmals eine besondere Herausforderung. Insbesondere die Partner untereinander, aber auch andere Familienmitglieder wie Omas und Opas können die Berufstätigkeit mittragen und fördern, indem sie bei der Kinderbetreuung einspringen oder auch emotional unterstützen, wenn herausfordernde Situationen gemeistert werden müssen. Die Überlegung, ob die eigene Praxis nicht unter Umständen in der Nähe der Großeltern eröffnet werden soll, kann also durchaus sinnvoll sein. Aber auch ein Netzwerk aus Freunden, die sich gegenseitig aushelfen und auch für den nötigen Ausgleich in der Freizeit sorgen, spielt eine wichtige soziale Rolle.

Rahmenbedingungen. Nicht zuletzt bilden die gesellschaftlichen Bedingungen einen wichtigen Rahmen für die Karriereentwicklung von Zahnärztinnen und den Entschluss sich niederzulassen. Gerade diejenigen, die Kinder haben, sind auf eine gute wohnortnahe Infrastruktur angewiesen. Das bedeutet Kindertageseinrichtungen, die praxiskompatible Öffnungszeiten haben. Schulen, die unter Umständen auch einen Mittagstisch, eine Nachmittags- und eine Ferienbetreuung anbieten. Alternativ käme auch ein Netzwerk infrage, das diese Betreuungsaufgaben weitestgehend abdeckt. Denkbar wäre beispielsweise eine Tagesmutter für mehrere „Praxiskinder“ zu engagieren. Kleinere Gemeinden im ländlichen Raum können hier punkten, wenn sie eine solche Infrastruktur bereitstellen. Denn wenn die Betreuung der Kinder gesichert ist, wird auch die Niederlassung ohne nähere Anbindung an eine Stadt wieder attraktiv. Für viele spielt bei der Niederlassung auch eine Rolle, ob die eigenen Freizeitaktivitäten und die der Kinder wohnortnah angeboten werden. Schließlich geht es um eine gute Work-Life-Balance, in der man durch lange Wege die ohnehin knappe Zeit nicht zusätzlich verkürzen will.
Dieses sind einige Aspekte, die eine Rolle spielen, wenn Frauen das Pro und Contra einer Niederlassung überlegen. Berufspolitisch muss es in den kommenden Jahren darum gehen, die jungen Kolleginnen und Kollegen auf ihrem Weg zu begleiten. Es bedarf funktionierender Praxis-Beispiele als Vorbild, die eine gute, erstrebenswerte Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie aufzeigen, um der nachfolgenden Generation Mut zu machen, diesen Weg einzuschlagen.

» jenny.dusche@kzvbw.de

 

Strukturwandel und Geschlechterverhältnis in Zahlen

 

Die Zahnärzteschaft im Wandel

Ausgabe 3, 2019

Was in vielen ehemals männlich dominierten Berufsfeldern zu beobachten ist, macht auch vor der Zahnmedizin nicht Halt: Der Anteil der Frauen im Berufsstand steigt kontinuierlich an. Nach aktuellen Prognosen werden die Zahnärztinnen bis 2030 in der Mehrheit sein. Gleichzeitig wächst auch der Anteil von Angestelltenverhältnissen gegenüber Zahnärztinnen und Zahnärzten, die selbstständig tätig sind. Der im Sommer 2018 erstmalig vorgelegte Versorgungsbericht der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg dokumentierte diese Entwicklungen für den vertragszahnärztlichen Bereich mit aussagekräftigen Daten über den Strukturwandel. Nun vorliegende aktuelle Zahlen bestätigen diesen Trend.

Geschlechterverhältnis. Knapp 8.000 Zahnärztinnen und Zahnärzte gewährleisten derzeit die Versorgung der Patientinnen und Patienten in Baden-Württemberg. 60 Prozent unter diesen sind männlich, 40 Prozent sind weiblich. Gleichwohl wird dieses Verhältnis mit jedem Jahr ausgeglichener. Schreibt man die Entwicklung fort, wird es in Baden-Württemberg in gut zehn Jahren mehr Frauen als Männer im zahnärztlichen Berufsstand geben.

Altersstruktur. Im Studium der Zahnmedizin sind Frauen bereits seit über zehn Jahren in der Mehrheit, was sich in zunehmendem Maß auf die Geschlechterstruktur des Berufsstandes auswirkt. Gerade die spezifischen Zahlen in den jüngeren Altersgruppen sprechen eine deutliche Sprache: Von den Zahnärztinnen und Zahnärzten bis 35 Jahre stellen Frauen bereits 62 Prozent gegenüber 38 Prozent Männern, aber auch in der Altersgruppe 36 bis 45 Jahre sind Frauen mit 52 zu 48 Prozent bereits in der Mehrheit. Je höher die Altersgruppe, umso größer ist dagegen der Anteil der Männer.


Anstellungsverhältnisse. Unter den jüngeren Zahnärztinnen und Zahnärzten (bei Frauen noch stärker als bei Männern) besteht häufig der Wunsch, in den ersten Jahren nach der Assistentenzeit weiter in Anstellung statt in Selbstständigkeit zu arbeiten. Dies erfordert alternative Arbeits- und Praxiskonzepte.

Praxisformen. Zwar ist nach wie vor die Einzelpraxis die dominierende Versorgungsform, ihre Zahl geht jedoch stetig zurück. Auch die Zahl der Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) nimmt ab.

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Wie sich der verstärkte Wunsch nach Arbeit in Anstellung auf die unterschiedlichen Praxisformen weiter auswirken wird, bleibt abzuwarten. Während die bisher bestehenden Anstellungsgrenzen vielfach zu einer Umwandlung von Ein- oder Mehrbehandlerpraxen in Zahnmedizinische Versorgungszentren (Z-MVZ) führten, besteht nun auch für die Praxen mehr Flexibilität bei der Anstellung und damit zusätzliche Möglichkeiten bei der Praxisorganisation. Nach einem aktuellen Beschluss von Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) und GKV-Spitzenverband (GKVSV) können ab sofort drei und mit Begründung auch vier Angestellte je Vertragszahnarzt in Vollzeit oder entsprechend mehr in Teilzeit tätig werden.
Die Erweiterung der Anstellungsregelungen folgt einem Beschluss der Vertreterversammlung der Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung im November 2018, für den sich die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg bereits seit Jahren stark gemacht hat. Bei vier in Vollzeit angestellten Zahnärzten muss gegenüber dem Zulassungsausschuss nachgewiesen werden, wie die persönliche Praxisführung gewährleistet wird.

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

Berufssituation der jungen Zahnärztinnen

 

Jung, weiblich und gut organisiert

Ausgabe 3, 2019

Seit Jahren steigt der Frauenanteil in der Zahnmedizin an. Derzeit liegt der Anteil der Zahnärztinnen in Baden-Württemberg bei 41 Prozent. Je jünger die Altersgruppen, desto höher wird der Frauenanteil. In der Altersgruppe bis 35 Jahre liegt er bei 59 Prozent – Tendenz weiter steigend. Diese Strukturveränderung bleibt nicht ohne Folgen, denn Frauen setzen aufgrund der Familienplanung beruflich oft andere Prioritäten als Männer. Wir haben Zahnärztinnen zwischen 33 und 39 Jahren befragt, um ihre Berufssituation näher zu beleuchten: Wie gestalten sie ihre Karriere? Welche Erfahrungen machen sie bei der Familienplanung? Welche Tipps geben sie anderen jungen Zahnärztinnen?



Die Frauen sind in der Zahnmedizin weiter auf dem Vormarsch. Ihr Anteil liegt in Baden-Württemberg aktuell bei 41 Prozent. Einer Prognose des Instituts Deutscher Zahnärzte (IDZ) zufolge werden die Frauen im Berufsstand in den nächsten Jahren zahlenmäßig gleichziehen. Im Jahr 2030 wird es deutlich mehr Frauen als Männer in der Zahnmedizin geben. Dies wird nicht ohne Folgen bleiben. Schon heute zeichnen sich bei der Berufsausübung deutliche Unterschiede ab: Während heute über 75 Prozent der Zahnärzte niedergelassen sind, sind es bei den Zahnärztinnen nur 56 Prozent. Zahnärztinnen streben eher in ein Angestelltenverhältnis, während sich die Männer lieber selbst niederlassen wollen.

Existenzgründungen. Wie sieht die Bereitschaft, eine eigene Zahnarztpraxis zu betreiben, bei den jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten nun konkret aus? Das IDZ führt zusammen mit der Deutschen Apotheker- und Ärztebank regelmäßig die bundesweite „Existenzgründungsanalyse Zahnärzte“ durch. Demnach ist der Anteil der weiblichen Existenzgründer im Jahr 2016 auf 45 Prozent gesunken. Im Jahr zuvor lag er noch bei 48 Prozent. Hier zeichnet sich ab: Immer weniger Frauen entscheiden sich für eine eigene Zahnarztpraxis und suchen in den ersten Berufsjahren häufiger das Anstellungsverhältnis. Ob sich dieser Trend in Zukunft manifestieren wird, bleibt fraglich, denn die IDZ-Studie über das „Zukunftsbild der Heilberufler 2030“ brachte wiederum hervor, dass Zahnärztinnen die Selbstständigkeit in einer Kooperation als attraktivste Form der Berufsausübung der Zukunft sehen.

Alltag junger Zahnärztinnen. Statistiken und Durchschnittswerte zeichnen zwar ein gutes Allgemeinbild der Zahnärztelandschaft, aber wie sieht die Realität der jungen Zahnärztinnen in Baden- Württemberg zwischen 33 und 39 Jahren nun konkret aus? Wie sehen die Zahnärztinnen ihre Chancen im Berufsleben? Wie schaffen sie es, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren? Wie sichern sie sich im Fall einer Schwangerschaft finanziell ab und wie organisieren sie ihren Praxisalltag mit Baby oder Kleinkind?
Zehn Zahnärztinnen haben sich die Mühe gemacht und uns wertvolle Antworten zu ihrer Berufssituation geliefert. Zusätzlich wurden auf Facebook noch weitere Stimmen zum Thema eingefangen. Anhand der Antworten, die wir auf Wunsch anonymisiert dokumentieren, zeichnen sich verschiedene Berufsausübungssituationen ab.

Gemeinschaftspraxis. Der Idealfall für eine junge Zahnärztin ist die Tätigkeit in einer Gemeinschaftspraxis, am besten zusammen mit dem eigenen Mann. Gerade in Zeiten der Familienplanung kann die Zahnärztin eine Weile zurückstecken und bekommt Rückendeckung von ihrem Partner. Teilweise wird bei solchen Gemeinschaftsmodellen ein weiterer Zahnarzt angestellt, damit das Arbeitsvolumen bewältigt werden bzw. die Zahnärztin ihren Beruf eine Zeit lang in Teilzeit ausüben kann. Wie z. B. Dr. Kristin B., die zwei Kinder hat und mit ihrem Mann eine Gemeinschaftspraxis betreibt, bei der zwei weitere Zahnärzte angestellt sind: „In unserer Praxis arbeiten wir im Schichtbetrieb, sodass mein Mann und ich uns abwechseln können“. Zahnärztin Dr. Pinar D. hat ebenfalls zwei Kinder und zeigt sich insgesamt zufrieden mit ihrer Tätigkeit in der ehelichen Gemeinschaftspraxis: „Ich habe das Glück, dass ich meinen Mann an meiner Seite habe und er mich, soweit es ging, vertreten konnte. Generell ist es aber sehr schwierig, Mama und Zahnärztin zu sein, denn die Kinder sind im Kindergarten leider oft krank, was natürlich einen großen Einfluss auf meine Tätigkeiten hatte. Oft mussten Patienten umbestellt werden.“ Alleine als Zahnärztin hätte sie sich vermutlich nicht niedergelassen, weil Familie und Beruf für sie so nur schwer funktionieren würde.

Einzelpraxis. Drei der befragten Zahnärztinnen sind in einer Einzelpraxis tätig. Dr. Shirin H. hat als alleinerziehende Mutter eine ältere Praxis übernommen und ist mit ihrer Selbstständigkeit trotz aller Anstrengungen zufrieden. Auf die Frage, ob sie gerne an ihrer Situation etwas ändern würde, antwortet sie: „Vielleicht würde ich zusammen mit einer Kollegin oder einem Kollegen eine Praxis führen. Aber alleine zu sein, hat auch Vorteile.“
Dr. Nadine H. hat vor gut einem Jahr eine neue Praxis gegründet. Sie hatte sich diesen Schritt bewusst überlegt, als logische Konsequenz ihres beruflichen Werdegangs: „Ich habe fast mehr als 20 Jahre Berufserfahrung: 1997 startete ich die Ausbildung zur Zahnarzthelferin, 2007 machte ich den Abschluss zur Dentalhygienikerin, danach kam das Studium. Ich habe viel gesehen, viel erlebt und viele Ideen und Verbesserungen sammeln können. Da dachte ich, das schaffe ich auch! Ich habe mein Konzept und das kann ich jetzt in meiner eigenen Praxis umsetzen.“
Zahnärztin Pia S. hat während der Schwangerschaft eine Einzelpraxis übernommen und bis einen Tag vor der Geburt gearbeitet. Nach vier Wochen ist sie in die Praxis zurückgekehrt und hat ihre Entscheidung, in eine Einzelpraxis zu gehen, nicht bereut: „Es war die richtige Entscheidung, sich selbstständig zu machen. Leider bremst uns die Politik mit ihren Regelungen und Gesetzen immer mehr aus. Es bleibt zu wenig Zeit für die Patienten.“


Angestellte Zahnärztin. Das Anstellungsverhältnis bietet jungen Zahnärztinnen zahlreiche Vorteile. So sind sie z. B. im Falle einer Schwangerschaft finanziell abgesichert. Durch flexible Arbeitszeiten können sie ihren Beruf auch besser auf das Familienleben abstimmen. Die Zahnärztin Dr. Melanie A. ist mit ihrer Stelle als angestellte Zahnärztin sehr zufrieden, möchte aber nicht ausschließen, sich später doch noch selbstständig zu machen. Dr. Iris T. war sechs Jahre angestellt, bevor sie sich selbstständig machte. Doch sie sieht ihren Schritt in die Selbstständigkeit im Nachhinein kritisch: „Durch die ständigen zusätzlichen bürokratischen Aufgaben in der Praxis bleibt selbst am Wochenende immer weniger Zeit für die Familie. Daher sollte man mit Familie vielleicht doch besser angestellt bleiben, auch wenn ich dies den Patienten nicht wünschen würde.“ Dr. Iris T. sieht nämlich die zunehmende Feminisierung zugleich als großes Problem an: „Die MVZ werden immer mehr im Kommen sein, allerdings glaube ich nicht, dass dies zum Wohl der Patienten ist. Es ist realistisch gesehen sehr schwer, Familie und Beruf zu vereinbaren, v. a. wenn man beidem gerecht werden möchte.
Dr. Babette H. machte in ihrer Zeit als angestellte Zahnärztin folgende Erfahrung: „Es war manchmal schwierig, die Patienten von meinem Können zu überzeugen, da diese immer die Termine beim „richtigen“ Chef wollten. In der eigenen Praxis war dieses Problem nicht existent.“


Probleme beim Einstieg. Ein Großteil der befragten Zahnärztinnen vermisste im Zahnmedizinstudium Inhalte wie Verwaltungsaufgaben, Abrechnung, Betriebswirtschaft und Mitarbeiterführung. Hier ergaben sich beim Einstieg in die Praxistätigkeit die größten Schwierigkeiten. Den leichtesten Einstieg ins Berufsleben schafften Zahnärztinnen, die zuvor eine Ausbildung zur ZFA gemacht hatten und den Praxisalltag schon kannten. Zwei Zahnärztinnen berichteten, dass es für sie anfangs problematisch gewesen sei, sich als junge Frau und Ärztin in der Praxis bei älteren Patienten und teilweise auch beim Personal durchzusetzen. Dr. Aynur E. rät in solchen Situationen: „Stehen Sie Ihren Mann, lassen Sie sich nicht unterkriegen und zweifeln Sie nie an Ihren Fähigkeiten.“ Dr. Pinar D. gibt Berufsanfängerinnen folgenden Rat: „Schauen Sie sich die Praxis genau an, in der Sie nach dem Studium arbeiten möchten. Wie ist der Praxisinhaber, was setzt er voraus? Wie unterstützt er mich? Welche Fortbildungen ermöglicht er mir? Vielleicht sollte man ein bis zwei Wochen zum Schnuppern in die Praxis gehen, bevor man zusagt.“


Schwangere Zahnärztin. Wie gut eine Zahnärztin in der Schwangerschaft abgesichert ist, hängt davon ab, wie sie ihren Beruf während der Schwangerschaft ausübt. Am besten finanziell abgesichert ist eine Zahnärztin, die während der Schwangerschaft im Angestelltenverhältnis arbeitet. Dort sind sowohl gesundheitliche Ausfälle, die Zeit des Mutterschutzes, als auch das spätere Elterngeld abgedeckt und die schwangere Zahnärztin muss sich am wenigsten Sorgen über ein geregeltes Einkommen machen. In der eigenen Praxis gestaltet sich eine Schwangerschaft deutlich schwieriger. Es kann zu unvorhergesehenen gesundheitsbedingten Ausfällen kommen, außerdem wird das Elterngeld nach dem ermittelten Gewinn berechnet. Wie lange eine selbstständige Zahnärztin nach der Geburt zuhause bleiben kann, hängt von ihrem finanziellen Polster ab. Während manche Zahnärztinnen schon nach vier Wochen wieder in die Praxis zurückkehren, können es sich andere leisten, eine Auszeit von bis zu sechs Monaten zu nehmen.

Organisation der Familie. Je nach Alter der Kinder gelingt die Betreuung mehr oder weniger gut. Während Babys oft mit in die Praxis genommen und in Behandlungspausen gestillt werden, muss bei älteren Kindern ein zuverlässiger Betreuungsplan aufgestellt werden. Ob mit Großeltern, Bekannten, Au-pair- Mädchen, Krippe oder Kita, die befragten Zahnärztinnen fanden grundsätzlich immer eine Lösung, ihre Kinder versorgt zu bekommen, damit sie in der Praxis arbeiten können. Selbst alleinerziehende Mütter wie Dr. Shirin H. bekommen den Alltag mit Kind in den Griff, auch wenn er wesentlich anstrengender ist.
Wie bei allen berufstätigen Frauen ist hier großes Organisationstalent gefragt, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Das System funktioniert jedoch nur reibungslos, solange die Kinder gesund sind.

Tipps für den Berufseinstieg. Dr. Shirin H. rät Anfängerinnen, die Assistenzzeit voll auszunutzen, um herauszufinden, welche Stärken man hat und welches Fachgebiet man später einschlagen soll. Dr. Melanie A. empfiehlt, Abrechnungskurse zu belegen und ansonsten in der Praxis alles auszuprobieren: „Trauen Sie sich und geben Sie nie zu, dass es das erste Mal ist.“
Dr. Babette H. rät allen Berufseinsteigerinnen, entweder während des Studiums oder direkt danach zu promovieren. Sie hatte erst später promoviert und in ihrer Assistenzzeit die Erfahrung gemacht, die Patienten von ihrem Können erst überzeugen zu müssen.
Dr. Nadine H. empfiehlt Berufsanfängerinnen, sich eine Praxis zu suchen, in der sich der Chef noch Zeit für die Ausbildung nach dem Studium nimmt: „Man sollte alle Bereiche der Praxis erkunden können, vom Empfang über die Abrechnung bis hin zu allen Behandlungsabläufen.“
Zahnärztin Pia S. rät Zahnmedizin- Studentinnen: „Sammeln Sie so viel Praxis wie möglich! Machen Sie am besten schon vor dem Studium Praktika in Dentallaboren und in Zahnarztpraxen, denn in der gesamten Zeit der Vorklinik kommt man leider überhaupt nicht in Kontakt mit Patient/innen.“
Alle befragten Zahnärztinnen, insbesondere diejenigen, die eine eigene Praxis gegründet haben, zeigten sich insgesamt sehr zufrieden mit ihrer Berufsausübung. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für alle gleichermaßen anstrengend und gelingt – wie bei vielen anderen berufstätigen Frauen – nur mit guter Organisation und Unterstützung durch das familiäre Umfeld. Den Sprung in die Selbstständigkeit hat keine der befragten Zahnärztinnen bereut, ganz im Gegenteil. Alle, die es gewagt haben, sind trotz aller Anstrengungen glücklich mit ihrer Situation.

» richter@lzk-bw.de

 

Vertretung von Zahnärztinnen in den Führungsgremien in Baden-Württemberg

 

Ein natürlicher Prozess

Ausgabe 3, 2019

„Mehr Frauen in Führungspositionen zur Organisation des Gesundheitswesens“ fordert die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und hat im Oktober 2018 einen Antrag im Bundestag gestellt. Die Bundesregierung wird aufgefordert, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der eine verbindliche Frauenquote für die Vorstände der gesetzlichen Krankenkassen sowie der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen vorsieht. Verbindliche Vorgaben sollen auch für die Kammern der Heilberufe geschaffen werden. Wie sieht es mit der Vertretung von Zahnärztinnen in den Führungspositionen der Selbstverwaltung in Baden-Württemberg aus? Braucht es eine Quote?



Es sei notwendig, „die Wahrung der Interessen von weiblichen Versicherten und Beschäftigten im Gesundheitswesen auch durch eine angemessene Repräsentanz in den Führungsstrukturen der Selbstverwaltung sicherzustellen“, heißt es in der Drucksache 19/4855 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, die der Bundestag in seiner Sitzung am 13.12.2018 federführend an den Ausschuss für Gesundheit verwiesen hat. Zur Begründung ihrer Forderungen führen die Abgeordneten der Fraktion an, die Vorstände von Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) seien rein männlich besetzt und in den Vertreterversammlungen liege der Frauenanteil aktuell bei 18 Prozent (KBV) bzw. fünf Prozent (KZBV). Ähnlich niedrig sei er häufig auf Landesebene.

BZÄK-Ausschuss. Mit Blick auf diese Initiative im Bundestag hat auch der Ausschuss Beruflicher Nachwuchs, Familie und Praxismanagement der Bundeszahnärztekammer das Thema aufgegriffen und Anträge zur Bundesversamm- Foto: Deutscher Bundestag/Friederike Schleinitz lung am 9. November 2018 formuliert. Der Ausschuss hat insbesondere die Forderung nach einer verbindlichen Frauenquote aufgenommen und eine 30-Prozent-Quote gefordert. Der BZÄK-Vorstand hatte sich den Forderungen des Ausschusses geöffnet und mit vier in der Bundesversammlung vorgelegten Anträgen versucht, einen Kompromiss gegenüber den Maximalforderungen einer 30-Prozent- Quote zu erreichen. Die vorgelegten Anträge zur Förderung junger Mitglieder, für ein Konzept zur Förderung des berufspolitischen Nachwuchses, zur Erhöhung des Anteils weiblicher Mitglieder in der Bundesversammlung und der Präsenz der weiblichen Mitglieder in den Gremien der BZÄK stießen allerdings auf eine durchweg negative Resonanz unter den Delegierten der Bundesversammlung. Selten gab es eine hitzigere und kontroversere Diskussion in der Bundesversammlung. Die baden-württembergischen Delegierten legten schließlich einen eigenen Antrag „Zahnärztliche Standespolitik“ vor, mit dem die Bundesversammlung Zahnärztinnen auffordert, sich künftig stärker in die Standespolitik und die Gremien der Selbstverwaltung einzubringen. Der Antrag fand große Zustimmung in der Bundesversammlung, während die Anträge des BZÄKVorstandes, bis auf das Konzept zur Förderung des berufspolitischen Nachwuchses, abgelehnt wurden. Der Antrag aus Baden-Württemberg aus der Bundesversammlung zum berufspolitischen Nachwuchs mit der Aufforderung an die Zahnärztinnen, sich künftig stärker in die zahnärztliche Standespolitik und in die Gremien der Selbstverwaltung einzubringen, wurde auch in die Vertreterversammlung der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg am 7. Dezember 2018 eingebracht und dort befürwortet.

Nachgefragt. Ist es mit der Aufforderung an Zahnärztinnen, sich stärker in die Gremien einzubringen, getan? Kommen die Frauen dieser Aufforderung nach? Wie viele Zahnärztinnen sind in Baden- Württemberg standespolitisch aktiv? Wie sind die Zahnärztinnen zur Standes- und Berufspolitik gekommen? Welche Erfahrungen haben sie gemacht und was halten sie von einer Quote?

Bei der Stuttgarter Kieferorthopädin Dr. Patricia Miersch war es die BEMA-Umrelationierung 2003, die sie in die Berufs- und Standespolitik geführt hat. „Meine Grundintention war, als Kieferorthopädin tätig zu werden, um auch die Belange für die kleine Berufsgruppe der Kieferorthopäden einzubringen. Meine Hauptaufgabe ist es jedoch, als Vertreter aller Zahnärzte die Belange unserer gesamten Berufsgruppe zu vertreten.“ Mit Dr. Dr. Heiner Schneider und Dr. Klaus-Peter Rieger hatte sie zwei erfahrene Mentoren und auch „die meisten alteingesessenen Standespolitiker haben sich durchweg als Förderer erwiesen“. Inzwischen ist Dr. Patricia Miersch sowohl in der Vertreterversammlung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KZV), der Landeszahnärztekammer Baden- Württemberg (LZK) und der BZK Stuttgart Delegierte. Für die LZK ist sie zudem Delegierte in der BZÄK-Bundesversammlung.

Interesse an Finanzen. „Wie kommt man denn eigentlich zu einem standespolitischen Amt?“ Das fragte die Heidelberger Kieferorthopädin Dr. Karen Folttmann in einem Telefonat ihre Praxis-Nachbarin und Kollegin Dr. Eva Hemberger. Das war 2008. Die Antwort der Kollegin lautete: Sich aufstellen und gewählt werden. „Und weißt du was, kündigte sie mir an, ich schlage dich für die Vertreterversammlung der BZK Karlsruhe vor. Und das hat geklappt. Ich wurde gewählt“, erzählt Dr. Karen Folttmann.
Seither sitzt sie in der Vertreterversammlung der BZK Karlsruhe und ist Mitglied, seit 2016 Vorsitzende, im Haushaltsausschuss der BZK Karlsruhe. 2016 zieht sie auch in die Vertreterversammlung der LZK ein und wird auch dort in den Haushaltsausschuss gewählt – an die Seite von Dr. Eva Hemberger, die den Vorsitz führt.

Harmonischer Umgangston. Der harte Umgangston im Prüfungsausschuss der KZV sollte durch eine Frau etwas harmonischer gestaltet werden. So die Vorstellung von Obmann Dr. Reinhard Winkelmann. Er sprach deshalb Dr. Jutta Vischer an, das war 2001. Seither ist sie Mitglied im Prüfungsausschuss für Wirtschaftlichkeitsprüfung der KZV und seit 2002 auch im Zulassungsausschuss der KZV. „Der Wunsch kam gleichzeitig mit dem Angebot, bei einer Wirtschaftlichkeitsprüfung einen Mediator hinzuzuziehen, diese Mediator-Zahnärzte wurden ebenfalls von der KZV angeboten“, erzählt Dr. Vischer, „für mich ging es darum, mit den Kollegen einen respektvollen Umgang zu pflegen. Die Kollegen sollten ihre Körperschaft nicht ausschließlich als Organisation begreifen, an die man seine Beiträge entrichtet.“
Über die Arbeit im Prüfungswesen der KZV sind Dr. Hans-Hugo Wilms und Dr. Eberhard Montigel Jutta Vischer Delegierte in den Vertreterversammlungen der BZK Stuttgart und der LZK und berichtet von einem Klima des gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung in diesen Gremien. „In der Vertreterversammlung ergeben sich so viele Synergien – man profitiert nicht nur persönlich, sondern hat auch einen niederschwelligen Zugang zu Informationen und Wissen bei vielen Fragestellungen. Und es gibt keine starren Hierarchien, die Hemmnisse im Zugehen aufeinander darstellen.“
Ins kalte Wasser ist Dr. Karin Langsch geworfen worden als sie 2011 zur Vorsitzenden der Kreisvereinigung Schwäbisch-Hall gewählt wurde, auf Empfehlung des Vorgängers Dr. Michael Striebel. Zwei Kollegen haben ihr die Aufgabe nicht zugetraut und gegen sie gestimmt. „Später haben sie mich für meine gute Arbeit gelobt“, erzählt Dr. Langsch von ihren Erfahrungen. 2016 ist Dr. Karin Langsch dann in die Vertreterversammlungen der BZK Stuttgart und der LZK gewählt worden.

Fachwissen statt Quote. Von einer Quote halten die Frauen herzlich wenig. „Fachwissen und Qualität sollte immer Vorrang vor einer Quote haben“, sagt Dr. Patricia Miersch. „Eine inkompetente Frau ist viel schädlicher als ein guter Mann“. Sie ist sich sicher, dass das Engagement am leichtesten aus einer Notlage erwächst: „Die jungen Kolleginnen müssen einen persönlichen Mehrwert für sich erkennen, erst dann engagieren sie sich“.
Auch Dr. Karen Folttmann hält von einer Quote nichts. „Es liegt ja nicht daran, dass es keine qualifizierten Frauen gibt. Es gibt einfach zu wenige Frauen, die sich engagieren wollen“. Dass sie sich engagieren, liegt auch an den persönlichen Voraussetzungen. Familie, Praxis und berufspolitisches Engagement gleichzeitig, sind schwer unter einen Hut zu bringen, ist Dr. Folttmann überzeugt. „Ich habe meine Kinder früh bekommen, noch vor der Niederlassung. Als ich mich dann berufspolitisch engagiert habe, waren meine Kinder schon groß.“
Für Dr. Jutta Vischer bedeutet die Quote sogar eine „Abwertung“, weil „die potenzielle Eignung in den Hintergrund tritt.“ Sie hält die Genderdebatte in der Zahnheilkunde ohnehin für komplett deplatziert: „Wir haben alle den gleichen Punktwert und Frauen können den gleichen Umsatz in der Praxis erwirtschaften wie Männer. Die ganze Quotendiskussion ist aus der Genderdebatte entstanden und resultiert aus den extremen Gehaltsunterschieden von Männern und Frauen in der Wirtschaft.“

Persönliche Ebene. Den Einfluss der Körperschaften bei der Rekrutierung des berufspolitischen Nachwuchses sehen die Standespolitikerinnen begrenzt. „Das geht nur über das persönliche Gespräch“, ist sich Dr. Karen Folttmann sicher. Dr. Patricia Miersch glaubt, dass mit der weiter voranschreitenden Feminisierung des Berufsstandes und des veränderten Berufsbildes, auch automatisch mehr Frauen in die Gremien drängen werden. „Das ist ein natürlicher Prozess“.
Die Körperschaften hätten mit „Future NOW – Junge Zahnärzte in Baden-Württemberg“ bereits einen guten Ansatz gefunden, lobt hingegen Dr. Jutta Vischer. Sie erachtet den Kontakt zu den Kreisvorsitzenden als essenziell. „Die Kreisvorsitzenden könnten sich über spezielle Veranstaltungen an die frisch Approbierten und die neu niedergelassenen Kolleginnen wenden. Das schafft Nähe zu einer Person, in diesem Fall den Kreisvorsitzenden und nimmt somit Berührungsängste gegenüber den Körperschaften.“

Wenig regelmäßige Termine. Schaut man sich die berufspolitisch engagierten Frauen in den Führungsgremien von Kammer und KZV an, so stellt man fest, dass die Frauen „sich meist nicht oder nicht mehr um die Kinderbetreuung kümmern müssen und in der Praxis jemanden haben, der sie entlastet“, resümiert Dr. Patricia Miersch. Und sie regt als Einstieg für die berufspolitische Arbeit Tätigkeiten in der Jugendzahnpflege oder dem Gutachterwesen an, „alles, was mit relativ wenigen regelmäßigen Terminen zu handhaben ist“.
In der Jugendzahnpflege engagiert sich Dr. Jutta Vischer schon seit ihrem Studium. „Das hat sich durch meine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten ergeben. Die Zahnärztin im Gesundheitsamt war meine Berufsschullehrerin und hat mich angesprochen – ich bin bis heute dabei und betreue zwei Kindergärten und eine Schule.“

» mader@lzk-bw.de

 

Frauen an Universitäten und Hochschulen

 

„Appellieren wir lautstark an unsere Zahnärztinnen und an die Gesellschaft!“

Ausgabe 3, 2019

Prof. Dr. Diana Wolff ist seit 2017 Lehrstuhlinhaberin und Ärztliche Direktorin an der Poliklinik für Zahnerhaltung des Universitätsklinikums Tübingen. Dass es mit ihr und Prof. Britta Jung aus Freiburg nur zwei Ärztliche Direktorinnen an den baden-württembergischen Universitäten für Zahnmedizin gibt, liegt ihrer Meinung nach an den fehlenden Rollenbildern und deshalb „freue ich mich außerordentlich, dass ich in meiner jetzigen Position Vorbild und Rollenmodell sein kann und sehe darin eine große Verantwortung“. Welchen Appell sie an Zahnärztinnen und die Gesellschaft richtet und wie sie zu einer Quote steht, erläutert Prof. Wolff im ZBW-Gespräch.

ZBW: Warum gibt es nicht mehr Ärztliche Direktorinnen?

Prof. Wolff: Diese Frage stelle ich mir oft. Und sie erschließt sich teilweise aus meinem eigenen Werdegang. Wenn ich zurückblicke, dann stelle ich fest, dass mir in meinen Ausbildungsjahren Universitätsprofessorinnen als Vorbilder gefehlt haben. Ich schlussfolgere, dass ich mir (auch) deswegen meine jetzige Karriere damals weder vorgestellt noch zugetraut habe. Ich habe Ähnliches bei Kolleginnen wiedergefunden. Fragt man junge Zahnärztinnen an der Hochschule nach ihren Ambitionen, so hört man häufig, dass sie erst einmal Doktorarbeit oder Fachspezialisierung machen möchten, und dann … mal schauen. Ich mutmaße, dass das fehlende Rollenbild die Aufgabe einfach zu groß erscheinen lässt, als dass man sich ganz natürlich damit identifizieren könnte. Die Schaffung dieser Rollenbilder und deren gesellschaftliche Integration in das Selbstbild von Frauen wird helfen, talentierte und mutige junge Frauen auf diesen Weg zu führen.
Einmal den Weg der Hochschulkarriere angetreten, tun sich üblicherweise in Folge von Familiengründung und Kindererziehung Hindernisse auf. Es ist ganz normal, dass in dieser Phase eine zumindest zeitweise Verschiebung der Prioritätensetzung stattfindet. Verschärft wird diese Situation durch die nach wie vor ungenügenden Hilfestellungen bei der Kinderbetreuung und die ungleich verteilten Aufgaben der Familienarbeit. Gerade aber in dieser Lebensphase ist es essentiell, die richtigen Schritte auf der Karriereleiter zu tun und Präsenz in der Fachwelt zu zeigen. Das ist für Kolleginnen mit kleinen Kindern deutlich schwerer zu bewältigen als für ihre männlichen Kollegen. Die Überschneidung dieser turbulenten und anstrengenden Phase einer jungen Familiengründung mit der wegweisenden Phase der Habilitation und Bewerbung auf einen Lehrstuhl ist eine Herausforderung, für die es starker Nerven und individueller Lösungen bedarf.
Hat man schließlich den Schritt in die Bewerbungsphase getan, so folgt die Teilnahme an verschiedenen Berufungsverfahren. Die Bewerber werden von den eingesetzten Berufungskommissionen auf Herz und Nieren geprüft und viele meiner Mitstreiter/innen können bestätigen, dass das nicht immer angenehm ist. Erfreulicherweise werden mittlerweile in den Berufungsverfahren die Aspekte der Gleichstellung sehr hoch bewertet. In den Bewerberfeldern sind weibliche Kandidatinnen jedoch meist in der Unterzahl. Somit ist die Wahrscheinlichkeit einer weiblichen Berufung geringer. Der Wettstreit um die Lehrstühle ist äußerst hart. Es gibt weibliche Bewerberinnen mit hohem fachlichem und wissenschaftlichem Qualifikationsniveau. Die Tatsache, dass diese noch nicht auf Lehrstühlen angekommen sind, stimmt mich nachdenklich und die Gründe dafür kann ich nicht benennen.

Sie sind eine Ärztliche Direktorin. Wie konnten Sie die Hochschul-Karriereleiter so schnell erklimmen?

Ich bin im Alter von 41 Jahren auf den Lehrstuhl berufen und zur Ärztlichen Direktorin ernannt worden. Somit liege ich im normalen Altersdurchschnitt. Nach meiner Spezialisierungsphase im Fach Präventive und Restaurative Zahnheilkunde wurde ich von meinem damaligen Abteilungsleiter, Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, recht zügig mit 29 Jahren, zur Funktionsoberärztin in der Heidelberger Poliklinik ernannt. Die frühzeitige Übertragung dieser und darauffolgend weiterer verantwortungsvoller Funktionen war eine Herausforderung und ermöglichte mir, mich beruflich zielführend zu entwickeln.

Können Sie Ihren hochschulpolitischen Werdegang skizzieren? Gibt es jemanden, der Sie gefördert hat?

Mein Werdegang verlief insofern nicht durchgehend stringent, als dass ich nach der Spezialisierungsphase ein Jahr von der Universität weggegangen bin, um in einer Praxis als angestellte Zahnärztin zu arbeiten. Nach dieser wertvollen Erfahrung kehrte ich an die Universität zurück und war bestärkt und sicher, dass ich eine Hochschullaufbahn einschlagen möchte. Es folgte die intensive fünfjährige Habilitationsphase, die Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin nach weiteren zwei Jahren und schließlich die Ernennung zur stellvertretenden Ärztlichen Direktorin der Heidelberger Poliklinik für Zahnerhaltungskunde. Der darauffolgende Schritt zur Lehrstuhlinhaberin und Ärztlichen Direktorin erfolgte im Jahr 2017 an die Tübinger Poliklinik für Zahnerhaltung.
Mein frühester Mentor war Prof. Dr. Christoph Dörfer, Kiel, der mich in der Assistenzzeit an die Wissenschaft herangeführt hat und mir schon sehr früh vermittelte, dass er in mir das Potenzial sieht, eines Tages einen Lehrstuhl innehaben zu können. Umfassend gefördert wurde ich von meinem ehemaligen Abteilungsleiter, Prof. Staehle, der mich in jeder beruflichen Entwicklungsphase unterstützt hat und der in bemerkenswert aufgeschlossener Art die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert hat, bei mir und allen meinen Kolleginnen und Kollegen. Die Zusammenarbeit mit und Förderung von weiblichem Nachwuchs war für mich immer ein zentrales Thema. Mit Prof. Dr. Cornelia Frese, Heidelberg, konnte ich eine äußerst talentierte Kollegin zur Habilitation begleiten und feste persönliche und wissenschaftliche Bande knüpfen.

Welche Erfahrungen haben Sie im Laufe Ihrer Hochschulkarriere gemacht?

Bis auf wenige unangenehme Vorfälle war mein Weg geprägt von guten Erfahrungen. Von Kollegen bin ich stets mit Respekt und Anerkennung behandelt worden. Das Gender-Thema stand für mich nie im Vordergrund. Erst durch meine jetzige Position als eine der wenigen Lehrstuhlinhaberinnen in der Zahnmedizin und eine der wenigen Ärztlichen Direktorinnen im Universitätsklinikum Tübingen bin ich damit konfrontiert. Die Tatsache, dass man in diesen Kreisen eine derartig eklatante Minderheit darstellt, ist auf den ersten Blick vielleicht erschreckend, erhöht natürlich aber auch die Wahrnehmbarkeit und eröffnet Möglichkeiten der gezielten Einflussnahme und Sensibilisierung. Es ist allerdings eine große Herausforderung, bei diesem hochgradig polarisierenden Thema im geeigneten Moment den richtigen Ton zu treffen. Ich freue mich außerordentlich, dass ich in meiner jetzigen Position Vorbild und Rollenmodell sein kann und sehe darin eine große Verantwortung. Gemäß Mahatma Gandhi: „Be the change that you wish to see in the world.”

Sehen Sie Zahnärztinnen in den Führungsgremien der Universitäten und Hochschulen ausreichend repräsentiert und ihre Interessen vertreten?

Ausreichend präsentiert hieße ja mindestens in gleicher Relation in den Führungsebenen repräsentiert wie in den Mitarbeiterebenen vorhanden. Das ist ganz klar nicht der Fall. Die Führungsebenen der Hochschulen sind nach wie vor geprägt von männlichen Lehrstuhlinhabern. Jedoch sieht es eine Ebene darunter schon erfreulich vielfältiger aus – wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vertreten die Interessen beider Geschlechter in den jeweiligen Gremien. Und ganz ehrlich – die Hochschullandschaft kann und sollte davon maximal profitieren.

In der letzten BZÄK-Bundesversammlung wurde sehr kontrovers über die Vertretung von Frauen in den zahnärztlichen Körperschaften diskutiert und eine Quote gefordert. Was halten Sie von einer Quote?

Die Argumente der Für- und Wider- Position sind hinlänglich bekannt. Festzustellen bleibt, dass mehr Frauen in die Führungsebenen integriert werden müssen. Darin sind wir uns wohl alle einig. Nur der Weg der erfolgreichen Umsetzung ist bis dato rätselhaft. Eine neue Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) ergab, dass die Gleichberechtigung in Deutschland kaum vorankommt (Global Gender Gap Report 2018). Es gibt weniger Frauen in den Parlamenten. Deutschland ist im jährlichen Index des WEF auf Platz 14 abgerutscht. Im Jahr 2006 stand es noch auf Platz 5. Weltweites Problem ist vor allem die unterentwickelte Kinder- und Altenbetreuung, die dazu führt, dass Frauen die Berufstätigkeit erschwert wird.
Eine Quote ist meines Erachtens eine Möglichkeit, die dringend notwendige stärkere Partizipation von Frauen einzuleiten. Was wir brauchen ist eine „kritische Anzahl“ an Frauen in den Führungsebenen, damit eine natürliche Nachwuchskultur entsteht. Eine Quote würde die Tore für Frauen weit und sichtbar öffnen. Es würde der notwendige Druck aufgebaut werden, gezielt zu fördern, zu suchen, zu ebnen und das System anzupassen. Die bekannten Nachteile einer Quotenregelung würde ich billigend in Kauf nehmen. Nun steht das Argument im Raum, dass ja auch, wenn es eine Quote gäbe, gar nicht genügend weiblicher Nachwuchs vorhanden wäre, um diese zu bedienen. Wir brauchen also neben der Quote gezielte Nachwuchsförderung. Für Neueinsteiger müssen Ausmaß, Inhalte und Herausforderungen der Ämter und Funktionen greifbar gemacht werden. Und die Türen dafür, ich kann mich nur wiederholen, müssen weit offenstehen. Appellieren wir also lautstark an unsere Zahnärztinnen, dass sie sich standespolitisch engagieren und im gleichen Atemzug lautstark an unsere Gesellschaft, dass Verantwortlichkeit für Kinder und Familie eine gemeinschaftliche Aufgabe ist, an der alle partizipieren müssen.

Die Fragen stellte Andrea Mader

 

Strukturwandel in der Zahnmedizin

 

Unsere Zukunft als Zahnärzte selbst gestalten

Ausgabe 3, 2019

Der Strukturwandel ist in der Zahnmedizin angekommen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen stellt das vor große Herausforderungen. Zentrales Ziel des Zukunftsreferates der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg ist es, den jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten auch in Zukunft gute Chancen zu ermöglichen, ihren Beruf nach ihren Vorstellungen auszuüben. Ehrenamt und Hauptamt der KZV BW arbeiten hierbei eng zusammen.

Die aktuellen, durch Studien belegten Trends zeigen deutlich, dass sich die Ausübung des zahnärztlichen Berufs und die Struktur der Zahnärzteschaft in den nächsten zwölf Jahren massiv verändern werden. Die Anzahl männlicher Kollegen (derzeit 61 Prozent) wird deutlich zurückgehen, die Zahl der Zahnärztinnen wird anteilig auf 61 Prozent steigen – das Geschlechterverhältnis kehrt sich um. Zurzeit üben noch zwei Drittel der Kolleginnen und Kollegen ihre Tätigkeit selbstständig in einer eigenen Praxis aus – aktuellen Prognosen zufolge wird es im Jahr 2030 nur noch knapp die Hälfte sein. Ein großer Teil unseres Berufsstandes zieht offenbar die Tätigkeit in Anstellung der Tätigkeit in eigener Praxis vor.

Aktuelle Analyse. Was führt eigentlich die jungen Kolleginnen und Kollegen in solch eine „unselbstständige“ Entwicklung? Aus der Analyse aktueller Statistiken lässt sich schließen, dass die etablierten Berufsmodelle – insbesondere die des selbstständigen Zahnarztes in der Einzelpraxis – in Zukunft nicht mehr ein Garant für Erfolg sein werden. Dies haben viele junge Kolleginnen und Kollegen erkannt und suchen nach neuen Formen, ihren Beruf erfolgreich ein Leben lang ausüben zu können – und das muss nicht mehr unbedingt selbst und ständig sein. 50 Prozent der im Jahre 2030 tätigen Zahnärzte wünschen eine Berufsausübung in Anstellung und dies zu 62 Prozent in Teilzeit – bei einer Wunscharbeitszeit von 32,5 Stunden/Woche.
Der niedergelassene „Durchschnittszahnarzt“ verfügt 2018 hingegen über eine deutlich höhere Arbeitsbelastung von durchschnittlich 46,6 Wochenstunden bei gleichzeitig geringer werdender Rendite, verbunden mit einem hohen unternehmerischen Risiko.
Die Frage stellt sich, welche Wege eingeschlagen werden können, um den jungen Kolleginnen und Kollegen wieder zu mehr beruflicher Perspektive und Eigeninitiative im Ehrenamt zu verhelfen? Priorität hat: Das Wort „Freiberuflichkeit“ auch für Berufsanfänger mit Leben zu füllen. Die Standesorganisationen müssen den jungen Zahnärzten ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, die genannten Hemmnisse schrittweise abbauen und gezielt Hilfestellung und Modelle für die Niederlassung aufzeigen.

Selbstständigkeit. Die Selbstständigkeit bietet neben persönlicher Freiheit vor allem die finanzielle Freiheit – das sind wichtige Anreize für den jungen Zahnarzt, sich in eigener Praxis niederzulassen. In der heutigen Zeit müssen die Kolleginnen und Kollegen über fundierte Kenntnisse in Betriebswirtschaft, exzellente Kenntnisse in Personalführung und hervorragende Kommunikationsmöglichkeiten mit den Patienten verfügen, um wirtschaftlich erfolgreich agieren zu können. Da dies während der Ausbildung nicht vermittelt wird, ist die Hürde für die Niederlassung anfangs hoch. Die Standesorganisationen sind hier mehr als bisher gefordert, junge Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen.

Neue Versorgungsformen. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit neuen Versorgungsformen ist zwingend erforderlich. Die Einzelpraxis wird in Zukunft nicht mehr die tragende Rolle spielen. Mehrbehandlerpraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) werden im Dentalmarkt mitbestimmen. Es ist zu erwarten, dass die Anzahl an MVZs im Jahre 2019 in Baden-Württemberg im dreistelligen Bereich liegen wird.
Die KZV BW ist gefordert, hierzu Modelloptionen anzubieten – sonst werden dies andere Institutionen und zum Beispiel Fremdinvestoren übernehmen. Es ist zu beobachten, dass gerade die neuen Praxisformen für junge Kolleginnen und Kollegen ein hohes Maß an Attraktivität bieten. Warum also sollte die Zahnärzteschaft diese Praxisformen nicht stärker für sich selbst nutzen?
Das Rad der Zeit kann man bekanntlich nicht zurückdrehen. Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, in welche Richtung die Entwicklung gehen kann. Zahlreiche europäische Länder deregulieren den Zahnarztmarkt. In einigen dieser Länder gehören Kliniken und Zahnarztketten schon lange zum Alltag, sie besitzen Marktanteile von über 30 Prozent. Der europäische Healthcare-Sektor ist mit einem geschätzten Volumen von 80 Milliarden Dollar einer der wichtigsten Wachstums- und Investitionsmärkte. Firmen und Personen, die über große finanzielle Reserven verfügen, werden auch in Deutschland, dem größten Dentalmarkt innerhalb Europas, verstärkt in diesen Sektor hineindrängen.
Die Frage stellt sich, ob wir diese Entwicklung als freiberufliche Zahnärzte so hinnehmen wollen und die Versorgungslage dadurch besser wird.

Beruf mit Perspektive. Auch wenn die Entwicklung heute beunruhigend klingt, für uns Zahnärzte hat sie einen positiven Nebeneffekt: Der Zahnarztberuf hat Perspektive! Er ist konjunkturunabhängig und finanzstark, sonst hätte kein Investor der Welt Interesse an unserer Profession. Offensichtlich schaffen Großinvestoren, was kleineren Zahnarztpraxen aufgrund der zunehmenden Bürokratielast immer schwieriger gelingt, nämlich einen zahnärztlichen Betrieb mit einer guten Rendite und einem geringeren Risiko betriebswirtschaftlich erfolgreich zu führen.
Dieses Ziel zu erreichen erfordert eine erhebliche Umorientierung – sowohl bei den Zahnärzten als auch bei den Standesorganisationen. Wichtig ist, die Fäden für die wesentlichen Zukunftsentscheidungen in eigenen Händen zu behalten und diese Neuausrichtung im Rahmen der ehrenamtlichen Selbstverwaltung als Zahnärztegemeinschaft selbst zu steuern.
Unser Leitsatz lautet deshalb: Zahnarztberuf im Wandel – unsere Zukunft selbst gestalten!

Dr. Christian Engel,
Zukunftsreferent der KZV BW

 

Mit viel Freude in der Freiberuflichkeit angekommen

 

Mit viel Freude in der Freiberuflichkeit angekommen

Ausgabe 3, 2019

Dr. Annette Hornstein und Dr. Phillip Wallowy haben vor sechs Jahren die Praxis von Dr. Hornsteins Mutter in Pfullingen übernommen. Kurz danach traf ZBW-Redakteur Christian Ignatzi die beiden Berufsanfänger bei einer Standespolitischen Nachwuchstagung. Wie hat sich ihre Praxis seitdem entwickelt? Ein Besuch bei den jungen Zahnärzten, die ihren Traum von der Selbstständigkeit verwirklicht haben.

Was erwartet sich die „Generation Y“ von ihrem Berufsleben? Weniger Arbeit, mehr Freizeit, oder gar umgekehrt? Das fragte das ZBW in der Ausgabe 11/2014. Anlass dazu war die Standespolitische Nachwuchstagung in Biberach, bei der sich junge Zahnärztinnen und Zahnärzte fanden, die davon erzählten, ob sie sich selbstständig machen wollen oder lieber in einem Angestelltenverhältnis arbeiten. Die Niederlassung in eigener Praxis erscheint vielen – so die These damals – als Auslaufmodell. Doch viele der jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte sahen die Situation anders. Dr. Friederike Listander etwa zog es aus Ulm in die Provinz nach Beimerstetten, wo sie ihre eigene Praxis gründete. Ihre Praxis hat eine eigene Facebookseite, auf der sie Selfies von sich und Kolleginnen von Fortbildungen postet. Bei einem Fotoshooting hat sich die junge Zahnärztin gemeinsam mit ihrem Team auf einer saftig grünen Wiese fotografieren lassen.

Viele Gründer. Auch Zahnarzt Dr. Michael Konrad war schon im Jahr 2014 in den Social-Media- Netzwerken vertreten und hat nach seiner Assistenzzeit den Wechsel von der Stadt aufs Land gewagt. Zumindest, wenn man die Verhältnisse betrachtet. Nach seiner Approbation an der Uni Tübingen im Jahr 2007 zog es ihn zur Assistenzzeit nach Berlin. Vor einem Jahr ließ er sich in Friedrichshafen- Ailingen am Bodensee nieder. Als der damals 32-Jährige von seinen Plänen für sein Arbeitsleben erzählte, zeigte sich deutlich, dass er ein Mitglied der Generation Y ist: „Ich will auf jeden Fall, dass die Work- Life-Balance stimmt“, sagte er. Ein Angestelltenverhältnis stand nie zur Debatte: „Ich habe mich niedergelassen, weil ich selbst im therapeutischen Spektrum entscheiden will, was ich tue und was nicht“, sagt er. „Natürlich ist es ein Haufen Arbeit, aber die eigene Praxis kann ich hinsteuern, wohin ich will. Als Angestellter schuftet man nur für andere.“
So ähnlich sah es auch das junge Zahnarzt-Paar Dr. Annette Hornstein und Dr. Phillip Wallowy. Für die beiden stellte sich die Frage nach einer Anstellung nie. Denn Dr. Hornstein und Dr. Wallowy übernahmen die Praxis von Dr. Hornsteins Mutter in Pfullingen. Der Vorteil einer Gemeinschaftspraxis besteht für die junge Frau nicht darin, weniger Arbeit zu haben, sondern: „Eine Gemeinschaftspraxis verbessert das Arbeitsklima und die Qualität der Behandlung. Vier Augen sehen mehr als zwei“, sagte sie damals. Wie sich die Praxis nun, vier Jahre später entwickelt hat, zeigt ein Besuch bei den beiden Jungzahnärzten. Ein Teilzeitmodell hilft Dr. Hornstein derzeit, wie Dr. Wallowy strahlend berichtet. Denn die beiden sind im April 2018 Eltern einer Tochter geworden.

Nachwuchs. „Annette fängt gerade erst wieder an, zwei Tage pro Woche mitzuarbeiten“, erzählt Dr. Wallowy. Um die Betreuung der Tochter kümmert sich die Oma, die nach ihrer Praxisübergabe Zeit hat. „Das ist ein Vorteil der Selbstständigkeit, dass ich mir die Zeit freier einteilen kann als in einem Angestelltenverhältnis“, sagt der Zahnarzt, der sich Zeit nehmen konnte, als der Geburtstermin sich ankündigte. Auch heute hat er gewisse Arbeiten abgegeben und seinen Arbeitsalltag umstrukturiert. „Natürlich kann ich nicht ganz darauf verzichten zu arbeiten, aber ich habe gewisse Aufgaben komprimiert“, sagt er. Bei den Dres. Hornstein und Wallowy sind heute 30 Mitarbeiter angestellt. Zahnärzte, Zahnmedizinische Fachangestellte und sogar Zahntechniker. „Da muss man als Chef schon da sein“, sagt Wallowy, der in den vergangenen fünf Jahren zahlreiche Bücher über Mitarbeiterführung verschlungen hat und sich im Selbststudium zum Chef ausbildete. „Man muss einfach machen, einfach ausprobieren“, sagt er. Genau das taten die beiden Praxisgründer auch, als es darum ging, die Praxis zu modernisieren.
Im Lauf der Jahre haben sie immer weiter expandiert und ihre Räume nun zu einer Art modernen Wellnesstempel für zahnmedizinische Zwecke ausgebaut. Wer die Praxis betritt, findet sich in einem hellen, aber nicht schrillen Raum wieder. Im Wartezimmer trällern Popmusiker unaufdringlich leise aus den Boxen. Gitarrenklänge, sanfter Gesang – das zieht sich durch bis in die Behandlungsräume. LED-Bildschirme hängen dort in unterschiedlichen Größen an den Wänden. Schlank und aufgeräumt wirkt die Praxis, aber trotzdem nicht übertrieben steril. Weiß, Beige und Rosétöne überwiegen an Wand, Decke und Boden. Deckenleuchter hüllen den Raum in ein neutrales, helles Licht. Bei der Behandlung von Kindern wandelt der weiße Bildschirm an der Wand sich zu einem Mini-Kino. Zeichentrickfilme sollen ihnen dann die Angst nehmen.

Stimmiges Konzept. Angst ist ein gutes Stichwort, denn „Angst hat ja fast jeder, der hier reinkommt“, sagt Dr. Wallowy, der seinen Patienten den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen will. Das scheint zu funktionieren. „Man hört sehr viel Positives“, sagt er. „Wir setzen viel daran, dass wir anders sind und gewisse Servicesachen anbieten, die es nicht gibt.“ Der Patient soll mit einem „Wow- Effekt“ in die Praxis kommen. Dabei sollen nicht nur aufeinander abgestimmte Lichtspender helfen, wie die nicht zu grellen Deckenleuchten oder lilafarbene Stimmungslichter im Röntgenraum, sondern auch viele Kleinigkeiten, die „wir jeden Tag aufs neue mühsam implementieren und die die Gesamtsumme ausmachen.“ In jedem Behandlungszimmer ist digitales Röntgen möglich, Patienten erhalten eine automatische Terminerinnerung per SMS und jeder Patient erhält Dr. Wallowys private Handynummer, sollte er nach einem chirurgischen Eingriff etwas benötigen. Ein Anruf beim Patienten, ob alles in Ordnung sei, sei ohnehin Standard. „Die Atmosphäre hier trägt viel zur Patientenzufriedenheit bei“, sagt Dr. Wallowy und deutet auf die Wand. „Wir haben versucht, bewusst auf irgendwelche Poster an der Wand zu verzichten und wenn wir Röntgenbilder besprechen, vergrößern wir sie auf den Bildschirmen so lang, bis der Patient genau gesehen hat, was wir mit ihm vorhaben.“
Das Praxiskonzept hatten Dr. Hornstein und Dr. Wallowy von langer Hand geplant und nach und nach weiterentwickelt. Seit Mitte 2015 umfasst die Praxis ein weiteres Stockwerk. 2016 kam das eigene Labor dazu. „Wir sind nicht mit einem besonderen Fokus rein“, sagt der 37-jährige Zahnarzt. „Wir hatten einen Praxisplaner, den ich aus einer früheren Arbeit kannte, als wir noch Arbeitnehmer waren. Mit ihm haben wir alles besprochen und wir wollten einfach eine schöne Praxis haben.“ Nicht nur für die Patienten, sondern auch für sich selbst. „Wir sind acht, neun Stunden am Tag hier. Das muss dann natürlich auch primär unseren Geschmack widerspiegeln. Unsere Praxis sollte geschmackvoll, ästhetisch und hochwertig sein.“ Geglückt ist das den beiden Gründern, findet auch die Fachassistentin für Chirurgie, Jacqueline Grädener: „Mir gefällt das junge Team hier und vor allem, dass alles vernetzt ist“, sagt sie.

Selbstverwirklichung. Für das Praxiskonzept haben Dr. Hornstein und Dr. Wallowy schon mehrere Auszeichnungen erhalten. Eine Selbstverwirklichung im Beruf, die vor sechs Jahren begonnen hat und die sie bis heute nicht bereuen: „Auf gar keinen Fall. Für uns gab es nichts anderes“, sagt Dr. Wallowy, der sich nicht falsch verstanden wissen will: „Ich hatte immer nur liebe Chefs, das war alles gut“, sagt er und lacht. „Aber es war einfach die Freiheit, die Unabhängigkeit, die uns gereizt hat.“ Die Freiheit haben, das zu verwirklichen, was man will. Für viele Vertreter der jungen Zahnarztgeneration ist das nach wie vor ein wichtiger Punkt bei der Wahl der Berufslaufbahn.

» christian.ignatzi@izz-online.de

 

Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung

 

100 Jahre Frauenwahlrecht

Ausgabe 3, 2019

Der Strukturwandel in der Zahnmedizin, immer mehr Frauen als Praxischefin, und, wenngleich wesentlich langsamer, auch in den ehrenamtlichen Strukturen und Führungspositionen der Körperschaften – all dies ist Spiegel einer Entwicklung, die sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen nachzeichnen lässt. In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, gerade auch in vormals „klassischen Männerberufen“ sind Frauen zunehmend präsenter und übernehmen Verantwortung. Der Weg zum Ziel der „Gender Equality“ ist dennoch weit – und nicht zu Unrecht wird dieser Tage eines zentralen historischen Meilensteins gedacht: der Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren.

Stimmrecht für Frauen. Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 beendete den Ersten Weltkrieg. Bereits zwei Tage zuvor hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Balkon des Berliner Reichstagsgebäudes die Republik ausgerufen. Der demokratische Aufbruch dieser Tage wurde gleichzeitig zur Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland. Die Verordnung über die Wahl zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung (Reichswahlgesetz) legte in § 2 fest: „Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltag das 20. Lebensjahr vollendet haben.“
Die Idee eines Stimmrechts für Frauen war zu diesem Zeitpunkt keineswegs neu – diverse europäische Länder hatten es bereits umgesetzt. Auch in Deutschland war dies längst in der politischen Debatte angekommen. Als die SPD 1891 auf ihrem Parteitag in Erfurt ein neues Parteiprogramm verabschiedete, forderte sie darin zugleich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Männer und Frauen. Auf internationaler Ebene fand in den folgenden Jahren eine stärkere Vernetzung von Aktivistinnen statt, die ihre Forderungen mit immer größerer Vehemenz vertraten.

Nationalversammlung 1919. Dennoch sollte es in Deutschland bis 1919 dauern, bis Frauen tatsächlich zum ersten Mal an die Wahlurne gehen durften. Die Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung vom 19. Januar stellte die Premiere in der deutschen Geschichte dar. Die Wahlbeteiligung bei den Frauen lag bei über 80 Prozent, von insgesamt 423 gewählten Abgeordneten waren 37 weiblich.
Die erste Frau, die eine Rede im Reichstag hielt, war die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919. Bereits nach der Anrede „Meine Herren und Damen!“ vermerkte das Protokoll „Heiterkeit“ im Plenum. Für viele der gestandenen Abgeordneten war der Anblick demokratisch gewählter Volksvertreterinnen am Rednerpult wie in den Reihen des Parlaments offensichtlich schwer anzunehmen. Juchacz legte den Finger in die Wunde: „Ich möchte hier feststellen […], dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Verfassungsrang. Gleichberechtigt waren Frauen damit indessen lange nicht. Der juristisch verklausulierte Satz der Weimarer Verfassung „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ (Artikel 109, Abs. 2) konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass für Frauen weiterhin zahlreiche Einschränkungen wirtschaftlicher, politischer und sozialer Art gegeben waren. Weitergehend war da schon das Grundgesetz von 1949 mit der schlichten Feststellung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ (Artikel 3, Absatz 2), wenngleich auch dieser scheinbar unmissverständliche Anspruch auf unterschiedlichem Wege hintertrieben wurde.

Hindernisse. 1954 etwa wurde gesetzlich geregelt, dass zwar der Grundsatz der Gleichberechtigung gelte, dies aber nicht zum Schaden der Familie gereichen dürfe. Bei Meinungsverschiedenheiten sollte der Ehemann das letzte Wort behalten. Einen Beruf durften Frauen nur ausüben, soweit ihre Pflichten als Mutter und Ehefrau dadurch nicht beeinträchtigt würden. Erste Aufgabe der Ehefrau sei die Haushaltsführung.
Was verfassungsrechtlich seit 1949 festgeschrieben ist, spiegelte sich also lange nicht in der gesellschaftlichen Realität wider – in vielen Bereichen ist eine strukturelle Benachteiligung bis heute nicht überwunden. In den Parlamenten und politischen Spitzenpositionen, in Unternehmensvorständen und Aufsichtsräten wie auch in der Wissenschaft sind Frauen bis zum heutigen Tag unterrepräsentiert. Im Deutschen Bundestag etwa beträgt ihr Anteil nach der Wahl 2017 nur gut 30 Prozent, im Landtag von Baden- Württemberg sogar weniger als 25 Prozent – das Schlusslicht unter den deutschen Landesparlamenten.

Ausblick. Veränderung und Fortschritt brauchen einen langen Atem, und wie in vielen anderen Bereichen bleibt noch einiges zu tun, bis die rechtlichen und kulturellen Hürden für eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter beseitigt sind. Doch was immer in den vergangenen 100 Jahren auf dem Weg zu mehr politischer und gesellschaftlicher Teilhabe von Frauen erreicht werden konnte – in den Wirren der Novembertage des Jahres 1918 nahm diese Entwicklung eine entscheidende Wendung.
Passend dazu betonte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in der Feierstunde zum hundertjährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: „Erst wenn Frauen und Männer wirklich frei entscheiden können, wo sie die Prioritäten in ihrem Leben setzen wollen, ohne auf Beruf oder Familie oder gesellschaftliches Engagement zu verzichten, ist das Ziel erreicht.“ Für junge Zahnärztinnen und Zahnärzte überall im Land, die ihr Privatleben neben dem Beruf frei und ohne strukturelle Hindernisse gestalten wollen, ist das eine hoffnungsvolle Perspektive.

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

Spahn legt den Enterhaken an die Gematik an

 

Minister setzt auf Staat statt auf Subsidiarität

Ausgabe 3, 2019

Die gemeinsame Selbstverwaltung ist ein Grundprinzip des deutschen Sozialsystems. Organisationen erfüllen eigenverantwortlich die an sie delegierten Aufgaben, der Staat übt die Rechtsaufsicht aus. Bei der Gematik ist das nicht anders, als Spitzenorganisation der Selbstverwaltung bringt sie „die digitale Vernetzung des Gesundheitswesens“ auf den Weg, wie es auf deren Website heißt. Unmissverständlich hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt die ministerielle Übernahme angekündigt. Mit der möglichen Übertragung der Mehrheit der Anteile an sein Ministerium wäre die Selbstverwaltung hier entmachtet. Damit stellt der Minister das Subsidiaritätsprinzip und auch die Selbstverwaltung infrage. Leider kein Einzelfall.

„Subsidiarität ist maßgeblich, damit unser Sozialsystem eine Zukunftschance hat. Wird die Subsidiarität direkt infrage gestellt oder preisgegeben, so ist Gefahr in Verzug“, betont Ass. jur. Christian Finster, stellv. Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KZV BW). Dabei meint der Begriff der Subsidiarität heute in Europa die ordnungspolitische Regelung der Zielvorstellung in höchstmöglicher Nähe zum davon tatsächlich betroffenen Personenkreis. „Also eben nicht durch den Staat und nicht durch Beamte“, so Finster.
Der Erfolg des deutschen Krankenversicherungssystems sei im Vergleich zu steuerfinanzierten Systemen direkt messbar. „Es ist ein Alarmzeichen, wenn der Minister massiv gegen die Selbstverwaltung vorgehen will, weil es vielleicht nicht gleich so klappt, wie sich die Politik den Lauf der Dinge vorgestellt hat“, so der stellv. Vorstandsvorsitzende. Noch sei das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) nicht verabschiedet. Wenn Spahn aber mit seinem Vorhaben durchkomme, sei eine massive Bedrohung der Selbstverwaltung zu befürchten. Finster: „Die gemeinsame Selbstverwaltung, abhängig vom Wohl und Wehe eines Ministers: keine gute Perspektive.“

Kritik. In der zweiten Anhörung des TSVG vor dem Gesundheitsausschuss des Bundestages nannte es Doris Pfeiffer, die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, drastisch „einen weiteren Schritt auf dem Weg, Organisationen der Selbstverwaltung zu verstaatlichen“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete unter dem Titel „Spahn kapert Digitalagentur“: Der „schleppende Fortschritt der Digitalisierung im Gesundheitswesen“ sei dem Minister „ein Dorn im Auge“, dass die Telematikinfrastruktur noch immer erst im Aufbau ist, wird massiv der Gematik und den darin vertretenen Spitzenverbänden angelastet. Verworfen habe man die Idee, die Telematikgesellschaft durch eine Behörde zu ersetzen. Der leichtere Weg sei, die Gematik zu kapern, „indem er seinem Ministerium die Mehrheit der Anteile übertragen lässt“.
Derselbe Hebel – Zuständigkeit und Entscheidungskompetenz auf das Ministerium verlagern – wurde auch an anderer Stelle angesetzt. Spahn plante über die Aufnahme eines neuen § 94a in das SGB V die Mechanismen der Selbstverwaltung zu umgehen. Kritik daran übte beispielsweise das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V. (DNEbM). Das Vorgehen bedeute die Abkehr von den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin, womit eine sichere und effiziente Patientenversorgung sichergestellt werde, und zum anderen werde das Grundprinzip der Selbstverwaltung ausgehebelt. Es bestünde die große Gefahr, dass Entscheidungen über die medizinische Versorgung gesetzlich krankenversicherter Patienten zum Spielball politischer Interessen werden.

Relativierung. Angesichts des massiven Widerstands relativierte der Gesundheitsminister sein Vorhaben. Die Möglichkeit, Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung per Ministerbescheid zu verankern, soll nur in Ausnahmefällen genutzt werden. Spahn betonte, dass er an der wichtigen Rolle der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen auch künftig festhalten wolle.

Forderung. Zur Subsidiarität gehöre der Wille zu deren struktureller Bewahrung, betont Christian Finster. Die Politik müsse aufhören, mit der Selbstverwaltung zu experimentieren. Es besteht die Gefahr, dass sie ihre Gestalt bis zur völligen Unkenntlichkeit verändert. „Wäre die Selbstverwaltung nicht da, wäre der Staat an ihrer Stelle. Wir erleben in vielen EU-Staaten, was das bedeutet.“

» guido.reiter@kzvbw.de

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