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Kultur

Ragnar Kjartansson im Kunstmuseum Stuttgart

 

Performance-Kunst

Ausgabe 8/9, 2019

Mit „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ zeigt das Kunstmuseum Stuttgart die bisher umfangreichste Werkschau Ragnar Kjartanssons in Deutschland. Sie vereint alle wesentlichen Themenkomplexe seines Schaffens – angefangen bei einer im Jahr 2000 begonnenen Videoserie bis hin zu neuen, erstmals in der Ausstellung zu sehenden Arbeiten. Hierbei treffen Videos auf Gemälde, Zeichnungen, Plastiken und eine Live-Performance.

Death is Elsewhere. Ragnar Kjartansson, 2019, Sieben-Kanal-Video.

Ragnar Kjartansson (*1976 in Reykjavík, IS) wurde in eine Theaterfamilie als Sohn der Schauspieler, Autoren und Regisseure Gudrún Ásmundsdóttir und Kjartan Ragnarsson hineingeboren. Wie sehr der besondere Ort des Theaters ihn als Künstler prägte, spiegeln seine Arbeiten wider, in denen er Musik, Literatur, bildende und darstellende Künste sowie zeitgenössische Populärkultur vereint. Er führt verschiedene Medien und Genres zusammen, wobei die Performance die Grundlage seiner künstlerischen Praxis bildet.

Performances. In vielen der Performances, die er in Videos dokumentiert, tritt Kjartansson selbst als Hauptfigur auf. Für Kjartansson, der unzähligen Proben vom Bühnenrand aus beiwohnte, wurden Wiederholung, Persiflage und Verstellung zu wesentlichen Bestandteilen seiner Kunst. In seinen Werken erzeugen diese Stilmittel eine starke emotionale Wirkung, in der sich die menschliche Gefühlswelt in ihrer gesamten Bandbreite wiederfinden lässt – von Liebe über Melancholie, Wehmut und Sehnsucht bis hin zu Schmerz. Er scheut dabei weder Kitsch noch Sentimentalität. Den romantischen Geist, der seine Arbeiten umgibt, durchbricht Kjartansson immer wieder pointiert mit Ironie und Humor. Mit seinen Werken zielt Kjartansson auf eine Ambivalenz, mit der es ihm gelingt, seine Themen, die von persönlicher Sinnsuche und umfassendem Weltschmerz handeln, mit humorvoller Leichtigkeit in die Schwebe zu bringen. Diesen Aspekt greift bereits der Ausstellungstitel auf, der einer Zeichnung von ihm entlehnt ist und seine deutschen Lieblingswörter zitiert: „Scheize – Liebe – Sehnsucht“. „Scheize“, so der Künstler, sei für ihn eine tiefsinnigere und vollkommenere Bezeichnung als der englische Ausdruck „Shit“, „Liebe“ einfach ein wunderschönes Wort, und für „Sehnsucht“ gäbe es in keiner anderen Sprache einen äquivalenten Ausdruck für dieses besondere Lebensgefühl.

Projektionen. Zu Kjartanssons bekanntesten Werken zählt The Visitors (2012). Neun, je 64-minütige, großflächige Projektionen verschmelzen im Ausstellungsraum zu einer harmonischen Gesamtpräsentation. Klischees der westlichen Erinnerungs- und Wissenskultur sind oftmals Anknüpfungspunkt im Werk Kjartanssons. Wie der Titel seiner Videoinstallation Scenes from Western Culture (2015) bereits impliziert, widmet sich der Künstler in den überwiegend statischen Szenen stereotypen Motiven unseres Alltagslebens wie Materialismus, Romantik, Jugend und individuelle Selbstverwirklichung: Eine Frau zieht in einem Pool Bahnen; ein Boot legt an einem Steg eines malerischen Bergsees an; ein Paar diniert in einem edlen Restaurant. All diesen Szenen wohnt jedoch ein Störfaktor inne, der den idyllischen Moment bedroht – eine sich ankündigende Gefahr, die im Video mit einer abbrennenden Waldhütte bereits Realität geworden ist.

Kunstmuseum Stuttgart/IZZ