Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

26. ZFZ-Sommer-Akademie

 

Mit vereinten Kräften geht es besser

Ausgabe 8/9, 2019

Gemeinsam sind wir stark: Um dieses Motto drehten sich alle Fortbildungsbeiträge der Sommerakademie des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums (ZFZ) Stuttgart, die Anfang Juli in Ludwigsburg stattfand. Elf Expert / innen aus den Bereichen Medizin, Zahnmedizin, Wissenschaft, Informatik und Sport zeigten beispielhaft auf, wie sich durch gezielte „Partnerschaften“ oder „Kombinationen von Behandlungskonzepten“ Probleme besser lösen lassen.

Referententeam. Gemeinsam lieferten sie am zweiten Tag ein starkes Fortbildungsprogramm ab (v. r. n. l.): Prof. Dr. Johannes Einwag mit Prof. Dr. Diana Wolf , Prof. Dr. Christopher Lux, Dr. Yvonne Jockel-Schneider, Dr. Steffen Rieger und Dr. Elmar Ludwig.

Um zu versinnbildlichen, was es mit dem Tagungsthema auf sich hat, demonstrierte die Rettungshundestaffel vom DRK Ludwigsburg vor und zwischen den Vorträgen, wo ihre Vierbeiner überall hilfreich eingesetzt werden können. Ob als Flächensuchhund bei vermissten Personen oder als Therapiehund bei Kindern oder Bewohnern im Pflegeheim, die Möglichkeiten, Hunde erfolgreich als Partner einzubinden, sind groß. Gemeinsam mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden des ZFZ, Dr. Eberhard Montigel, begrüßte der Leiter des ZFZ, Prof. Dr. Einwag, die rund 850 Teilnehmer/innen der 26. Auflage der Sommerakademie im Ludwigsburger Forum.

Symbiosen. Eine der wichtigsten Partnerschaften im Leben mit wechselseitigem Vorteil ist die Symbiose. Im Vortrag „Ich mit Dir – Symbiosen – Wer überleben will, braucht einen Partner“ stellte der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf zahlreiche symbiotische Beziehungen in der Natur vor, um dann den Blick auf uns Menschen zu richten. Bereits der menschliche Organismus funktioniert nicht ohne Symbiosen. Symbiotische Partnerschaften gibt es auch auf persönlicher Ebene, in der Gruppe, in der Gesellschaft oder global. Bestand haben letztendlich die Entwicklungen, die in der Bilanz auf beiden Seiten Vorteile bringen.
Dass auch der Körper mit dem Geist eine Art „Symbiose“ eingehen kann, um leistungsfähiger zu werden, vermittelte der frühere Leistungssportler und heutige Mentalcoach Markus Koch im Vortrag „Körper und Geist – mens sana in corpore sano?“. Er zeigte auf eindrucksvolle Weise, wie man sich selbst mit einfachen mentalen Tricks (wie z. B. die Denkmütze), gezielten Atemübungen oder das Visualisieren von Zielen in kritischen Situationen motivieren und fit machen kann.

Digitalisierung. Die Frage, ob und wie durch den Einsatz der Künstlichen Intelligenz (KI) erfolgreiche Partnerschaften mit dem Menschen forciert werden können, behandelte Anton Reidel von der Munich School of Robotics and Machine Intelligence an der TU München in seinem Vortrag „Mensch und Maschine – Roboter als Assistenten im Alter“. Der Schwerpunkt der Forschungsaktivitäten liegt hier im Bereich der Geriatronik, also dem Einsatz von maschineller Intelligenz in der Geriatrie und Gerontologie. Dabei ist das Ziel, die zentralen Probleme des Alters (z. B. Essenszubereitung, Kleidung und Schuhe anziehen) durch die Hilfe von Assistenzrobotern zu reduzieren. Auch im zahnmedizinischen Bereich gibt es Bedarf für robotische Unterstützung, z. B. bei typischen Behandlungen oder Desinfektions-Aufgaben. Bis es zum tatsächlichen Einsatz von Dentronics in der Zahnarztpraxis kommt, bedarf es allerdings weiterer Forschung und Tests.
In unserer Gesellschaft ist die Digitalisierung z. B. durch die Nutzung von Smartphones in vollem Gange. Damit wir uns in der neuen digitalen Welt nicht verlieren, vermittelte Prof. Dr. Elisabeth Heinemann mit ihrem Wissenskabarett, wie man zur „digitalen Leichtigkeit des Seins“ findet.

Biofilmmanagement. Mit dem Schwerpunkt „Zahnmedizin 4.0 – Prophylaxe ist mehr als Mundhygiene“ startete der zweite Fortbildungstag. Es ist unumstritten, dass eine regelmäßige und gründliche Plaqueentfernung der Schlüssel zur langfristigen Gesunderhaltung der Zähne und des Zahnhalteapparates ist. Dr. Steffen Rieger stieg mit seinem Vortrag „Biofilmmanagement mechanisch plus Chemie – Photodynamik & Co – Sinnvoll oder überflüssig?“ direkt ins Thema ein. In Form von subgingivaler Instrumentierung (manuell / maschinell) ist das mechanische Biofilmmanagement das Kernelement in der parodontalen Behandlungsstrecke. Zur Therapie-Ergänzung stellte Dr. Rieger verschiedene Möglichkeiten vor, wie z. B. systemisch oder lokal verabreichte Antibiotika, Antiseptika, phytodynamische Therapie oder Laser, und gab einen Überblick über deren Effizienz und Indikation. Für den langfristigen Therapieerfolg entscheidend ist jedoch, dass der Paro- Patient in lebenslanger Betreuung (UPT) bleibt.

Alterungsprozess. Prof. Dr. Johannes Einwag mimte für Dr. Ludwigs Demonstrationen perfekt den immer älter werdenden multimorbiden Patienten.

Prä- und Probiotika. Über die Wirkung von Prä- und Probiotika in der Parodontitistherapie sprach anschließend Dr. Yvonne Jockel- Schneider. Sie stellte dabei das Konzept der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie am Uniklinikum Würzburg vor. Es umfasst neben der Reduktion der Plaquemenge (symptomatische Behandlung) auch eine Modulation des oralen Keimspektrums. Hierbei werden probiotisch wirksame Stämme des Bakteriums Lactobacillus reuteri eingesetzt (z. B. in Form von Lutschtabletten) sowie alternativ oder ergänzend eine Ernährungslenkung hin zu nitratreichem Gemüse durchgeführt. Die Wirkung der Lutschtabletten mit Lactobacillus reuteri konnte in Studien eindrucksvoll nachgewiesen werden, während die nitrathaltige Ernährung gleichzeitig eine blutdrucksenkende Wirkung hat.

Zahnkorrekturen. Den aktuellen Stand der Prävention in der Kieferorthopädie übermittelte Prof. Dr. Christopher Lux in seinem Referat „Gerade Zähne plus gesunder Zahnschmelz – Präventionskonzepte bei Multibracketapparaturen“. Festsitzende Zahnspangen haben eine Zunahme der Retentionsstellen mit erhöhter Plaqueakkumulation sowie eine erschwerte natürliche und manuelle Zahnreinigung zur Folge. Dies kann im ungünstigsten Fall zu Demineralisationen der Zähne führen, was sich durch unschöne weiße Flecken (White-Spot-Läsionen) bemerkbar macht. Um das zu verhindern, stellte Prof. Lux die Wirkung verschiedener Konzepte zur mechanischen und chemischen Plaquekontrolle während der Multibracketphase vor und wies auf die Besonderheiten der PZR bei dieser Patientengruppe hin. Letztendlich hängt viel davon ab, wie gut man den Patienten motivieren kann, die Zähne gewissenhaft zu putzen.

Bioaktivität. Prof. Dr. Diana Wolff lieferte in ihrem Vortrag „Bioaktive Restaurationen – Auch das Material denkt mit!“ den aktuellen Kenntnisstand zu „intelligenten“ Materialien, die mit dem Körper interagieren und neben einem restaurativen auch einen therapeutischen Effekt haben. Prof. Dr. Wolff fasste zusammen, welche aktuellen bioaktiven Ansätze gut funktionieren und welche weniger. Die Wirkung vieler neuer bioaktiver Stoffe wurde bislang nur im Labor ermittelt, es fehlen die Erfahrungen in der klinischen Anwendung. Materialien mit vielfältigen Zusätzen behindern sich teilweise gegenseitig. Positiv zu bewerten sind Komposite, die über einen sog. Self-healing-Effekt verfügen und kleine Risse selbst reparieren können.

Alterszahnheilkunde. Zum Schluss legte Dr. Elmar Ludwig mit seinem Beitrag „Gesunde Zähne im Alter – Alleine schafft’s keiner“ noch mal an Tempo zu. Am Beispiel des ZFZ-Leiters Prof. Dr. Einwag, der in die Rolle des alternden Greises schlüpfte, erläuterte Dr. Ludwig eindrucksvoll, auf welche Herausforderungen sich die Zahnärzt/innen in Zukunft bei der zahnmedizinischen Versorgung der älteren Patienten einstellen müssen. Ob schlechtes Seh- und Hörvermögen, mangelhafte Mobilität, Multimorbidität, Demenz, Mundtrockenheit, Aspirationsgefahr: Die Liste der Einschränkungen bei älteren Patienten ist lang. Gleichzeitig haben 30 Jahre zahnärztliche Präventionsarbeit dazu geführt, dass die heutigen Senioren immer mehr eigene Zähne, technisch hochwertigen Zahnersatz oder Implantate haben und dadurch eine aufwendigere Zahn- und Mundhygiene sowie eine intensivere zahnärztliche Betreuung benötigen. Karies und Parodontitis sind weiterhin ein Thema. Hier übermittelte Dr. Ludwig, worauf man sich in der Versorgung konzentrieren sollte. Er gab anschauliche Tipps, wie man die Betroffenen sowie die Pflegekräfte bzw. pflegenden Angehörigen in Sachen Zahn- und Mundpflege anleiten kann.

Zugaben. Im Rahmen der Sommerakademie wurde der Deutsche Preis für Dentalhygiene an Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger verliehen. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Christof Dörfer. Es gehört außerdem zur Tradition, dass die ZFZ-Sommerakademie mit einem besonderen Abendprogramm aufwartet: So wurden die Teilnehmer/innen für ihre Fortbildungsausdauer mit einem umfangreichen Barbecue im barocken Flair des gegenüberliegenden Ludwigsburger Schlossparks belohnt. Trotz der Größe der Veranstaltung bot die ZFZ-Sommerakademie wieder die Möglichkeit, sich neben dem fachlichen Input auch kollegial auszutauschen.

» richter@lzk-bw.de

 

Elementarer Bestandteil einer modernen Endodontie

 

Maschinelle Aufbereitungssysteme

Ausgabe 8/9, 2019

Die Wurzelkanalaufbereitung ist bekanntermaßen ein elementarer Bestandteil des allgemein anerkannten Behandlungsprotokolls einer Wurzelkanalbehandlung und spielt somit in der täglichen Praxis eine nicht zu unterschätzende Rolle. Neben der chemischen Aufbereitung – der Desinfektion des Kanalsystems – ist sie für die mechanische Aufbereitung und damit auch für die Entfernung infizierter Hartgewebsanteile essenziell. In der Praxis nimmt dieser Teil der Behandlung großen Stellenwert ein und war zu Zeiten der manuellen Aufbereitung nicht nur zeitintensiv, sondern durchaus auch aufwendig. Die Neuerung der letzten Jahre haben nicht nur die Möglichkeiten der Aufbereitung an sich verbessert und vereinfacht, sondern leicht, sicherer und effizienter gemacht.

Die Endodontie und insbesondere die Behandlung gekrümmter Wurzelkanäle konnte durch die Einführung und permanente Weiterentwicklung der maschinellen Aufbereitungssysteme mittels Nickel-Titan- Feilen erleichtert werden. Auf dem Markt haben sich bereits viele Aufbereitungssysteme etabliert, durch die es möglich sein soll, auch komplexe Kanalkonfigurationen kontrolliert und vorhersagbar aufzubereiten [1].
Der langfristige Erfolg einer Wurzelkanalbehandlung sowie die Qualität der Wurzelfüllung hängen maßgeblich von der chemo-mechanischen Aufbereitung ab [2]. Dabei bestimmen die anatomischen Gegebenheiten wie der Kanaldurchmesser oder Kanalkrümmungen sowie das eingesetzte Instrument den Erfolg der mechanischen Präparation. Mithilfe von modernen Feilensystemen soll infiziertes Hartund Weichgewebe zuverlässig und vollständig aus dem Kanalsystem entfernt werden [3]. Die permanente Weiterentwicklung im Bereich der Nickel-Titan- Instrumente hat die Effektivität und die Sicherheit dieser Aufbereitungstechnik stark verbessert und die Akzeptanz in den Praxen erhöht [4]. Ein Ziel dieser fortschreitenden Entwicklung ist die schrittweise Vereinfachung der klinischen Aufbereitungssequenz und so sind mittlerweile mehr als 100 verschiedene Nickel-Titan-Systeme erhältlich. Die modernen Systeme erlauben eine vollständige Wurzelkanalaufbereitung bei verbesserter Effektivität und Sicherheit mit wenigen oder in einigen Fällen sogar nur einem Instrument. Es stellt sich daher die Frage, ob die mechanische Aufbereitung mit einem Einfeilensystem die gleiche Effektivität ohne ein erhöhtes Risiko im Vergleich zu Mehrfeilensystemen darstellt. Darüber hinaus hat man in der Praxis die Wahl zwischen verschiedenen Bewegungsmustern – vollrotierend oder reziprok. Zahlreiche Untersuchungen beschäftigen sich seitdem mit den Vor- und Nachteilen der unterschiedlichen Arbeitsweisen [5-7]. Vorteilhaft sind neben der deutlichen Zeitersparnis die Reduzierung des Kontaminationsrisikos durch sterile Einmalinstrumente, die einfache Handhabung und ein vermindertes Risiko von Instrumentenfrakturen oder Aufbereitungsfehlern [8]. Jedoch können auch während dieser modernen maschinellen Aufbereitung Komplikationen wie z. B. Feilenfrakturen, Perforationen oder Kanalbegradigungen auftreten.

Vor der Behandlung. Präendodontisches Röntgenbild des Zahnes 36 mit einer apikalen Aufhellung der mesialen Wurzel und Aufbaufüllung (Abb. 1).

Grundlagen erfolgreicher Endodontie. Für die Ausheilung der periapikalen Läsion ist bei mehrwurzligen Zähnen die Aufbereitung aller Wurzelkanäle und sämtlicher Anteile des Kanalsystems notwendig. Ziele der Wurzelkanalaufbereitung sind die Entfernung von verbliebenem Pulpagewebe als auch infiziertem Hartgewebe sowie die Elimination von Mikroorganismen und Debris. Des Weiteren sollten der ursprüngliche Verlauf des Wurzelkanals und die apikale Konstriktion erhalten bleiben, sodass der aufbereitete Kanal sich nach apikal verengt, d. h. von apikal nach koronal konisch wird. Jede Verlegung des ursprünglichen Kanalverlaufes führt zu einem unkontrollierten Substanzabtrag mit nachfolgender, teilweise schwerwiegender oder auch gefährlicher Schwächung des Zahnes, bis hin zu Perforationen. Bei der Aufbereitung des Wurzelkanalsystems muss zwischen dem Shaping, also der Formgebung mit Hand- oder rotierenden Instrumenten, und dem Cleaning, also der Reinigung mit Spülflüssigkeiten unterschieden werden. Nur durch die komplette chemo-mechanische Aufbereitung kann das gesamte infizierte Weich- und Hartgewebe entfernt werden. Für eine ausreichende chemische Desinfektion durch Spüllösungen und eine gegebenenfalls notwendige Platzierung der medikamentösen Einlage ist die Erweiterung durch die mechanische Aufbereitung unabdingbar.
Eine optimale Wurzelkanalaufbereitung definiert sich in einer gleichförmig konischen und von apikal nach koronal kontinuierlich größer werdenden Gestalt, welche den Umriss des präoperativen Kanals vollständig umschließt [9]. Da bekannterweise die Anzahl der Bakterien im Wurzelkanal von koronal nach apikal abnimmt, sollte bei der Sondierung und Aufbereitung eine Keimverschleppung nach apikal vermieden werden. So ist es empfehlenswert, wie bei der Crown-Down-Technik, zuerst eine koronale Erweiterung zu schaffen. Ein weiterer Vorteil dieser Technik ist ein geringer „torsional load“ auf die verwendeten Instrumente. Durch die zunächst koronale Erweiterung wird die Belastung der Aufbereitungsinstrumente vermindert und es besteht somit eine geringe Bruchgefahr.
Immer wieder erscheinen durch die anhaltende Forschung und Entwicklung auf dem Markt neue Feilensysteme mit dem Versuch, ein sicheres und einfaches Arbeiten für den Behandler zu ermöglichen.

Längenbestimmung. Röntgenaufnahme zur Längenbestimmung (Abb. 2).

Nickel-Titan-Aufbereitungssysteme. Mittlerweile sind maschinelle Nickel-Titan-Aufbereitungssysteme aus einem modernen Endodontiekonzept in der täglichen Praxis nicht mehr wegzudenken. Schon zum Ende der 1980er-Jahre wurden Nickel-Titan- Feilen eingeführt, die sich durch eine hohe mechanische Beanspruchbarkeit, den Memory-Effekt sowie pseudoelastisches Verhalten auszeichnen. Sie weisen gegenüber den herkömmlichen Stahlinstrumenten eine höhere Festigkeit, Flexibilität, ein geringeres Frakturrisiko sowie ein kleineres Elastizitätsmodul auf [10].
Durch diese positiven Eigenschaften bewähren sich die Nickel-Titan-Feilen besonders für den Einsatz bei der maschinellen Aufbereitung. Neben der schon erreichten Zeitersparnis und der gleichmäßigen Kanalausformung soll nun durch weitere Neuerungen, die zu einer weiteren Verringerung des Komplikationsrisikos führen, die Behandlung erleichtert werden. Die Hersteller entwickeln seit geraumer Zeit Feilen aus einer verbesserten Nickel-Titan-Legierung. Durch ein besonderes Wärmebehandlungsverfahren kann diese Legierung in eine spezielle Martensit-Mikrostruktur überführt werden, die einen erhöhten Widerstand gegenüber dem Instrumentenbruch und eine nochmals verbesserte Flexibilität bei unveränderter Schneidleistung aufweisen soll.
Im Allgemeinen ist es mit allen aktuellen NiTi- Systemen möglich, eine effektive und effiziente Wurzelkanalaufbereitung zu gewährleisten, die auch bei stark gekrümmten Kanälen gut zentriert ist [1]. Ruddle, Machtou und West teilten die NiTi-Systeme nach ihren mechanischen Eigenschaften in fünf Generationen [11]. Im Vergleich zur ersten Generation, Einführung zum Ende des 20. Jahrhunderts, zeichneten sich die Feilen der zweiten Generation seit 2001 schon durch eine aktive Schneide sowie verkürzte Feilensequenzen aus, wie z. B. ProTaper (Dentsply Sirona). Durch die Ausbildung von hybriden Mikrostrukturen (Austenit und Martensit) mithilfe von Wärmebehandlungen konnten in der dritten Generation (ab 2007) die NiTi-Feilen weiter optimiert werden. Diese Feilen, wie M-Wire und Controlled Memory-Wire, weisen eine höhere Bruchresistenz und eine erhöhte Flexibilität auf [12-14]. Weiterhin lassen sich die Controlled Memory-Wire-Feilen (CM-Wire Coltene/Whaledent) durch eine Minimierung des Memory-Effektes vorbiegen [15]. Die seit 2008 auf dem Markt erhältlichen Single-File-Systeme mit einer reziproken Rotationsweise zeichnen die vierte Generation aus. Zu der bis heute letzten, fünften, Generation zählen Systeme mit einem neueren, exzentrischen Design, durch das die Flexibilität und vor allem die Effektivität erhöht werden soll [16]. Dazu zählt z. B. Pro Taper Next (Dentsply Sirona). Eine weitere Verbesserung der Feilensysteme erfolgte durch die fortschreitende Entwicklung des Nickel-Titans. Die Frakturresistenz wird bei neusten Feilengenerationen durch eine thermische Weiterbehandlung der Legierung erreicht, wodurch es zu der charakteristischen Blau-, Grün- oder Goldfärbung der Instrumente kommt.
Sowohl die Kanalanatomie als auch die Rotationsgeschwindigkeit und die Gestaltung des Instrumentes haben einen Einfluss auf die Schwächung der Feile während der Aufbereitung. So ist die Frakturgefahr in Kanälen mit einem kleinen Krümmungsradius aufgrund der stärkeren Belastung höher, wobei eine größere Konizität bei gleicher ISO-Größe infolge größerer Zug- und Druckkräfte eine Fraktur begünstigt [17]. Es konnte gezeigt werden, dass die Ursachen für eine Fraktur eher bei der zyklischen Ermüdung und der Über- bzw. Fehlbeanspruchung liegen als bei Materialfehlern [18] [19].

Kontrolle. Kontrollaufnahme der Wurzelfüllung nach Behandlungsabschluss (Abb. 3).

Mehrfeilen- oder Einfeilensysteme. Da die bisher gebräuchlichen Mehrfeilensysteme eine durch den Instrumentenwechsel längere Behandlungszeit in Anspruch nehmen, ist der Entwicklungstrend zu kürzeren Feilensequenzen bis hin zu Einfeilensystemen nachvollziehbar. Prinzipiell ist anzunehmen, dass die Verwendung dieser Einfeilensysteme zur Wurzelkanalaufbereitung schneller und effizienter erfolgt als die der etablierten Mehrfeilensysteme. Diverse Studien, die sich mit der Aufbereitungszeit verschiedener maschineller Feilensysteme beschäftigen, bestätigen diese Annahme. So ist die Aufbereitungszeit mit einem Einfeilensystem signifikant kürzer als bei der Verwendung von Mehrfeilensystemen [7, 20]. Jedoch sollte angemerkt werden, dass durch die Verkürzung der mechanischen Aufbereitung die chemische Desinfektion nicht vernachlässigt werden darf. Der langfristige Erfolg nach der Verwendung von schnellen und effizienten Aufbereitungsinstrumenten ist weiterhin abhängig von einer vollständigen und ausreichenden Spül- und Desinfektionszeit.
Unabhängig vom System der maschinellen Aufbereitung wird der Einfluss eines vorab geschaffenen Gleitpfades auf die Inzidenz von Frakturen und die Aufbereitungszeit kontrovers diskutiert [21, 22]. Um eine Belastung der Feile koronal zu vermeiden, ein spannungsfreies Einführen der Instrumente zu ermöglichen und zur Verhinderung der Keimverschleppung von koronal nach apikal sollte der Kanaleingang mittels Gates-Glidden-Bohrer oder speziellen Feilen vor einer Aufbereitung erweitert werden [23].
Problematisch gestaltet sich, unabhäng.ig von der Technik, die einheitliche Aufbereitung aller Kanalwandbereiche in gekrümmten Wurzelkanälen, ohne den Kanal dabei in seinem ursprünglichen Verlauf signifikant zu verändern.
So haben sich verschiedene Studien mit der Effizienz der Aufbereitung rotierender NiTi-Systeme beschäftigt. Es konnte gezeigt werden, dass im Laufe der Aufbereitung der Kanalverlauf mehr zu inneren Kurvatur der jeweiligen Krümmung abweicht und daher im stark gekrümmten Kanal flexible Instrumente mit einem geringeren Taper zu empfehlen sind [24-26]. Weiterhin ließen sich bei der Verwendung von vollrotierenden Systemen teils besser zentrierte Aufbereitungen erzielen als mit den untersuchten reziproken Systemen [25-27].
Ein Punkt sollte bei der Verwendung der Einfeilensysteme nicht vergessen werden: Viele Systeme stehen lediglich in einer begrenzten Größenauswahl zur Verfügung. Daher ist es nicht möglich, jeden einzelnen Behandlungsfall ausreichend mit diesen Systemen zu instrumentieren. Die bestehenden Systeme und deren Feilen mögen in der Lage sein, eine große Zahl von Wurzelkanälen effizient und ausreichend aufzubereiten, allerdings wäre es wünschenswert auch weitere Größen zur Auswahl zu haben, damit in Zukunft noch mehr Fälle entsprechend den individuellen Gegebenheiten behandelt werden können. Eine Unterinstrumentierung ist nicht die Lösung, da dies die oben genannten Anforderungen an eine ausreichende Entfernung infizierter Gewebe ungenügend gewährleistet.

Reziprok versus vollrotierend. Bei der maschinellen Wurzelkanalaufbereitung mit einem Einfeilensystem wird zwischen der vollrotierenden (z. B. F6 SkyTaper, One-Shape) und der reziproken ( z. B. RECIPROC®, WAVEONE™) Arbeitsweise unterschieden. Es konnte in verschiedenen Studien, die sich mit dem Einfluss auf die Arbeitslänge beschäftigen, kein signifikanter Unterschied im Ergebnis festgestellt werden [6].
Das Konzept der vollrotierenden Arbeitsweise ist schon überwiegend von den Mehrfeilensystemen bekannt. Ein Vertreter dieser Gruppe ist das System von One Shape (Micro Méga, Besançon, Frankreich). Es besteht derzeit aus einer einzigen Feile mit der ISOGröße 25 und einem einzigartigen und charakteristischen, über die Länge des Arbeitsteiles hinweg variablen Querschnittes. Durch dieses asymmetrische Design des Querschnitts soll die Frakturgefahr verringert und der Abtransport von Debris nach koronal erleichtert werden [20]. Die Spitze ist nicht schneidend. Durch eine spezielle Wärmebehandlung des Nickel- Titans (C-Wire) soll bei neueren Feilen „One Curve“ ein Formgedächtnis, die Beibehaltung der Krümmung und durch die Möglichkeit des Vorbiegens die Beseitigung von Belastungen und somit ein erleichterter Zugang zum Wurzelkanal erreicht werden.
Ein weiterer Vertreter der vollrotierenden Einfeilensysteme ist das System F6 SkyTaper (Komet Dental, Lemgo). Es zeichnet sich durch die Verfügbarkeit vieler Feilengrößen in 5er-Schritten aus. Es basiert auf der schon vom F360-System der Firma Komet bekannten Feilengeometrie, mit einem S-förmigen Querschnitt und einer durchgehenden 4-prozentigen Konizität, die eine hohe Flexibilität gewährleisten soll. Prinzipiell kann es als Vorteil gewertet werden, dass die vollrotierenden Instrumente in der Regel mit den verfügbaren Endodontiemotoren eingesetzt werden können und somit Neuanschaffungen meist nicht nötig sind.
Bei der reziproken Bewegung findet eine entgegen dem Uhrzeigersinn gerichtete größere Schneidebewegung und eine im Uhrzeigersinn gerichtete kleinere Entlastungsbewegung statt. Im Vergleich zu den rotierenden Systemen konnte bei den reziprok arbeitenden Instrumenten eine Abnahme der Frakturanfälligkeit festgestellt werden [28]. Begründet wird dies durch eine alternierende Kompression und Dilatation des rotierenden Instrumentes während der Bewegung in gekrümmten Wurzelkanälen. Dies führt zu einer zyklischen Ermüdung und somit zu einer Instrumentenfraktur. Des Weiteren soll das Risiko des Verblockens des Instruments im Kanal durch das reziproke Bewegungsmuster verhindert werden, da durch die rechtsgerichtete Teilbewegung ein kontinuierlicher Abtransport von Dentinspänen nach koronal gesichert wird.
Bei der reziproken Bewegung ist die asymmetrische Teilrotation in schneidender Richtung größer als die in nicht schneidender Richtung. Somit muss das Instrument für eine komplette Rotation im Wurzelkanal mehrere Zyklen durchlaufen [29]. Zu den häufig verwendeten und bekannteren Instrumenten der reziproken Aufbereitung zählen: Reciproc, Reciproc blue (VDW, München); WaveOne, WaveOne Gold (Dentsply Mailleder, Ballaiques) oder TF Adaptive (Kerr, Biberach) [30].
Die Instrumente des Reciproc-Systems, bestehend aus drei Instrumenten, zeichnen sich durch eine hochflexible M-Wire-NiTi-Legierung und eine Doppel-SQuerschnittsform aus. Eine weitere Verbesserung der Frakturresistenz wird bei Reciproc blue durch eine thermische Weiterbehandlung der Legierung erreicht, wodurch es zu der charakteristischen Blaufärbung der Instrumente kommt [31].
WaveOne und WaveOne Gold zählen ebenfalls zu den Einfeilensystemen. Damit kann für die komplette Aufbereitung des Wurzelkanals, nach Schaffung eines Gleitpfades mittels Handfeile, nur ein Instrument verwendet werden. Zur Auswahl stehen dabei drei Feilen. Alle Instrumente haben einen konvex dreieckigen Querschnitt und eine stumpfe Spitze. Auch bei diesem System kommt es durch eine thermische Weiterbearbeitung, die zu einer Goldfärbung führt, zu einer Optimierung der mechanischen Eigenschaften [31].
Das System TF Adaptive wird durch eine hybridreziproke Bewegung charakterisiert. Erst wenn die Torsionskraft auf das Instrument zunimmt, kommt es zu einer reinen reziproken Bewegung. Solange keine grenzwertige Belastung durch die Aufbereitung entsteht, findet eine Rotationsbewegung von 600° statt [32].

Fazit. Bei der Entscheidung, welches System der maschinellen Wurzelkanalaufbereitung verwendet wird, spielen folgende Parameter eine Rolle: mechanische Eigenschaften, Aufbereitungszeit und Effizienz, Verhinderung von Dentin- oder Instrumentenfrakturen, Extrusion von Debris und maximale Bakterienreduktion. Dabei lässt sich ein Trend zu den scheinbar einfacheren reziproken Instrumenten erkennen. So ist die deutliche Verringerung von Instrumentenfrakturen unabhängig vom Erfahrungswert des Behandlers oder der Gängigkeit des Wurzelkanals ein großer Vorteil [33]. Das Risiko von Dentinfrakturen oder Cracks wird hingegen auch bei der reziproken Aufbereitung diskutiert [34] [35]. Auch wird die Verhinderung der Extrusion von Debris nach apikal in verschiedenen Studien kontrovers diskutiert [36-38]. Durch eine Verschleppung von Dentinspänen, infiziertem Pulpagewebe der Mikroorganismen in den periradikulären Bereich, kann es zu postendodontischen Beschwerden und somit eventuell sogar zum Misserfolg der Behandlung kommen [36]. Eine eindeutige Überlegenheit von vollrotierenden oder reziproken Instrumenten konnte dabei nicht eindeutig festgestellt werden. Es ist sicherlich aktuell nicht für jeden Behandlungsfall ausreichend, dass Systeme nur in begrenzten Größen zur Verfügung zu stehen. Die bestehenden Systeme mögen in der Lage sein, eine große Zahl von Wurzelkanälen effizient und ausreichend aufzubereiten, allerdings wäre es wünschenswert auch weitere Größen zur Auswahl zu haben, damit in Zukunft noch mehr Fälle entsprechend den individuellen Gegebenheiten behandelt werden können – eine Unterinstrumentierung ist nicht die Lösung. Weitere Entwicklungen sollten daher die Bandbreite des Einfeilensystems mit unterschiedlichen Größen erweitern und in klinischen Studien, die vielversprechenden Ergebnisse der Laborstudien hinsichtlich ihres Einflusses auf den langfristigen Erfolg der endodontischen Behandlung überprüfen.
Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www. zahnaerzteblatt.de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

Henrike Jäger
Prof. Dr. Christian Gernhardt
Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Universitätspoliklinik für Zahnerhaltungskunde
und Parodontologie
Universitätsklinikum Halle (Saale)
Medizinische Fakultät der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg