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Titelthema

Bei Verweigerung des Anschlusses an Telematikinfrastruktur

 

Neue Drohung: 2,5 Prozent weniger Honorar

Ausgabe 6, 2019

„Besser“, „digitaler“, „offen sein“ und „den Wandel gestalten“: Gesundheitsminister Jens Spahn nutzt wohlklingende Worte für seine Reformvorhaben. Und er „hält das Tempo hoch“, stellen Medien fest. Oder überschlägt man sich gerade? Konkret: Neben einer elektronischen Patientenakte, die im Jahr 2021 offenbar ohne die ursprünglich vorgesehenen differenzierten Datenschutzeinstellungen kommen soll, gibt es die neue Drohung einer Honorarkürzung um 2,5 Prozent für alle, die ihre Praxis nicht bis März 2020 an die Telematikinfrastruktur (TI) anschließen. Bis Anfang Juli dieses Jahres sind Prognosen zufolge etwa zwei Drittel der niedergelassenen Ärzte- und Zahnärzteschaft sowie der Krankenhausambulanzen angebunden.


Unrund. Die Digitalprojekte in der Zuständigkeit des Bundesgesundheitsministeriums laufen nach wie vor unrund. Mit der Übernahme der Mehrheit in der gematik hatte Spahn den Eindruck erweckt, dass jetzt prompt alles besser werden würde.

„Die Wenigen, die nicht mitziehen wollen, dürfen nicht darüber entscheiden, wie schnell wir vorangehen“, wird der Gesundheitsminister von der Ärzte Zeitung zitiert. Wie viele „die Wenigen“ sind, kann aktuell nicht abgeschätzt werden. Für so manchen Arzt und Zahnarzt gibt es triftige Gründe, den Anschluss an die Telematikinfrastruktur (TI) nicht vornehmen zu lassen (s. Interview mit Dr. Susanne Blessing in dieser Ausgabe).
Unterdessen nennen die Medien folgende Zahlen zur Anbindung der vertragsärztlichen und vertragszahnärztlichen Praxen an die TI: 64.000 Praxen seien Ende April 2019 bundesweit angeschlossen gewesen. Ausgehend von weiteren 40.000 Bestellungen sollen etwa 110.000 Praxen – das sind zwei Drittel der niedergelassenen Ärzte, Zahnärzte und Krankenhausambulanzen – „bereits ab 1. Juli mit einem Konnektor arbeiten können“, so die „Ärzte Zeitung“. Wie sieht es konkret bei den Zahnärzten aus? „Ende April waren knapp 60 Prozent der Praxen an die TI angeschlossen“, berichtet Dipl.-Volkswirt Christoph Besters, stellv. Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. „Weitere 20 Prozent haben die Bestellung fristgerecht durchgeführt.“

Nächste Deadline. Spahn hat unterdessen den Druck erhöht und droht allen, die ihre Praxis nicht an die TI anschließen, ab März 2020 mit einer Honorarkürzung in Höhe von 2,5 Prozent.
Auf datenschutzrechtliche Fragestellungen, haftungsrechtliche Probleme sowie technische Schwierigkeiten bei der Installation wie auch dem Betrieb der TI, wodurch erhebliche Zusatzkosten verursacht werden, wird seitens der Politik nicht hinreichend reagiert. „Wenn man etwas nicht in den Griff bekommt, kündigt man die nächste Sanktion an, so einfach versucht es sich die Politik zu machen“, kommentiert Besters. „Die Heilberufler und ihre Selbstverwaltung müssen für viele Fehler büßen, die an anderer Stelle von anderen Akteuren verursacht wurden und aktuell verursacht werden“, so der stellv. Vorstandsvorsitzende.
Apropos Projektmängel: Wie zahlreiche Medien berichteten, soll die von Spahn ebenfalls wohlklingend angekündigte elektronische Patientenakte in der ersten Ausbaustufe ohne Datenschutzeinstellungen zur Verfügung stehen. Was das bedeutet, erklärt der „Tagesspiegel“: „Wer seinem Arzt, seinem Apotheker oder Therapeuten Einblick in die digitale Datensammlung gewährt, macht ihm damit dann automatisch und ohne Wahlmöglichkeit sämtliche Informationen zugänglich – auch solche, die ihn fachlich gar nicht zu interessieren haben und die ihm der Patient vielleicht lieber vorenthalten würde.“ Genau darum geht es: um das „Grundversprechen der elektronischen Patientenakte, dass die Versicherten selbst entscheiden können, wem sie welche Daten zur Verfügung stellen“, wie Maria Klein-Schmeink, die gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, betont.

Zeitdruck. Das Problem scheint tatsächlich hausgemacht: Den Entwicklern der ePatientenakte sei schlicht zu wenig Zeit eingeräumt worden, in der Konsequenz komme es zu den genannten technischen Abstrichen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Äußerungen der gematik gegenüber mehreren Abgeordneten. In jener gematik ist Spahns Ministerium mittlerweile Mehrheitsgesellschafter. Der Minister selbst wird damit zitiert, dass er es immerhin für „wünschenswert“ halte, wenn der Patient individuell für jeden Arzt festlegen könne, welche Daten dieser einsehen kann. Die Rechte für Patienten würden also „nachgeliefert“, hält der „Tagesspiegel“ fest.


Status quo. „Ende April waren knapp 60 Prozent der Praxen an die TI angeschlossen, weitere 20 Prozent haben die Bestellung fristgerecht durchgeführt“, berichtet Dipl.- Volkswirt Christoph Besters, stellv. Vorstandsvorsitzender der KZV BW.

Nach dem Willen des Ministers soll die Telematikinfrastruktur „zügig weiter ausgebaut werden“, so die „Ärzte Zeitung“: Apotheken werden verpflichtend bis März 2020 angebunden und Krankenhäuser bis März 2021. Für Pflegeund Rehabilitationseinrichtungen, Physiotherapeuten und Hebammen besteht aktuell noch kein Zwang, aber auch sie können die TI auf Wunsch bereits nutzen.

»guido.reiter@kzvbw.de

 

Informationen für die Praxis

 

Telematikinfrastruktur und elektronischer Zahnarztausweis (eZA)

Ausgabe 6, 2019

Der derzeitige Zahnarztausweis wird seit Jahren im praktischen Scheckkartenformat von der Landeszahnärztekammer ausgegeben. Anders als der kommende elektronische Zahnarztausweis (eZA) – wie der elektronische Heilberufsausweis für Zahnärztinnen und Zahnärzte genannt wird – dient der bisherige Ausweis lediglich dem Nachweis der Kammermitgliedschaft und hat keine elektronische Funktion. Voraussichtlich ab Herbst/Winter dieses Jahres wird der neue elektronische Zahnarztausweis von der Landeszahnärztekammer ausgegeben.

Im E-Health-Gesetz ist konkret definiert, dass ab einem bestimmten Datum alle Praxen an die Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen sein müssen und als erste Anwendung das Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) durchführen werden. Sofern das nicht umgesetzt wurde, wird den Vertragszahnärzten das Honorar um ein Prozent gekürzt (291 Abs. 2b Satz 14 SGB V). Der im Gesetz genannte Termin wurde vom Gesetzgeber in der Vergangenheit immer wieder verschoben, da es fortwährend zu Verzögerungen im Bereich der Bereitstellung der technischen Komponenten gekommen war. Zuletzt hat der Gesetzgeber nun mit dem Pflegepersonal- Stärkungsgesetz die Fristverlängerung bis zum 30.06.2019 beschlossen. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die Zahnärztinnen und Zahnärzte die notwendigen Komponenten für den Anschluss an die TI bereits verbindlich bestellt haben und dies entsprechend nachweisen können.

Verschlüsselung. Die Einführung der TI ist mit hohen Sicherheitsanforderungen verbunden. So werden beispielsweise die einzelnen Komponenten speziell zugelassen, sodass persönliche Daten noch besser geschützt werden. Künftig werden bestimmte Versichertenstammdaten, die bisher ohne Verschlüsselung auf der elektronischen Gesundheitskarte der Patienten liegen, nur noch verschlüsselt abgelegt sein. Somit sind diese Daten dann auch nur noch in Praxen lesbar, die an die TI angeschlossen sind. Zu welchem Zeitpunkt die Verschlüsselung konkret umgesetzt wird, ist abhängig von der TI-Verbreitung. Der konkrete Zeitpunkt wird hierzu von der gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) festgelegt.

GEMATIK-Mehrheit. Die gematik sieht sich bereits seit längerem in der Kritik, was den Ausbau der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen angeht, wobei dies vonseiten der gematik nicht nachvollzogen werden kann. So wurden die TI-Spezifikationen sowie für die medizinischen Anwendungen Notfalldaten-Management, E-Medikationsplan und elektronische Patientenakte bereits diverse Spezifikationen erarbeitet und veröffentlicht. Auch wurden noch vor dem gesetzlichen Stichtag die Spezifikationen, Zulassungsverfahren und Feldtestkonzepte für die Komponenten und Dienste zur elektronischen Patientenakte erstellt und publiziert. Dennoch steht seit Inkrafttreten des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) am 11. Mai dieses Jahres nun fest, dass das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) offiziell neuer Hauptgesellschafter der gematik ist, was vom BMG entsprechend bestätigt wurde. Bei der Gesellschafterversammlung wurde die Änderung der Gesellschaftsanteile notariell vollzogen, was dazu führt, dass das BMG nun 51 Prozent der gematik-Anteile besitzt. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass in Zukunft die Entscheidungen im Rahmen der Gesellschafterversammlung beschleunigt vorangetrieben werden.

eZA. Für die verpflichtende erste Anwendung „Versichertenstammdatenmanagement“ ist kein elektronischer Zahnarztausweis notwendig. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass aufgrund der aktuellen Entwicklungen auch die Einführung weiterer Anwendungen („qualifizierte elektronische Signatur“, QES und „sichere Kommunikation der Leistungserbringer“, KOM-LE) vorangetrieben werden, für die ein elektronischer Zahnarztausweis benötigt wird.
Aus diesem Grund finden derzeit die organisatorischen Feinplanungen in der Landeszahnärztekammer statt, um die Ausgabe des elektronischen Zahnarztausweises vorzubereiten. Über die weiteren Entwicklungen werden Sie zeitnah über die entsprechenden Medien (ZBW, Rundschreiben, Homepage, etc.) informiert.

» beck@lzk-bw.de

 

Digitalisierungsoffensive

 

Digitalisierungsstrategie auf Bundesund Landesebene

Ausgabe 6, 2019

Auf Bundesebene hat die Bundesregierung ein „Maßnahmenpaket Digitalisierung“ entwickelt und in einer Umsetzungsstrategie zusammengefasst. Darüber hinaus sollen mit der Digitalisierungsstrategie der baden-württembergischen Landesregierung die Potenziale der Digitalisierung vorangetrieben werden. Das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg hat hierzu zentrale Handlungsfelder festgelegt, mit denen die medizinische und pflegerische Versorgung verbessert werden soll.

Die Bundesregierung unternimmt große Anstrengungen, um in die digitale Kompetenz der Bürgerinnen und Bürger zu investieren. Im Wesentlichen rücken hierbei die Themenbereiche

  • Infrastruktur und Ausstattung,
  • Innovation und digitale Transformation,
  • Gesellschaft im digitalen Wandel sowie
  • Moderner Staat, in den Fokus der Betrachtungen der Digitalisierungsoffensive.

BZÄK-Ausschuss. Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung, die auch das Gesundheitswesen umfasst, wurde im Jahr 2017 ein entsprechender Ausschuss der Bundeszahnärztekammer eingerichtet, in dem auch die Landeszahnärztekammer Baden- Württemberg vertreten ist. Ziel des Arbeitskreises ist es, die Chancen und Risiken der Digitalisierung und von BigData für die zahnmedizinische Versorgung und für die Kammern zu bewerten und daraus die erforderlichen Konsequenzen und Handlungsoptionen zu entwickeln. Hierbei rücken insbesondere folgende Bereiche in den Fokus der Arbeit, deren sektorale Entwicklungen derzeit rasant voranschreiten:

  • Nutzung und Bewertung von digitalen Informationsangeboten,
  • Digitalisierung in der zahnmedizinischen Versorgung,
  • Sammlung und Auswertung von Gesundheitsdaten,
  • Verarbeitung von Gesundheitsdaten,
  • Digitalisierung der Selbstverwaltung, Kammer 2.0,
  • Datenaustausch mit Dritten.
Diesbezüglich hat sich der Ausschuss zum Ziel gesetzt, die Digitalisierungsstrategie in den unterschiedlichen Bereichen konstruktiv- kritisch zu begleiten.

Landesebene. Unter dem Dach der landesweiten Digitalisierungsstrategie will Baden-Württemberg ebenfalls den digitalen Wandel vorantreiben und verschiedene Vorhaben einbringen. So stehen für verschiedene Projekte im Bereich der Digitalisierung in Medizin und Pflege im Jahr 2019 knapp vier Millionen Euro zur Verfügung, die für unterschiedliche Projekte eingesetzt werden. Die Landesregierung sieht hierbei unter dem Stichwort „Digitale Gesundheitsanwendungen“ auch eines der Schwerpunktthemen in der Digitalisierungsstrategie Baden- Württembergs. Neben Themenfeldern wie personalisierte Medizin, sektorenübergreifende Versorgung und Fernbehandlung werden unterschiedliche Digitalisierungsansätze gefördert. Im Jahr 2019 soll nunmehr vorrangig ein telemedizinisches Kompetenzzentrum eingerichtet werden, dessen Aufgabe die Förderung der Zusammenarbeit und Vernetzung aller Beteiligten sein soll. Der Beirat in Medizin und Pflege setzt sich aus wesentlichen Akteuren des Gesundheitswesens einschließlich der Patientenvertretungen zusammen. Mit diesem Gremium soll ein strukturierter und transparenter Diskussions-, Kommunikations- und Vernetzungsprozess etabliert werden, der die Digitalisierung in Pflege und Medizin kontinuierlich begleitet. In diesem Zusammenhang diskutiert der Beirat ausgewählte Fragestellungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Die Landeszahnärztekammer ist im Beirat vertreten.
Aktuell werden 14 Digitalisierungsprojekte gefördert:

  • Docdirekt – Ihr Draht zum Arzt,
  • TelePracMan – Smartphone- Anwendung,
  • Internetbasierte Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Zwangsstörungen,
  • Beckenboden-Trainings-App,
  • Digitalisierte Bildverarbeitung beim akuten Schlaganfall in einem überregionalen Klinikverbund,
  • Web-basierte sektorenübergreifende individuelle Therapie- und Versorgungsplanung für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen,
  • Teleintensivmedizin-Plattform Baden-Württemberg,
  • Kinderland BW – Digitalisierte Sprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus,
  • Ich für mich – für Dich, zur Entlastung pflegender Angehöriger,
  • VITAAL = Videokonsile, Telemedizinische Applikationen und alltagsunterstützende Assistenzsysteme in der Mobilen Geriatrischen Rehabilitation und Prävention,
  • NeCtra – Digitale Unterstützung pflegenaher Strukturen im Sozialraum,
  • Personalisierte Medizin Portal BW,
  • bwHealthCloud sowie
  • bwHealthApp.

» beck@lzk-bw.de

 

Die Telematikinfrastruktur und ihre Entwicklung

 

Es begann mit einem Skandal

Ausgabe 6, 2019

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) wird kommen. Im Jahr 2021 soll es soweit sein. Dann werden rund 20 Jahre vergangen sein, seit die ersten Pläne zur Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens auf den Tischen der Politik lagen. Ein Überblick.


Gläserner Patient. In zwei Jahren könnte die elektronische Patientenakte dafür sorgen, dass gesetzlich Versicherte zum gläsernen Patienten werden. Die E-Medizin wird kommen und setzt sich am Ende gegen zahlreiche Bedenken durch.

Es war im Jahr 2001, als der sogenannte „Lipobay-Skandal“ Wellen schlug. Nachdem weltweit mehr als 50 Menschen an den schädlichen Wechselwirkungen von cholesterinsenkenden Medikament mit anderen Arzneimitteln gestorben waren, ging ein Ruck durch Politik und Berufspolitik der einzelnen Medizinberufe. Unter anderem, um zukünftig derartige Fälle zu verhindern, planten die Spitzenverbände des deutschen Gesundheitswesens im Jahr 2002 erstmals die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt nutzte den Skandal schließlich, um die eGK zu initiieren. Denn Experten zufolge war eine wesentliche Ursache für die vielen Todesfälle eine fehlende Dokumentation über die verordneten Medikamente. Das fatale Informationsdefizit sollte sich durch die auf der Karte gespeicherten Informationen ausschließen lassen.
Zwei Jahre später, 2004, trat das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung, das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) in Kraft, das das fünfte Buch des Sozialgesetzbuches ergänzt. Konkret ging es um den Paragraphen 291 SGB V, der die Einführung der Telematikinfrastruktur vorsieht, ebenso wie die Gründung der gematik und die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte im Jahr 2006.

gematik. 2005 gründeten die Bundesärztekammer (BÄK), die Bundeszahnärztekammer (BZÄK), der Deutsche Apothekerverband (DAV), die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV-SV), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) als Gesellschafter die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (gematik). Ziel der gematik war es, die Einführung, Pflege und Weiterentwicklung der eGK gemäß dem gesetzlichen Auftrag voranzutreiben und zu koordinieren. 50 Prozent der Anteile an der gematik hält der GKVSpitzenverband, der die Arbeit der gematik mit einem Betrag in Höhe von einem Euro pro Mitglied der Gesetzlichen Krankenkassen finanziert. Das Bundesgesundheitsministerium passt diesen Betrag je nach Finanzbedarf an.
Die Einführung der eGK verschob sich aber immer wieder. Am 27. September 2005 kündigte das Bundesgesundheitsministerium nach den Wahlen, die zur großen Koalition geführt hatten, eine Ersatzvornahme an. Die Rahmenbedingungen zur Umsetzung der eGK wurden neu geordnet und die weiteren Arbeiten unter der Leitung des Ministeriums gesteuert. Mehrere Abstimmungen unter den Gesellschaftern der gematik waren zuvor gescheitert, die Zeitpläne waren nicht mehr einzuhalten. Erst im Oktober 2006 erfolgte eine Neufassung der Verordnung über Testmaßnahmen für die Einführung der eGK. Das neue Ziel: Nach Tests unter Laborbedingungen mit Testdaten sollte es über einen Probelauf durch Zugriffsberechtigte mit Test- und Echtdaten zur Erprobung in ausgesuchten Testregionen gehen.
Doch der Deutsche Ärztetag beschloss im Mai 2007 mit einer Mehrheit von 111 zu 94 Stimmen, die eGK in der heute vorliegenden Form abzulehnen und neue Wege zu gehen, die eine größere Datensicherheit und eindeutige Aussagen über die Finanzierbarkeit aufwiesen. Der darauffolgende Ärztetag im Mai 2008 erneuerte seine Kritik und verlangte einen Stopp der Tests. Bei der Mehrheit der Delegierten überwogen die datenschutzrechtlichen Bedenken gegen die zentrale Speicherung der Patienteninformationen.


Ausgedient. Die alte Gesundheitskarte ist längst nicht mehr im Einsatz. In Zukunft sollen auf dem Chip der eGK Informationen in Form einer elektronischen Patientenakte gespeichert werden.

Gegenwind. Im Oktober 2008 beschloss die gematik auf Betreiben der Bundesärztekammer den Test eines alternativen Konzepts, bei dem die Daten in der Hand des Patienten verbleiben sollen. Nach einer Untersuchung des Fraunhofer- Instituts für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) sei ein USB-Stick als dezentraler Speicher aber nicht geeignet. Der Deutsche Ärztetag beschloss im Mai 2010 mit 105 zu 86 Stimmen, das Projekt Gesundheitskarte „in der weiterverfolgten Zielsetzung endgültig aufzugeben“. Als Begründung nannte er vor allem die befürchtete zentrale Datenspeicherung, die Möglichkeit eines unbefugten Zugriffs auf sensible Patientendaten und die hohen Kosten des Projekts. Die Teilnehmer betonten allerdings mehrheitlich, dass der elektronische Heilberufeausweis und die Telemedizin im Allgemeinen nützlich für die Patientenversorgung sein können. Auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) äußerte sich kritisch zur eGK. Im März 2010 hieß es in einer Mitteilung: „Wir haben einer verpflichtenden Online-Anbindung der Arzt- bzw. Zahnarztpraxen mitnichten zugestimmt. Und das habe ich gestern im Gespräch mit dem BMG auch noch einmal klar gesagt.“ Mit diesen Worten kommentierte der damalige stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes der KZBV, Dr. Günther E. Buchholz Meldungen, nach denen die Organisationen der Leistungserbringer ihr Einverständnis mit Plänen des Bundesgesundheitsministeriums erklärt haben sollen, die Praxen im Zuge der weiteren Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) zu einer Online-Anbindung zu verpflichten. „Die KZBV lehnt es nach wie vor ab, Praxen auf einen Online- Zugang zu verpflichten. Für uns ist Freiwilligkeit weiterhin ein elementarer Punkt. Der Minister hat aber keinen Zweifel daran gelassen, dass er einen verpflichtenden Online-Abgleich der Versichertenstammdaten durchsetzen will. Unter dem Eindruck dieser Ankündigung haben wir im Rahmen eines Gesamtpaketes von zahnärztlicher Seite aus gefordert, dass es auf jeden Fall eine Möglichkeit geben muss, den Online- Zugang wenigstens von der Praxisverwaltungssoftware abzutrennen, in der sich die medizinischen Daten der Patienten befinden.“

Sensible Daten. Nach diesem Modell würde der KZBV zufolge lediglich das Kartenlesegerät zur Überprüfung der Versichertenstammdaten an das Netz angeschlossen, die sensiblen Patientendaten aber blieben vor einem Online-Zugriff geschützt. Im Herbst 2010 lehnte die 14. Vertreterversammlung der KZBV in Frankfurt/Main die Einführung der eGK unverändert ab. Dennoch begann die Ausgabe der ersten Generation der eGK im Jahr 2011. Im Vergleich zur alten Krankenversichertenkarte enthielt sie ein Lichtbild, aber noch keine weiteren Funktionen. Zum 2. Oktober 2013 besaßen laut dem GKV-Spitzenverband 95 Prozent der Versicherten eine eGK.
Im Jahr 2015 folgte der Beschluss für den nächsten Schritt auf dem Weg zur Telematik. Das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen sowie zur Änderung weiterer Gesetze – kurz: das E-Health-Gesetz. Es konkretisiert Anwendungen zur Digitalisierung des Gesundheitswesens wie den elektronischen Medikationsplan, den elektronischen Arztbrief, den Heilberufeausweis, das Versichertenstammdatenmanagement, Videosprechstunden, das Notfallmanagement, die elektronische Patientenakte und das elektronische Patientenfach.
2016 trat das E-Health-Gesetz in Kraft. Arztpraxen, Kliniken und Apotheken bekamen den 1. Juli 2018 als Frist für die Einführung der Telematikinfrastruktur und den Start des Versichertenstammdatenmanagements gesetzt. Doch wieder war eine Frist nicht einzuhalten. Im Jahr 2017 verlängerte das Bundesgesundheitsministerium die Frist zur Anbindung an die Telematikinfrastruktur auf den 31. Dezember 2019. Der technische Fortschritt schritt indes weiter voran. Seit Oktober 2017 war es nicht mehr möglich, die erste Generation von elektronischen Gesundheitskarten einzulesen. Die neuen Karten ermöglichten erstmals einen Online-Datenabgleich der Versichertenstammdaten. Im November 2017 zertifiziert die gematik den ersten Konnektor und das erste Kartenterminal für die Anbindung an die Telematikinfrastruktur.


Telematik. Finanzierung und Kostenerstattungen für die Anbindung der Praxis an die Telematikinfrastruktur sind inzwischen für Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken weitgehend geregelt.

Entwicklungen. Am 1. Oktober 2018 trat die Refinanzierungsvereinbarung zwischen dem GKVSpitzenverband und der Deutschen Krankenhausgesellschaft für die Anbindung der Krankenhäuser an die TI in Kraft. Im November desselben Jahres beschloss der Bundestag das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG). Es enthält eine weitere Fristverlängerung für die Einführung der TI samt dem Versichertenstammdatenmanagement (VSDM). Sofern Ärzte und Psychotherapeuten bis zum 31. März 2019 den Kassenärztlichen Vereinigungen nachweisen konnten, dass sie die erforderlichen Komponenten für den Anschluss an die TI bestellt haben, reicht die Einführung bis zum 30. Juni 2019. Erst, wenn die Anbindung bis dahin weiterhin nicht erfolgt ist, drohen Honorarkürzungen als Sanktionsmaßnahme. Laut eines Entwurfs des neuen Digitalisierungsgesetzes plant Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, das Honorar für Ärzte um 2,5 Prozent zu kürzen, die bis März 2020 nicht auf die Telematikinfrastruktur umgestellt haben. Bislang liegt die Strafe bei einem Prozent. Drastisch formulierte Spahn es zuletzt in Berlin so: „Der Patient von morgen wird immer noch einen Arzt brauchen, aber er wird keinen Arzt mehr ernst nehmen, der nur noch über Karteikarten arbeitet.“ Dr. Karl-Georg Pochhammer von der KZBV kritisierte das: „Solche Strafmaßnahmen sind für eine Beschleunigung des Projekts der falsche Weg, denn sie befördern Misstrauen an Stellen, an denen Vertrauen dringend benötigt wird“, schrieb er in einer Mitteilung.

Gegenwart. In der Zwischenzeit hatten im Januar 2019 Apotheken und Krankenkassen ihre Vereinbarung über die Finanzierung der TI bekanntgegeben. Damit waren Kosten und Erstattungen von Anbindung und Betrieb der TI nun für Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken weitgehend geregelt. Am 14. März beschloss der Bundestag mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) die Übernahme der Mehrheitsanteile der gematik durch den Bund und den Zugang zur Patientenakte per Smartphone von 2021 an. In den Medien sorgte das für zahlreiche Diskussionen, zu denen sich Dr. Karl- Georg Pochhammer ebenfalls äußerte: „Sowohl die Einführung der eGK als auch der andauernde Auf- und Ausbau der Telematikinfrastruktur fußen auf gesetzlichen Regelungen, die für die KZBV und die beteiligten Partner der Selbstverwaltung rechtsverbindlich sind. Diese Rechtsgrundlage kann nur durch den Gesetzgeber selbst geändert werden. Sollte es seitens der Politik in welcher Form auch immer für den Fortgang des Projekts neue Strategien und Vorschläge zur Verbesserung, Beschleunigung oder Optimierung von Prozessabläufen geben, ist die KZBV jederzeit zu einer konstruktiven Zusammenarbeit bereit – unter der Voraussetzung, dass dies nicht zu Lasten der Zahnärzteschaft, der Selbstverwaltung und nicht zum Nachteil der Patienten erfolgt.“ Die in den vergangenen Tagen geführte Diskussion um die eGK habe insbesondere auf die Frage abgezielt, in welcher Form Patienten künftig einen schnellen, sicheren und unkomplizierten Zugang zu ihren eigenen Gesundheitsdaten erhalten sollten. Die grundsätzliche Einführung der TI und somit die digitale Vernetzung der Teilnehmer des Gesundheitswesens habe dabei ausdrücklich nicht zur Disposition gestanden. „Die momentan im Aufbau befindliche TI ist aus Sicht der KZBV grundsätzlich eine sinnvolle und zugleich sichere Kommunikationsplattform für Zahnärzte, Kostenträger, andere Heilberufe und Krankenhäuser. Deshalb wird die KZBV auch weiterhin aktiv die Einführung der TI fördern und damit zu einer erfolgreichen Digitalisierung im Gesundheitswesen beitragen“, schrieb Dr. Pochhammer.

» christian.ignatzi@izz.online.de

 

IT-Sicherheit bei Praxen

 

Ärzte machen es Hackern noch oft zu leicht

Ausgabe 6, 2019

Mediziner verfügen über sensible Gesundheitsdaten. Diese sollten gut geschützt sein. Die Realität sieht aber anders aus, wie ein Sicherheitstest in einer Praxis zeigt. Hastig schlägt Michael Wiesner in die Tasten seines Laptops. Im Stakkato probiert er immer wieder neue Passwörter aus: „Praxis“, „Behandlung“, „Empfang“. Kryptische Ziffern und Zeichen flackern vor ihm auf dem Bildschirm auf. Nach etwa fünf Minuten grinst Wiesner. Treffer! Er hat das IT-System der Zahnarztpraxis geknackt.


Computer in der Arztpraxis: Um zusätzlichen Stress in der Praxis zu vermeiden, werden viele Computer mit zu simplen Passwörtern geschützt.

Vor ihm breitet sich die gesamte Ordnerstruktur mit allen Dokumenten aus: Abrechnungen, Termine, Gutachten, Patientenbriefe. Sensibelste Informationen. Würde ein Hacker sie verschlüsseln, käme der Praxisbetrieb zum Erliegen. Wenn die Gesundheitsdaten gestohlen und ins Netz gestellt würden, müsste die Ärztin zudem mit hohen Strafen rechnen. „Es wäre existenzbedrohend, würde ein Krimineller an diese Daten kommen“, sagt die betroffene Medizinerin aus Köln, die ihren Namen nicht öffentlich machen möchte.

Passwörter leicht zu knacken. Würde, hätte, könnte – denn dies ist nur ein Test und Wiesner ein sogenannter White-Hat: ein Hacker, der auf Bestellung IT-Systeme auf Herz und Nieren prüft. Und gerade bei Ärzten stößt er oft auf gravierende Sicherheitslücken. „Um eine Praxis zu hacken, muss man gar nicht der Super-Hacker sein. Kreativität und Dreistigkeit reichen schon aus.“ Größtes Problem seien zu einfache Passwörter: „Praxis, Behandlung oder die Namen der eingesetzten Arztsoftware sind gängige Kennwörter in den Praxen“, sagt Wiesner.
Die laschen Schutzvorkehrungen stehen im krassen Widerspruch zu den sensiblen Daten, über die die Ärzte verfügen. Und die sie zu einem beliebten Angriffsziel von Hackern machen. Kommen Kriminelle in ihren Besitz, haben sie etwas gegen den Mediziner in der Hand. „Ärzte sind eine gut erpressbare Berufsgruppe, da es mit einem hohen Imageschaden verbunden wäre, wenn die Öffentlichkeit von einem Sicherheitsleck in der Praxis erfahren würde“, sagt Wiesner.

Gefahr von Hackerangriffen. Bei vielen Medizinern herrscht indes Sorglosigkeit und Selbstsicherheit. Rund 80 Prozent der Ärzte schätzen das Risiko, selbst Opfer von Internetkriminalität zu werden, als gering oder eher gering ein, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag des GDV zeigt. Ebenso viele brüsten sich damit, eine gut geschützte IT zu haben. Doch Wiesner hat andere Erfahrungen gemacht. In den Arztpraxen herrsche viel Stress. Viele würden deshalb zusätzliche Hürden scheuen und ganz simple Passwörter vergeben, die sich alle Mitarbeiter leicht merken können. Einige Praxen würden sogar komplett darauf verzichten. „Wenn dann noch der Server ohne Firewall mit dem Internet verbunden ist, kann jeder im Internet darauf zugreifen – und das ist gar nicht so selten“, urteilt der IT-Sicherheitsberater.
Und auch der Mensch selbst stellt eine große Schwachstelle dar. Häufiges Einfallstor für Hacker sind E-Mails mit Dateianhängen, die Schadprogramme enthalten. Ein unbedarfter Klick kann gravierende Folgen haben, wie auch die Zahnarztpraxis in Köln bereits erfahren musste. Eine Mitarbeiterin hatte den schadhaften Anhang einer fingierten Bewerbungsmail geöffnet und dem Angreifer so Zugang zum System gewährt. Die Ärztin reagierte schnell. Sie löste den Computer sofort vom Netzwerk und zog den Stecker. „Der Computer war hinüber, aber das Netzwerk war noch nicht infiziert.“ Der Vorfall hätte auch schlimmeren Schaden anrichten können, das weiß die Medizinerin.
Aus dem Vorfall hat sie Konsequenzen gezogen und technisch aufgerüstet. Ihre IT wird regelmäßig gewartet, das erkennt auch Fachmann Wiesner schnell: „Die Systeme stellen kein kritisches Risiko dar. Das ist ein guter und wichtiger Punkt“. Nur eines bleibt der Zahnärztin noch zu tun: „Die Änderung der Zugangspasswörter steht jetzt an erster Stelle. Auch meine privaten Kennwörter werde ich ändern.“

Saraida Höfer

 

Ein Jahr „docdirekt“ – die KVBW ist zufrieden mit der Resonanz

 

Positive Bilanz des ersten deutschen Telemedizin-Projekts

Ausgabe 6, 2019

Seit einem Jahr ist das Telemedizin-Projekt „docdirekt“ am Start. Die KVBW war die erste Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands, die solch eine App als Pilotprojekt gestartet hatte. Nach dem ersten Jahr zieht die Kassenärztliche Vereinigung eine positive Bilanz.


Untersuchung am PC. In Baden-Württemberg läuft das Pilotprojekt „docdirekt“ seit mehr als einem Jahr. Erste Erfolge motivieren die Initiatoren.

Es war der 16. April 2018, als die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) als erste Kassenärztliche Vereinigung in Deutschland ein Telemedizinprojekt startete. Begonnen als Modellprojekt in Stuttgart und Tuttlingen, wurde „docdirekt“ bereits im Oktober auf ganz Baden-Württemberg ausgerollt. Seitdem können sich Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen aus dem gesamten Land bei „docdirekt“ telemedizinisch beraten und behandeln lassen.
„Wir haben schnell gemerkt, dass „docdirekt“ sowohl technisch als auch medizinisch funktioniert“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW, Dr. Johannes Fechner. „Die Nutzerzahlen steigen stetig an und unsere Patienten sind mit dem Service sehr zufrieden. Unsere insgesamt 40 Tele-Ärzte berichten, dass sie die meisten Fälle per Video und Telefon abschließend klären können. In vielen Fällen geht es um Beratung, wenn Patienten unsicher sind. Mit „docdirekt“ können wir schnell und unterstützend arbeiten, den Patienten im Gespräch ihre Ängste nehmen. So sind sie beruhigt und der Arzt in der Praxis kann sich denjenigen Patienten zuwenden, die den persönlichen Kontakt dringender brauchen.”

Alle Altersklassen. Interessant sei, dass alle Altersklassen relativ gleichmäßig vertreten sind, sagte Dr. Fechner: „Es ist nicht so, dass nur die jungen Menschen bei uns anrufen. Bei den 20- bis 40-Jährigen gibt es einen Schwerpunkt. Aber wir haben auch eine ganze Menge Nutzer, die deutlich älter sind. Wir können also das Vorurteil, Telemedizin sei nur etwas für die jungen Menschen, nicht bestätigen.” Dr. Fechner sieht nach wie vor eine große Chance für die Telemedizin, die Teil einer ganzen Reihe von Maßnahmen sein kann, dem drohenden Arztmangel zu begegnen. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollten diejenigen sein, die telemedizinische Lösungen anbieten. Wir dürfen das Feld nicht den gewinnorientierten Unternehmen überlassen.”
Die Zahlen sprechen für sich: Rund 4000 Menschen in Baden- Württemberg haben sich inzwischen bei „docdirekt“ angemeldet. Mit 60 Prozent liegt der Männeranteil ein wenig höher. Das Durchschnittsalter aller Nutzer liegt bei knapp 45 Jahren. Die Altersstruktur weist bei den 20-Jährigen bis 40-Jährigen die größte Konzentration auf. Die Gruppe zwischen 50 und 60 Jahren stellt sich zunehmend als starke Nutzergruppe heraus. Auch wenn Nutzerzahlen in den höheren Altersgruppen geringer sind, darf man die älteren Menschen nicht unterschätzen. Rund elf Prozent der Nutzer sind älter als 70 Jahre. Im März 2019 gab es mehr als 3000 Konsultationen. Das bedeutet, dass ein Kontakt zwischen Patient und Arzt stattgefunden hat. Der durchschnittliche Kontaktsuchende ist 37,34 Jahre alt.

Angstpatienten. In vielen Fällen der Konsultationen geht es um Beratung, wenn Patienten unsicher sind. Dr. Fechner ist überzeugt: Durch „docdirekt“ ließe sich mit der Telemedizin dem drohenden Ärztemangel vor allem auf dem Land beikommen. 40 Allgemeinmediziner in Baden-Württemberg beteiligen sich derzeit am Projekt. Eine von ihnen ist Dr. Martina Hartmann, aus Mannheim, die inzwischen etwa zu gleichen Teilen Patienten in der Praxis und am Telefon betreut. Dazu hat sie extra ein zweites Behandlungszimmer eingerichtet. „Die Telefon- und Videogespräche dauern in der Regel zwischen 15 und 60 Minuten“, erzählt sie. 25 Euro bekommen die Ärzte pro Gespräch, unabhängig von der Dauer. Hartmann habe habe mit einer Angstpatientin rund eine Stunde kommuniziert. Auch sie wünscht sich, dass für eindeutige Befunde wie etwa eine Blasenentzündung Antibiotika verschrieben werden können. Vergütet werde die Beratung mit 25 Euro unabhängig von ihrer Dauer. Was allerdings noch fehlt, ist die Möglichkeit, ein ERezept auszustellen. Auch Krankschreibungen sind in der Telemedizin noch nicht möglich. Doch Dr. Fechner sieht in der Telemedizin auch die große Chance, überlastete Notdienste zu entlasten.

Ausgezeichnet. Technikpartner der KVBW ist das Start-up- Unternehmen Teleclinic, das zuvor bereits Erfahrungen mit ähnlichen Angeboten für Privatversicherte gesammelt hatte. Nach dem erfolgreichen Start in den Regionen Stuttgart und Tuttlingen wurde das Projekt im Oktober 2018 auf ganz Baden-Württemberg ausgedehnt. „docdirekt“ steht Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr zur Verfügung. Der Patient kann per App, online oder telefonisch unter der Rufnummer 0711 965 897 00 Kontakt mit dem „docdirekt“-Center der KVBW aufnehmen. Eine speziell geschulte Medizinische Fachangestellte (MFA) erfasst Personalien, Krankheitssymptome und klärt die Dringlichkeit. Danach erstellt die MFA ein „Ticket”, das ein Tele- Arzt online über eine web-basierte Plattform aufrufen kann. Der Tele- Arzt ruft zurück, spricht mit dem Patienten über seine Beschwerden und gibt eine Empfehlung für die Behandlung. Im Idealfall kann der Tele-Arzt den Patienten abschließend telemedizinisch beraten. Ist eine taggleiche persönliche Vorstellung des Patienten bei einem Arzt notwendig, wird der Patient an eine dienstbereite Haus- oder Facharztpraxis weitergeleitet.
Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) hat am 13. März 2019 in Berlin vier herausragende Beispiele ambulanter Versorgung mit dem Titel „Ausgezeichnete Gesundheit 2019” prämiert. Der erste Preis in der Rubrik „Versorgung digital” ging an „docdirekt“. Über die Vergabe der Auszeichnungen hatten die anwesenden gut 300 Gäste aus Politik, Ärzteschaft und Forschung per Liveabstimmung unmittelbar nach den jeweils dreiminütigen Projekt- Statements abgestimmt.

» christian.ignatzi@izz.online.de

 

KZV im Gespräch: Interview mit der Ärztin Dr. Susanne Blessing

 

„Der Schwarze Peter wird an die Praxen durchgereicht“

Ausgabe 6, 2019

Bis zum 30. Juni 2019 müssen alle Praxen an die Telematikinfrastruktur angebunden sein. Doch die Kritik an der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte auch auf Seiten der niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte ebbt nicht ab. Zweifel bestehen nicht zuletzt daran, wie die Datensicherheit bei einer digitalen Speicherung lückenlos gewährleistet werden kann. Dr. Susanne Blessing, niedergelassene Allgemeinmedizinerin in Tübingen und baden-württembergische Landesvorsitzende des Verbands Freie Ärzteschaft e. V. im ZBW-Interview über Risiken und Nebenwirkungen der elektronischen Gesundheitskarte.

ZBW: Frau Dr. Blessing, Sie haben sich vielfach öffentlich gegen die elektronische Gesundheitskarte ausgesprochen. Was sind Ihre zentralen Kritikpunkte?

Dr. Blessing: Ich beobachte dieses Projekt seit etwa 15 Jahren. Von Anfang an war klar, dass die Anforderungen an unser Gesundheitswesen viel zu komplex sind, um sie „einfach, praktikabel und sicher“ mit einer kleinen digitalen Alleskönnerkarte bewältigen zu können. Die Chipkarten-Technik ist außerdem inzwischen veraltet. Die ursprünglichen Akzeptanzpropaganda- Argumente „alles auf der Karte“, „keine Doppeluntersuchungen mehr“, „Blutgruppe für den Notfall“ etc. konnten alle als nicht zutreffend widerlegt werden. Auch das Versprechen, Daten anonym zu belassen, lässt sich angesichts immer besserer Rechnerleistungen nicht halten. Zudem sind mir die in Erwägung gezogenen „Mehrwertdienste“ suspekt.


Datenschutz. Die Tübinger Ärztin Dr. Susanne Blessing sieht in Bezug auf die elektronische Gesundheitskarte erhebliche datenschutzrechtliche Probleme.

Sie befürchten, dass durch mögliche Datenlecks die informationelle Selbstbestimmung der Patienten und die Schweigepflicht der Ärzte gefährdet sein könnten. Skizzieren Sie doch mal einen beispielhaften Fall, in dem genau dies passiert!

Die Schweigepflicht ist zentraler Bestandteil einer vertrauensvollen Arzt-Patientbeziehung, und das „primum non nocere“ hat eine jahrtausendealte Tradition.
Insbesondere psychisch erkrankte Patienten haben Nachteile. Es gibt Patienten, die Antidepressiva inzwischen selbst bezahlen, um nicht als depressiv „abgespeichert“ zu sein. Im Falle von Erbkrankheiten besteht eine generationenübergreifende nicht löschbare „Belastung“.Auch die Problematik der ICD-10-Verschlüsselung im Hinblick auf die Gewährung einer Berufsunfähigkeits- oder hochwertigen Lebensversicherung hat sich herumgesprochen.
Für den einzelnen Arzt/die Praxis besteht ein oftmals unauflösbarer Konflikt zwischen DSGVO und der gesetzlichen Verpflichtung zum Anschluss an die Telematikinfrastruktur. Solide Datenschutzfolgeabschätzungen ergaben, dass viele Kollegen einen TI-Anschluss nicht verantworten könnten, ohne mit der DSGVO in Konflikt zu geraten. Wer besitzt die Daten auf diesen zentralen Plattformen und wer verfügt in welcher Weise über sie?
Mehr oder weniger zufällig hat vor kurzem übrigens ein IT-Dienstleister in NRW bemerkt, dass viele TI-Anbindungen in den Praxen durch nicht optimal geschulte Techniker und unter Zeitdruck fehlerhaft durchgeführt wurden. Auch gibt es keine sogenannten Penetrationssicherheitstests. Der Schwarze Peter der Verantwortung und Haftung wird stattdessen an die Praxen durchgereicht.

Bekommen Sie auch von Patientinnen und Patienten, die sich Sorgen um die Datensicherheit machen, entsprechende Rückmeldungen?

Interessant ist, dass speziell Patienten, die beruflich viel mit IT zu tun haben, eine Zentralisierung der Daten ausdrücklich ablehnen. Aber auch sonst nimmt die Skepsis angesichts des zunehmenden Bekanntwerdens von Datenskandalen erheblich zu. Dass die Daten auf Dauer eben NICHT sicher sind, weiß inzwischen fast jeder. Und der unreflektierte Umgang mit privaten Details in sozialen Medien sowie die Argumentationen „ich habe nichts zu verbergen“ oder „die wissen ja sowieso Alles“ nehmen aus meiner Sicht ebenfalls eher ab.
Übrigens wird in KV-Kreisen bereits kolportiert, dass die Krankenkassen die TI gerne nutzen würden, um ein Überwachungssystem mit Zeitstempeln zu installieren.

In allen Lebensbereichen wird mit – teilweise auch sensiblen – Daten online gearbeitet. Ist die Ablehnung denn der richtige Weg oder sollte man nicht eher alle Kraft darauf verwenden, die Sicherheitsstandards zu optimieren, um die Vorteile der Digitalisierung nutzen zu können?

Es muss hier ganz klar zwischen Digitalisierung und Vernetzung unterschieden werden! Ich wehre mich keinesfalls gegen Vorteile der Digitalisierung. Man sollte dabei aber „datensparsam“ sein. Nach meiner Auffassung besteht ein sehr hohes Risiko, dass die Nutznießer riesiger Datenmengen in anonymen Rechenzentren in erster Linie Versicherungswirtschaft, Finanzdienstleister, Marketingfirmen, Pharmakonzerne u.a. sein werden. Es spricht alles für dezentrale Lösungen und die Aushändigung der Kern-Informationen (Medikamente, Diagnosen, Allergien) direkt an den Patienten, auf dem Medium seiner Wahl. Die Kommunikation unter Ärzten sollte hingegen mit einer End-zu-End- Verschlüsselung erfolgen.

Es steht zu vermuten, dass auch die Proteste vonseiten der Ärzteund Zahnärzteschaft nicht dazu führen werden, diesen Prozess nochmal grundsätzlich aufzuhalten. Ist denn die Gesellschaft ausreichend mit dem Thema vertraut und weiß, welche Tragweite dieses Projekt hat?

Das Thema betrifft die gesamte Gesellschaft und hat erhebliche ethische und juristische Implikationen. Es muss viel breiter diskutiert werden. Unser Grundgesetz betont die Würde des Menschen und sein informationelles Selbstbestimmungsrecht. Es ist unser Garant gegen sowohl kollektive Interessen als auch gegen totalitäre Phantasien.
Die Bürger/Patienten werden einseitig über unbewiesene Chancen und kaum über die faktischen Risiken aufgeklärt. Dementsprechend werden entsprechende Umfragen von einem vagen Fortschrittsglauben und von Bequemlichkeitsaspekten dominiert.

Wenn keine Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) besteht, droht den Plänen von Gesundheitsminister Spahn zufolge ab März kommenden Jahres eine Honorarkürzung von 2,5 Prozent. Gibt es vor diesem Hintergrund überhaupt eine Option, dauerhaft als niedergelassene Ärztin zu praktizieren, ohne die Technik vorzuhalten, die der Gesetzgeber fordert?

Die Abwägung Schweigepflicht und informationelles Selbstbestimmungsrecht zum Nutzen der Patienten auf der einen Seite gegen Renditedenken der IT-Industrie auf der anderen Seite bestärkt sehr viele Kollegen, sich dem Projekt zu verweigern. Ich denke, dass die Gerichte entscheiden müssen, ob eine solche Kürzung (Nötigung) überhaupt verfassungskonform ist. Ein Zwang zu einer unsicheren Vernetzung unter der Androhung finanzieller Sanktionen wird in jedem Fall dazu führen, dass viele ältere Kollegen vorzeitig ihre Zulassung zurückgeben und dass jüngere Kollegen noch weniger als bisher den Weg in die selbstständige Freiberuflichkeit nehmen. Die empathische und fachlich-qualifizierte Versorgung vor Ort wird leiden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Dr. Holger
Simon-Denoix