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Kultur

Bettina Pousttchi – Hochhausverwandlung in Tübingen

 

Installationen im öffentlichen Raum

Ausgabe 6, 2019

Die in Berlin lebende Künstlerin ist bekannt für ihre weltweit realisierten Fassadenarbeiten, die durch einen fotografischen Transfer einen Bezug und ein Bewusstsein für einen spezifischen Ort schaffen. In Tübingen wird die Hochhaus-Architektur gegenüber der Kunsthalle zum Ausgangspunkt ihrer Intervention, die im Sommer 2019 als Projekt im öffentlichen Raum zu sehen sein wird.


Fassadenarbeiten. Die Berliner Künstlerin Bettina Pousttchi nimmt in Tübingen die Hochhaus-Architektur auf der Wanne (Baujahr 1968) in den Fokus: Sie denkt die manhattanartige Architektur in ihrem Werk „Block“ zu Ende und ergänzt die fehlenden Fenster durch eine künstliche Fensterfassade. So vollendet sie die gebaute Wohnutopie, die auf ein lichtdurchflutetes Leben für alle zielte.

Was ist das kulturell Spezifische an der Stadt Tübingen und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner? Was gibt der Region ihr Gesicht? Da Künstlerinnen und Künstler von Natur aus der eigenen Kultur sowie fremden Kulturen ganz allgemein mit der Distanz des Forschenden begegnen, sind sie interessante Dialogpartner für derartige Fragen.

Außer Haus. Seismografisch reagieren sie mit dem Blick des Fremden auf die spezifisch, sinnlichen Qualitäten ihrer Umgebung und materialisieren ihre Beobachtungen und Erfahrungen in ihren künstlerischen Werken. Unter dem Format „Außer Haus“ erweitert die Kunsthalle Tübingen 2019 erstmals ihre Aktivitäten in den Stadtraum und schlägt Brücken in die Nachbarschaft. Als Reisende im Körper der Stadt wird als erste Künstlerin der Reihe Bettina Pousttchi (geb. 1971) eingeladen, ort-spezifisch, auf den sozialen und kulturellen Raum zu reagieren.

Neubausiedlungen. Ihr klarer und zugleich überzeugender Eingriff nimmt Bezug auf die dort realisierte stadtplanerische Architektur-Utopie der durchgrünten Satellitenstadt der 1960er-Jahre. Als Reaktion auf die damalige Wohnungsnot entstanden nicht nur in der Tübinger „Wanne“ sondern auch anderenorts Neubausiedlungen, die allesamt autogerecht, mit Parkplätzen, Kinderläden und Einkaufszentren ausgestattet waren. Auch die Wanne atmet den Geist der durchgrünten Satellitenstadt, mit der Ideen des Bauhauses und Le Corbusiers Eingang in den Alltag der Menschen fanden. Die Blocks im Philosophenweg 79-81 mit einer Wagenpflegestation in unmittelbarer Nähe und einer gemeinschaftlichen Dachterrasse ausgestattet, verkörpern bis heute den ungebremsten Fortschrittsglauben und Modernisierungswillen der 1960er-Jahre.

Hochhausarchitektur. Auffällig an der Architektur der Wohntürme ist jedoch, dass man am Gebäude großflächig Fenster eingespart hat. Mit BLOCK (2019) denkt Bettina Pousttchi jetzt die manhattanartige Hochhausarchitektur eines der Wohntürme mit einem Augenzwinkern zu Ende. Indem sie die fehlenden Fenster durch eine auf Plane gedruckt, vorgehängte künstliche Fensterfassade ergänzt, vollendet sie die gebaute Wohnutopie, die auf ein lichtdurchflutetes Leben für alle zielte. Indem sie die lokale Situation auf diese Weise radikal befragt, wird nicht nur die Geschichte des Ortes lebendig. Angesichts der Installation entsteht darüber hinaus vor Ort eine neue Gemeinschaft, ein Kommunikationsfeld, in dem wir uns über Vergangenheit und Gegenwart verständigen und auch die Frage nach einer lebenswerten Zukunft neu verhandeln.

IZZ/Kunsthalle Tübingen

 

Weissenhof City in der Staatsgalerie Stuttgart

 

Geschichte und Gegenwart einer Stadt

Ausgabe 6, 2019

Zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses begeben sich internationale Künstlerinnen und Künstler in Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie Stuttgart auf die Suche nach Spuren des vorausschauenden Bauhauses und seiner imaginierten Zukunft, die unsere Gegenwart heute ist. Die Staatsgalerie Stuttgart hat die Künstlerinnen und Künstler Dani Gal, Michaela Melián, Martin Schmidl und Boris Sieverts eingeladen, ortsspezifisch konkret und darin exemplarisch Personen, Ideen sowie Wirkungs- und Rezeptionsstränge des Bauhauses und der Moderne in und von Stuttgart aus zu untersuchen.


Moderne. Stuttgart ist einer der Orte, die der Moderne und mit ihr dem Bauhaus bedeutende Impulse gegeben haben und selbst durch es beeinflusst sind. Dani Gal, White City, 2018, HD-Video.

Vor 100 Jahren wurde in Weimar das Bauhaus gegründet. Stuttgart gehört zu den Städten, die für viele Bauhäuslerinnen und Bauhäusler mitprägend waren und auch von ihnen beeinflusst wurden. Viele mit dem Bauhaus und der Moderne verbundene Künstlerinnen und Künstler haben in Stuttgart gelebt und gearbeitet. In den 1920er-Jahren erfuhr die Stadt große kulturelle und politische Umbrüche und wurde unter dem maßgeblichen Einfluss des Neuen Bauens und Neuen Sehens zum „Labor der Moderne“.

Dani Gal zeigt zwei Videoarbeiten, darunter die Neuproduktion „Fields of Neutrality (The Last Interview with Ludwig Mies van der Rohe)“, in welcher der Künstler weniger auf eine Neubestimmung eines ohnehin schon erforschten Architektenlebens als auf eine retrospektive Öffnung von Geschichte hin auf unsere Gegenwart und Zukunft zielt: Das Bauhaus bestand in einer Zeit, die in ihrer Krisenhaftigkeit Parallelen zur heutigen Situation aufweist.

Michaela Melián produziert für „Weissenhof City“ zwei neue Installationen, in denen sie sich mit den radikalen Konzepten der Moderne auseinandersetzt. Unter dem Schlagwort der Rationalisierung wurde im Neuen Bauen die kubische Form und die zweckmäßige Grundrissgestaltung propagiert. Das Resultat war häufig Formalismus und das Weiterschreiben traditioneller Geschlechterrollen in Form der Raumaufteilung.

Martin Schmidls wesentliches Medium ist die Zeichnung. Seine Arbeit weist Parallelen mit der Schrift- Bild-Praxis von Adolf Hölzel auf, einem wichtigen Wegbereiter der Moderne, der an der Stuttgarter Kunstakademie Lehrer von Oskar Schlemmer und Johannes Itten war. Ausgehend von dem offenen Denken Hölzels, unternimmt Schmidl in einer zentralen Installation eine künstlerische Relektüre von dessen Überlegungen zu Kunst im Hinblick auf ihre aktuelle Relevanz.

Boris Sieverts bietet seit mehr als zwanzig Jahren „Reisen“ an: Touren, die an Orte führen, die als Ziele sonst oft nicht in Betracht kommen oder unter anderen Perspektiven als bei herkömmlichen Stadtführungen erkundet werden. In der eintägigen Reise durch Stuttgart, die Sieverts für „Weissenhof City“ entwickelt, geht es weniger um die Ikonen der Moderne als um jene Orte, an denen die Versprechen, aber auch die Widersprüche und das Scheitern der Moderne (noch) heute spürbar sind.

IZZ/Staatsgalerie Stuttgart