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Titelthema

Ergebnisse der Pilotstudie zum Nutzen des Kooperationsvertrags

 

Den richtigen Weg eingeschlagen

Ausgabe 10, 2019

Bei Bewohnerinnen und Bewohnern in stationären Pflegeeinrichtungen ist die zahnärztliche Betreuung von immenser Bedeutung, gleichzeitig ist sie nicht beliebig implementierbar. Die Gefahr, dass sich der Mundhygienezustand nach einigen Jahren Aufenthalt signifikant verschlechtert, ist sehr groß. Eine Antwort auf diese Problematik stellt die 2014 abgeschlossene Rahmenvereinbarung zwischen der KZBV und dem GKV-Spitzenverband zur Umsetzung der gesetzlichen Regelungen nach § 119b SGB V dar. Zahnärztinnen und Zahnärzte haben seither die Möglichkeit, Kooperationsverträge mit stationären Einrichtungen zu schließen. Der Nutzen dieses neuen Betreuungskonzepts war Gegenstand einer in Baden-Württemberg durchgeführten Pilotstudie.

Altenpflege. Ein Beispiel wie Zahn-, Mund- und Zahnersatzpflege in der Altenpflegeausbildung aussehen kann, hat Elmar Ludwig vorgestellt.

Zahnärztinnen und Zahnärzte haben seit 2014 die Möglichkeit, Kooperationsverträge mit vollstationären Pflegeeinrichtungen zu schließen und übernehmen dabei vertraglich spezifizierte Aufgaben bei der Betreuung der Heimbewohner. Zum Beispiel führen Kooperationszahnärzte/-ärztinnen innerhalb von acht Wochen nach Neuaufnahme eines Heimbewohners eine Eingangsuntersuchung durch. Darüber hinaus bringen die Kooperationszahnärzte/-ärztinnen bis zu zweimal jährlich im Rahmen von Schulungsmaßnahmen Vorschläge ein, um geeignete Maßnahmen zum Erhalt und zur Verbesserung der Mundgesundheit zu ergreifen. Dazu wird versichertenbezogen ein Mundhygieneplan erstellt sowie das Pflegepersonal (idealerweise praktisch) angeleitet. Ferner nehmen die Kooperationszahnärzte/-ärztinnen Therapiemaßnahmen selbst vor oder veranlassen diese, soweit dies erforderlich ist.

Die Studie. Die soziologische Pilotstudie befasste sich mit der Frage, inwieweit die im Kooperationsvertrag vorgesehenen Maßnahmen zwischen Kooperationszahnärzten/- -ärztinnen und Pflegeeinrichtungen praktisch umsetzbar sind und ob die im Vertrag festgeschriebenen Qualitäts- und Versorgungsziele auch Foto: E. Ludwig (2016) Alterszahnheilkunde – ein erfolgreiches Praxiskonzept. wissen kompakt, 10(4): 159-172; doi.org/10.1007/s11838-016-0034-7 erreichbar sind. Es handelte sich um eine qualitative Studie, d. h. die subjektiven Erfahrungen von insgesamt 39 akquirierten Zahnärztinnen und -ärzten sowie Altenpflegekräften standen im Mittelpunkt. Ergänzend dazu hat der Forscher teilnehmende Beobachtungen in Pflegeeinrichtungen durchgeführt sowie Reihenuntersuchungen und Schulungen von Pflegekräften begleitet. Die Teilnehmenden der Studie haben sich über einen Zeitraum von 18 Monaten in fünf Fokusgruppen und vier Experteninterviews mit dem Forscher getroffen und sehr gerne ihre Erfahrungen mit dem Kooperationsvertrag mitgeteilt und diskutiert. Die dabei generierten Daten wurden anschließend gesprächsanalytisch ausgewertet. Insgesamt haben sich die Teilnehmenden gefreut, dass sich die Studie diesem praxisnahen Thema widmete. Die Studie wurde innerhalb des Nachwuchsprogramms des Netzwerks „Versorgungsforschung BW“ durchgeführt und vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie vom Ministerium für Arbeit, Sozialordnung, Frauen und Senioren gefördert.

Ergebnisse. Die Studie macht erfreulicherweise deutlich, dass Bewohnerinnen und Bewohner eine deutlich verbesserte Mundgesundheit haben und sie dadurch eine Zunahme an Lebensqualität erfahren, welche sich wiederum positiv auf ihre psychosoziale Situation auswirkt. Demnach haben die Betroffenen weniger Stress, „wenn da jetzt ein Zahnarzt ins Haus kommt“, wie eine Pflegekraft betonte.
Insgesamt profitieren beide Partner des Kooperationsvertrags, denn der interprofessionelle Rahmen eröffnet gleichzeitig Möglichkeiten des Austauschs von fachlichen Kompetenzen. Festzuhalten ist auch, dass sich der organisatorische Mehraufwand für Pflegekräfte zu Beginn der Kooperation, auf lange Sicht gesehen, zu lohnen scheint und schlussendlich zu einer Arbeitserleichterung führt. „Wir in der Pflege [...] müssen ja die ganzen Unterlagen im Vorfeld ausfüllen und da haben wir natürlich weitaus mehr Arbeit als vorher“. Gleichzeitig ist es „letztendlich [...] eine Arbeitserleichterung, wenn auch nicht unbedingt eine Zeitersparnis“.
Die Ergebnisse zeigen, dass mit der Einführung von Kooperationsverträgen ein richtiger Weg eingeschlagen wurde, man jedoch noch nicht am Ziel angelangt ist. Die im Betreuungskonzept vorgesehenen Maßnahmen sind prinzipiell sehr gut umsetzbar, wenngleich eine (weiterhin) erfolgreiche Umsetzung ganz wesentlich von den Rahmenbedingungen der Kooperationspartner abhängt bzw. zukünftig abhängen wird.
Dazu gehören ein angemessener Personalschlüssel in Pflegeeinrichtungen, die Intensivierung der Ausund Weiterbildungsmaßnahmen in Bezug auf zahnärztliche Themen für Pflegekräfte und nicht zuletzt die stärkere Fokussierung des professionellen Umgangs mit demenziell veränderten Bewohnerinnen und Bewohnern sowohl für Pflegekräfte als auch für Zahnärztinnen und Zahnärzte.
Als implementationshinderlich gelten zum Beispiel der vereinzelt immer noch zu geringe Stellenwert der Zahnhygiene in der Pflege. So ist, wie Pflegekräfte resümierten, die „Zahnpflege [immer noch] ein Stiefkind“. Die normale Mundpflege, die im Rahmen von pflegerischen Tätigkeiten durchgeführt wird, „ist nicht ausreichend“, gleichzeitig steht noch immer die „Körperpflege an erster Stelle, die jedoch beim Mund aufhört“. Hinderlich für Zahnärztinnen und -ärzte sind vereinzelt fehlende Ansprechpersonen in den Pflegeeinrichtungen: „da müsste noch der Betreuer eingetragen werden, denn sonst kann ich meinen Patienten selber suchen und der ist dann vielleicht nicht mal ansprechbar“, wie ein Zahnarzt hervorhob.
Wenig überraschend hat sich auch gezeigt, dass die allgemeine Vergütung in der (Alten-)Pflege nicht ausreichend ist und negative Auswirkungen auf die im Betreuungskonzept regulierten pflegerischen Tätigkeiten hat. Schließlich heizt die geringe Entlohnung den unverändert akuten Personalmangel nur noch weiter an. „Wir bräuchten mehr gute Leute und auch Nachwuchs“, betonte eine Vertreterin der Pflege in einer Fokusgruppe nachdrücklich.

Schlussfolgerungen. Professionelle Pflegekräfte haben im Umgang mit demenziell veränderten Personen in der Regel mehr Erfahrung. Von dieser Expertise könnten kooperierende Zahnärztinnen und -ärzte zukünftig mehr profitieren. Zudem bedarf es regelmä- ßiger Kommunikation zwischen Kooperationszahnärztinen/-ärzten und Ansprechpartnern der Pflegeeinrichtungen sowie eines koordinierten pflegeinternen Wissenstransfers. Zukünftige Maßnahmen sollten idealerweise mit den bereits bestehenden verknüpft werden. Dazu gehören a) ein preisgekröntes Konzept, das die Zahnärzteschaft in Baden-Württemberg bereits 2012 in Kooperation mit der Konferenz der Altenpflegeschulen in BadenWürttemberg (KAS) erarbeitet hat und dieses auch laufend aktualisiert. Ferner gibt es b) in BadenWürttemberg für das zahnärztliche Praxisteam seit 2007 verschiedene Fortbildungsangebote zur systematischen und strukturierten zahnärztlichen Betreuung pflegebedürftiger Menschen unter Berücksichtigung ihrer besonderen Einschränkungen wie Immobilität bzw. Demenz.

Dr. Frank Oberzaucher
Lecturer Qualitative
Forschungsmethoden
und Interaktionsforschung
Fachbereich Geschichte und
Soziologie Universität Konstanz
78457 Konstanz

 

 

Anzahl Kooperationsverträge. Seit 2014 werden zwischen Vertragszahnärzten und stationären Pflegeeinrichtungen Kooperationsverträge geschlossen. Ende August 2019 lag deren Anzahl in Baden-Württemberg bei 586.

 

Statements zur Pilotstudie über die Betreuung von Pflegeeinrichtungen

 

Verbesserung der Versorgungsqualität im Blick

Ausgabe 10, 2019

Seit 2014 besteht eine Rahmenvereinbarung zwischen der KZBV und dem GKV-Spitzenverband zur Umsetzung der gesetzlichen Regelungen nach § 119b SGB V. Zahnärztinnen und Zahnärzte haben seither die Möglichkeit, Kooperationsverträge mit stationären Pflegeeinrichtungen zu schließen. Davon haben sowohl Pflegeeinrichtungen als auch Zahnärztinnen und Zahnärzte vielfach Gebrauch gemacht. Zahlreiche Kooperationsverträge wurden abgeschlossen, bis heute 568 Kooperationsverträge in Baden-Württemberg. Seit Beginn des Jahres sind stationäre Pflegeeinrichtungen nach dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) verpflichtet, Kooperationsverträge mit Zahnärzten zu schließen.

Über den Erfolg des neuen Betreuungskonzeptes war bisher nichts bekannt. Mit der Pilotstudie von Dr. Frank Oberzaucher hat sich das geändert. Hauptziel des Projektes, das Dr. Oberzaucher vom Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz in Kooperation mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege Baden-Württemberg, der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe und der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg bei der Nachwuchsakademie Versorgungsforschung Baden-Württemberg eingereicht hat, war die systematische Erhebung und Auswertung der über Fokusgruppen generierten Erfahrungen der an der Umsetzung des neuen Betreuungskonzeptes beteiligten Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Pflegekräfte. Konkret: Wie realistisch sind die im Kooperationsvertrag vorgesehenen Maßnahmen zur Betreuung der Bewohner/innen? Welche Konsequenzen haben die Maßnahmen für die beteiligten Akteure?
Wir haben die Kooperationspartner nach ihrem Resü- mee gefragt und danach, welche Schlüsse sie aus den vorgelegten Ergebnissen von Dr. Oberzaucher ableiten.

Wir schließen uns dem grundlegenden Resümee der Pilotstudie an: Mit der Einführung der Kooperationsverträge wurde ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung getan, weitere müssen aber noch folgen.
Grundsätzlich ist erfreulich, dass durch die verstärkte Zusammenarbeit von Zahnärzten mit Pflegeeinrichtungen das Thema „Mund- und Zahngesundheit“ stärker in den Fokus des pflegerischen Alltags gerückt ist. Durch Fortbildungen, die Zahnärzte in den Pflegeeinrichtungen durchführen, konnte das Know-how der Pflegekräfte im Bereich der Mundgesundheit gestärkt werden. Im Gegenzug können die Pflegemitarbeiter ihre Erfahrungen im Umgang mit Bewohnern – z. B. auch bei vorliegenden demenziellen Erkrankungen – mit einbringen. Für die Bewohner wurde somit die zahnärztliche Versorgung deutlich verbessert. Und auch die Tatsache, dass Behandlungen vor Ort in der Pflegeeinrichtung und somit dem gewohnten Lebensumfeld der Bewohner stattfinden können, entspricht einer positiven Weiterentwicklung der Versorgungsqualität.
Deswegen wünschen wir uns, dass sich noch mehr Zahnärzte dazu entschließen, Kooperationen mit Pflegeeinrichtungen einzugehen. Bedauerlich ist nach wie vor die Tatsache, dass die Kooperationsverträge keine Vergütung der pflegerischen Tätigkeit vorsehen. Hier besteht für die Zukunft sicherlich noch ein Handlungsbedarf.

Marcel Faißt
Stellv. Geschäftsführer AWO Sozial gGmbH

Als Referent der Landeszahnärztekammer Baden- Württemberg vertrat ich die LZK in der Nachwuchsakademie Versorgungsforschung des Landes BadenWürttemberg. Im Rahmen einer Veranstaltung wurde mir seitens des Deutschen Roten Kreuzes als Betreiber von Pflegeeinrichtungen signalisiert, dass daran Interesse bestünde, bereits bestehende Kooperationen mit Zahnärzten bezüglich ihrer Wirkung auf die Pflegesituation zu untersuchen.
Dies sollte im Rahmen eines von der LZK BW und der KZV BW geförderten Projektes im Rahmen der Nachwuchsakademie Versorgungsforschung stattfinden. Mithilfe des tatkräftigen Einsatzes und der fachlichen Beratung des Kollegen Dr. Elmar Ludwig und der organisatorischen und fachlichen Unterstützung der Akademie in Karlsruhe, in Person von Prof. Dr. Walther, konnte nach Abklärung der finanziellen Aspekte durch die Kammer und die KZV ein Förderantrag bei der Nachwuchsakademie Versorgungsforschung BadenWürttemberg eingebracht werden. Der Antrag wurde positiv beschieden und so wurde die Untersuchung von Dr. Oberzaucher in Form einer qualitativen Studie in die Wege geleitet.
Der Wert einer solchen Versorgungsstudie stellt sich meines Erachtens in verschiedener Art und Weise dar:

  1. 1. Erkenntnisgewinn
    Die betroffenen Einrichtungen und die Kooperationszahnärzte erfahren wissenschaftlich fundiert, wie die eingeleiteten Maßnahmen bewertet und wo entsprechende Entwicklungs- und Verbesserungspotenziale liegen. Dies hat sowohl eine persönliche Dimension, als auch Auswirkungen auf die Implementierung und die weitere Vorgehensweise bei Kooperationen. Das Gleiche gilt für die Ausgestaltung interner oder externer Schulungs- und Unterweisungsmaßnahmen. Auch kann diese Studie als Grundlage für weitere wissenschaftliche Untersuchungen dienen.
  2. 2. Wirkung im öffentlichen/politischen Bereich
    Meines Wissens ist dies die einzige versorgungswissenschaftliche Studie auf dem Gebiet der Kooperationen von Zahnärzten mit Pflegeeinrichtungen. Ich denke, dass die Ergebnisse, die auch im Rahmen der Abschlussveranstaltung zur Nachwuchsakademie in Heidelberg und auch auf dem Jahreskongress des deutschen Netzwerkes Versorgungforschung in Berlin vorgestellt wurden, die weitere Ausgestaltung und die Förderung von Kooperationsverträgen durch die Kos tenträger – auch auf Bundesebene – wesentlich positiv beeinflusst haben.
  3. 3. Image
    Der zahnärztliche Berufstand hat öffentlich bewiesen, dass seine Experten und die durch sie initiierten und stetig weiterentwickelten Aktivitäten medizinische Notwendigkeiten erkennen, Lösungen aus sich heraus erfassen und entsprechende Maßnahmen durchführen. Damit wird der gesellschaftliche Auftrag der Gemeinwohlverpflichtung, aber auch der medizinische Anspruch einer qualitativ guten Versorgung des Einzelnen erfüllt.
  4. 4. Versorgungsforschung
    Diese zahnärztliche Initiative und ihre wissenschaftliche Auswertung durch die Studie von Herrn Dr. Oberzaucher hat in der Versorgungsforschung die Zahnheilkunde positiv in den Blickpunkt gerückt. Ist hier doch mit vereinten Kräften ein Forschungsvorhaben durchgeführt worden, praxisorientiert und mit großer Beteiligung der in den Einrichtungen tätigen Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Weiterhin konnte für die spezielle Situation der Zahnheilkunde mit ihren spezifischen Anforderungen und Bedingungen Verständnis gewonnen werden.

Schlussendlich hat es unserem gesamten Berufsstand genutzt, insbesondere auch den zahnärztlichen Leistungsträgern und den Mitarbeitern in den Pflegeeinrichtungen vor Ort. Ich hoffe, dass die positiven Erfahrungen, die mit diesem Forschungsprojekt gemacht wurden, zukünftig dazu führen, dass weitere Initiativen der Zahnärzte versorgungswissenschaftlich begleitet und untersucht werden. Dazu bedarf es natürlich auch entsprechender Ressourcen, die die Kammer zur Verfü- gung stellen sollte.

Dr. Norbert Engel
Referent für Qualitätsmanagement und
Versorgungsforschung der LZK BW

Implementationsbarrieren, Arbeitszufriedenheit und Lebensqualität – die Studie greift wichtige Aspekte der Versorgungsqualität auf und leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Beurteilung der Kooperationsverträge. Mein Resümee: Kooperationsverträge – ein Erfolgsmodell!
Dr. Oberzaucher hat sich im Rahmen der Studie von Anfang an sehr intensiv mit den verschiedenen Aspekten der zahnärztlichen und pflegerischen Betreuung gebrechlicher Menschen beschäftigt. Wir konnten bei der Planung der Studie wie auch bei der Diskussion der Ergebnisse unsere langjährigen Erfahrungen einbringen.
Der Weg über die Nachwuchsakademie Versorgungsforschung Baden-Württemberg war richtig, weil die Versorgungsforschung Aufwand und Nutzen der Versorgung auf den Prüfstand stellt. Darauf kommt es in der Praxis an!
Die drei für mich wesentlichen Schlüsse aus den vorgelegten Ergebnissen von Dr. Oberzaucher sind:

  1. Alle Beteiligten sehen im Kooperationsvertrag eine gute und gelungene Basis für die kooperative und koordinierte zahnärztliche und pflegerische Versorgung von pflegebedürftigen Versicherten in stationären Pflegeeinrichtungen.
  2. Zahnärzten fällt der Umgang mit demenziell erkrankten Menschen schwer. Hierauf müssen wir im Studium sowie in der Fortbildung reagieren.
  3. Die Politik muss auch der Pflege einen finanziellen Ausgleich für die vertraglichen Verpflichtungen gewähren. Mehr Qualität zum Nulltarif – das funktioniert auf Dauer nicht!

Kooperationsverträge strukturieren die Versorgung. Die Versorgung ist aber kein Selbstläufer, nur weil man einen Vertrag geschlossen hat. Es kommt darauf an, dass beide Vertragspartner die Umsetzung mit Leben füllen – Tag für Tag.
Und mit Blick auf meinen eigenen Kooperationsvertrag in Bezug auf die Erkenntnisse der Pilotstudie: Wir hatten von Anfang die Ressourcen unserer PartnerEinrichtung im Blick und versuchen bis heute in enger Abstimmung die Abläufe weiter zu optimieren. Von daher sehen wir uns und unsere Vorgehensweise in den Ergebnissen der Studie bestätigt.

Dr. Elmar Ludwig
Referent für Alterszahnheilkunde der LZK BW

Mit dem aktuellen Abschlussbericht der Pilotstudie zur zahnärztlichen Betreuung von Pflegeeinrichtungen, publiziert von Herrn Dr. Frank Oberzaucher, Universität Konstanz, liegen die Ergebnisse der bisher deutschlandweit einzigen Versorgungsforschungsstudie vor, die die Kooperation von Zahnärzten/-innen und Pflegekräften zum Gegenstand hat. Finanziell gefördert durch die Landesregierung Baden-Württemberg und initiiert von der Zahnärzteschaft im Land, in Kooperation mit den Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege, wurden mit dieser Studie erstmals die Erfahrungen von Zahnärzten und Pflegekräften, die einen Kooperationsvertrag zur zahnärztlichen und pflegerischen Versorgung gemäß § 119b SGB V für eine stationäre Pflegeeinrichtung abgeschlossen haben, systematisch erhoben und ausgewertet.
Es ist mir wichtig – ohne jetzt auf die grundlegend positiven Ergebnisse dieser Studie näher einzugehen – vielmehr zu hinterfragen, welche Bedeutung die Versorgungsforschung für die Politik und die zahnärztliche Profession hat und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Die Ergebnisse der Studie zeigen den verantwortlichen Gesundheitspolitikern, dass das Instrument der Kooperationsverträge generell gut funktioniert und ein Schritt in die richtige Richtung ist. Allerdings gibt es – und das hat Herr Dr. Oberzaucher sehr deutlich formuliert – eine Menge Verbesserungspotenzial. Der Appell an die Politik ist klar: Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels hin zu immer mehr älteren und pflegebedürftigen Menschen ist der Pflegebereich strukturell und finanziell viel mehr zu fördern als bisher. Nur dann können die in den Kooperationsverträgen vorgesehenen zusätzlichen Aufgaben und Maßnahmen für eine intensivere zahnmedizinische Versorgung in den Pflegeeinrichtungen des Landes nachhaltig sichergestellt werden.
Für die Zahnärzteschaft stellt die eigenständig auf den Weg gebrachte Pilotstudie einen ersten erfolgreichen Beitrag dar, um auf Basis wissenschaftlich deskriptiver Analyse die tatsächliche Versorgungsrealität eigenverantwortlich zu dokumentieren. Damit schaffen wir ein Gegengewicht zu vielen Studien der Kostenträgerseite, die oft nur auf Abrechnungsdaten beruhen und die das komplexe Versorgungsgeschehen nur vereinfacht oder gar verfälscht widerspiegeln. Zugleich ist die selbstverantwortete Versorgungsforschung entscheidend für ein professionsinternes Feedback, um eigene Stärken, aber auch Defizite zu erkennen und letztere mit dem Ziel zu minimieren, die zahnmedizinische Versorgungsqualität für die Bevölkerung weiter zu verbessern. Das ist unser gesellschaftlicher Auftrag, dem wir uns verantwortungsbewusst stellen müssen. Deshalb gilt es, zahn- ärztliche versorgungswissenschaftliche Studien insgesamt konsequenter als bisher auf den Weg zu bringen, finanziell stärker zu fördern und möglichst bundesweit ein zahnärztliches Versorgungsforschungsnetzwerk zu etablieren. Damit würden wir zugleich eine wissenschaftlich valide Argumentationsgrundlage schaffen, um im öffentlichen Diskurs mit der Politik, den Medien und den Patienten unsere Vorstellungen einer qualitativ hochwertigen zahnmedizinischen Versorgung glaubwürdig zu präsentieren.

Dr. Torsten Tomppert
Präsident der LZK BW

Für ein abschließendes Resümee ist es deutlich zu früh, denn wir sind auf unserem Weg zur Stärkung der Versorgung von Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen und von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen insgesamt ja noch nicht am Ziel. Besonders freut mich, dass seit Abschluss der Studie 2017 die Anzahl der Kooperationsverträge um über 80 Prozent gestiegen ist und jede Woche neue Kooperationsverträge hinzukommen. Immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen profitieren somit von dem hohen und bewundernswerten Engagement der Kolleginnen und Kollegen, der Praxisteams und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegeeinrichtungen und von einer regelmäßigen zahnärztlichen Betreuung, einhergehend mit einer Verbesserung ihrer Mundgesundheit und damit auch einer höheren Lebensqualität. Die Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren – insbesondere den Sozialverbänden als Träger von Pflegeeinrichtungen – ist sehr positiv zu bewerten. Der gemeinsame Wille ist deutlich spürbar, Versorgungslücken zu schließen und den Patientinnen und Patienten individuell gerecht zu werden.
Gleichzeitig dürfen wir nicht übersehen, dass der Abschluss eines Kooperationsvertrags allein noch nicht zu den angestrebten Zielen führt. Die Pilotstudie zeigt unmissverständlich, dass die Rahmenbedingungen in der Pflege – etwa die nach wie vor schwierige Personalsituation – insgesamt verbessert werden müssen und das „Stiefkind“ Mundpflege einen höheren Stellenwert verdient hat. Die Studie ist hier sehr hilfreich, weil sie zielgenau aufzeigt, in welchen Bereichen konkret nachgesteuert werden muss. Hier sind die Kooperationspartner im Übrigen auf die Schützenhilfe der Politik angewiesen. Die konzertierte Aktion für die Pflege, die die Bundesregierung ausgerufen hat, darf nicht als reine PR-Nummer enden. Bessere Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung, gute Personalstandards und ausreichend Nachwuchs: Das muss gewährleistet werden, damit Betreuungszahnärzte und Pflegekräfte von der Expertise des jeweils anderen profitieren können und die Verbesserungen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern bei den Betroffenen ankommen.

Dr. Ute Maier
Vorsitzende des Vorstandes der
KZV BW

Die Pilotstudie von Dr. Frank Oberzaucher zum Thema „Zahnärztliche Betreuung von Pflegeeinrichtungen“ ist für die meisten zahnärztlichen Leser etwas Neues: Sie ist eine qualitative Studie.
Wer den Abschlussbericht dieses Forschungsvorhabens für die „Nachwuchsakademie Versorgungsforschung Baden-Württemberg“ liest, merkt schnell, dass hier ein ganz direkter Weg beschritten wird, um die Realität der Versorgung zu erfassen, sie strukturiert auszuwerten und aus den Ergebnissen sinnvolle Schlussfolgerungen zu ziehen. Dr. Frank Oberzaucher hat drei unterschiedliche methodische Ansätze für seine wissenschaftliche Erhebung genutzt: die teilnehmende Beobachtung, Fokusgruppengespräche und Einzelinterviews. Jede dieser Methoden ist an wissenschaftlich validierte Verfahren gebunden und bietet direkten Zugang zu den Erfahrungen der Menschen, die Versorgung gestalten bzw. von ihr erreicht werden. Die Betroffenen kommen selbst zu Wort. Der Forscher erhebt Daten in Gestalt von Gesprächssequenzen, die er systematisch in Bezug auf die von ihm gestellten Forschungsfragen auswertet.
In der Versorgungsforschung kommt es nicht nur auf quantitative Zielvariablen an, wie z. B. auf den Erhalt von Zähnen. Im Fokus steht auch das Erleben von Versorgung. Schon im Vorgespräch zur Pilotstudie wurde deutlich, dass eine Erhebung und Auswertung klinischer Daten keine Erkenntnisse über die Bewährung des neuen Vertragswerkes versprechen würde. Deswegen wurde von der Akademie vorgeschlagen, eine qualitative Studie zur Bearbeitung der relevanten Forschungsfragen einzusetzen. In den von Dr. Oberzaucher erhobenen Wortprotokollen zeigen sich Herausforderungen, Erfolge und Fehlschläge. Die Betroffenen benennen Wünsche, Haltungen, erfüllte Erwartungen und Enttäuschungen. Das wissenschaftliche Material des qualitativen Forschers sind die in den Gesprächen und Interviews erhobenen Wortbeiträge.
Das Konzept, die durch die Kooperationsverträge nach § 119b SGB V geschaffene neue Versorgungswirklichkeit durch eine qualitative Studie zu analysieren, ist aufgegangen. Die Studie von Dr. Frank Oberzaucher bietet einen breiten Überblick über Erfolge und Unerledigtes. Für den Erfolg steht die Zufriedenheit derer, die die Versorgung leisten müssen und die Zunahme an Lebensqualität der von der Versorgung Betroffenen. Das Unerledigte, wie z. B. der nach wie vor geringe Stellenwert der Mundhygiene im Pflegegeschehen und die problematische Personalsituation in den Pflegeeinrichtungen, fordert zu einer gezielten Verbesserung der hier untersuchten Betreuung heraus.
Es bleibt zu wünschen, dass in Zukunft das Mittel der qualitativen Studie mehr Anwendung und mehr Aufmerksamkeit bei der Weiterentwicklung der zahnärztlichen Versorgung findet.

Prof. Dr. Winfried Walther
Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung
Karlsruhe

 

Neue Ausbildung nach dem Pflegeberufegesetz

 

Prämierter Vorreiter

Ausgabe 10, 2019

Das Pflegeberufegesetz löst ab dem 1. Januar 2020 das Altenpflegegesetz und das Krankenpflegegesetz ab. Gegenstand der Reform ist die Zusammenführung der bisher im Altenpflegegesetz und im Krankenpflegegesetz geregelten Ausbildungen in der Alten-, Krankenund Kinderkrankenpflege im Pflegeberufegesetz. Ab sofort liegen nun auch die Rahmenlehr- und Rahmenausbildungspläne vor. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat sie am 1. August veröffentlicht. Pflegeschulen und die Träger der praktischen Ausbildungen erhalten damit konkrete Vorschläge für die Ausgestaltung der neuen Ausbildungen nach dem Pflegeberufegesetz.

Zur Erarbeitung des Rahmenlehrplans und des Rahmenausbildungsplans für die berufliche Ausbildung in der Pflege wurde im November 2018 eine Fachkommission für die Amtsdauer von fünf Jahren eingesetzt. Das Gremium bestand aus elf ehrenamtlichen pflegefachlichen, pflegepädagogischen und pflegewissenschaftlichen Expertinnen und Experten. Die Besetzung spiegelte die verschiedenen Versorgungsbereiche der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege wider.
Am 26. Juni 2019 hat die Fachkommission die Rahmenpläne an Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn übergeben. Im Anschluss haben beide Ministerien sie auf die Vereinbarkeit mit dem Pflegeberufegesetz geprüft. Diese Prüfung konnte innerhalb von vier Wochen mit positivem Ergebnis abgeschlossen werden.




Erprobt. Das erprobte LZK-Konzept für die Altenpflegeaus- und -fortbildung wird bei zahlreichen Schulungsveranstaltungen für Mitarbeiter/innen stationärer Einrichtungen im Land vorgestellt.

Konzept von BZÄK und DGAZ. Erstmals stehen nun bundeseinheitliche Rahmenpläne für die beruflichen Pflegeausbildungen zur Verfügung. Sie haben empfehlende Wirkung und können von den Ländern zur Entwicklung ihrer Lehrpläne und von den Trägern der praktischen Ausbildung für ihre Ausbildungspläne herangezogen werden.
Im Rahmen des lange währenden Gesetzgebungs- und Verordnungsverfahrens hatten die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und die Deutsche Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) mehrfach die curricularen Bausteine zur „Mundhygiene in der Pflegeausbildung“ an die Ministerien und Pflegefachverbände eingebracht, um das Thema Mundgesundheit in die Ausbildung von Pflegefachkräften zu integrieren.
Die zahnärztliche Initiative scheint von der Fachkommission angenommen worden zu sein: Eine Kompetenzvermittlung zu den Aspekten „Zahn- und Mundpflege, Mundschleimhauterkrankungen, Zahnstatus, Zahngesundheit“ wird in drei von insgesamt 11 curricularen Einheiten (CE) erwähnt, wobei sich die Kompetenzvermittlung auf die gesamte Ausbildungszeit verteilt. Zum Rahmenausbildungsplan gibt es neben einer geregelten Grundstruktur und den zu berücksichtigenden europarechtlichen Regelungen zu den wahrzunehmenden Einsatzbereichen, die jedoch nicht mit Stundenvorgaben verknüpft sind, keine weiteren Vorgaben hinsichtlich der zeitlichen Verteilung der konkreten Mundgesundheitsinhalte im Ausbildungsverlauf
Es werden lediglich Zeitrichtwerte für die elf curricularen Einheiten (CE) der Rahmenlehr- und -ausbildungspläne formuliert.

Prämierter Vorreiter. Die Landeszahnärztekammer hat bereits in den Jahren 2007 bis 2009 ein Konzept für die Zahn-, Mundund Zahnersatzpflege in der Altenpflegeausbildung entwickelt. Dieses auf Initiative von Dr. Klaus-Peter Rieger im Arbeitskreis Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung und im Ausschuss für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen der LZK BW entstandene Konzept ist anschlie- ßend im Rahmen einer Studie in Kooperation mit den privaten Altenpflegeschulen in BadenWürttemberg getestet worden und 2012 mit dem Wrigley-Prophylaxe-Preis ausgezeichnet worden. In der Folge ist das Konzept kontinuierlich angepasst und verbessert worden.
„Aktuell ist unser Konzept das einzige vollumfänglich entwickelte Aus- und Fortbildungsprogramm für die Zahn-, Mund- und Zahnersatzhygiene in der Pflege in Deutschland“, betont der LZKReferent für Alterszahnheilkunde Dr. Elmar Ludwig, der auch maß- geblich an der Erarbeitung des Konzeptes beteiligt war. Seit Bekanntwerden der Reform der Pflegeausbildung hat die Landeszahn- ärztekammer den neuen Ansatz aufgenommen und das Konzept daran angepasst. „Unser Konzept lässt sich heute problemlos in die neu formulierte Konzeption der Pflege-Ausbildung einbinden“, betont Dr. Ludwig. Jedes Jahr werden in Baden-Württemberg zu dem Konzept zwei Kalibrierungsveranstaltungen für Interessierte aus der Pflege angeboten.

Weitere Professionalisierung. Zur weiteren Professionalisierung und Umsetzung des Konzeptes als internetbasiertes und flächendeckend verfügbares E-LearningProgramm ist die Landeszahnärztekammer derzeit mit der Hochschule Neu-Ulm (HNU) im Gespräch. Geplant ist ein Praxis-Projekt, das die Hochschule Neu-Ulm in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) und der Landeszahn- ärztekammer Baden-Württemberg durchführt. Ein abschließender Bescheid auf Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wird im Herbst 2019 erwartet.

»mader@lzk-bw.de

 

Sozialminister Manne Lucha über die zahnärztliche Versorgung

 

Baden-Württemberg ist hervorragend aufgestellt

Ausgabe 10, 2019

Ausdrücklich gelobt hat Sozialminister Manne Lucha die zahnärztliche Versorgung im Land, so auch die präventiven und kurativen Behandlungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftigen. Lucha würdigte das hohe Engagement: „Sie sehen nicht nur den Patienten, sondern den Menschen“, sagte er zu Dr. Guido Elsäßer und seinem Team beim Praxisbesuch Mitte August im Rahmen seiner Sommertour durch Baden-Württemberg. „Wir sind hier in einer Praxis, die sich in besonderem Maße um diese Menschen kümmert“, betonte Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KZV BW). Der Minister erhielt Hintergrundwissen zu den Versorgungsnotwendigkeiten und konnte tiefgehende Eindrücke gewinnen.

Mensch und Patient. Direkt am Patienten betonte Dr. Guido Elsäßer (links), wie wichtig es ist, den Menschen zu sehen in der zahnärztlichen Betreuung und Behandlung (v. r.): Dr. Christopher Hermann, Stefan Altenberger, Zahnärztin Sophia Baier, Dr. Ute Maier und Minister Manne Lucha.

In der Schwerpunkt-Praxis von Dr. Guido Elsäßer und Kollegen standen an diesem Mittwoch die Türen offen für Sozialminister Manne Lucha, AOK-Chef Dr. Christopher Hermann, KZV-Vorsitzende Dr. Ute Maier, Landrat des Rems-MurrKreises Dr. Richard Sigel, Bürgermeister der Gemeinde Kernen im Remstal Stefan Altenberger und Pressevertreter. Fast zwei Stunden lang vermittelten Dr. Elsäßer, Dr. Daniel Schöller, Zahnärztin Sophia Baier und das Praxisteam Hintergrundwissen zu zahnmedizinischen Vorsorgemöglichkeiten für Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf, gaben konkrete Einblicke in Behandlungssituationen und Informationen zu aktuellen Themen, darunter die ausufernde Bürokratie und die Anforderungen im Zusammenhang mit Datenschutz und Hygiene.

Keine Unterschiede. Die vor über 20 Jahren in Kernen-Stetten gegründete Praxis verfolgt das Prinzip der inklusiven zahnärztlichen Betreuung. Dr. Elsäßer: „Uns geht es darum, in der zahnärztlichen Betreuung keine Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderung in jedem Alter zu machen.“ Für alle Menschen gelte, Foto: Reiter Schmerzen zu vermeiden und schmerzfrei zu sein. „Der erste Schritt ist die Prophylaxe, bei Menschen mit und bei Menschen ohne Behinderung“, so Dr. Elsäßer – mit dem deutlichen Hinweis, dass die Behandlung von Menschen mit Behinderung besonders anspruchsvoll und auch zeitintensiver sei. Allerdings werde dies oft nicht angemessen honoriert.
Insofern stehe das Regelwerk des Bewertungsmaßstabs zahnärztlicher Leistungen (BEMA) vielfach dem zahnärztlichen Behandlungsanspruch entgegen. Das Prinzip der gesetzlichen Krankenversicherung, dass sich die Leistungen am Aufwand für Patienten ohne Behinderung bemessen, sei korrekturbedürftig.

Wichtiger Schritt. Baden-Württemberg gelte als Pionier in der Versorgung dieses Personenkreises, bekräftigte Dr. Ute Maier. Bereits 2007 vereinbarten AOK BW und KZV BW erste zusätzliche Präventionsleistungen für Versicherte in einer vollstationären Einrichtung der Hilfe für behinderte Menschen (Hintergrund zur Umsetzung des § 22a SGB V: s. Infokasten). Dies war ein wichtiger Schritt, um die zahnmedizinische Betreuung von Menschen mit Behinderungen zu verbessern“, so Dr. Maier. „Hier zeigt sich besonders, wie die gewachsene Vertragspartnerschaft zwischen Vertragszahnärztinnen und -zahnärzten und der AOK Baden-Württemberg wirklich spürbare Verbesserungen für die Menschen im Land bringt“, ergänzte der Vorstandsvorsitzende der AOK BW Dr. Hermann.
Man müsse am Ball bleiben, um flächendeckend eine optimale zahn- ärztliche Versorgung von Menschen mit Behinderungen unabhängig der individuellen Lebenssituation sicherzustellen, forderte die KZVVorstandsvorsitzende. „Das betrifft nicht zuletzt die Betreuung in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Hier sind bislang noch keine Kooperationsverträge mit Vertragszahnärzten wie im Bereich der stationären Pflege möglich.“

Einblicke. Dr. Guido Elsäßer (rechts) erläutert Sozialminister Manne Luche (2. v. r.), KZV-Chefin Dr. Ute Maier (links) und AOK-Chef Dr. Christopher Hermann die zahnmedizinischen Vorsorgemöglichkeiten für Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf.

Richtige Richtung. Mit der Verankerung entsprechender Leistungen im SGB V und im GKV-Leistungskatalog seit 2018 gehe es eindeutig in die richtige Richtung, war Minister Lucha überzeugt. „Dass in BadenWürttemberg darüber hinaus seit Jahren zusätzliche Leistungen zur Verfügung gestellt werden, zeigt, dass Baden-Württemberg in der zahnärztlichen Versorgung hervorragend aufgestellt ist.“ Lucha bekräftigte, dass regionale Handlungsmöglichkeiten im Gesundheitswesen eine wesentliche Grundlage für die gute Versorgung der Bürgerinnen und Bürger seien. „Die Versorgungsstrukturen im Land sind vorbildlich, gerade weil die Partner vor Ort die Bedarfe kennen, Verantwortung übernehmen und im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten Lösungen schaffen.“ Umso mehr gelte es jedoch, gerade die Zielgruppen in den Blick zu nehmen, bei denen es hinsichtlich der Zahngesundheit Nachholbedarf gibt.

Ziel. Für den Sozialminister lautete das erklärte Ziel, dass die Mundgesundheit und damit auch die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen nachhaltig verbessert werden. Dass es weiterhin großen Bedarf dafür gibt, ist während des Praxisbesuchs eindrucksvoll vermittelt worden. Ein großes Dankeschön des Ministers gab es für Dr. Guido Elsäßer, der seinen Urlaub unterbrochen hatte, Dr. Daniel Schöller, Zahnärztin Sophia Baier und das ganze Praxisteam.

»guido.reiter@kzvbw.de

 

Gemeinsame Erklärung von KZV BW und Wohlfahrtsverbänden

 

„Zahngesundheit als elementaren Bestandteil der Pflege verankern“

Ausgabe 10, 2019

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg und die Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e. V. setzen sich gemeinsam für eine feste Verankerung der zahnmedizinischen Versorgung in unseren Pflegestrukturen ein. Unter dem Titel „Erfolgreich Zahngesundheit und Zahnvorsorge als elementaren Bestandteil der Pflege verankern“ veröffentlichten sie am 11.9.2019 eine gemeinsame Erklärung.

Der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaft in eine „Gesellschaft des langen Lebens“. Dies schafft viele neue Möglichkeiten und Chancen, allerdings steigt daneben auch der Pflegebedarf. Alle Akteure im Gesundheits- und Sozialbereich sind deshalb gefordert, gute Bedingungen in der Pflege und eine hohe Qualität der medizinischen und zahnmedizinischen Versorgung für die Pflegebedürftigen zu gewährleisten.
Wichtig für die Lebensqualität von Pflegebedürftigen sind sowohl deren allgemeiner Gesundheitszustand als auch die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe. Die Mundgesundheit spielt dabei eine wichtige Rolle. Der Erhalt der eigenen Zähne und der Kaufähigkeit bis ins hohe Alter muss für alle pflegebedürftigen Menschen im Land möglich sein.
Durch eine wohnortnahe Versorgung und erfolgreiche Prophylaxe konnte die Zahngesundheit der älteren Bevölkerungsgruppen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert werden. Allerdings verschlechtert sich die Mundgesundheit dieser Menschen häufig innerhalb kurzer Zeit, wenn sie aufgrund von Einschränkungen und abnehmender Mobilität den Zahnarzt nicht mehr wie gewohnt aufsuchen können.
Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg und die Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e. V. setzen sich daher gemeinsam für eine feste Verankerung der zahnmedizinischen Versorgung in unseren Pflegestrukturen ein. Eine enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure in Gesundheit und Pflege ist der Schlüssel für eine nachhaltige Verbesserung der Zahngesundheit von pflegebedürftigen Menschen.
Seit 2014 haben Zahnärztinnen und Zahnärzte die Möglichkeit, Kooperationsverträge mit stationären Pflegeeinrichtungen abzuschließen. Durch die aktuelle Gesetzgebung sind Pflegeeinrichtungen verpflichtet, entsprechende Vereinbarungen zu treffen und die Kassenzahnärztliche Vereinigung ist gefordert, bei Anfragen kooperationsbereite Zahn- ärzte zu vermitteln. In den vergangenen Jahren wurden bereits zahlreiche solcher Kooperationsvereinbarungen geschlossen. Die Anzahl der Verträge steigt wöchentlich, bereits ein Drittel der Pflegeeinrichtungen verfügt über einen festen Kooperationszahnarzt.
Ziel der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e.V. ist es, die stationären Pflegeeinrichtungen sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte beim Abschluss von Kooperationsverträgen zu unterstützen und somit zu einer flächendeckenden Versorgung der Pflegebedürftigen beizutragen. Menschen in Baden-Württemberg, die sich in stationärer oder häuslicher Pflege befinden, sollen regelmäßig von der Betreuung durch einen Zahnarzt profitieren können. In der häuslichen Pflege sind Kooperationsverträge nicht erforderlich.

KZV BW