Forum Zahngesundheit

 

Zahngesundheit soll spitze bleiben

Aus dem Zahnärzteblatt Baden-Württemberg, Ausgabe 11, 2017

Esslingen am Neckar bot bei der landeszentralen Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit am 20. September ideale Bedingungen, um die Bevölkerung auf die Bedeutung der Zahnprophylaxe aufmerksam zu machen: Mitten auf dem Hafenmarkt, umgeben von malerischen Gebäuden aus dem Mittelalter, leuchtete das weiße Pagodenzelt des Erlebnisforums Zahngesundheit im Sonnenlicht des Spätsommers besonders hell und lockte zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Das diesjährige Motto „Gesund beginnt im Mund. Baden-Württembergs Kinderzähne sind spitze“ wurde durch aktuelle Zahlen zur Zahngesundheit untermauert. Denn wieder einmal zeigt sich: Nirgendwo in Deutschland sind die Zähne der Kinder und Jugendlichen so gesund und kariesfrei wie hierzulande.

Ursprünglich sollte die landeszentrale Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit in diesem Jahr in Tübingen stattfinden, doch der prominente Marktplatz am Rathaus war am gewünschten Termin nicht verfügbar. Das Informationszentrum Zahngesundheit Baden-Württemberg (IZZ) hatte aber mit Esslingen am Neckar dank der Unterstützung durch Dr. Torsten Tomppert schnell eine passende Alternative parat. Der Präsident der Landeszahnärztekammer BW und zugleich Vorsitzender des Vorstands der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit e. V. (LAGZ) ist mit Familie und Praxis hier heimisch und konnte bei der Stadtverwaltung eine Genehmigung zur Ausrichtung der Veranstaltung in der Altstadt erreichen. Da sich die örtliche Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit aus personellen und finanziellen Gründen nicht in der Lage sah mitzuwirken, mussten die Veranstalter, LAGZ und das IZZ, nicht nur das gesamte Programm auf die Beine stellen, sondern auch mit Kindergärten, Kindertagesstätten, Lehrerinnen und Lehrern den Kontakt suchen, um Gruppen und Klassen einladen zu können.

Spitzenplatz. Einmal im Jahr präsentieren sich die wichtigsten Protagonisten der Zahnprophylaxe im Rahmen einer Pressekonferenz. Vor der feierlichen Eröffnungsveranstaltung auf dem Hafenmarkt wurden die Vertreter der Medien im ehrwürdigen Alten Rathaus ausführlich über den aktuellen Zahngesundheitsstatus der Kinder und Jugendlichen in Baden- Württemberg informiert. Da in Baden-Württemberg in Sachen Zahngesundheit bei den Kindern seit vielen Jahren eine echte Erfolgsgeschichte geschrieben wird, wurde als diesjähriges Motto „Gesund beginnt im Mund. Baden- Württembergs Kinderzähne sind spitze“ ausgewählt. Der neue Vorsitzende des Vorstands der LAGZ, Dr. Torsten Tomppert, lieferte in seinem Statement die Grundlagen für diese selbstbewusste Botschaft: „Im Schnitt hat nur jedes dritte zwölfjährige Kind in Baden- Württemberg einen kariösen, gefüllten oder fehlenden Zahn.“ Dies entspricht einem DMF-T-Wert von 0,32. Der DMF-T-Wert gibt die Anzahl der zerstörten, fehlenden oder gefüllten Zähne an. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt liegt der DMFT-Index bei 0,5. Das bedeutet, es teilen sich derzeit durchschnittlich zwei Zwölfjährige einen kaputten Zahn. Bundesweit hat sich der DMF-T-Wert seit Beginn der Studie im Jahr 1989 für die Zwölfjährigen von 4,9 auf rund 0,5 reduziert – das ist ein enormer Rückgang der Karies um 90 Prozent. Da sich in Baden-Württemberg zusammengefasst sogar nur drei Zwölfjährige einen kranken Zahn teilen, ist dies nicht nur der Spitzenplatz in Deutschland, sondern sogar europaweit. Dr. Tomppert machte darauf aufmerksam, dass die Zahnärzte mit diesem Ergebnis zur erfolgreichsten Gruppe in der Medizin gehörten, denn alleine durch Prävention konnte auf keinem anderen Gebiet ein solch aufsehenerregender Rückgang einer Krankheit erzielt werden.

Erfolgreiches Zusammenspiel. Dass die Zähne der Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg seit Jahren spitze sind, ist in der Struktur und Organisation der Gruppenprophylaxe begründet. Unter dem Dach der LAGZ setzen sich 37 Regionale Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit flächendeckend für die Erhaltung und Förderung der Zahngesundheit bei Kindern und Jugendlichen ein. Während im Hintergrund die Verantwortlichen der gesetzlichen Krankenkassen und der Ersatzkassen, des Sozialministeriums, der Landeszahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen Vereinigung und des Landkreis- und Städtetags die Rahmenbedingungen sicherstellen, sind vor Ort über 170 Prophylaxefachkräfte in den einzelnen Arbeitsgemeinschaften, zahlreiche Mitarbeiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie über 1400 niedergelassene Zahnärztinnen und Zahnärzte, die als Patenzahnärzte den regionalen Arbeitsgemeinschaften angehören, engagiert für die Gesundhaltung der Kinderzähne im Einsatz.

Die breitenwirksamen Maßnahmen kommen in Baden-Württemberg jährlich rund 600.000 Kindern im Alter bis zu zwölf Jahren in Kindergärten, Kindertageseinrichtungen und Schulen zugute. Im Rahmen dieser Gruppenprophylaxe wird dabei die Mundhöhle untersucht, der Zahnstatus erhoben und eine Fluoridierung der Zähne durchgeführt. Zusätzlich wird das richtige Zähneputzen eingeübt sowie über zahngesunde Ernährung und zahnschädliche Verhaltensweisen aufgeklärt. Hierbei wird auf die Unterstützung von Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern sowie von Eltern gezählt.

Fissurenversiegelung. Der Rückgang der Karies ist auch der Versiegelung der Backenzahnfissuren geschuldet. Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung BW, nannte bei der Pressekonferenz beeindruckende Zahlen: „Acht von zehn 12-Jährigen in Deutschland sind heute vollkommen kariesfrei. Außerdem weisen 70,3 Prozent der 12-Jährigen inzwischen Fissurenversiegelungen auf“. Kinder mit Backenzahnversiegelung seien gut gegen Karies geschützt, ohne diese Versiegelung hätten sie eine dreifach erhöhte Karieserfahrung, so Dr. Ute Maier. Die Fissurenversiegelung der ersten und zweiten bleibenden Backenzähne sei im Rahmen des Individualprophylaxe-Programms bei 6- bis 18-Jährigen eine kassenzahnärztliche Leistung und stehe gesetzlich versicherten Kindern kostenfrei zur Verfügung. Dr. Ute Maier machte die Medienvertreter darauf aufmerksam, dass die Fissurenversiegelung letztendlich kein Freibrief für nachlässiges Zähneputzen sei, da ja nur die obere Fläche des Backenzahns versiegelt wird, während die vier weiteren Flächen trotzdem sauber gehalten und geschützt werden müssten.

Frühkindliche Karies. Weniger erfreulich ist dagegen, dass die Milchzahnkaries bei Kleinkindern wieder zunimmt. Dr. Bernd Krämer, Vorsitzender des Prophylaxeausschusses und Prophylaxereferent der Landeszahnärztekammer BW, nannte neueste Zahlen: „10 bis 15 Prozent der Kleinkinder weisen Symptome einer frühkindlichen Karies auf. In sozialen Brennpunkten steigt die Prävalenz auf bis zu 40 Prozent.“ Aufgrund der Migration werden in Zukunft immer mehr Kinder mit Milchzahnkaries einer Behandlung bedürfen, weil in den Herkunftsländern das Problembewusstsein geringer ist und weniger leicht auf zuckerhaltige Nahrungsmittel zugegriffen werden konnte. Dr. Krämer machte deutlich, dass es sich bei der Milchzahnkaries um eine sozial bedingte Erkrankung handele, der nur mit geeigneten Prophylaxe- Programmen entgegengewirkt werden könne. Ein wichtiger Ansatz zur Kariesvermeidung sei der „Zahnärztliche Kinderpass“, da er bereits während der Schwangerschaft bei den Eltern das Bewusstsein zur Gesundhaltung der Kinderzähne schärfe. Wichtig sei außerdem, dass die Kinder frühzeitig das Zähneputzen als soziale Norm erfahren. „Es sollte zum Leben dazu gehören, wie Bitte und Danke zu sagen. Kinder mit gesunden Milchzähnen haben eine 90-prozentige Chance, ihre Zahngesundheit ein Leben lang zu behalten“ so Dr. Krämer.

Setting-Ansatz. Problematisch ist auch, dass die Karieslast ungleich verteilt ist und wenige Kinder viele kariöse Zähne haben, wie Dr. Anne Würz vom Ministerium für Soziales und Integration bei der Pressekonferenz anmerkte. Hier sei das Konzept der Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit mit einer flächendeckenden aufsuchenden Betreuung in Kindertagesstätten und Grundschulen sehr wichtig. Alle Menschen in Baden-Württemberg sollten einen gleichberechtigten Zugang zu einer bedarfsgerechten, gesundheitlichen Versorgung haben. Dr Würz betonte, dass es notwendig sei, „gerade mit solchen Bevölkerungsgruppen in Kontakt zu kommen, die nur schwer Zugang zu unserem Gesundheitssystem finden.“ Hierbei sei der Setting-Ansatz sehr wichtig. Die Arbeitsgemeinschaften erreichen die Kinder auf mehreren Wegen. Zum einen bekommen alle Kinder nach der Untersuchung einen Befund und falls notwendig, eine Aufforderung, zum Zahnarzt zu gehen. Zum anderen betreuen die Prophylaxefachkräfte die Kinder in ihrem Setting und vermitteln die richtige Zahnhygiene sowie zahngesunde Gewohnheiten. Beides diene der gesundheitlichen Chancengleichheit.

Zukünftige Stellschrauben. Dr. Tomppert betrachtet es als wichtiges Ziel, den Spitzenplatz beim Zahnstatus der Kinder in Baden-Württemberg weiterhin zu verteidigen, auch wenn dieses Vorhaben durch die Migration schwierig wird. Eines ist jedoch klar: Je eher man mit den Prophylaxebemühungen ansetzt, desto besser können die Milchzähne bleiben und desto besser sind später auch die bleibenden Zähne. Die LAGZ hat bereits seit 2014 die 0- bis 3-Jährigen im Fokus und ist damit befasst, ein effizientes Prophylaxe- Programm für diese Altersgruppe zusammenzustellen, das den Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit als Betreuungsgrundlage dienen soll.

Kostenrahmen. Die Finanzierung der Gruppenprophylaxe erfolgt alleine durch die gesetzlichen Krankenkassen. Eberhard Brenner, AOK Baden-Württemberg und Mitglied im Vorstand der LAGZ, sowie Winfried Plötze, Barmer Baden-Württemberg und ebenfalls Mitglied im Vorstand der LAGZ, berichten bei der Pressekonferenz, dass die gesetzlichen Krankenkassen in Baden-Württemberg im Jahr 2017 einen Betrag von 8,5 Mio Euro für die Gruppenprophylaxe zur Verfügung stellen. Von den privaten Krankenkassen gab es hierzu noch nie einen Zuschuss, obwohl auch die Kinder von privat Versicherten sowie die privaten Krankenkassen selbst von den gruppenprophylaktischen Maßnahmen profitieren. Am Ende der Pressekonferenz waren sich alle einig: Auch die PKV sollte ihrer Verantwortung nachkommen.

Feierliche Eröffnung. Bei sonnigem Herbstwetter lockte die mit bunten Blumen geschmückte Live-Bühne zum Veranstaltungsbeginn viele Zuschauer an. Die charmante Moderatorin Martina Meisenberg führte – wie in den Jahren zuvor – souverän durchs Eröffnungsprogramm, bei dem sowohl die Spitzenvertreter der Zahnärzteschaft, Dr. Torsten Tomppert und Dr. Ute Maier, Rede und Antwort standen als auch die politischen Gäste Markus Grübel MdB, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung, Jochen Haußmann MdL, gesundheitspolitischer Sprecher der FDPLandtagsfraktion, sowie Wilfried Wallbrecht, erster Bürgermeister der Stadt Esslingen, im fröhlichen Miteinander jede Menge Wissenswertes zur persönlichen Mundhygiene preisgaben. Für das musikalische Rahmenprogramm konnte die Schulband der Esslinger Grund- und Werkrealschule Lerchenäcker gewonnen werden. In diesem Jahr waren auch zahlreiche Vertreter der Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit gekommen, um die erfolgreiche Zahnprophylaxe mitzufeiern. Dabei waren u. a. folgende AGs dabei: Lörrach, Heilbronn, Karlsruhe, Main-Tauber-Kreis, Heidenheim sowie Freiburg und Breisgau-Hochschwarzwald.

Aktionstage. Bei den Tagen der Zahngesundheit werden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die vier Säulen der Zahngesundheit nähergebracht. Das ErlebnisForum Zahngesundheit präsentiert den Besuchern auf spielerische Art und Weise die Grundpfeiler zur Gesundhaltung der Zähne. Mithilfe der Plaque- Neon-Schau kann die eigene Mundhygiene überprüft werden, während anschließend am Zahnputzbrunnen die richtige Zahnputztechnik eingeübt wird. Der zahnärztliche Bereich ist dank der Firma KaVo Dental GmbH, Biberach an der Riß, die seit vielen Jahren Geräte und eine Behandlungseinheit für das Forum Zahngesundheit bereitstellt, und der Firma Carl Zeiss Miscroscopy GmbH, Göttingen, deren Mikroskop die Bakterien sichtbar macht, anschaulich vertreten. Zusätzlich wird auf die Bedeutung der Fluoridierung aufmerksam gemacht und es gibt viele anschauliche Beispiele für zahngesunde Lebensmittel im Zelt. Die dortige Betreuung der Besucher wurde in diesem Jahr durch ein engagiertes Team sichergestellt, das sich schon bei Veranstaltungen des Forum Zahngesundheit bewährt hatte. Rund um das Zelt sorgte der sympathische Künstler Peter Jagusch mit Comedy, Jonglage, Artistik und Animation für gute Unterhaltung.

Medienwirkung. Der rege Besucherstrom an den vier Aktionstagen zum Tag der Zahngesundheit zeigte, dass sich das Erlebnis- Forum Zahngesundheit in Esslingen sehr öffentlichkeitswirksam präsentieren konnte. Die Presseresonanz spiegelte anschließend die engagierten Prophylaxebemühungen wider und zeichnete ein eindrucksvolles Bild der Ergebnisse und der Wichtigkeit der Zahngesundheitsförderung von Kindesbeinen an. Beiträge über die landesweite Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit erschienen in über 110 Publikationen mit einer Reichweite von über 1.1 Mio Leserinnen und Lesern. Dieser Multiplikatoreffekt ist wichtig, um die Bedeutung und die Erfolgsgeschichte der Prävention in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Die Botschaft ist deutlich: Je früher mit der richtigen Mundhygiene angefangen wird und je selbstverständlicher sie ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ein Leben lang gesunde Zähne zu haben. Die Erfolgsgeschichte der Zahnprophylaxe ist dabei das Ergebnis des reibungslosen Zusammenspiels aller beteiligten Akteure beim IZZ, bei allen Institutionen, die in der LAGZ mitwirken, der Prophylaxefachkräfte in den regionalen Abeitsgemeinschaften, der Mitarbeiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie aller Zahnärztinnen und Zahnärzte in Baden-Württemberg, die sich engagiert für die Gesundhaltung der Kinderzähne einsetzen. Die wichtigsten Protagonisten der Zahngesundheitsvorsorge werden sich auch im nächsten Jahr beim Tag der Zahngesundheit in Balingen präsentieren, wenn es wieder heißt „Gesund beginnt im Mund“. Welche zusätzlichen Aktionen die Regionalen Arbeitsgemeinschaften zum Tag der Zahngesundheit durchgeführt haben sowie weitere Fotoimpressionen zur landeszentralen Auftaktveranstaltung in Esslingen gibt es im Internet unter www.zahnaerzteblatt. de.

claudia.richter@izz-online.de