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Berufspolitik

Nachdruck: Dr. Ute Maier im Interview mit der Schwäbischen Zeitung

 

„Das Geld für Zahnspangen ist gut angelegt“

Ausgabe 3, 2019

Kieferorthopädische Behandlungen sind nach Bekanntwerden des IGESGutachtens erneut in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung warnt die Vorstandsvorsitzende der KZV Baden-Württemberg Dr. Ute Maier davor, Zahnspangen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen. Das Interview führte Helena Golz. Es erschien am 8.1.2019 und wird nun im Zahnärzteblatt Baden-Württemberg nachgedruckt.

Schwäbische Zeitung: Wie nehmen Sie das Gutachten und die Reaktionen darauf wahr?

Dr. Maier: Die Kommentierung und Berichterstattung über das Gutachten in den letzten Tagen halte ich für sehr gefährlich, weil es die Menschen in die Irre führt: Es wird so getan, als stünde der über Jahrzehnte etablierte Berufsstand der Kieferorthopädie unter Generalverdacht, nur Abzocke mit den Zahnspangen zu betreiben. Dabei sagt das Gutachten etwas ganz anderes und zwar, dass eine positive medizinische Auswirkung der Zahnspange weder belegt noch widerlegt werden kann. Das Gutachten hat schlicht festgestellt, dass es zu wenige Studien zum Nutzen der Zahnspange gibt, um eine Aussage treffen zu können. Das ist etwas komplett anderes als das, was man die letzten Tage lesen und hören konnte. Diesen Sachverhalt hat auch das Gesundheitsministerium in einer Stellungnahme bestätigt.

Wie sind Ihre Erfahrungen, was Karies und Parodontitis angeht: Hilft da die Zahnspange?

Wenn die Zähne gerade stehen, dann sind sie leichter zu reinigen. Das trägt dazu bei, Karies zu verhindern. Das gleiche gilt für Parodontitis. Bei der Verhinderung beider Zahnerkrankungen spielt die Mundhygiene also eine große Rolle. Außerdem hat die Studie bestätigt, dass eine kieferorthopädische Behandlung die Lebensqualität der Patienten auf Dauer verbessert.

Also ist die eine Milliarde Euro, die die Krankenkassen für kieferorthopädische Behandlungen jährlich zahlen, gerechtfertigt?

Das Geld wird auf Grundlage von Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses ausgegeben. Das ist ein Gremium, das nach festgelegten Kriterien feststellt, welche Behandlung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet werden kann und welche nicht. Des Weiteren müssen die kieferorthopädischen Leistungen vor der Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen genehmigt werden. Die Leistungen, für die die Milliarde Euro ausgegeben wird, sind demnach gut geprüft. Das Geld ist also gut angelegt. Sollten Studien andere Erkenntnisse liefern, dann müssten die Richtlinien angepasst werden. Aber auch dann würde die eine Milliarde Euro nicht auf null sinken. Das heißt, wer impliziert, man könnte eine Milliarde Krankenkassengelder sparen, wenn Zahnspangen nicht mehr übernommen würden, ist unredlich.

Aber was passiert, wenn die Zahnspange aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen fliegt?

Das hätte insbesondere Auswirkungen auf die Patienten. Familien, die etwas besser gestellt sind, könnten sich dann die kieferorthopädische Behandlung ihrer Kinder leisten – und die, die weniger gut gestellt sind, könnten sie sich nicht mehr leisten.

Zähne würden dann zu einem Zeichen einer Klassenzugehörigkeit?

In der politischen Diskussion wird immer wieder von einer Zweiklassenmedizin gesprochen, die es unserer Meinung momentan in Deutschland nicht gibt. Wenn man die Zahnspange aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen streichen würde, ginge das allerdings in diese Richtung.

Wie sollte die Debatte um Zahnspangen aus Ihrer Sicht weitergehen? Was wünschen Sie sich?

Dass man mit dem Thema nicht so reißerisch umgeht. Ich finde es schade, dass man aufgrund eines Gutachtens, das im Original sagt, dass die Studienlage zu gering ist, letztlich Abzocke mithilfe von Zahnspangen unterstellt. Das wurde weder von der Regierung noch vom Gutachten selbst bestätigt. Es geht nicht, dass man so mit den Ängsten der Eltern spielt. Ich wünsche mir eine sachliche Diskussion zu dem Thema und das heißt auch, dass man gegebenenfalls weitere Studien in Auftrag geben muss.

Sie meinen, die bisherigen Studien reichen nicht aus. Warum?

Ob eine kieferorthopädische Behandlung Karies oder Parodontitis verhindert, muss über einen langen Zeitraum untersucht werden. Solche Studien sind sehr aufwendig. Dazu müssten Menschen untersucht werden, die eine Behandlung bekommen – und solche, die sie nicht bekommen. Kinder nicht zu behandeln, um wissenschaftliche Erfahrungen zu sammeln, obwohl man es aus zahnärztlicher Sicht für notwendig hält, ist ethisch eigentlich nicht vertretbar.

 

IGES-Gutachten zum Nutzen von Zahnspangen

 

„Nur Zahnspangen machen schiefe Zähne gerade“

Ausgabe 3, 2019

Eine kleine Anfrage von Abgeordneten der Fraktion von DIE LINKE im Bundestag an die Bundesregierung und die Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) als zuständiges Ministerium war der Anlass für die neuerliche Debatte über den Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen. Eine der Fragen sollte die wissenschaftliche Einschätzung des aktuellen medizinischen Wissensstands über die langfristigen Auswirkungen der wichtigsten kieferorthopädischen Behandlungsarten auf die Mundgesundheit klären. Das BMG beauftragte das IGES-Institut für die wissenschaftliche Expertise. Am 15. Januar legten die IGES-Forscher ihren Abschlussbericht vor.

„Auch wenn wir keine Belege für einen Nutzen der Kieferorthopädie bei Zahnfehlstellungen gefunden haben, mag es ihn doch geben. Das Erfahrungswissen der Kieferorthopäden aus jahrelangen Anwendungen steht in auffallendem Gegensatz zu einem Mangel an Belegen aus wissenschaftlichen Untersuchungen. Um klarer zu sehen, brauchen wir daher dringend weitere, zielführend angelegte Studien“, erläutert der Leiter des Bereichs Versorgungsforschung am IGES und Studienautor, Dr. Holger Gothe.
Danach titelte die BILD: „Regierung bestätigt Verdacht auf Abzocke mit Zahnspangen“. Das BMG sah sich veranlasst eine „Richtigstellung zum Bericht der BILD über das Gutachten zum Nutzen von Zahnspangen von heute“ zu veröffentlichen und stellte klar: „Das Gesundheitsministerium zweifelt nicht an der Notwendigkeit kieferorthopädischer Leistungen. In seinem Auftrag wurde eine Meta-Studie vom IGES-Institut zu dem Thema erstellt. Darin kommen die Studien-Autoren zu dem Ergebnis, dass die Datengrundlage derzeit nicht ausreicht, um die Frage abschließend zu bewerten“.

Mannheimer Morgen. Im weiteren Verlauf der öffentlichen Debatte über den Langzeitnutzen von Zahnspangen kam die Volontärin des Mannheimer Morgen, Miray Caliskan, mit einer Interviewanfrage auf die Landeszahnärztekammer Baden- Württemberg zu. Der Artikel sollte auf der Kinderseite im Wochenendmagazin des Mannheimer Morgen erscheinen. Für die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg beantwortete der Referent für Kieferorthopädie, Dr. Wolfgang Grüner, die Fragen der Journalistin, im gewünscht kindgerechten Ton.

Kindgerechter Ton. Auf die Frage „Braucht man Zahnspangen wirklich?“ bestätigte Dr. Grüner:
„Klar braucht man Zahnspangen, denn nur Zahnspangen können schiefe Zähne gerade machen. Wenn Zähne richtig schief gewachsen sind, werden sie oft im Laufe des Lebens sogar noch schiefer. Also, wer gerade Zähne will, braucht eine Zahnspange.
Muss jedes Kind mit schiefen Zähnen eine Zahnspange tragen?
Dazu meint Dr. Grüner: „Nein, natürlich nicht. Schiefe Zähne sehen zwar nicht schön aus, aber nicht jeder schiefe Zahn macht im Laufe des Lebens einmal Probleme, also bekommt z. B. ein Loch, oder fällt aus. Schiefe Zähne machen auch selten Schmerzen. Deshalb muss man schiefe Zähne nicht in jedem Fall geradestellen. Ab wann es besser ist, die Zähne zu begradigen, und wann es nicht so schlimm ist, das ist oft gar nicht einfach zu beantworten. Man muss dazu nachsehen, ob z. B. viele oder nur wenige Zähne schief sind, und ob nicht auch die Kieferknochen falsch wachsen, in denen die Zähne stehen. Besonders dann, wenn die Kiefer ungünstig wachsen, ist es oft wichtig, frühzeitig eine Zahnspange zu tragen, denn nach dem Wachstumsende wird eine Zahnspangenbehandlung viel schwieriger. In jedem Fall sollte der Zahnarzt deshalb die Zahnstellung prüfen.
Und auf die Frage, was Zahnärzte raten sollten, wenn Eltern sie auf eine Zahnspange ansprechen, sagte Dr. Grüner: „Nicht jedes Kind braucht schon früh eine Zahnspange. Wenn sich der Unterkiefer z. B. stärker entwickelt als der Oberkiefer und die unteren Zähne beim Zubeißen vor den oberen liegen, ist jedoch oft schon eine Zahnspange ratsam, solange noch die Milchzähne im Mund sind. Bei anderen Zahnfehlstellungen kann man häufig ruhig warten, bis der Zahnwechsel beendet ist. Die Zahnärzte können dies bei den regelmäßigen Kontrollen der Zähne ganz gut beurteilen. Bestehen Zweifel, ob und wann ggf. eine Zahnspange notwendig ist, sollte ein Kieferorthopäde die Stellung der Zähne überprüfen.“

» mader@lzk-bw.de

 

KZV BW und LZK BW – aktiv beim Landeskongress Gesundheit

 

Patientenversorgung sichern und Digitalisierung gestalten

Ausgabe 3, 2019

„Das Thema Gesundheit ist der Prüfstein, ob wir imstande sind, eine Digitalisierung ‚made in Europe‘ zu gestalten“, so Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Eröffnung des 4. Landeskongresses Gesundheit Ende Januar in Stuttgart. Des Weiteren betonte der Ministerpräsident die Bedeutung einer gesicherten, umfassenden und hochwertigen medizinischen Versorgung in Baden-Württemberg.

Seit vier Jahren ist der Landeskongress Gesundheit eines der wichtigsten Treffen der badenwürttembergischen Akteure im Gesundheitswesen. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden- Württemberg engagierte sich bereits von Anfang an und seit diesem Jahr ist auch die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg mit von der Partie, die diese Aufgabe von der BZK Stuttgart übernommen hat. Bereits im Vorfeld koordinierte die KZV BW das Forum zur individuellen Gesundheitsvorsorge beim World- Café. In den einzelnen Foren waren die Zahnärzte aktiv durch Vertreter der KZV BW und der LZK BW vertreten und sorgten insgesamt dafür, dass das Thema Zahngesundheit in diesem Jahr vielfältig eine Rolle spielte.

Motto. „Gesundheit von Menschen für Menschen“ lautete das Motto des diesjährigen Kongresses, das sich wie ein roter Faden durch die Beiträge der hochkarätigen Redner und Referenten zog. Verantwortungsträger und Entscheider aus allen wichtigen Bereichen der Gesundheitsversorgung diskutierten im Verlauf des Vormittags intensiv die aktuellen Aufgaben und Herausforderungen der baden-württembergischen Gesundheitswirtschaft. Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der KZV BW, machte deutlich, dass gerade die freiberuflichen Ärzte und Zahnärzte und eine starke Selbstverwaltung Garant für eine gute Patientenversorgung seien. Zunehmende Reglementierung und Bürokratisierung stünden dieser jedoch entgegen und müssten abgebaut werden.

Gesundheitsvernetzung. Die Schirmherrschaft des Kongresses hatte Ministerpräsident Kretschmann inne, der in diesem Jahr erstmalig selbst vor Ort war und in seinem Grußwort deutlich machte, dass die Gesundheitswirtschaft eine der Schlüsselbranchen in Baden- Württemberg sei. Er betonte den Willen der Landesregierung, die baden-württembergische Spitzenreiterrolle in diesem Bereich weiter auszubauen, machte aber gleichzeitig auch deutlich, dass es ihm um einen europäischen Weg gehe, der „das Gemeinwohl und den Menschen in den Mittelpunkt“ stelle. Den Landeskongress, an dem neben den berufsständischen Körperschaften der Ärzte und Zahnärzte auch die Krankenkassen, die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BW KG), die Landespsychotherapeutenkammer sowie die Landesapothekerkammer beteiligt waren, bezeichnete Kretschmann als einen „Leuchtturm der Gesundheitsvernetzung“.

Herausforderungen im Blick. Dr. Thomas Gebhart MdB, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Gesundheit, nahm in seinem Vortrag die aktuellen Herausforderungen der Gesundheits- und Pflegepolitik in den Blick. Sein Anliegen: Den Menschen im Land die Sicherheit zu geben, dass auch in Zukunft eine gute gesundheitliche Versorgung gewährleistet ist, unabhängig von Geldbeutel oder Wohnort.
Der Wille sämtlicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Dienste der Patienten die anstehenden Herausforderungen der Gesundheitsbranche anzunehmen, Ressourcen zu bündeln um zukunftsfähige und konkurrenzfähige Lösungen zu finden, durchzog den gesamten Kongress. Ministerpräsident Kretschmann formulierte treffend: „Wir brauchen eine Kultur der Innovationen, eine noch intensivere Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie Offenheit für neue Partnerschaften und ungewöhnliche Allianzen.“
Nach den Blitzinterviews, bei denen Dr. Ute Maier die Zahnärzteschaft auf dem Podium repräsentierte und Fragen zur zahnmedizinischen Versorgung der Zukunft beantwortete, ging es nachmittags mit den World-Cafés weiter.

Expertenaustausch. „Tun wir genug für die individuelle Gesundheitsvorsorge?“ war das Thema des Forums, das die KZV BW am Nachmittag im Rahmen des World-Cafés gestaltete und dessen Koordination Dr. Ute Maier innehatte. Carmen Basso, Leiterin des Referats Vertrag der KZV BW, gab als Expertin wichtige Impulse zum Thema „Vorsorgen statt Versorgen? – Welche Rolle wird Prävention in Zukunft bei der ärztlichen und zahnärztlichen Versorgung spielen?“ Das Thema „Wie verändert die wachsende Zahl Pflegebedürftiger den medizinischen Alltag?“ gestalteten Dr. Elmar Ludwig, Vorsitzender des Arbeitskreises Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung, der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg als Experte und Prof. Dr. Winfried Walther, Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe als Tischgastgeber. Die weiteren vier Foren kreisten um Themen wie Patientenversorgung, Strukturwandel und Fachkräfteengpässe sowie Prävention und Versorgungsalltag in Krankenhäusern.

Zahnärzte vorbildlich. „Der heutige Austausch hat mir gezeigt, dass wir Zahnärzte, gerade wenn es um das Thema Prävention geht, im Vergleich zu den anderen Fachärzten sehr gut dastehen. Bei uns ist dieses Thema schon seit Jahren etabliert und in der Bevölkerung angekommen. Auch die zahnärztliche Versorgungssituation in Baden-Württemberg ist gut“, so Dr. Ute Maier in ihrer abschließenden Betrachtung. Ihr Resümee der gesamten Veranstaltung: „Der Landeskongress Gesundheit ist mittlerweile wichtiger Bestandteil unseres baden-württembergischen Gesundheitsnetzwerks. Er fördert in hohem Maße den Austausch über alle Sektorengrenzen hinweg und leistet somit einen wichtigen Beitrag, Problemlösungen für die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitsbereich zu finden.“

» jenny.dusche@kzvbw.de

 

4. Landeskongress Gesundheit

 

„Topaktuell, intensiv, lösungsorientiert“

Ausgabe 3, 2019

Der 4. Landeskongress Gesundheit Ende Januar hat als großer Netzwerkkongress zahlreiche Expertinnen und Experten des Gesundheitswesens auf der Landesmesse Stuttgart zusammengebracht, um zentrale Fragen der Versorgung zu besprechen. Für die Zahnärzteschaft dabei: Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, und Dr. Torsten Tomppert, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg. Wie sind die Eindrücke, was ist das Besondere, was schätzen beide am Landeskongress? Das Zahnärzteblatt hat nachgefragt.

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Frau Dr. Maier, Herr Dr. Tomppert, welche Eindrücke, welche Ergebnisse haben Sie vom diesjährigen Landeskongress Gesundheit mitgenommen?

Dr. Maier: Die Vertreter der verschiedenen Player im Gesundheitswesen und die Experten diskutieren auf diesem Landeskongress sehr offen die vielfältigen Themen. Persönliche Kontakte können intensiviert werden und neue Kontakte entstehen, die man ausgehend vom Kongress weiter intensiv nutzen kann. In der Sache ziehe ich das sehr positive Resümee, dass wir topaktuellen Fragestellungen sehr detailliert nachgegangen sind.

Dr. Tomppert: Auch wenn man sich tagein, tagaus mit Gesundheitsthemen beschäftigt, gibt es unsedoch stets neue Blickwinkel und neue Ausgangspunkte, richtige Initialzündungen, und das zeichnet auch den Landeskongress aus. Unter den Akteuren in unserem Gesundheitswesen besteht das hohe Engagement, sich auszutauschen, nach den besten Lösungen zu suchen und diese möglichst zu verwirklichen. Das nehme ich vom Landeskongress mit.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnete den Kongress als „echten Leuchtturm der Gesundheitsvernetzung in Deutschland“: Was macht den Leuchtturm konkret aus?

Dr. Maier: Um im Bild zu bleiben: Ein klassischer Leuchtturm ist von weitem sichtbar, er bietet Orientierung und ist auch ein Zeichen der Hilfe und Unterstützung. Das passt schon sehr gut auf den Landeskongress Gesundheit, weil hier die aktuellen, wichtigen Themen diskutiert werden. Ich nenne exemplarisch die neuen Versorgungsnotwendigkeiten, sei es im Pflegebereich, bei der individuelle Prävention oder die Frage, wie wir die Problematik der ärztlichen und zahnärztlichen Versorgung in der Fläche lösen. Hier sind wir alle gefordert.

Dr. Tomppert: Die Symbolik des Leuchtturms wird bis heute verwendet, und sie wirkt nachhaltig. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ein Leuchtturm das Markenzeichen eines der ersten Internetbrowser war – und er stand als Metapher für die Orientierung in einer zunehmend komplexer werdenden aufkommenden digitalen Welt. Der Landeskongress Gesundheit hat ebenfalls eine wichtige Orientierungsfunktion. Allein wenn man sich die „World-Café- Foren“ anschaut mit fast zwanzig zentralen Fragestellungen, da schafft man ganz wesentlich Orientierung.

Apropos „World-Café-Foren“, die sind fester Bestandteil des Landeskongresses. Sie haben selbst intensiv mitdiskutiert. Was gefällt Ihnen an dem Format?

Dr. Tomppert: Es ist immer gut, wenn sich Fachleute zusammensetzen und sachlich, offen, fundiert über anstehende Fragen diskutieren, um Lösungen zu finden. Der Landeskongress bietet dafür eine echte Chance. Baden-Württemberg zeichnet eine sehr pragmatische Herangehensweise aus, das prägt auch die „World-Café- Foren“, was ich als sehr ergebnisorientiert und auch wohltuend empfinde.

Das Besondere ist in der Tat, dass die maßgeblichen Akteure unseres Gesundheitswesens zusammenwirken, auch wenn sie unterschiedliche Interessen haben. Was ist das Gemeinsame, Verbindende?

Dr. Maier: Bei all den unterschiedlichen Fachdisziplinen, Fachrichtungen, Argumenten und oft auch schwierigen Diskussionen geht es uns allen darum, die Menschen medizinisch und zahnmedizinisch bestmöglich zu versorgen. Helfen, heilen, die Versorgung optimieren – das steht im Zentrum von allen, die sich am Landeskongress Gesundheit beteiligen. Alle bringen ihre Fachkenntnisse und ihren Erfahrungsschatz mit, hören neue Argumente, reichern ihr Wissen an und lassen es in neue Lösungen einfließen.

Als Mitveranstalter haben Sie sich stark eingebracht: Zahnmedizinische Betreuung von pflegebedürftigen Patienten, individuelle Gesundheitsvorsorge und Prävention waren Ihre zentralen Themen.

Dr. Tomppert: Ja, und wir haben festgestellt, dass wir als Zahnärzteschaft hier ganz weit vorne sind. Gerade bei der Prävention und auch bei der Versorgung von älteren und pflegebedürftigen Menschen haben wir Zahnärztinnen und Zahnärzte bereits Programme, die gesellschaftlich greifen und auch von den anderen Akteuren im Gesundheitswesen als vorbildhaft wahrgenommen werden.

Dr. Maier: Konkret stand zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Thema Prävention die Frage im Raum, warum die Menschen regelmäßig einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen und sich ihr Bonusheft stempeln lassen, die empfohlenen Krebsvorsorgeuntersuchungen aber oftmals nicht in Anspruch genommen werden. Hier haben die Zahnärzte frühzeitig durch eigene Initiativen dargestellt, was Prävention bedeutet und wie positiv sich Vorsorgemaßnahmen auswirken. Hier gibt es noch Nachholbedarf auf Seiten anderer Akteure.

Die Fortsetzung des Landeskongresses folgt im nächsten Januar: Sie sind beide mit Ihren Organisationen, der KZV BW und der LZK BW wieder mit von der Partie.

Dr. Tomppert: Wir werden uns sehr gerne weiter einbringen. Wir vertreten ja gemeinsam, also Kammer und KZV, den zahnärztlichen Berufsstand, und das besonders auch in diesem Rahmen. Es ist sehr wichtig, uns und unsere Fragen zu vernetzen mit den anderen Akteuren.

Dr. Maier: Selbstverständlich sind wir auch im nächsten Januar mit dabei. Für uns ist der Landeskongress Gesundheit ein fester Bestandteil unserer versorgungs- und berufspolitischen Aktivitäten und wir schauen gerne über den Tellerrand hinaus, um zu erfahren, welche Fragen sich generell, auch außerhalb der Zahnmedizin stellen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Guido Reiter.

 

4. Landeskongress Gesundheit am 25. Januar 2019

 

Gesundheit – von Menschen für Menschen

Ausgabe 3, 2019

Gesundheit – das Thema, das Menschen bewegt und allseits als das höchste Gut gilt. Dieses Thema stand folgerichtig im Mittelpunkt des Landeskongresses Gesundheit, der alle wichtigen Akteure im Gesundheitswesen in Baden-Württemberg zusammenführte. Zudem war auch der Ministerpräsident des Landes, Winfried Kretschmann, vor Ort, um die Bedeutung sowohl des Kongresses als auch des gesamten medizinischen Komplexes für die Volkswirtschaft in Baden-Württemberg zu würdigen.

Große Unterstützung erfuhr der Landeskongress von der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Die Spitzenvertreter von Kammer und KZV wirkten dabei zusammen mit Experten wie Prof. Dr. Winfried Walther und Dr. Elmar Ludwig an entscheidender Stelle im Forum „Fingerspitzengefühl genügt nicht – Wie gelingt die zahnmedizinische Betreuung pflegebedürftiger Patienten“ mit.
Der Landeskongress ist eine Institution, die im Kalender der Akteure aus Gesundheit, Politik, Wirtschaft, Verbänden, Stiftungen u. a. m. einen festen Platz einnimmt. Das Motto des 4. Landeskongresses Gesundheit verweist auf Problemfelder, die in Zukunft bearbeitet werden müssen. Fragen wie „Können Roboter menschliche Zuwendungen ersetzen?“, die die bekannte Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer zu Beginn des Kongresses stellte oder die übergeordneten Themenkreise, die durch Fragen wie „Wer versorgt künftig die Patienten in Baden-Württemberg?“, „Tun wir genug für die individuelle Gesundheitsvorsorge?“ oder „Lassen sich strukturelle Probleme bei der Patientenversorgung überwinden?“ eingeleitet wurden.
Nach der Mittagspause beherrschten auch Fragen wie „Was ändert sich im Versorgungsalltag der Krankenhäuser?“ oder „Entspricht das tradierte ärztliche Handeln noch den Bedürfnissen der Patienten?“ und insbesondere „Wie verändert die wachsende Zahl Pflegebedürftiger den medizinischen Alltag?“ die Gespräche und die Diskussion in den sechs World-Café-Foren. Dr. Klaus Baier, Präsident der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg, dankte den Trägern und Unterstützern Landesärztekammer Baden-Württemberg, Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, AOK Baden-Württemberg, Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft, Barmer Baden-Württemberg, Techniker Krankenkasse, Landesvertretung Baden-Württemberg für ihr Engagement, sodass auch der 4. Landeskongress seinen Beitrag zur Erörterung und Beantwortung der großen Fragen in der Gesundheitsversorgung leiste.

Schlüsselsektor Gesundheit. Launig begrüßte Ministerpräsident Kretschmann das Auditorium, indem er Arthur Schopenhauer mit dem Satz „Neun Zehntel unseres Glücks beruhen allein auf der Gesundheit“ zitierte. Und er fügte hinzu: „Vielleicht nicht haargenau neun Zehntel unseres Glücks, aber doch jeder achte Arbeitsplatz ist von der Gesundheitswirtschaft abhängig“. Das heißt im Klartext: In keinem anderen Bereich arbeiten mehr Menschen als in der Gesundheitsbranche. „Nicht in der Automobilindustrie, und auch nicht im Maschinenbau“, betonte der Ministerpräsident. „Und der Landeskongress ist die Veranstaltung, bei der die wichtigsten Akteure dieses Sektors zusammenkommen“, hob Winfried Kretschmann die Bedeutung des 4. Landeskongresses hervor.

Akteure. Die Akteure der Zahnärzteschaft Baden-Württemberg waren beim 4. Landeskongress prominent und aktiv vertreten. So wirkte Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden- Württemberg als Koordinatorin im Forum 2 an den drei World-Café- Foren mit zu den Themen „Das interessiert doch keinen! ? Muss das Land mehr Anreize zur Gesundheitsförderung schaffen?“ sowie „Vorsorgen statt Versorgen? ? Welche Rolle wird Prävention in Zukunft bei der ärztlichen und zahnärztlichen Versorgung spielen?“ und „Lohnt sich das überhaupt? ? Wird für die Gesundheitsvorsorge am Arbeitsplatz genug getan?“. Besondere Beachtung fand das Thema im Forum 1 mit dem Präsidenten der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg Dr. Torsten Tomppert und dem Leitthema „Wer versorgt künftig die Patienten in Baden-Württemberg?“ und den World-Café-Foren-Themen „Suchen Arzt, bieten Haus ? Werden niedergelassene Haus- und Fachärzte in ländlichen Regionen zur Mangelware?“, „Ich sehe was, was du nicht siehst ? Wird die ärztliche Fernbehandlung in Baden- Württemberg zum Modell für Deutschland?“ und „Gesucht: Generation Dr. Y ? Was tut das Land, um den Arztberuf für junge Menschen attraktiver zu machen?“.
Dr. Norbert Engel, Referent für Qualitätsmanagement und Versorgungsforschung der LZK BW und Vorsitzender der BZK Karlsruhe, vertrat im Forum 5 beim Thema „Entspricht das tradierte ärztliche Handeln noch den Bedürfnissen der Patienten?“ die Positionen der Zahnärzteschaft, wenn es darum ging, ob die Digitalisierung und Technik das Arzt-Patienten- Verhältnis verändert. Im Forum 2 fiel diese Aufgabe dem stellvertretenden Präsidenten der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, Dr. Norbert Struß, zu.

Expertise. Eines der bedeutendsten Themen der Zukunft behandelte das Forum 6 unter der Fragestellung „Wie verändert die wachsende Zahl Pflegebedürftiger den medizinischen Alltag?“ Dabei war insbesondere die Expertise von Dr. Elmar Ludwig, Vorsitzender des Arbeitskreises Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung der LZK BW gefragt. Als Tischgastgeber fungierte kein geringerer als Prof. Dr. Winfried Walther, Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, der das Thema „Fingerspitzengefühl genügt nicht ? Wie gelingt die zahnmedizinische Betreuung pflegebedürftiger Patienten?“ eloquent und fundiert einleitete und somit die Gesprächsteilnehmer motivierte, sich einzubringen. Dabei zeigte sich, dass die Expertise von Dr. Elmar Ludwig auf sehr großes Interesse stieß.

» johannes.clausen@izz-online.de

 

Begegnungen 2019 – Neujahrsempfang im Zahnärztehaus Freiburg

 

„Gesundheitspolitik kuriert nur an Symptomen“

Ausgabe 3, 2019

Ein Ausblick auf das kommende Jahr und ein Rückblick auf 2018: Dies ist eine schöne Tradition für die Gastgeber des Neujahrsempfangs, Dr. Peter Riedel, Vorsitzender des Vorstands der Bezirkszahnärztekammer Freiburg, und Christoph Besters, stv. Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Mitte Januar begrüßten sie zu den „Begegnungen 2019“ im Freiburger Zahnärztehaus Verantwortungsträger in Politik, den Selbstverwaltungen, in Kammer und KZV sowie Gäste der dentalen Familie.

Christoph Besters freute sich, dass die Gäste auch im 11. Jahr der Freiburger „Begegnungen“ so zahlreich der Einladung ins Zahnärztehaus gefolgt waren. Er griff aktuelle Themen der Gesundheitspolitik auf: „Die Vorschriften und Gesetzesvorhaben, die unser neuer Gesundheitsminister Spahn erlässt, bieten Gesprächsstoff in Hülle und Fülle“. Brisante Themen seien das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz wie auch die elektronische Patientenakte, die im Zuge der Hackerangriffe erneut in die Kritik geraten sei. Auch die Anbindung der zahnärztlichen Praxen an die Telematikinfrastruktur sei für die Zahnärztinnen und Zahnärzte ein sehr wichtiges Thema. Die endgültigen Fristen seien gesetzt, es bleibe jedoch abzuwarten ob sie eingehalten werden können und ob die Industrie mitziehe. Neu und überraschend sei, dass in Zukunft das Bundesgesundheitsministerium darüber entscheiden will, was Kassenleistung wird. Christoph Besters missbilligte dies als einen starken Eingriff in die Selbstverwaltung. Problematisch seien auch weiterhin die Thematik der Medizinischen Versorgungszentren, die von Fremdinvestoren aufgekauft oder gegründet werden, das Mitspracherecht der Länder bei Zulassungsbeschränkungen und die neue Regelung gegen die Abwanderung von Medizinern. Erfreulich für die Zahnärzte sei lediglich, dass die Degression endlich beseitigt werden solle. Christoph Besters sparte nicht mit Kritik. „Unsere Gesundheitspolitik ist nur ein Kurieren an Symptomen. Sie bekämpft nicht die Ursachen, sondern setzt immer nur etwas Neues obendrauf. Das kann auf Dauer nicht gutgehen“, prognostizierte er.

Kabarett. Ein besonderes Highlight war der Auftritt des Kabarettisten Matthias Deutschmann anstelle eines Festredners. „Wie sagen wir`s dem Volk?“ hieß sein aktuelles Soloprogramm, mit dem er an diesem Abend sein Publikum zum Lachen brachte. Mit musikalischen Cello-Einlagen untermalte er seine Pointen, während er die deutsche Demokratie und so manchen Politiker ins Visier nahm.
Abgerundet wurden die Begegnungen 2019 durch die Ehrungen. Dr. Peter Riedel verlieh Dr. Carla Tornier für ihr besonderes Engagement für die Zahnärzteschaft die Verdienstmedaille der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg. In Anerkennung ihrer Verdienste um den zahnärztlichen Berufsstand und das Wohl ihrer Patienten wurden anschließend die Jubilare feierlich geehrt, deren Approbation sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt (siehe Beitrag auf Seite 53).
In der schönen Atmosphäre des Freiburger Zahnärztehauses ergaben sich noch viele wertvolle Begegnungen unter Kolleginnen und Kollegen und so manches angeregte Gespräch unter Gleichgesinnten, ehe ein rundum gelungener Abend ausklang.

» gabi.billischek@izz-online.de

 

Neujahrsempfang der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart

 

Wir fordern einen fairen Wettbewerb

Ausgabe 3, 2019

Traditionell lädt die Bezirkszahnärztekammer Stuttgart im Januar zu ihrem Neujahrsempfang. BZK-Vorsitzender Dr. Eberhard Montigel richtete den Blick auf die Herausforderungen des anstehenden Jahres 2019. Am 26. Mai 2019 finden die Wahlen zum 9. Europäischen Parlament statt. „Was haben wir Zahnärzte, was hat die Zahnärztekammer mit Europa zu tun?“ Mit dieser rhetorischen Frage hieß Dr. Montigel seine Gäste willkommen und freute sich, mit Petra Krebs und Jochen Haußmann gleich drei gesundheitspolitische Sprecher aus den Landtagsfraktionen der Grünen und der FDP sowie Kollegin Christina Baum von der AfD begrüßen zu können, um in den Dialog zu treten.

„Die Rahmenbedingungen unseres freien Berufes werden ganz erheblich von europäischen Regelungen und Richtlinien beeinflusst“, stellte Dr. Montigel fest. Die Selbstverwaltung der Freien Berufe stellt für die Europäische Kommission oftmals jedoch nur ein Hindernis für den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr dar. „Dieser rein ökonomischen Sichtweise setzen wir Freien Berufe einen am Gemeinwohl und Patientenschutz orientierten Ansatz entgegen“, betonte Dr. Montigel. Wohin eine solche hauptsächlich an ökonomischen Maßstäben orientierte Leistungserbringung führen könne, zeige der derzeit massive Einstieg versorgungsfremder Investoren in die zahnmedizinische Versorgung in Deutschland. Eine Entwicklung, die die Politik erst ermöglicht hat. „Zu einer flächendeckenden zahnärztlichen Versorgung unserer Patienten tragen sie nichts bei“, beklagte Dr. Montigel und plädierte mit Nachdruck für einen fairen Wettbewerb. Dieser sei nur dann gegeben, wenn die Zahnärztegesellschaften der Kammerhoheit unterworfen sind und für sie uneingeschränkt sowohl das Berufsrecht als auch die Gebührenordnung gelte.

Megathema. Als weiteres Megathema 2019 sprach Dr. Montigel den Mitarbeiternotstand an. Für Gesundheitsminister Spahn rangiert das Thema Pflegenotstand ganz weit oben. Um die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern, werden derzeit höhere Löhne diskutiert. Der einseitige Blick auf das Thema Pflege steigere die Gefahr, „die Schwierigkeiten für die Nachwuchsgewinnung in anderen Gesundheitsberufen zu erhöhen“, so Dr. Montigel. Auch die Qualität der zahnärztlichen Versorgung ist in erheblichem und entscheidendem Maß von der Zahl und der Qualifizierung der zahnmedizinischen Mitarbeiter abhängig. Besonders auch im Hinblick auf die demografische Entwicklung werden mehr Mitarbeiterinnen gebraucht. Dr. Montigel befürchtet, dass der Berufsstand aufgrund der Beschränkungen ihrer Berufsausübung durch die Politik nicht mehr in der Lage sein wird, den Mitarbeiterinnen attraktive Gehälter zu bezahlen und damit im Wettbewerb mit anderen Gesundheitsberufen unterliegt. An die Adresse der anwesenden Politikerinnen und Politiker gewandt, forderte Dr. Montigel, „dass die Politik Konzepte entwickelt, die nicht nur im Bereich der Pflege Möglichkeiten eröffnet, die Gesundheitsberufe attraktiv zu halten“.

Mit dem Dank an die ehrenamtlich engagierten Zahnärztinnen und Zahnärzte im Bezirk eröffnete Dr. Montigel das Neujahrs-Büfett und wünschte einen intensiven Gedankenaustausch und viele gute Gespräche.

» mader@lzk-bw.de

 

Special Olympics Baden-Württemberg: Landes-Winterspiele in Todtnauberg

 

Wenn Anderssein normal ist

Ausgabe 3, 2019

Die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg und Special Olympics Baden-Württemberg sind seit Ende 2017 durch eine Kooperationsvereinbarung verbunden. Bei den Landes-Winterspielen von 24. bis 26. Januar in Todtnauberg ist die Landeszahnärztekammer wieder als Kooperationspartner aktiv geworden. Im Rahmen des Gesundheitsprogramms „Healthy Athletes® – Gesunde Athleten“ zur Prävention und Gesundheitsförderung haben die regionalen Koordinatoren, LZK-Referent für Behindertenzahnheilkunde Dr. Guido Elsäßer und Dr. Abdul-Razak Bissar mit einem großen Helfer-Team die kostenlosen zahnärztlichen Untersuchungen für die Athleten organisiert.

Der Saal des Kurhauses in Todtnauberg ist bis auf den letzten Platz belegt. Auf der Treppe warten die Athleten auf ihren offiziellen Einzug. Das Licht ist gedämpft. Feierlich tragen Martin Baum, stv. Athletensprecher von Special Olympics Baden-Württemberg, und Martin Schmitt, Sport-Pate und Skisprunglegende die Special- Olympics-Fahne in den Saal und hissen sie auf dem Podium. Gemeinsam entzünden sie das olympische Feuer. „Ich will gewinnen! Doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben!“ Als Athletensprecherin Tatjana Raible mit dem Ablegen des Special-Olympics-Eids die Landes- Winterspiele von Special Olympics Baden-Württemberg am 24. Januar offiziell für eröffnet erklärt, brandet Applaus im Saal auf. Es war ein bewegender Moment und so manches Auge im Auditorium glänzte bei der Eröffnungsfeier im Kurhaus von Todtnauberg.

Bekannter machen. Zwei Tage später treffe ich Tatjana Raible zum Gespräch. Ihren Hals schmücken drei Goldmedaillen, zwei in Einzelwettbewerben beim Schneeschuhlauf und eine in der Staffel beim Schneeschuhlauf. Und das bei ihrem ersten Start bei Winterspielen. Tatjana Raible ist mächtig stolz. Ihre eigentliche Leidenschaft gehört den Pferden, bei den Reitwettbewerben der Sommerspielen hat sie schon unzählige Medaillen gewonnen. Die 29-Jährige aus Horb am Neckar hat sich 2018 für das Amt der Athletensprecherin beworben und ist prompt vom Athletenrat gewählt und von der Hauptversammlung dann für neun Jahre in dem Amt bestätigt worden. „Dass Special Olympics bekannter wird“, nennt sie als vorrangigen Beweggrund ihrer Bewerbung. Sie hat aber auch großen Spaß daran, bei der Eröffnung der Spiele und der Programmgestaltung mitzuwirken. „Und natürlich ist es toll beim Sport dabei zu sein“.
Nach unserem Gespräch nimmt Tatjana Raible mich mit zum Gesundheitsprogramm. Im Rahmen von „Healthy Athletes® – Gesunde Athleten“ gibt es verschiedene Variationen des Gesundheitsprogramms. In Todtnauberg wird nur das Programm „Special Smiles – Gesund im Mund“ angeboten. Es ist keine Frage, dass auch die Athletensprecherin das Angebot der kostenlosen Zahnuntersuchung wahrnimmt. Wir werden vom Referenten für das Gesundheitsprogramm, Florian Rauch und dem regionalen Koordinator, Dr. Guido Elsäßer und seinem Team empfangen: die Zahnärzte Sophia Baier und Dr. Daniel Schöller, die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen Britta Kraft, Manuela Neumann, Kathrin Kölbel, Margit Wittmann und Silvia Reichmann sowie Hans Riemer für den technischen Support.

Gesund im Mund. Der Ablauf der Zahnuntersuchungen gestaltet sich immer gleich: Zunächst wird geschaut, ob die Einwilligungserklärung für die Untersuchung vorliegt. Nur dann können die Zahnärzte tätig werden. Nach dem Auftragen einer speziellen Paste auf die Zähne begleitet Silvia Reichmann die Athleten dann in den Kariestunnel und schaut, wo es noch Putzdefizite gibt. Danach geht es zum Zähneputzen, unter fachlicher Anleitung der Dentalhygienikerin. Beim erneuten Gang durch den Kariestunnel können sich die Athleten vergewissern, dass sie ihre Zähne ordentlich geputzt haben. Zum Schluss kommt die zahnärztliche Untersuchung. Dazu hat Florian Rauch einfach zwei Stühle bereitgestellt, auf denen die Athleten Platz nehmen. Das wirkt weniger furchteinflößend als ein großer Behandlungsstuhl. „Nur kurz reingucken, aber nicht weh tun.“ Die meisten Athleten haben Angst vor der zahnärztlichen Behandlung. Die Zahnärzte brauchen psychologisches Geschick und müssen behutsam vorgehen, damit ihre Patienten den Mund aufmachen. Ein guter Einstieg, um das Eis zu brechen, ist die Frage nach den gewonnenen Medaillen, die fast jeder Athlet um den Hals hängen hat – und ein Autogramm von Martin Schmitt auf dem Athletenausweis.
„Den Zahnbelag müssen Sie unbedingt entfernen lassen, lassen Sie ihn besser mit einer elektrischen Zahnbürste putzen – eine gute Motivation fürs ordentliche Putzen sind Smileys, bei fünf Smileys hat er dann einen Wunsch frei.“ Dr. Elsäßer instruiert einen Vater, der seinen Sohn zur Untersuchung begleitet. Seine Befunde erfasst Dr. Elsäßer dann anonymisiert in einem speziellen Dokumentationsbogen und händigt dem Vater die Weiterbehandlungsempfehlung für seinen Sohn aus.



Mundgesundheitsdaten. Die Dokumentationsbögen sind einheitlich und werden bei allen Special-Olympics-Veranstaltungen in Deutschland für die Zahnuntersuchungen verwendet. Entwickelt wurden sie von Prof. Dr. Andreas Schulte und dem zweiten regionalen Koordinator von Special Olympics Baden-Württemberg, Dr. Abdul-Razak Bissar. Die anonymisierte Erfassung ermöglicht die wissenschaftliche Auswertung des Mundgesundheitszustands.
„Das sind die einzigen Gesundheitsdaten zur Mund- und Zahngesundheit von Erwachsenen mit geistiger Behinderung mit großen Fallzahlen. Auch die aktuelle Deutsche Mundgesundheitsstudie berücksichtigt nur Menschen mit Pflegebedarf, aber nicht Menschen mit Intelligenzminderung oder mehrfacher Behinderung“, betont Dr. Elsäßer.
Selten konnten bei einer Veranstaltung so viele zahnärztliche Untersuchungen durchgeführt werden und so viele Mundgesundheitsdaten gesammelt werden wie dieses Jahr in Todtnauberg. „Hätte mich im Vorfeld jemand gefragt, mit wie vielen Dokumentationsbögen ich rechne, ich wäre mit 50 zum Ende der Spiele zufrieden gewesen – 75 am ersten Tag ist ein Traum“. Das „Traum-Untersuchungsergebnis“ konnten Florian Rauch und das Team um Dr. Abdul-Razak Bissar, Larissa Barth und die AG Zahngesundheit im Stadt- und Landkreis Karlsruhe mit Geschäftsführerin Roswitha Henkel und ihren Mitarbeiterinnen Ulrike Dennig und Alexandra Koppanyi am 24. Januar vor allem erzielen, weil die Athleten die Wartezeit während der Akkreditierung nutzten, um ihre Zähne untersuchen zu lassen. Nach dem untersuchungsfreien Freitag, konnten Dr. Elsäßer und sein Team am letzten Tag der Spiele am 26. Januar nochmals über 30 weitere Athleten untersuchen.

Am Notschrei. Der hochgewachsene junge Mann zittert am ganzen Körper. Er trägt nur einen dünnen Rennanzug und die Temperaturen sind heute deutlich im Minus. Das Loipenzentrum im Nordic-Center Notschrei ist Austragungsort der Langlauf Wettbewerbe. Der Athlet mit der Startnummer 413 wartet auf seinen Start für die 500 Meter im klassischen Stil. Sein Vater gibt ihm noch letzte Tipps und reicht ihm eine warme Jacke. Der Startschuss lässt auf sich warten. Hinter ihm haben sich weitere Athleten eingereiht, aber niemand hat so einen professionellen Rennanzug. Noch 29 Sekunden … drei, zwei, eins – blitzschnell spurtet die Startnummer 413 los, angefeuert von den Betreuern, dem Vater und – vom Präsidenten von Special Olympics BW, Harald Denecken und von Sport-Pate Martin Schmitt. Harald Denecken und Martin Schmitt haben sich auch im Loipenzentrum am Notschrei eingefunden, weil sie gleich in einer Spaß-Langlauf-Staffel über 4 x 100 Meter auf die Loipe gehen. Aber davor wollen die Athleten unbedingt noch ein Bild mit Martin Schmitt und sie wollen den ehemaligen Skispringer mit ihren Medaillen beeindrucken. „Hey Martin, schau mal, ich habe schon zwei Goldmedaillen gewonnen.“

Ausblick. Einen großen Wurf landete Andreas Hofmann nicht nur bei den Europameisterschaften 2018 im Speerwurf – einen großen Wurf landete er auch als Gesicht der Bewerbung der Stadt Mannheim für die Landes-Sommerspiele von Special Olympics Baden- Württemberg 2021. Da fiel dem Präsidium von Special Olympics die Wahl nicht schwer: Mannheim erhielt den Zuschlag.
Bei der Abschlussfeier in Todtnauberg übergaben Athletensprecherin Tatjana Raible, Vizepräsident Mathias Tröndle und der Bürgermeister von Todtnau, Andreas Wießner die Special-Olympics- Fahne an die Vertreter der Stadt Mannheim, die als zukünftige Ausrichter der Landesspiele vertreten waren. Die Freiburger Regierungspräsidentin und Schirmherrin Bärbel Schäfer lobte die „gelebte Inklusion“ und „den beeindruckenden Geist“ der Landes-Winterspiele in Todtnauberg.

» mader@lzk-bw.de

 

ZBW-Gespräch

 

Das größte Problem ist die Trennung der Lebenswelten

Ausgabe 3, 2019

Hubert Hüppe ist Vizepräsident von Special Olympics Deutschland für das Gesundheitsprogramm. Von 1991 bis 2009 und von 2012 bis 2017 saß er für die CDU im Deutschen Bundestag und war Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. ZBW-Redakteurin Andrea Mader hat ihn bei den Landes-Winterspielen in Todtnauberg getroffen und mit ihm über sein aktives gesundheitspolitisches Engagement für Menschen mit Behinderung gesprochen. „Für mich ist es ernüchternd, dass zehn Jahre nach der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland mehr Menschen mit Behinderungen in Sonderwelten leben als vorher.“

ZBW: Seit wann gibt es das Gesundheitsprogramm? Warum wurde es initiiert und wie läuft es ab?

Hubert Hüppe: Special Olympics (SO) wurde aus der Idee heraus gegründet, Menschen mit so genannter „geistiger Behinderung“ über den Sport eine Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Das Gesundheitsprogramm Healthy Athletes® ist Kernstück in diesem Angebotsportfolio und zielt darauf ab, die Gesundheit der Sportler mit Behinderungen zu verbessern und ihnen auf anschauliche Art und Weise den gesundheitlichen Präventionsgedanken für verschiedene Bereiche näherzubringen.
Damit trägt Healthy Athletes® dazu bei, Lücken im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention in diesem Bereich zu schließen. Die kostenlosen, niedrigschwelligen Angebote finden sowohl während nationaler und regionaler Special Olympics Sportwettbewerbe für AthletInnen, als auch aufsuchend in ihren (leider noch getrennten) Lebenswelten – in Wohneinrichtungen, Werkstätten und Schulen – statt. In Deutschland wurde Healthy Athletes® bei den Nationalen Spielen 2004 in Hamburg eingeführt. Seit 2004 wurden mit Unterstützung von ca. 3.500 ehrenamtlichen Helfern (Ärzte, Zahnärzte, Optometristen, Physiotherapeuten, Podologen, medizinisches Fachpersonal und Studierende) mehr als 52.000 Beratungen und Untersuchungen bei Veranstaltungen von Special Olympics Deutschland durchgeführt. Menschen mit so genannter „geistiger Behinderung“ weisen in vielen Bereichen eine schlechtere Gesundheit auf und haben ein höheres Risiko für zusätzliche gesundheitliche Einschränkungen. Die Folge können Übergewicht, mangelhafte Fitness, Seh- und Hörbeeinträchtigungen sowie eine schlechtere Zahn- und Mundgesundheit sein. Hier setzt Healthy Athletes® mit Beratungen, Untersuchungen und Weiterbehandlungsempfehlungen an und hilft damit diesen Menschen, ihre Selbstbestimmung und Teilhabe an der eigenen Gesundheitsvorsorge zu verbessern. Mit den Angeboten und Materialien in Leichter Sprache werden die Teilnehmenden selbst in die Lage versetzt, auf ihre Gesundheit zu achten und ihre Gesundheitskompetenzen verbessert. Darüber hinaus können die vielen Mediziner, die sich freiwillig im Healthy Athletes® Programm engagieren, für die besonderen Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden. Die praktische Erfahrung steigert ihr Wissen und ihre Kompetenz und baut gleichzeitig Berührungsängste ab. Als Multiplikatoren tragen sie diese wertvollen Kenntnisse in ihre unterschiedlichen Bereiche weiter. Das Gesundheitsprogramm besitzt unterschiedliche Schwerpunkte und besteht aus sieben verschiedenen medizinischen Bereichen.

War Ihr Engagement für Special Olympics vor oder während ihrer politischen Laufbahn? Was hat Sie zum Thema Menschen mit Behinderung gebracht? Wer vertritt die Belange der Menschen jetzt in Berlin, wenn Sie nicht mehr dabei sind?

Special Olympics habe ich durch meine politische Arbeit für Menschen mit Behinderungen kennengelernt – sowohl als Beauftragter für Menschen mit Behinderung der CDU/CSU-Fraktion als auch als Beauftragter der Bundesregierung. Nachdem ich dann gefragt wurde, ob ich auch im Präsidium von SOD mitmachen möchte, habe ich gerne zugesagt. Zu dem Engagement Teilhabe für Menschen mit Behinderungen bin ich über das Thema Bioethik gekommen. In dem Zusammenhang habe ich Franz Christoph kennengelernt. Er war ein führender Aktivist für die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland und gehörte der sich selber so nennenden „Krüppelbewegung“ an. Er führte mir Anfang der neunziger Jahre vor Augen, dass Menschen mit Behinderungen weder das Recht noch die Möglichkeit auf Teilhabe in unserer Gesellschaft hatten. Durch die UNBehinder tenrechtskonvention (BRK) gibt es zwar seit zehn Jahren das Recht auf Teilhabe, aber oft immer noch nicht die Möglichkeiten. Ein paar Jahre später wurde ich Vater eines mehrfachbehinderten Sohnes. Ich musste lernen, was es heißt, zwar jedermanns Mitleid, aber niemandes Unterstützung zu bekommen, wenn wir als Eltern wollten, dass unser Sohn in denselben Kindergarten und in dieselbe Schule wie die Nachbarkinder gehen sollte.
Damals wie heute ist eines der größten Probleme von Menschen mit Behinderung, dass Menschen ohne Behinderung nie gelernt haben, mit ihnen umzugehen (die sog. „Schwerstmehrfachnormalen“). Der Kampf um Teilhabe ist ein Kampf um Menschenrechte.
Für mich ist es ernüchternd, dass zehn Jahre nach der Behindertenrechtskonvention in Deutschland mehr Menschen mit Behinderungen in Sonderwelten leben als vorher.
In Berlin ist jetzt Jürgen Dusel neuer Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Daneben hat jede Bundestagsfraktion einen Beauftragten für diesen Bereich.

Der zahnärztliche Berufsstand mahnt schon lange ein systematisches Präventionsmanagement für Menschen mit Behinderung an und hat 2010 ein Konzept vorgelegt. Mittlerweile hat die Politik den Bedarf erkannt und mit der neuen G-BA-Richtlinie neue präventionsorientierte Leistungen eingeführt. Was führte Ihrer Auffassung nach zu diesem politischen Erfolg?

Natürlich habe ich auch als Politiker diesen Prozess begleitet, auch weil ich lange Zeit Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages war. Dadurch habe ich auch die Leiterin des SOD-Bereichs Gesundheit und Medizin, Dr. Imke Kaschke, kennengelernt. Sie hat aktiv in den entsprechenden gesundheitspolitischen Gremien mitgearbeitet. Zusammen mit allen Netzwerkpartnern und auch durch die Präsentation von Untersuchungsergebnissen des „Special-Smiles“-Programms, die den Handlungsbedarf zur Verbesserung der Mundgesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung belegen, konnten nach langjährigen Bemühungen diese nachteilsausgleichenden Regelungen für Menschen mit Behinderung erreicht werden. Auf die G-BA-Richtlinie konnte ich als Politiker keinen Einfluss nehmen, bin aber froh, dass die betroffenen Menschen jetzt davon profitieren. Bereits im Jahr 2009 hat Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention und dem darin enthaltenen § 25 den Rechtsanspruch von Menschen mit Behinderung auf Gesundheitsleistungen anerkannt, die sie speziell wegen ihrer Behinderung benötigen. Deshalb müssen nun nach dem ersten Schritt – unabhängig von Diskussionen um Evidenzgrade – weitere Maßnahmen folgen, um ihnen auch eine gleichwertige Zahn- und Mundgesundheit zu ermöglichen.

In welchen gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Bereichen sehen Sie im Hinblick auf Menschen mit Behinderung noch Defizite?

Das größte Problem ist immer noch die Trennung der Lebenswelten von Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen. Es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, warum schon Kinder mit Behinderungen in Sonderkindergärten (auch wenn sie heilpädagogischer Kindergarten genannt werden) gehen müssen. Danach geht es in Sonderschulen (die jetzt Förderschulen heißen) und dann sehr oft gleich in Behindertenwerkstätten und nicht selten in Wohnheime. Wenn jemand tatsächlich Inklusion durchsetzen will, stößt er fast immer auf Bedenken und Widerstand. Leider stimmt auch heute noch der Satz: Einmal Sondereinrichtung, immer Sondereinrichtung. Dabei bedeutet Inklusion nicht, dass auf Förderung verzichtet werden soll. Das Prinzip der Inklusion bedeutet für mich, dass die Förderung dem Menschen folgt und nicht andersherum.
Im gesundheitlichen Bereich steht natürlich eine qualitativ hochwertige Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln im Vordergrund. Das allein garantiert noch nicht Inklusion, aber ohne eine gute Versorgung funktioniert auch keine Inklusion. Ein Beispiel: Wenn jemand im ersten Arbeitsmarkt arbeitet und inkontinent ist, braucht er hochwertige Windeln, sonst kann er dort nicht arbeiten. Darüber hinaus brauchen wir dringend mehr barrierefreie (Zahn-)arztpraxen. Damit meine ich nicht nur bauliche Barrieren. Entsprechend sollte es auch mehr Anreize im Finanzierungssystem geben. Zum Schluss fordere ich mehr Mut zur Inklusion. Es gilt weiterhin mein Motto: „Wer Inklusion will, sucht Wege, wer sie nicht will, Begründungen.“

Die Fragen stellte Andrea Mader