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Berufspolitik

Kammer-Konversation: Prof. Dr. Giovanni Maio

 

Zahnmedizin hat einen gesellschaftlichen Auftrag

Ausgabe 10, 2019

Die Denkanstöße von Prof. Maio in der Vertreterversammlung der Landeszahnärztekammer sollten nicht exklusiv sein, sondern in die Breite des Berufsstandes getragen werden. Das war die Intention von LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert. Er hat Prof. Maio deshalb in seinem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg besucht und ein Gespräch mit ihm geführt. „Der Zahnarzt hat eine enorme soziale Funktion“, betonte Prof. Maio mit großem Nachdruck in dem Gespräch. Lesen Sie, welchen gesellschaftlichen Auftrag Prof. Maio der Zahnmedizin zuschreibt und wo er die Zukunft der Zahnmedizin sieht.

Dr. Tomppert: Herr Prof. Maio, Sie haben bei unserer Vertreterversammlung den schönen Satz gesagt, „das Vertrauen dient zur Überbrückung des asymmetrischen Verhältnisses zwischen Arzt und Patient“.

Prof. Maio: Das Vertrauen ist für den Patienten eine notwendige Bedingung, um sich überhaupt helfen zu lassen. Der Patient ist in einer schwachen Position, weil er das, was der Arzt ihm sagt, nicht wirklich kontrollieren kann. Insofern muss der Patient antizipierend vertrauen können, um sich überhaupt in die Hände eines Zahnarztes zu begeben. Das heißt, das Vertrauen hilft dem Patienten, das Nichtwissen zu überbrücken. Obwohl ich als Patient nicht überprüfen kann, ob das, was der Zahnarzt mir empfiehlt, wirklich das Beste ist, folge ich dem – weil ich ihm vertraue. Ohne dieses Vertrauen würden sich Patienten gar nicht helfen lassen. Insofern ist es für die Zahnärzteschaft wichtig, in die Vertrauenswürdigkeit zu investieren. Was macht einen vertrauenswürdigen Arzt aus? Nicht nur, dass er handwerklich geschickt ist – das ist eine notwendige Bedingung ohne die man kein guter Zahnarzt sein kann – aber das Wissen um das handwerkliche Geschick ist nicht allein schon die Bedingung für das Vertrauen können. Vertrauen kann man erst, wenn man zudem sicher ist, dass der Arzt sein Können nur in meinem Sinne anwendet. Insofern richtet sich das Vertrauen auch auf eine moralische Qualität des Handelns: Der Arzt wird mein Wohl nicht verraten, er wird mir keine unanständigen Angebote unterbreiten, er wird mir nichts verkaufen wollen, sondern helfen wollen. Wenn der Patient dieses Gefühl hat, dann vertraut er. Wenn er Grund hat, an dieser Maxime zu zweifeln, wird er skeptisch. Und er wird möglicherweise auch einen guten Rat ausschlagen, weil er denkt, der Rat gilt gar nicht ihm, sondern nur dem Eigeninteresse des Arztes. Je mehr die Ärzte Marketing betreiben, je mehr sich Ärzte als Geschäftsleute ausgeben, desto mehr bauen sie die Grundlagen für das Vertrauenkönnen ab. Das Marktgebaren und die Verkaufsgesprä- che sind schädlich für die Zahnmedizin, sie führen zur Erosion des Vertrauens.

Dr. Tomppert: Wir machen sehr oft die Erfahrung, dass die Presse das Vertrauen in den Berufsstand und das Vertrauen unserer Patienten in uns erschüttern will, zuletzt war dies bei der Medienberichterstattung über die PZR der Fall, die als Abzocke und medizinisch unnötig bezeichnet wurde.

Prof. Maio: Ich denke, man muss unterscheiden zwischen dem Vertrauen in das System und dem Vertrauen in den einzelnen Arzt. Studien belegen immer wieder, dass Patienten ihrem einzelnen Arzt durchaus Vertrauen entgegenbringen, aber dem Gesamtsystem eher misstrauen. Und das ist natürlich ein Spannungsfeld. Wenn Patienten aber in Einzelfällen mit Verkaufs- und Marketinggesprächen konfrontiert werden, bevor sie behandelt werden, ist das bedenklich. Weil sie dann in ihrem von der Presse unterstützten Misstrauen in das System bestätigt werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Zahn- ärzte nicht als Verkäufer in Erscheinung treten und von Marketinggesprächen unbedingt absehen müssen. Denn diese Doppelrolle – einerseits Arzt, der sich am Wohl des anderen orientiert und zugleich in der gleichen Person Verkäufer, der in dem Moment, in dem er etwas verkaufen will, das Eigeninteresse in den Mittelpunkt stellt – führt zu einem Infragestellen des Vertrauensverhältnisses. Das ist kein Plä- doyer gegen Igelleistungen, denn es gibt hilfreiche Igelleistungen, sondern es ist ein klares Plädoyer gegen Verkaufsgespräche. Ein guter Arzt investiert in eine gute Beratung und nicht in ein geschicktes Verkaufen.

Dr. Tomppert: Das heißt, wir vergewerblichen uns selbst durch dieses Verkaufs- und Marketinggebaren?

Prof. Maio: Ja, das ist ein ganz großer Fehler der Zahnärzte. Dass die Zahnmedizin meint, berechtigt zu sein, neben das Ärztliche auch das Gewerbliche zu stellen. Das ist ein falsches Denken, weil Zahnmedizin kein Gewerbe sein darf. Natürlich kann die Zahnmedizin im Einzelfall durch Marketing etwas verkaufen und dadurch ökonomisches Interesse verwirklichen, aber das rächt sich. Denn man tauscht in dem Moment, in dem man etwas verkauft automatisch die Rollen. Und ein Zahnarzt, der sich dazu verleiten lässt, als profaner Verkäufer aufzutreten, wird sich mittelfristig selbst abschaffen. Denn verkaufen können andere besser. Der Patient geht nicht zum Zahnarzt, um ein Geschäftsverhältnis mit dem Zahnarzt einzugehen, sondern weil er sich Hilfe erhofft. Deswegen begehen die Zahnärzte einen Fehler, wenn sie der Vermarktlichung ihres Berufsstandes unreflektiert nachgeben und sogar durch eigenes Verhalten befördern.

Dr. Tomppert: Es hat mir sehr gut gefallen, dass Sie in der Vertreterversammlung dazu aufgerufen haben, dass wir uns gegen den Begriff des Leistungserbringers, der sich in der Öffentlichkeit festgesetzt hat,wehren sollen.

Prof. Maio: Der Zahnarzt ist kein Leistungserbringer, sondern er ist Arzt. Bezeichnet man ihn als Leistungserbringer, stellt man ihn auf die gleiche Ebene wie den Frisör. Aber da gibt es eklatante Unterschiede. Der Frisör ist wichtig, keine Frage. Aber der Zahnarzt ist Arzt und dadurch ist er Vertreter einer Profession. Profession bedeutet, dass er abwägen muss, um zu klären, was wichtig ist. Und Profession bedeutet, dass er eine advokatorische Funktion einnimmt, als Anwalt des Patienten. Profession bedeutet, dass derjenige, der in Beziehung tritt mit dem Patienten automatisch gemeinwohlverpflichtet ist. Sonst wäre er keine Profession, er wäre nur Gewerbe. Er ist aber dem Gemeinwohl verpflichtet. Das heißt, er kann sich nur dann Profession bzw. Arzt nennen, wenn er verdeutlicht, dass es ihm um den anderen geht, ohne sein eigenes Interesse zu negieren. Aber das eigene Erwerbsinteresse darf keinen Einfluss nehmen auf die Art der Beratung. Das ist das Entscheidende. Zahnärzte dürfen das Interesse haben zu verdienen, aber sie dürfen das Verdienst interesse nicht über das Wohl des Patienten stellen, damit der Patient darauf vertrauen kann, in jedem Fall einen guten ärztlichen Rat zu erhalten.

Dr. Tomppert: Herr Prof. Maio, Sie sagen zu Recht, der Zahnarzt ist Advokat seiner Patienten. Aber diese Rolle beansprucht die Politik heute für sich. Sie sieht sich als Advokat der Patienten. Das ist eine komplette Verdrehung der Rollen. Stichwort Patientenschutz: Der Patient muss vor seinem Arzt geschützt werden.

Prof. Maio: Das ist ein Fehler der Politik. Weil die Politik nicht darauf vertraut, dass die Ärzte professionell vorgehen. Das hat viele Gründe. Auch die, dass die Ärzte selbst dabei versagt haben, nach au- ßen hin zu verdeutlichen, dass man ihnen restlos vertrauen kann. Deswegen sind die Debatten um Verdienstinteressen sehr schädlich. Weil damit der Eindruck in der Öffentlichkeit entsteht, dass es den Ärzten primär um sich geht. Deswegen ist Marketing so gefährlich. Ärzte, die Marketing betreiben, bringen zum Ausdruck, dass sie sich als Kaufleute verstehen. Dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn ein Verbraucherschutz implementiert wird. Wenn die Zahn- ärzte sich als Verkäufer ausgeben, dann werden sie konfrontiert mit entsprechenden Verbraucherschutzkonzepten. Deswegen müssen die Ärzte verdeutlichen, dass sie Vertreter eines Freien Berufes sind, kein Gewerbe, sondern Medizin betreiben und dass sie sich um ihre Patienten kümmern wollen und dadurch Anwälte ihrer Patienten sind. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Selbstverwaltung darauf pocht, dass sie die Kontrollfunktion, die die Politik meint ausüben zu müssen, selbst ausübt. Die Selbstverwaltung muss die Ärzte bestrafen, die dem Patientenwohl nicht gerecht werden. Natürlich brauchen die Patienten einen Schutz. Nicht jeder Arzt ist automatisch ein Garant für das Wohl des Patienten. Es gibt Ärzte, die ihren Status ausnutzen, und diese Ärzte müssen vonseiten der Selbstverwaltung sanktioniert werden. Aber das sind Einzelfälle. Je mehr man die Sanktionen unterlässt, desto mehr werden diese Einzelfälle generalisiert und dann entsteht ein kollektives Misstrauen. Das ist ein sehr alter Topos, aber in der Akzentuierung ist er neu, weil die Politik den Fehler macht, eine Misstrauenskultur zu implementieren, die sich am Ende gegen den Patienten richtet. Die Misstrauenskultur durch eine Überbürokratisierung, eine Überreglementierung und eine überbordende Kontrolle, die eine Hermeneutik des Verdachts evoziert und am Ende nur noch eine Gängelung ist. Die gegenwärtige Kontrollkultur suggeriert, man müsse die Ärzte ständig kontrollieren, damit sie ärztlich tätig sind. Aber das ist ja ein grundlegender Gedankenfehler. Die Ärzte wollen ärztlich tätig sein und haben eine intrinsische Motivation, sich um die Patienten zu kümmern. Je mehr man sie aber mit einem Kontrollwahn gängelt, desto mehr unterstellt man ihnen, dass sie ohne diese Kontrolle gar nicht gut handeln können. Dabei verhindert gerade die Überkontrolle ein gutes patientenorientiertes Handeln. Insofern glaubt die Politik gar nicht mehr an die Professionalität der Ärzte. Sondern sie hat die Vorstellung von Ärzten als schematische Reparateure, die man unterfüttern muss mit Handreichungslogiken und Schaltplänen, damit man ein gut funktionierendes System unterhalten kann. Das ist eine eklatante Fehleinschätzung.

Dr. Tomppert: Ich teile Ihre Auffassung, wonach die Selbstverwaltung die schwarzen Schafe sanktionieren muss, zum Schutz des gesamten Berufsstandes. Das wird nicht immer angenehm sein, die Kammer ist dann nicht nur der Partner. Aber das muss sein, denn die negativen Einzelfälle zerstören das Gesamtbild.

Prof. Maio: Im Interesse der Glaubwürdigkeit der gesamten Zahnärzteschaft müssen die schwarzen Schafe bestraft werden. Momentan ist es eher so, dass der Zahnarzt, der sich wenig um die Patienten kümmert und Patienten stromlinienförmig durchschleust, ökonomisch belohnt wird. Und diejenigen, die gewissenhaft vorgehen, werden bestraft. Die Anreize sind falsch. Das ist das Problem. Die Anreize befördern die Zahnärzte, die nur schematisch vorgehen. Und ich finde, gerade die ärztliche Selbstverwaltung hätte hier die Aufgabe, bestimmte notwendige Grundhaltungen zu unterstützen und zu fördern. Einerseits durch entsprechende Wertschätzungskultur, aber zugleich auch durch entsprechende Ausgestaltung der Gebührenordnung, durch die die Gewissenhaftigkeit und die Gründlichkeit und die Sorgfalt der Zahnärzte belohnt wird, weil genau das die zentralen ärztlichen Werte sind. Wenn nur die Aktion bezahlt wird und nicht die Sorgfalt in der Indikationsstellung, dann belohnen Sie die Falschen. Und da müsste man gegensteuern. Zahn- ärzte müssten vielmehr darin bestärkt werden, in Gespräche zu investieren und nicht dazu animiert werden so viel wie möglich zu machen. Manchmal ist der minimale Eingriff der bessere.

Dr. Tomppert: Die Zahnärzte sind in den letzten 30 Jahren in eine neue Rolle hineingewachsen. Über die Zahnbehandlung hinaus werden wir heute auch angesprochen, ob wir nicht beim ebenfalls in Behandlung befindlichen Ehemann darauf drängen können, dass er den Führerschein abgibt.

Prof. Maio: Das, was Sie beschreiben, zeigt eindeutig, dass der Patient den Zahnarzt als Arzt wahrnimmt. Er würde einem Autoverkäufer solche Dinge nicht erzählen. Und Arzt zu sein bedeutet automatisch ganzheitlich orientiert zu sein. Den ganzen Menschen zu sehen. Und es zeigt auch, dass gerade die Zahnärzte es zunehmend mit Patienten zu tun haben, die sich in prekären Situationen befinden, zum Beispiel Patienten in Altenpflegeeinrichtungen oder Patienten, die alt und vereinsamt sind oder Patienten, die noch nicht mündig sind. Deshalb hat der Zahnarzt eine enorme soziale Funktion. Weil er gerade dort gefragt ist, wo Patienten sich am Rande des Lebens bzw. am Rande der Gesellschaft befinden. Die Zukunft der Zahnmedizin besteht darin, sich um vulnerable Patientengruppen zu kümmern. Patienten in Altenpflegeeinrichtungen, allein gelassene Menschen zu Hause, die nicht mehr selbstständig den Zahnarzt aufsuchen können. Die Zukunft der Zahnmedizin liegt darin, dass sie sich als eine soziale Praxis verstehen muss, die sich gerade der Patienten annehmen muss, die sich selbst nicht helfen können. Das ist etwas ganz anderes als sich um Kunden zu kümmern. Die Zahnmedizin muss viel mehr in den zwischenmenschlichen Bereich investieren und ihre eigene Identität neu justieren. Die Zahnmedizin muss sich wieder als Medizin verstehen, die sich ohne die Zuwendung zum anderen nicht verwirklichen kann. Zahnmedizin hat einen gesellschaftlichen Auftrag, sich um die Menschen zu kümmern, die hilfsbedürftig sind und die von sich aus nicht den Weg zum Zahnarzt finden würden.

Dr. Tomppert: Wir sind bereits sehr engagiert im Bereich der zugehenden Betreuung. Gerade sind wir dabei, für die von Ihnen angesprochenen vulnerablen Patientengruppen neue Projekte zu entwickeln. Wir wollen die erfolgreiche Arbeit in der Jugendzahnpflege auf ältere Menschen übertragen, eine Landesarbeitsgemeinschaft Pflege gründen.

Prof. Maio: Wie schön. Das ist hoffnungsstiftend, dass Sie solche Initiativen auf den Weg bringen.

Dr. Tomppert: Vielen herzlichen Dank, Herr Prof. Maio. Es war ein wunderbares Gespräch! Sie sehen zum Glück nicht, wie ich mich während des Gesprächs ständig selbst hinterfragt habe.

 

Hygiene und Ökologie in der Praxis

 

Zahnmedizin goes green

Ausgabe 10, 2019


Mit ihren Demonstrationen hat es die Fridays-for-Future-Bewegung geschafft, das Thema Klimaschutz weltweit auf die Agenda zu setzen. In Deutschland überbieten sich die Politiker mit Ideen zum Klimaschutz: Abwrackprämie auf alte Ölheizungen, Verbot von Plastiktüten, höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch, Erhöhung der Luftverkehrsabgabe, Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Bahntickets … um nur einige der zahlreichen Vorschläge zu nennen. Jetzt ist das Thema auch im Gesundheitswesen angekommen. Das Fraunhofer-Institut für Systemund Innovationsforschung hat im Auftrag des Umweltbundesamtes das Projekt „Ressourcenschonung im Gesundheitssektor“ initiiert.

Auf den deutschen Gesundheitssektor entfallen jährlich etwa 100 Millionen Tonnen Rohstoffe insgesamt, die mit der Erbringung aller Gesundheitsleistungen benötigt bzw. konsumiert werden. Dazu zählen der Einsatz von medizinischen Geräten und Produkten, Reinigungs- und Desinfektionsmittel und die Infrastruktur. Das Fraunhofer-Institut für Systemund Innovationsforschung (ISI) untersucht im Auftrag des Umweltbundesamtes erstmals, wie der Materialeinsatz im Gesundheitssektor gesenkt und dadurch natürlich Ressourcen geschont werden können, ohne dass die Sicherheit, Qualität oder auch die Wirtschaftlichkeit der Versorgung darunter leiden. Mit ihrer aktuellen Befragung will das ISI erheben, inwiefern sich die Akteure des Gesundheitssektors mit dem Thema Ressourcenschonung auseinandersetzen, welche Faktoren das ggf. bisher verhindert haben, welche Maßnahmen vielleicht bereits ergriffen wurden oder welche Unterstützung als hilfreich angesehen würde. Die Antworten sollen dazu beitragen, Handlungsbedarfe und Handlungsoptionen für mehr Ressourcenschonung im Gesundheitswesen aufzuzeigen.

Initiative aus BW. Die Bundeszahnärztekammer hat die Mitglieder des Ausschusses Praxisführung und Hygiene in ihrer letzten Sitzung über das Projekt des ISI informiert und aktuell um Unterstützung gebeten, sprich dazu aufgefordert, sich an der Umfrage des ISI zu beteiligen. Hintergrund für die Aktivitäten der Bundeszahnärztekammer ist jedoch eine Initiative aus Baden-Württemberg. Unter dem Stichwort „Zahnmedizin goes green“ hatte LZK-Praxisführungsreferent Dr. Norbert Struß im Ausschuss auf Bundesebene das Thema auf die Tagesordnung gebracht, nachdem bereits im Praxisführungsausschuss der Landeszahnärztekammer BadenWürttemberg über die Themen Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin und ökodentaler Fingerabdruck diskutiert worden war
Welche Themenfelder sind beim Stichwort Ressourcenschonung in der Zahnarztpraxis denkbar? Die Palette ist breit und reicht von Verbrauchsartikeln aus Recyclingmaterial, Einmal- vs. Mehrfachbenutzung z. B. bei Mundspülbechern, Lätzchen, Sauger, Sprayaufsatz und Grundbesteck, amalgamfreie Praxis über Digitalisierung, umweltgerechte Desinfektionsmittel, ressourcenschonende Aufbereitung von Medizinprodukten vs. Einmal-Instrumente, Wertstoffsammlung in der Praxis bis zu Sterilgutcontainer vs. Einwegsterilverpackungen, kompostierbare Artikel, Wiederverwendung gebrauchter Geräte und Materialwirtschaft.

Initiativen. „Hygiene ist uns sehr wichtig. Aber durch immer strengere Hygiene-Auflagen werden im medizinischen Bereich mehr und mehr Einweg-Artikel und Plastikverpackungen notwendig. Im Zuge der allgemeinen Diskussion um Plastikabfälle haben einige Zahn- ärzte sich zusammengetan und wollen versuchen, im Praxisalltag unnötigen Müll zu vermeiden. Wir auch! Unsere Praxis verbraucht im Quartal etwa 2.000 Mundspülbecher aus Plastik. Das macht 8.000 Becher im Jahr. Die müssen wir nach einmaligem Gebrauch wegwerfen. Bitte helfen Sie uns dabei, Plastikmüll zu reduzieren. Bringen Sie zu Ihrem nächsten Termin einfach Ihr Zahnputzglas mit!“ Das ist eine Initiative aus dem Hohenlohekreis. In der Praxis von Dr. Imogen Wilde in Öhringen findet sich die Aufforderung an die Patienten ihr eigenes Zahnputzglas mitzubringen als Aushang im Wartezimmer und auf der Praxis-Webseite. „Pro Tag bringt vielleicht ein Patient sein Zahnputzglas mit, die Patienten denken oftmals noch nicht daran, aber wir hoffen, dass sich die Idee durchsetzt“, sagt Dr. Imogen Wilde. Die Idee stammt aus ihrem Qualitätszirkel, erzählt sie, „meine Kollegin Nicole Dörr aus Dörzbach hat mich darauf gebracht“. „Ein anderer Kollege aus dem Qualitätszirkel verwendet Gläser als Mundspülbecher“. An weiteren Ideen der Kolleginnen und Kollegen zur Nachhaltigkeit in der Zahnarztpraxis ist sie brennend interessiert.
Schon seit längerem macht sich Martin Jablonka Gedanken, welche ökologisch-korrekten Produkte für eine Praxis zu nutzen sind und wie man Müll minimieren kann. Auslöser dafür waren die neue regionale Abfallverordnung und die Praxisbegehung 2018.
„Ich musste Umweltschutz, Datenschutz und Hygieneverordnung irgendwie unter einen Hut bekommen. Das Aufrüsten zur Erfüllung der RKI mit Einmalturbinen und Einmalinstrumentarien führte meine Grundintention völlig ad absurdum“.
Inzwischen verwendet der Bad Säckinger Zahnarzt seine Restbestände von Einmalinstrumentarien nur noch in den Altenpflegeeinrichtungen, in denen er als Senioren- und Behindertenbeauftragter aktiv ist.
Im Bürobereich wird auf Nachhaltigkeit durch den Einsatz von Recyclingmaterialien und dem Ausbau der digitalen Möglichkeiten gesetzt. Faxpapier wird intern auf der Rückseite erneut verwendet.
„In puncto Mülltrennung ist jetzt die Biotonne angekommen. Und wir haben zu einem Ökostromanbieter gewechselt und auf LEDLeuchtmittel umgestellt.
Ökologie kann nicht per „HauRuck-Verordnung“ gesteuert werden, sondern es ist ein langsamer Prozess, bei dem sich jeder Akteur gut fühlen sollte.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt für Martin Jablonka ist, dass möglichst Geräte und Produkte in der Praxis benutzt werden, die nachweislich ohne Kinderarbeit produziert wurden. „Hier sehe ich aber noch viel politischen Handlungsbedarf.“

Ökologisches Bewusstsein. „Wir haben nur eine Welt und die haben wir von unseren Kindern und Enkelkindern geliehen – es gilt sie schonend zu behandeln und möglichst unversehrt weiterzugeben.“ Das ökologische Bewusstsein ist bei Dr. Thomas-Rainer Schlachta tief verwurzelt. Seine Motivation verstärkte sich nochmals während des Familienurlaubs 2018 auf den Nordseeinseln Föhr und Pellworm nach der Geburt seines dritten Enkelkindes, als er täglich mit der Plastikmüllflut an der Küste konfrontiert wurde. Die vielen Ehrenamtlichen, die täglich die Strände und Deiche von Groß- und Kleinplastikteilen säuberten, haben ihn nicht nur tief bewegt, sondern auch zu vermehrtem Handeln angetrieben – seither sieht er sich in der Zahnarztpraxis noch mehr in der Pflicht, die Umwelt soweit wie möglich zu schonen.
Der Plastikmüll habe auch in der Praxis in den vergangenen 25 Jahren um 600 Prozent zugenommen, der Restmüll um das Fünf- bis Sechsfache und selbst das Altpapier habe sich verdoppelt, berichtet Dr. Schlachta. „Es muss sich dringend etwas ändern“.
Bei der FVDZ-Hauptversammlung 2018 in Lübeck initiierte er über den Landesverband BadenWürttemberg den Antrag „Hygienerichtlinien und Umweltschutz“, der dann einstimmig verabschiedet wurde. Gesetzgeber wie Fachministerien der Gesundheit und der Umwelt werden darin aufgefordert, bei den Hygienerichtlinien auch Umweltaspekte angemessen zu berücksichtigen.
„Die nicht an unseren Berufsstand angepassten Hygienerichtlinien ‚zwingen‘ uns zu einem exorbitanten Einsatz von Einmalartikeln und vorwiegend Kunststoffprodukten“, heißt es in der Begründung.
Beim Thema Nachhaltigkeit in der Zahnarztpraxis sieht Dr. Schlachta insbesondere die Hersteller in der Pflicht: „Die Hersteller sollten sich bei jedem Produkt und bei jeder Verpackung fragen, ob sie wirklich notwendig sind. Das oberste Ziel müssen Mehrwegprodukte sein. Technische Geräte sollte man reparieren können und nicht einfach wegwerfen müssen, wenn sie kaputt sind. Die Serviceintervalle sollten verlängert und der Austausch von Teilen auf ein Minimum beschränkt werden“.
Auch kann sich Dr. Schlachta sehr gut die Einführung des „Grü- nen Punktes“ in der Medizin vorstellen, beispielsweise zur Rückführung von Infusionsflaschen. Um die Papierflut einzudämmen, denkt er an online zur Verfügung gestellte Bedienungs- und Wiederaufbereitungsanleitungen und plädiert für eine Negativdokumentation statt der üblichen Positivdokumentation.
Am wichtigsten sei jedoch das Einwirken des Umweltministeriums, „die Politik muss die Hersteller in die Pflicht nehmen“. Mit dem LZK-Referenten für Praxisführung Dr. Norbert Struß hat Dr. Schlachta anlässlich der Vertreterversammlung der BZK Freiburg im vergangenen Jahr jetzt einen engagierten Mitstreiter gefunden, der das ökologische Thema auf die Bundesebene und in die zuständigen Gremien dort getragen hat.


Abfallaufkommen. Im Jahr 2017 sammelten die Städte und Gemeinden in der EU rund 249 Millionen Tonnen Abfälle ein. Damit vergrößerte sich der Müllberg das vierte Jahr in Folge.Statistisch gesehen hat jeder EU-Bürger 486 Kilogramm Müll erzeugt.

Klimaretter – Lebensretter. Auf Betreiben der Landeszahn- ärztekammer Baden-Württemberg wird das Thema im BZÄK-Ausschuss Praxisführung und Hygiene weiterverfolgt. Auf einem Workshop des Fraunhofer-Instituts zur Ressourcenschonung im Gesundheitswesen wurden verschiedene Projekte vorgestellt, die sich mit der Thematik Umwelt und Gesundheit beschäftigen – immer unter dem Vorbehalt, dass die Patientensicherheit nicht gefährdet werden darf. Im Mittelpunkt des Workshops standen insbesondere Möglichkeiten im Krankenhaus. Vertreter der ambulanten Ärzteschaft waren kaum vertreten. Ein Projekt „Klimaretter – Lebensretter“ fokussiert jedoch direkt auf ambulante Praxen. Als teilnehmende Praxis erhält man ein ausgearbeitetes Klimaschutzpaket. Ein Projektleitfaden und ausführliche digitale Materialien leiten bei der Umsetzung des praxisinternen Klimaschutzprojekts an und geben Empfehlungen und Vorschläge für die erfolgreiche Umsetzung an die Hand. Textbausteine für Mitarbeitermotivation und Öffentlichkeitsarbeit sowie Druckvorlagen für Poster, Flyer und Rollup unterstützen den Praxisinhaber auf dem Weg zum Klimaretter. Das Klimaschutzprojekt ist ein Baustein für den Nachhaltigkeitsbericht oder für die Umweltzertifizierung (z. B. nach EMAS, ISO 14001). Das Projekt sensibilisiert für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Aktionen wie Treppe statt Aufzug oder Standby vermeiden sind ohne zeitlichen Aufwand und eigene Investitionen umsetzbar und beeinträchtigen die Arbeitsabläufe der Beschäftigten nicht.

Kammer goes green. Dr. Norbert Struß hat das Thema Nachhaltigkeit in der Zahnarztpraxis inzwischen auch in die Entscheidungsgremien auf Bundes- und Landesebene getragen. „Wir werden die Thematik im Dialog mit Politik, Verordnungsgebern und insbesondere den Medizinprodukteherstellern weiter aktiv verfolgen“, sichert Dr. Norbert Struß zu.

»mader@lzk-bw.de

 

Das Zahnärzte-Praxis-Panel erneut gestartet

 

Rücksendefrist läuft noch bis Ende November

Ausgabe 10, 2019

Die Teilnahmeunterlagen wurden Anfang September an die Praxen verschickt: Das Zahnärzte-Praxis-Panel (ZäPP) startet erneut und soll wie in den vergangenen Jahren Einblicke in die wirtschaftliche Lage der Zahnarztpraxen ermöglichen und eine solide Datenbasis für die Vertragsverhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen schaffen. In Baden-Württemberg als Vorreiter bei ZäPP erfolgt diese Erhebung bereits zum dritten Mal.

Was ist eigentlich ein Panel? Ein Panel ist eine Erhebung, die nicht nur einen Ist-Zustand wiedergeben, sondern Veränderungen sichtbar machen soll. Dabei werden über mehrere Jahre hinweg die gleichen Faktoren mit der gleichen Methode abgefragt.

Was ist Ziel der Erhebung? Das Zahnärzte-Praxis-Panel (ZäPP) soll mehr Transparenz in die vertragszahnärztliche Tätigkeit bringen und eine verlässliche Datengrundlage für die Vergütungsverhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen liefern. Dies ist besonders wichtig, da alle offiziellen Preissteigerungsindizes nicht die tatsächliche Entwicklung in den Praxen widerspiegeln.

Wie wird ZäPP durchgeführt? Das von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und den Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder getragene Zentralinstitut für die kassen- ärztliche Versorgung (Zi) organisiert die Erhebung.
Die Praxen erhalten einen Fragebogen zu den folgenden Themen:

  • Art der Praxis
  • Personalausstattung, Versorgungsstruktur, Arbeitszeit der Praxisinhaber und der Praxismitarbeiter
  • Erbrachte zahnärztliche Leistungen
  • Aufwendungen und Erträge auf der Grundlage der steuerlichen Überschussrechnung.
Für die Angaben zu Erträgen und Aufwendungen der Praxis benötigt der Teilnehmer die Unterstützung des Steuerberaters. Teilnehmende Praxen werden gebeten, die ausgefüllten Erhebungsunterlagen bis Ende November 2019 an die Treuhandstelle des Zi zurückzuschicken. Wer bereits in den letzten Jahren teilgenommen hat, muss nur noch die Daten des aktuellen Abfragejahres übermitteln.

Was haben Sie davon? Je mehr Praxen am ZäPP teilnehmen, umso verlässlicher die Datengrundlage und umso stärker die Argumente in den Vertragsverhandlungen. Sie können mit Ihrer Teilnahme also unmittelbar etwas für eine leistungsgerechte Vergütung von Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen tun und dazu beitragen, dass Kostenentwicklungen berücksichtigt werden.
Außerdem erhalten Sie nach Abschluss der Erhebung kostenlose Feedbackberichte und Zugang zu einer individuellen Chef- übersicht. Diese stellt grafisch aufbereitet die Entwicklung der Einnahmen- und Kostenstrukturen der Praxis in den vergangenen Jahren dar und kann durch Szenario-Analysen etwa zu Auswirkungen von Investitionen oder Veränderungen beim Praxispersonal auch für die weitere Finanzplanung genutzt werden.

Wie sicher sind Ihre Daten? Die erhobenen Praxisdaten werden streng nach den Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes und der EU-Datenschutz-Grundverordnung behandelt. Für die Handhabung der eingesendeten Unterlagen ist ein unabhängiger Treuhänder eingeschaltet.
Weder das Zi noch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) können Kenntnis von der Identität der Teilnehmer erhalten. Allein die Treuhandstelle des Zi kann die Einsendungen der Teilnehmer entgegennehmen, die Auszahlung der Aufwandspauschale anweisen und den Kontakt mit den Teilnehmenden führen.

Wie wichtig ist Ihre Teilnahme? Im letzten Jahr sind bundesweit 4.700 ausgefüllte Erhebungsbö- gen eingegangen. Das bedeutet eine Rücklaufquote von knapp 13 Prozent. Für den Erfolg von ZäPP und für die Verlässlichkeit der Daten ist es wichtig, dass viele Praxen über mehrere Jahre teilnehmen. Doch auch, wer bisher noch keine Daten bereitgestellt hat, kann die Erhebung ganz konkret unterstützen, denn je mehr Praxen sich insgesamt beteiligen, umso repräsentativer sind die Daten.

»holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

#11Pfennig

 

BZÄK-Kampagne zur Anpassung des GOZ-Punktwerts

Ausgabe 10, 2019

Ein Mauerfall, eine Wiedervereinigung und eine neue Währung, neun Gesundheitsminister/innen, fünf US-Präsidenten und sogar drei Päpste hatten wir seit 1988. Geblieben ist lediglich der GOZ-Punktwert für die Bewertung privatzahnärztlicher Leistungen, der seit 1988 unverändert bei 11 Pfennig liegt. Denn seit 30 Jahren weigert sich der Gesetzge ber, diesen Punktwert in der Gebührenordnung für Zahnärzte anzu passen. Die Bundeszahnärztekammer hat deshalb eine fokussierte Aufklärung gestartet, um die Entscheidungsträger daran zu erinnern, dass Preise von 1988 nicht der Maßstab für die Preise von heute sein können. Im Interview gibt BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel einen Über blick in die GOZ-Thematik, die Forderungen und die Kampagne.

ZBW: Herr Dr. Engel, die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) initiierte jüngst eine Kampagne unter dem Motto #11Pfennig, die den politischen Stillstand in der Novellierung um den Grundwert der Gebührenordnung für Zahnärzte angeht. Mit welchen Argumenten gehen Sie an die Öffentlichkeit?

Dr. Engel: Die zahnärztliche Arbeit in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten rasant entwickelt und deutlich an Qualität gewonnen. Sie wird geschätzt und ist international anerkannt. Dieser positiven Entwicklung für Millionen Patientinnen und Patienten steht eine Honorierung privatzahnärztlicher Leistungen im Rahmen des GOZ-Grundwertes gegenüber, der seit 1988, also seit mehr als 30 Jahren, nicht angepasst wurde. Mit der erreichten Spitzenqualität zahnärztlicher Arbeit in Deutschland ging auch eine erhebliche Kostensteigerung für das Führen von zahnärztlichen Praxen einher. Eine politische Reaktion auf diese Fortschritte und Umstände, die auch den GOZ-Grundwert miteinbezieht, hat es bislang erstaunlicherweise nicht gegeben. Mit der #11Pfennig-Kampagne möchten wir deshalb öffentlichkeitswirksam auf diesen Missstand hinweisen und unsere Forderungen nachhaltig unterstreichen.


Missstand. „Der Punktwert von 11 Pfennig symbolisiert besonders eindrücklich, dass die Bemessung zahnärztlicher Leis tungen durch die Gebührenordnung einem längst vergangenen Zeitalter angehört“, bemängelt Dr. Peter Engel.

Was hat es mit dem Schlagwort #11Pfennig auf sich und weshalb dient es als zentrales Element der Kampagne?

1988 legte die Bundesregierung unter Federführung des Bundesgesundheitsministeriums den Punktwert von 11 Pfennig als Grundwert der GOZ fest. Er ist bis heute darauf eingefroren. Der Punktwert von 11 Pfennig symbolisiert besonders eindrücklich, dass die Bemessung zahnärztlicher Leistungen durch die Gebührenordnung einem längst vergangenen Zeitalter angehört. Nur zur Erinnerung: 1988 war noch vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands.

Wie hoch sollte ein GOZ-Grund wert Ihrer Meinung nach sein, der eine faire Entlohnung privatzahn- ärztlicher Arbeit unter Berück sichtigung dieser Entwicklungen garantiert?

Wir fordern die Implementierung einer Gebührenordnung für Zahnärzte auf Basis der Honorarordnung für Zahnärzte (HOZ), die zeitgemäß und fachlich wie betriebswirtschaftlich stimmig ist. Dazu gehört vor allem ein Mechanismus, der es ermöglicht, diesen Grundwert kontinuierlich an die wirtschaftliche Entwicklung anzupassen. Es wäre ein großer Gewinn für die gesamte Zahnmedizin, wenn der politische Stillstand um die Novellierung der Gebührenordnung beendet würde und Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen werden, diese Bewertungen flexibler, zeitgemä- ßer und gerechter anzupassen.

Mit welchen Gegenargumenten sieht sich die Bundeszahnärztekammer im Rahmen der Kampagne konfrontiert?

Das Bundesverfassungsgericht wies 2001 darauf hin, dass statt einer Novellierung des GOZ-Grundwertes zunächst gegebene Spielräume über Steigerungsfaktoren und Analogberechnungen genutzt werden müssten. In Anbetracht des rapiden Wandels zahnärztlicher Arbeit und der Erweiterung des Leistungsbereiches sind diese Potenziale jedoch maximal ausgereizt. Darüber hinaus wird mehrfach auf die vergleichsweise geringe Menge der Leistungen hingewiesen, die unter den GOZ-Grundwert fallen. Daraus jedoch eine Legitimierung für Nichtstun abzuleiten, halten wir für ein fatales Signal.

Inhalte der Kampagne werden vor allem auf Twitter verbreitet. Welche Gründe gibt es dafür und was können die sozialen Medien in dieser Sache bewirken?

Die sozialen Medien nehmen für die Kommunikation des Anliegens eine wichtige Rolle ein: Sie informieren kompakt, schaffen Aufklä- rung und gezielte Aufmerksamkeit bei Entscheidungsträgern und bieten damit die Möglichkeit, endlich Diskussionen anzuregen. Wir erhoffen uns, dem Reformbedarf des GOZ-Grundwertes die Beachtung zu vermitteln, die er verdient.

Neben Aktivitäten via Twitter, macht die Bundeszahnärztekammer in ihren aktuellen Publikationen deutlich, dass die Zahnmedizin als unterschätzter Wirtschaftsfaktor beschrieben werden kann. Wie hoch ist ihr Stellenwert für die deutsche Wirtschaft einzuordnen?

Die Gesundheitswirtschaft insgesamt ist und bleibt ein konjunktureller Motor. Und für die Erfolgsgeschichte der Gesundheitswirtschaft der letzten Jahre spielt die Zahnmedizin eine zentrale Rolle. Jedes Jahr werden hier 21,4 Milliarden Euro erwirtschaftet und damit wird fast 1 Prozent (0,8) zur gesamten Bruttowertschöpfung Deutschlands beigetragen. Jeder in der Zahnmedizin erwirtschaftete Euro generiert 1,2 weitere in zahnrelevanten Bereichen. Durch diesen sogenannten ökonomischen Fußabdruck wird die Zahnmedizin zum Schrittmacher der gesamten Wertschöpfungskette.

Was erkennen Sie als entscheidenden Faktor für den positiven Beitrag an der Gesundheits- und der gesamten deutschen Wirtschaft?

Die Grundvoraussetzung – und damit der für mich entscheidende Faktor – ist die Exzellenz, die die zahnärztliche Arbeit bis heute erreicht hat. Statistiken der Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V, 2016) untermauern diese Feststellung: Weltweit wird Karies bei Kindern nirgendwo erfolgreicher behandelt als hier, sodass heute 8 von 10 Kinder in Deutschland ohne Karies aufwachsen können. Auch im Kampf gegen Zahnlosigkeit rangiert Deutschland im internationalen Vergleich auf Platz eins.

Welche Resonanz hat die BZÄK für die politische Arbeit der letzten Wochen erreicht und wie geht es nun weiter?


#11Pfennig. Im Mittelpunkt der Kampagne steht eine 11-Pfennig-Münze, symbolisch für einen Punktwert, der aus der Zeit gefallen ist.

Aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands haben uns Unterstützungsbekundungen für das Unterfangen erreicht. Über dieses Miteinander und das eigene Engagement in den Regionen freuen wir uns sehr. Denn fest steht, dass eine politische Forderung nur dann Erfolg hat, wenn alle geschlossen dahinterstehen. Eine Sensibilisierung von Entscheidungsträgern und der politischen Öffentlichkeit für unser Anliegen ist das erste Etappenziel. Darauf aufbauend gilt es, unsere Forderung für einen Novellierungsprozess glaubhaft und hartnäckig vorzutragen, um die Entlohnung privatzahnärztlicher Leistungen an das 21. Jahrhundert anzupassen.
Eine „saubere“ aktuelle GOZ ist der Gesetzgeber nicht nur der Zahnärzteschaft schuldig, sondern gerade auch den Patienten.

BZÄK