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Kultur

Fondation Beyeler zeigt Rudolf Stingel

 

Malerei als Prozess

Ausgabe 7, 2019

Die Fondation Beyeler widmet ihre Sommerausstellung 2019 dem zeitgenössischen Maler Rudolf Stingel (geboren 1956 in Meran, lebt in New York und Meran). Sie präsentiert Stingels bedeutendste Werkserien aus allen Schaffensperioden der letzten drei Jahrzehnte und gewährt so einen umfassenden Überblick über seine vielfältige künstlerische Praxis.

Variationen. Von Beginn seiner Karriere in den späten 1980er-Jahren nähert sich Rudolf Stingel in einer konzeptuellen und selbstreflexiven Weise der Malerei und erkundet deren Möglichkeiten und medienspezifische Grenzen. Rudolf Stingel, Untitled, 2013.

Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat Rudolf Stingel den Begriff dessen erweitert, was Malerei sein kann und wodurch sie definiert wird. Seit Anbeginn seiner Karriere in den späten 1980er-Jahren erkundet er ihre Möglichkeiten und medienspezifischen Grenzen im Wechselspiel künstlerischer Verfahren, Materialien und Formen.

Unkonventionell. Bereits ein Blick in Stingels erstes Künstlerbuch, 1989 unter dem Titel Anleitung erschienen, gibt Aufschluss über seine unkonventionelle Haltung. In sechs Sprachen und begleitet von illustrierenden Fotografien beschreibt er jeden einzelnen Herstellungsschritt seiner mithilfe von Tüll und Emaille geschaffenen abstrakten Gemälde.

Repertoire. In den frühen 1990er-Jahren erweitert Stingel sein Repertoire und schafft erstmals ortsspezifische Werke. In seiner ersten Galerieausstellung, 1991 in New York, wartet er nur mit einer einzigen Arbeit auf: Der gesamte Galerieraum ist mit einem leuchtend orangefarbenen Spannteppich ausgelegt, die Wände bleiben komplett frei. Wenig später präsentiert er andernorts in einer weiteren Variation erneut einen einfarbigen Spannteppich, der nun aber an einer Ausstellungswand angebracht ist. Während die Besucherinnen und Besucher unfreiwillig auf dem am Boden ausgelegten Teppich ihre Fußspuren hinterließen, sind sie nun eingeladen, mit den Händen, großen Pinselstrichen gleich, die Teppichoberfläche zu glätten oder aufzurauen. Der Teppich wird zu einem Bild, in dem malerische Gesten zunächst sichtbar, nach und nach jedoch wieder verwischt und überschrieben werden.

Installationen. Seit Anfang der 2000er-Jahre lässt Stingel ganze Räume mit reflektierenden, silbernen Dämmplatten auskleiden, die dazu einladen, in dem weichen Material Botschaften, Initialen oder gestische Zeichen zu hinterlassen. Diese Installationen zielen also auf Teilhabe, doch unterliegen sie den gleichen werkimmanenten Einschränkungen: Zwar kann jede Besucherin und jeder Besucher am künstlerischen Prozess der Entstehung des Werks mitwirken, doch geschieht dies immer nur als zufälliges, unkontrollierbares Moment innerhalb der vom Künstler vorgegebenen Rahmenbedingungen
Auf eine vergleichbare Weise kalkuliert Stingel mit dem Zufall bei einigen seiner Ölgemälde. Fertig gemalte Leinwände breitet er für längere Zeit auf dem Atelierboden aus, sodass sie die Spuren des alltäglichen künstlerischen Prozesses aufnehmen. Farbspritzer und Fußabdrücke legen sich so über abstrakte und fotorealistische Malerei.

IZZ/Fondation Beyeler