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Im Blick

Karlsruher Vortrag 2019 widmet sich der Geschichte des Populimus

 

Donald Trumps Ahnen

Ausgabe 5, 2019

Weshalb hat Donald Trump solch einen Erfolg? Wessen Rhetorik bedient er sich? Und wie können wir damit umgehen? Prof. Dr. Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München setzte sich im diesjährigen Karlsruher Vortrag mit diesen Themen auseinander. Das anspruchsvolle Thema brachte die von der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung, Karlsruhe, und ihrem Direktor, Prof. Dr. Winfried Walther, eingeladenen Zuhörer zum Nachdenken und gab ihnen neue Impulse für den täglichen Umgang mit Populismus mit auf den Weg.


Gebannte Zuhörer. Rund 1000 Gäste waren zum Karlsruher Vortrag in die Gartenhalle gekommen und ließen sich für den politischen Diskurs inspirieren.

Prof. Dr. Winfried Walther, der eloquent und sympathisch in die Veranstaltung einführte, begann die Einleitung zum Karlsruher Vortrag mit einem Goethe-Zitat: „Wer nicht von 3000 Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ Dieses Zitat, so Prof. Walther in seiner Einleitung, führe uns vor Augen welchen Wert die Beschäftigung mit der Geschichte hat. „Wir treten heraus aus dem Dunkeln und ich könnte mir vorstellen, dass unser Vortragender Gefallen an diesem Zitat findet, denn Licht in bisher nicht bekannte Zusammenhänge zu bringen, diesem Anliegen hat er sein ganzes Berufsleben gewidmet.“
Bevor der Vortragende seine Bühne bekam, ließ es sich Prof. Walther nicht nehmen, den Förderer des Karlsruher Vortrags, Dr. Torsten Tomppert, besonders zu begrüßen. „Ich danke Ihnen, dass die LZK auch unter Ihrer Präsidentschaft zum Karlsruher Vortrag steht“, sagte er und stellte heraus, dass der Termin seit 1983 fest im Karlsruher Kalender verankert ist, als „Teil zum aktuellen Diskurs über die Welt und unsere Gesellschaft.“
Dann hatte der Hauptakteur des Tages seinen Auftritt. „Seit Jahren vergeht kaum ein Tag, an dem man in den Medien und in politischen Diskussionen nicht mit dem Begriff des Populismus konfrontiert wird“, begann Prof. Dr. Michael Hochgeschwender seinen Vortrag unter dem zustimmenden Nicken der Besucherinnen und Besucher im Plenum der Karlsruher Gartenhalle. Es beschleiche einen das Gefühl des Unbehagens, denn Phänomene großer Komplexität und gänzlich unterschiedliche, einander konträr gegenüberstehende politische Gruppierungen, Parteien, Bewegungen und Personen würden mit diesem Etikett versehen. Als Beispiele nannte Prof. Hochgeschwender die nationalkonservative „an ihrem rechten Flügel durchaus faschismusaffine“ deutsche AfD, die einerseits von der französischen intellektuellen Nouvelle Droite beeinflusst wird, andererseits von Ideen der Konservativen Revolution, wie sie einst Armin Mohler konstruiert hat, und zum dritten von der an die Strategien der direkten Aktion Georges Sorels angelehnten Aktionsform der Identitären Bewegung. All das sei aber nicht im Mindesten populistisch, sondern vielmehr hochgradig elitär.
Als ausgewiesener Experte der Geschichte der Vereinigten Staaten konzentrierte sich Prof. Hochgeschwender in seinem Vortrag auf die Geschichte des Populismus in der nordamerikanischen Weltmacht, bis hin zum Gipfel in der Wahl des derzeit amtierenden Präsidenten Donald Trump. „Was verbindet all die Genannten? Worin liegt der gemeinsame Nenner? Wie passt Donald Trump in diese vogelwilde, bunte Mischung“, fragte der Historiker und stellte die These auf: „Trump und weite Teile der heutigen Republikaner knüpfen an eine in der US-Ideengeschichte tief verwurzelte Tradition an, freilich eher auf der Ebene politischer Semantik und weniger auf der inhaltlichen Ebene.“ Wir in Europa, aber auch viele liberale Amerikaner hätten Schwierigkeiten, dies zu verstehen, weil wir im Rahmen der sogenannte New-Deal-Ordnung sozialisiert wurden, als die USA „europäischer“ waren als je zuvor.
Ein solcher Ansatz helfe uns dabei, uns von den Eindrücken der politisch-persönlichen Inszenierung Trumps zu lösen, die „einfach widerlich“ ist, wie Prof. Hochgeschwender deutliche Worte fand. Doch er erkläre nicht, „warum fromme Evangelikale, Katholiken und Pfingstchristen einen bekennenden Ehebrecher mit neurotischen Zügen wählen und zum Teil innig verehren.“


Anspruchsvoll. Prof. Dr. Michael Hochgeschwender brachte seine Zuhörer mit den Ausführungen über Populismus in den Vereinigten Staaten zum Nachdenken.

Geschichte. Der Vorteil in den Vereinigten Staaten sei, dass Populismus dort kein von außen auf eine Gruppierung angewandter Begriff sei. Vielmehr gab es in der US-Geschichte zwischen etwa 1880 und 1910 eine Bewegung, die sich als People’s Party oder Populists bezeichnete und die auf dieses Etikett stolz war. Der Blick auf diese Populisten lohne sich, wenn man den gegenwärtigen „Populismus“ in den USA des 21. Jahrhunderts begreifen will. Um das komplexe Thema anschaulich darzustellen, skizzierte Prof. Hochgeschwender die gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen in den Vereinigten Staaten zwischen dem Ende des Bürgerkriegs und der Wende zum 20. Jahrhundert.
In den Jahren 1866 bis 1872 gab es eine Phase des Terrorismus des Ku-Klux-Klans und verwandter Organisationen, während der es zum Einsatz von Militär kam. Während viele behaupten, der Wahlkampf im Jahr 2016 sei besonders schmutzig gewesen, stellte Prof. Hochgeschwender dem gegenüber, dass es 1868 mehr als 1200 politisch motivierte Tötungen im Wahlkampf gab. Später entstand ein Einparteienstaat auf Rassengrundlage im Süden, bis in die 1960er-Jahre gab es die Rassenlinie mit tausenden toten dunkelhäutigen Menschen. Parallel dazu kam es zur Hochindustrialisierung. Die Vereinigten Staaten stiegen zur weltweit führenden Industrie-, Handels- und Finanzmacht auf. Daneben entstanden neue Massenmedien, die an Nationalismus appellierten. In der Politik erstarrte das Zweiparteiensystem. Es gab kaum Wählerbewegungen. „Das Wählen einer bestimmten Partei bekam man praktisch als Erbe mit“, sagte Prof. Hochgeschwender. Politische Brennpunkte verschärften sich durch die Massenmigration zwischen 1870 und 1920: 25 Millionen Migranten, von denen rund 30 Prozent ökonomisch scheiterten und die zum Großteil Wirtschaftsflüchtlinge waren, sorgten in den Großstädten zum Teil für einen Migrantenanteil von 80 Prozent. „Viele der Zuwanderer der zweiten Welle waren Katholiken, die dann als natürliche Feinde von Republik und Demokratie galten“, erklärte Prof. Hochgeschwender. Das lag daran, dass mit ihnen das organisierte Verbrechen (Mafia), fremde Hierarchien, unverständliche Riten auf Latein und eine doppelte Loyalität neben der zu Amerika ins Land kamen.

Neue Zeiten. Da sich nun die Migranten an urbanen Parteimaschinen beteiligten, kam es zur wachsenden Kritik an der Demokratie im Allgemeinen. Auch zahlreiche Wirtschaftskrisen beflügelten das Misstrauen in die Politik. Eine besondere Situation entstand in der Landwirtschaft: Sie profitierte anfangs von Boomphasen und überschwemmte die europäischen Märkte mit Fleisch, Mais und Getreide. Doch Großagrarkonzerne setzten sich allmählich mit britischem Investitionskapital im Westen gegen Kleinbetriebe durch. Zwischen 1865 und 1920 gab es zirka 40 Ranch-Kriege. „Zudem litt die Landwirtschaft ab den 1870er- Jahren unter dem Eisenbahnmonopol, das Kleinlandwirten Rabatte verwehrte“, sagte Prof. Hochgeschwender. Kleinlandwirte bekamen außerdem nur schwer Kredite. Doch in der nationalen Politik fanden die Beschwerden der Kleinlandwirte kein Gehör, „da die Parteien vollständig von den Interessen der Ostküsteneliten beherrscht wurden“, wie Prof. Hochgeschwender erklärte. In den 1870er- und 80er- Jahren hatten die Landwirte noch keine größere nationale Gefolgschaft und charismatische Führung, waren aber lokal und regional einflussreich.
Ab den 1880er-Jahren wuchs der Unmut auf nationaler Ebene. „Allerorten wurden Reformforderungen laut und zwar in ganz unterschiedlichen oft rivalisierenden oder sich befehdenden Gruppen“, erläuterte Prof. Hochgeschwender. Im ruralen Bereich, vor allem unter Kleinlandwirten entstand in den 1880er- und 1890er-Jahren ein Populismus, der neben währungspolitischen Forderungen nun auch für die Verstaatlichung von Eisenbahnlinien und Großbanken eintrat und eine Staatsintervention im Interesse konstanter Getreide- und Fleischpreise, Exportsubventionen und Kampf gegen Warenhäuser forderte. So genannte Farmer`s Alliances entstanden lokal im Süden und Mittelwesten. „Sie waren Bestandteil der progressivistischen Reformkonstellation und wurden auch als solche angesehen und akzeptiert“, erklärte Prof. Hochgeschwender: „In Minnesota kam die Democratic- Farmer-Labor Party auf, die bis heute existiert.“


Dankbar. Bürgermeisterin Bettina Lisbach und Prof. Dr. Winfried Walther (Mitte) übergaben Prof. Hochgeschwender als Dankeschön die traditionelle Skulptur „Im Dialog“ von Joachim Czichon.

Charisma. 1896, 1900 und 1908 folgten die Populisten dem Demokraten William Jennings Bryan, der als charismatischer Redner galt. Noch heute lehren Rhetoriker an Universitäten anhand seiner Reden. Doch Bryan war auch christlicher Fundamentalist, Pazifist und Außenminister unter Woodrow Wilson in den Jahren 1913 – 1915. Der „kleine Mann“, der „einfache Amerikaner“ aus dem ländlichen Raum im Mittelwesten war für ihn das Rückgrat der tugendhaften, freiheitlich- demokratischen Republik. Eliten hingegen die natürlichen Feinde der Demokratie. Damit standen Bryan und die Populisten in einer älteren Tradition, in der von Thomas Jefferson (1801 – 1809) und vor allem Andrew Jackson (1829 – 1837), dessen Bild heute im Oval Office von Donald Trump hängt. Sie knüpften an die radikale Traditionslinie der Amerikanischen Revolution und die damit verbundene radikaldemokratische Semantik an.
Insgesamt erkennt man deutlich das Ideal des einfachen Mannes, des common man, gegen die Elitentechnokratie, die für Moderne, Aufklärung und Fortschrittsdenken im Sinne des 19. Jahrhunderts stand. Durch diese Ausführungen sollte „inzwischen deutlich geworden sein, an welche Inhalte Trump in seiner politischen Rhetorik anknüpft“, sagte Prof. Hochgeschwender, „das sind sämtlich Weltanschauungselemente, die tief im amerikanischen Nationalen Bewusstsein von der Revolution her verankert sind. Was ihn aber unterscheidet, sind zum einen der tiefe Pessimismus seiner politischen Ansprachen, das Fehlen einer positiven Vision und der Mangel an Respekt vor dem einfachen Mann, den er bezirzt, weil er seine Vorbehalte erspürt, den er aber offen verachtet“. Trumps Semantik fehlten die konkreten Inhalte: „Trumps common man ist nur das leere Schattenbild von dem, was die Populisten einst darunter verstanden.“ Doch wie konnte eine radikaldemokratische Modernisierungsbewegung zu dem Zerrbild degenerieren, das unsere Gegenwart prägt? Hier nannte Prof. Hochgeschwender einige Konklusionen. Es gab Sollbruchstellen in der Reformkoalition mit urbanen Progressivisten: die Prohibition, den Darwinismus und den Führungsanspruch der akademischen, ökonomischen und urbanen Eliten. Zudem gab es eine Umdeutung durch die Geschichtswissenschaften: Bis ca. 1930/35 wurden die Populisten als Bestandteil der Reformbewegung zur Jahrhundertwende angesehen und als solche auch wissenschaftlich beschrieben. Dann versuchten Historiker wie Arthur M. Schlesinger Jr. eine identitätsstiftende politische Erbfolgelinie zu etablieren. Der demokratische Kerngehalt der populistischen Semantik verblieb in der amerikanischen Tradition, während die Populisten zu Radikalen mutierten, mit denen man im Zeitalter des New Deal-Konsenses nichts mehr anzufangen wusste. Erst in den 1990er-Jahren begannen Historiker wie Charles Postel, den ursprünglichen Populismus zu rehabilitieren.
„Wenn man diese Rehabilitation ernst nimmt, kann man den gegenwärtigen Pseudopopulismus einer gerechtfertigten Kritik aus dem Geist des ursprünglichen Populismus unterziehen, ohne dessen tatsächliche Schattenseiten leugnen zu müssen“, schloss Prof. Hochgeschwender, „dann können wir vielleicht endlich aufhören, uns gegenseitig anhand leerer Begriffe zu kategorisieren und in eine wahrhaft demokratische, kritische und selbstkritische, also nuancierte Diskussion eintreten. Dies gilt für Medien, Politik, Gesellschaft und vor allem die Wissenschaft gleichermaßen, denn im Moment versagen wir alle vor dieser Herausforderung.“
Eine Herausforderung, mit der auch Prof. Walther umgehen muss, wie er scherzhaft bemerkte: „Ich habe mich gefragt: Wie viel Zeit deines Lebens hast du im vergangenen Jahr eingesetzt, um dich mit dem amerikanischen Präsidenten zu beschäftigen. Auch bei vorsichtiger Schätzung von zwölf Minuten am Tag summiert sich dies auf drei Tage. Diese drei Tage waren nicht unbedingt gute Tage.“ Rund 45 gute Minuten während des Karlsruher Vortrags entschädigten ihn und die Gäste zumindest ein wenig – befand auch die neue Karlsruher Gesundheitsbürgermeisterin Bettina Lisbach, die das Schlusswort hielt. Darin lobte sie das große Engagement der Zahnärzteschaft und der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe für ihr beispielloses Engagement für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs.

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