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Titelthema

Tag der Zahngesundheit 2019 in Aalen

 

Zahngesundheit von Kleinkindern im Fokus der Öffentlichkeit

Ausgabe 11, 2019

Der Himmel brach auf, just in dem Moment, als die Protagonisten der landeszentralen Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit am 25. September 2019 in Aalen die Bühne betraten. Es stimmte also alles, als die Moderatorin Martina Meisenberg nach dem Auftritt von Aalener Kindergartenkindern, die ein Zahnlied sangen, mit ihren Gästen ins Gespräch kam und über Zahngesundheit debattierte.

Auf der Bühne vertreten waren Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg/ stv. Vorsitzende des IZZ-Verwaltungsrats 2019, Dr. Bernd Krämer, Mitglied im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit e. V./Prophylaxereferent der Landeszahnärztekammer BadenWürttemberg, Petra Krebs MdL, Sprecherin für Gesundheits-, Senioren- und Pflegepolitik der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grü- nen, Dr. Janela Werle, Vorsitzende Regionale AG Zahngesundheit im Ostalbkreis und Klaus Pavel, Landrat des Ostalbkreises und Schirmherr der Veranstaltung. Zahlreiche Zuschauer, Kindergruppen, Senioren und Medienvertreter waren dabei und kamen auch an den nachfolgenden Aktionstagen zum Tag der Zahngesundheit ins ErlebnisForum Zahngesundheit im weithin sichtbaren weißen Pagodenzelt auf dem Aalener Spritzenhausplatz. Das diesjährige Motto: „Gesund beginnt im Mund – Tag für Tag“ rückte die Wichtigkeit der täglichen Prophylaxe in den Vordergrund. Thema bei der landeszentralen Auftaktveranstaltung war in diesem Jahr neben der schon gewohnt hervorragenden Zahngesundheit bei Zwölfjährigen die erfolgreiche Initiative der Zahnärzteschaft, die dafür sorgte, dass seit dem 1. Juli 2019 die oralpräventive Betreuung in den ersten drei Lebensjahren durch den Kinderarzt künftig durch zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen in den Zahnarztpraxen als GKVLeistung ergänzt wird. „Wichtig ist, möglichst vor dem ersten Zahn mit Ritualisieren des Putzens zu beginnen und so das Kind an das Zähneputzen spielerisch heranzuführen“, sagte Dr. Ute Maier im Rahmen der Auftaktveranstaltung. Der Tag der Zahngesundheit war auch 2019 wieder eine Veranstaltung mit großem Multiplikatoreffekt, der die Bedeutung und die Erfolgsgeschichte der Prävention deutlich ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte. Zahlreiche Medienvertreter berichteten über die gelungene Prophylaxe in Baden-Württemberg.

Teamarbeit. Der Erfolg ist eine Teamarbeit zwischen der LAGZ BW, den 37 Arbeitsgemeinschaften für Zahngesundheit in den Stadtund Landkreisen, den gesetzlichen Krankenkassen, dem Sozialministerium, der LZK BW, der Kassenzahnärztlichen Vereinigung BadenWürttemberg (KZV BW), 1400 Patenzahnärztinnen und -ärzten, Eltern, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern und allen Beteiligten am Tag der Zahngesundheit beim Informationszentrum Zahngesundheit Baden-Württemberg. Wie in jedem Jahr ging der Landeszentralen Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit auch diesmal wieder eine Pressekonferenz voraus. „Eine besondere Bedeutung hat das frühzeitige Erlernen der Zahnpflege“, hob die Schwäbische Zeitung, Aalen, in ihrem Artikel über die Landeszentrale Auftaktveranstaltung als eine der zentralen Aussagen der Pressekonferenz hervor und schrieb: „Alle Experten hoben in ihren Statements die Vorbildfunktion der Eltern und deren Verantwortung für gesunde Zähne der Kinder hervor. Man war sich darin einig, dass durch Präventionsarbeit in den letzten Jahren auf dem langen Weg zur Zahngesundheit beachtliche Erfolge erzielt werden konnten. Es komme jetzt darauf an, nicht locker zu lassen.“
Tatsächlich hatte Dr. Ute Maier auf der Pressekonferenz vorwiegend gute Nachrichten für die anwesenden Medienvertreter. Sie berichtete von den Erfolgen, die die Zahnärzteschaft durch ihre Prä- ventionsbemühungen erzielt hat. Erfolge, „die sich sehen lassen können“, wie Dr. Maier betonte. Diese Erfolge resultierten vor allem aus dem gut ausgebauten System von Individual-, Gruppen- und Intensivprophylaxe für Kinder und Jugendliche. Dr. Maier ging auf die Zahlen der Epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe und der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie ein: „Heutzutage sind acht von zehn der zwölfjährigen Kinder vollkommen kariesfrei. Das ist eindeutig ein Erfolg der verschiedenen Präventionsmaßnahmen, der Gruppen- und der Individualprophylaxe in den Zahnarztpraxen.“

Frühkindliche Karies. Ein Schwerpunkt der Kommunikation lag in diesem Jahr auf der Mundund Zahngesundheit von Kleinkindern. „Dass bis Ende Juni dieses Jahres die zahnmedizinischen Prä- ventionsleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung erst ab dem 30. Lebensmonat einsetzte, hatte zur Folge, dass bei Kleinkindern bis zum dritten Lebensjahr die vorhin auch schon angesprochene frühkindliche Karies der Milchzähne ein ernsthaftes und ungelöstes Versorgungsproblem darstellte“, erklärte Dr. Maier und stellte heraus, dass die Betreuung allein durch Haus- oder Kinderärzte während dieser Zeit ist nicht ausreichend ist.
Dr. Bernd Krämer, Vorsitzender des Prophylaxe-Ausschusses der Landeszahnärztekammer BadenWürttemberg, vertiefte die Ausführungen über die Milchzahnkaries und appellierte an die Medien, als Multiplikatoren zu fungieren, um die Zahngesundheit der Kleinsten weiter zu verbessern. Das Motto des diesjährigen Tags der Zahngesundheit, „Gesund beginnt im Mund – Tag für Tag“, diene dem Ziel, Kinder und Jugendliche mit gesünderen Zähnen ins Leben zu schicken und Erwachsenen ein stärkeres Bewusstsein für gesunde Zähne zu vermitteln, erläuterte Dr. Krämer. „Mit diesem Motto möchten wir außerdem darauf hinweisen, dass es mit einem Tag der Zahngesundheit nicht getan ist, sondern dass für die Mundgesundheit jeder Tag zählt. Es ist schade um jedes Babyzähnchen, das nicht von Anfang an geputzt wird, es ist nötig, dass man mit dem Einüben des täglichen Zahnputz-Rituals bei Kleinkindern nicht nachlässt, es ist wichtig, Jugendliche immer wieder daran zu erinnern, dass zu viel Zucker den Zähnen schadet und es ist notwendig, dass man nach anstrengenden Tagen oder einer langen Nacht nicht auf die korrekte Mundhygiene verzichtet.“ Mit Aufklärungsarbeit müsse man der frühkindlichen Karies aktiv entgegentreten, um diese „beklagenswerte Lücke“ zu schlie- ßen.
Aufklärungsarbeit betrieb im Rahmen der landeszentralen Auftaktveranstaltung in Aalen auch Dr. Janela Werle, die Vorsitzende der regionalen Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit im Ostalbkreis. Ihren Rat, die Zahnpflege in den Alltag zu integrieren, griff die Schwä- bische Post in ihrem Text auf: „Eine unserer Kernbotschaften an die Eltern heißt: Kinder unter drei Jahren sollten sich an die Mundpflege und die Zahnbürste gewöhnen, indem sie mit einer Zahnbürste spielen und darauf herumkauen dürfen.“ Dr. Günter Pfaff vom Ministerium für Soziales und Integration BadenWürttemberg lobte im Rahmen der Pressekonferenz die Arbeit der regionalen Arbeitsgemeinschaften für Zahngesundheit: „Die Jugendzahnpflege ist ein Vorzeigebeispiel für gelungene Prävention. Durch die hervorragende Zusammenarbeit kann die Prävention als wichtiges Feld neben der kurativen Medizin, der Rehabilitation und Pflege weiter vorangetrieben werden“, sagte er. In dieselbe Kerbe schlug Jörg Klaski von der AOK Baden-Württemberg: „Ich möchte den unermüdlichen und engagierten Einsatz der Zahn- ärztinnen und Zahnärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, der Patenzahnärztinnen und -zahnärzte und dem Prophylaxepersonal in den 37 regionalen Arbeitsgemeinschaften hervorheben“, sagte er. „Nur durch ihren Einsatz ist der Erfolg, den wir haben, möglich.“
Dr. Tim Gerhäusser vom Landkreistag Baden-Württemberg betonte in seinem Statement, wie wichtig die Angebote der Gruppenprophylaxe sind. „Sie sind nicht nur flächendeckend gut organisiert und wirken nachhaltig, sondern liefern auch wissenschaftlich auswertbare Ergebnisse, mit denen man gut arbeiten und argumentieren kann“, sagte er. Nicht zuletzt sorgten gruppenprophylaktische Maßnahmen für mehr Chancengleichheit – gerade angesichts einer nicht zu kleinen Gruppe von Risikokindern. „Daher arbeiten wir gemeinsam in der LAGZ BW auch darauf hin, dass zeitnah ein Konzept für die Ausweitung und Stärkung der Gruppenprophylaxe bei den unter Dreijährigen aufgelegt wird und in die Umsetzung kommt.“

Mannschaftsspiel. Der Erfolg der Gruppenprophylaxe trägt viele Namen (v. l.): Dr. Janela Werle, Vorsitzende Regionale Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit im Ostalbkreis, Jörg Klaski, Leiter des Referats Zahnärztliche Versorgung bei der AOK BW, Dr. Ute Maier, Mitglied im Verwaltungsrat des IZZ BW/Vorsitzende des Vorstandes der KZV BW, Dr. Tim Gerhäusser, Dezernent Ordnung, Gesundheit, Strukturpolitik beim Landkreistag BW, Martina Meisenberg, Moderatorin, Johannes Clausen, Geschäftsführer LAGZ BW, Dr. Bernd Krämer, Vorsitzender des Prophylaxeausschusses und Prophylaxereferent der LZK BW, Dr. Günter Pfaff, Ministerium für Soziales und Integration BW. (Nicht auf dem Foto: Klaus Pavel, Landrat des Ostalbkreises und Schirmherr).

Alle machen mit. Der Eröffnungsveranstaltung war eine Pressekonferenz vorgeschaltet, auf der die Akteure in Sachen Zahngesundheit die Medien informierten.

Feierliche Eröffnung. Nach der Pressekonferenz stand dann die traditionelle landeszentrale Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit an. Begleitet von Jazzmusik und mit zahlreichen Gästen auf dem Spritzenhausplatz führte Moderatorin Martina Meisenberg gewohnt souverän durch das Er- öffnungsprogramm. Danach zogen die ersten Gruppen aus Kindertagesstätten durch das ErlebnisForum Zahngesundheit im weit sichtbaren Pagodenzelt. Besonders anschaulich in diesem Jahr: Die Miniaturwelt der Zahngesundheit, in der winzige Menschen an übergroßen Zahnmodellen arbeiteten. Nach dem Gang durch die Plaque-NeonSchau übten die Kinder angeleitet von den Prophylaxefachkräften das richtige Zähneputzen und die zugehörige Technik am Zahnputzbrunnen. Der zahnärztliche Bereich ist dank der Firma KaVo Dental GmbH, Biberach an der Riß, die seit vielen Jahren Geräte und eine Behandlungseinheit für das Forum Zahngesundheit bereitstellt, und der Firma Carl Zeiss Microscopy GmbH, Göttingen, deren Mikroskop die Bakterien sichtbar macht, anschaulich vertreten. Dazu kamen auch in diesem Jahr wieder Zahnputzsets zum Mitnehmen. Das engagierte Team war die ganze Woche über im Einsatz und sorgte dafür, dass die vielen Besuchergruppen das Erlebnis im Pagodenzelt so schnell wohl nicht vergessen. Ein großer Dank gilt den Mitarbeiterinnen der Regionalen Arbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit, Madeleine Staudenmaier, Edith Franzmann, Anja Brenner und Carmen Mayer. Besonders engagiert waren Melanie Kraus und Sabine KrausMaier, die Geschäftsführerin der Regionalen AGZ. Ohne ihren Einsatz wäre der Tag der Zahngesundheit in Aalen nicht zu solch einem Erfolg geworden.

Ein voller Erfolg. Der Tag der Zahngesundheit war auch im Jahr 2019 wieder eine Veranstaltung mit großem Multiplikatoreffekt, die die Bedeutung und die Erfolgsgeschichte der Prävention deutlich ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte. Man kann es nicht oft genug betonen: Der Erfolg ist eine Teamarbeit zwischen allen Beteiligten am Tag der Zahngesundheit Baden-Württemberg, die die Veranstaltung zu dem machen, was sie im Lauf der Jahre geworden ist.
Weitere Infos zum Tag der Zahngesundheit und Bildimpressionen gibt es hier.

» christian.ignatzi@izz-online.de

Das Erlebnisforum Zahngesundheit lockte viele große und kleine Besucher zur landesweiten Auftaktveranstaltung auf dem Spritzenhaus Platz in Aalen.

Demonstration des richtigen Zähneputzens durch Anja Brenner mit (v. l.) Josef Bühler, AOK BW, Dr. Tim Gerhäusser, Landkreistag BW, und Ben Schieler, Freier Journalist.

Petra Krebs MdL/Gesundheitspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, nutzte die Gelegenheit, die Exkursion durch die Mundhöhle mit Dr. Ulrich Gosebrink live mitzuerleben.

Medien wie die Schwäbische Post fungierten als Multiplikatoren und wiesen auf die Veranstaltung hin.

Umfassende Beratung über die Wichtigkeit der Zahnpflege gab es für die Besucherinnen und Besucher des Erlebnisforums Zahngesundheit wieder.

Das Erlebnisforum Zahngesundheit lockte viele große und kleine Besucher zur landesweiten Auftaktveranstaltung nach Aalen.

Ein Zahnputzlied gehörte bei der landeszentralen Auftaktveranstaltung zum Programm.

 

ZBW-Interview mit Dr. Christopher Hermann und Dr. Ute Maier

 

„Mehr Gestaltungsspielräume für regionales Handeln“

Ausgabe 11, 2019

Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderungen sind bei der zahnärztlichen Prophylaxe in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. In Baden-Württemberg haben die Kassenzahnärztliche Vereinigung und die AOK vor über zehn Jahren erste Vereinbarungen über zusätzliche Leistungen getroffen und umgesetzt. KZV-Chefin Dr. Ute Maier und der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg Dr. Christopher Hermann erinnern sich, wie die Prophylaxe seitdem durch den gemeinsamen Einsatz verbessert wurde, geben Auskunft über den aktuellen Stand der Dinge und künftige Herausforderungen.

Frau Dr. Maier, Herr Dr. Hermann, Sie setzen sich seit vielen Jahren in enger Zusammenarbeit dafür ein, die zahnmedizinische Versorgung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen in Baden-Württemberg nachhaltig zu verbessern. Erzählen Sie doch mal, von wem damals die Initiative ausging und wie Sie an das Thema herangegangen sind.

Dr. Hermann: Die KZV BW ist schon Mitte des letzten Jahrzehnts auf uns zugekommen und zusammen haben wir erkannt, dass es auch im zahnärztlichen Bereich besonderer Maßnahmen zur Förderung der Behandlung von Menschen mit Behinderungen bedarf. Wir kannten lediglich einen Sondervertrag in diesem Bereich in Bayern. Für Behandlungen, die in Vollnarkose erfolgen müssen, waren dort bestimmte Zuschläge vorgesehen.

Dr. Maier: Lange bevor die Politik in diesem Bereich tätig wurde, haben AOK und KZV BadenWürttemberg gemeinsam Verbesserungen in der Versorgung dieser Zielgruppen auf den Weg gebracht. Im Bereich der damaligen KZV Tübingen haben wir sogar bereits 2001 eine erste Sonderregelung getroffen. Und dann wurden, wie von Dr. Hermann beschrieben, baden-württembergweit erste zusätzliche Leistungen für Versicherte in einer vollstationären Einrichtung der Hilfe für behinderte Menschen vereinbart.

Was waren die ersten konkreten Maßnahmen auf diesem Weg?

Dr. Hermann: Zunächst wurde er- örtert, ob das bayerische Modell auch für uns zielorientiert sein kann. Wir kamen zum Ergebnis, dass wir einen anderen Ansatz wählen sollten. Unsere Förderung sollte nicht erst einsetzen, wenn bereits akuter Behandlungsbedarf besteht, sondern schon bei der Prophylaxe. Im Jahr 2004 ist mit der BEMA-Neustrukturierung die zweite Zahnsteinentfernung als Kassenleistung gestrichen worden und das wirkt sich besonders dort aus, wo die eigene Mundhygiene nur sehr eingeschränkt oder gar nicht durchgeführt werden kann. Darüber hinaus hatten wir bei der Erarbeitung der Vertragsinhalte Kontakt mit einer Schwerpunktpraxis in Anbindung an eine große Behinderteneinrichtung, die auf diesem Gebiet sehr erfahren ist.

Dr. Maier: Neben einer zusätzlichen Entfernung harter und weicher Zahnbeläge pro Jahr wurde mit dem ersten Exklusiv-Vertrag ein Anspruch auf eine Fluoridierung der Zähne zweimal pro Jahr geschaffen. Vom Start weg waren es neun vollstationäre Einrichtungen in BadenWürttemberg, die von diesem Vertrag erfasst wurden. Dadurch profitierten etwa 3.000 AOK-Versicherte mit Behinderungen von den neuen Leistungen.

Sie haben damals mit der Vereinbarung zusätzlicher Leistungen, die weit über den Katalog der gesetzlichen Krankenkassen hinausgehen, Pionierarbeit geleistet. Erinnern Sie sich, wie die Reaktionen im Land und auch über die Landesgrenzen hinaus waren?

Dr. Hermann: Es gab Anfragen von diversen Zahnarztpraxen, die auch an diesem Vertrag teilnehmen wollten. Aus qualitativen Gründen müssen für eine Teilnahme ganz spezifische Anforderungen erfüllt sein. Eine Teilnahme kommt nur für Schwerpunktpraxen mit Anbindung an ganz bestimmte Heime für behinderte Menschen in Betracht. Zumindest Interesse an unserem Vorgehen wurde auch von anderen AOKs im Bundesgebiet gezeigt.

Dr. Maier: Auf Bundesebene haben unsere Aktivitäten durchaus Anerkennung gefunden. Von Anfang an war klar, dass wir hier eine Vorreiterrolle spielen würden, was sich nun durch die aktuellen gesetzgeberischen Maß- nahmen bestätigt. Wir können hier durchaus stolz sein, dass wir mehr als zehn Jahre vor der Politik bereits daran gearbeitet haben.

Deutschland steht bei der Zahngesundheit weltweit auf einem der vordersten Plätze. Das ist maßgeblich auch den guten Prophylaxestrukturen zu verdanken. Welche konkreten Herausforderungen bestehen bei diesen speziellen Zielgruppen?

Dr. Maier: Die Menschen werden hierzulande immer älter und haben länger ihre eigenen Zähne, was ja eine positive Entwicklung ist. Die Mundgesundheit ist aber gerade bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen im Durchschnitt schlechter als bei der übrigen Bevölkerung. Das liegt beispielsweise an der abnehmenden Fähigkeit zur eigenständigen Mundpflege oder an mobilitätsbedingten Schwierigkeiten einen Zahnarzt aufsuchen zu können. Oft fehlen auch die nötigen Kenntnisse bei Pflegekräften oder Pflegepersonen in der Familie.

Dr. Hermann: Der Prophylaxeerfolg ist insbesondere der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe zuzuschreiben, mit der Kinder und Jugendliche in Kindergärten und Schulen erreicht werden. Im Bereich der Pflegeheime und der Heime für Menschen mit Behinderungen bestehen hier jedoch strukturelle Defizite, auf die der Gesetzgeber ab dem Jahr 2013 mit verschiedenen Maßnahmen bzw. zusätzlichen Leistungen reagiert hat. Die besondere Herausforderung bei dieser Zielgruppe ist, dass die zahnärztliche Betreuung mit einem deutlich erhöhten Aufwand verbunden ist und auch ganz besondere soziale Kompetenzen erfordert. Erschwerend kommt hinzu, dass das Pflegepersonal oft kaum Freiraum hat, bei der Mundhygiene gezielt mitzuwirken.

Dass sich die Versorgung dieser Zielgruppen dennoch stetig verbessert, zeigt sich nicht zuletzt an den steigenden Zahlen an Kooperationsverträgen zwischen stationären Einrichtungen und Vertragszahnärztinnen und -zahnärzten. Was können Sie aus dem Behandlungsalltag im Rahmen solcher Kooperationen berichten?

Dr. Maier: Die Versorgung wird in diesem Bereich spürbar besser, und zwar kontinuierlich. Jede Woche kommen weitere Kooperationsverträge hinzu. Diese Verträge definieren konkret die zahnärztliche Betreuung der Heimbewohner. Wie es im Alltag umgesetzt wird, hat die Pilotstudie von Dr. Frank Oberzaucher jüngst untersucht und erfreuliche Ergebnisse hinsichtlich einer besseren Mundgesundheit und mehr Lebensqualität gebracht. Allerdings gibt es auch konkrete Probleme, etwa dass dem Pflegepersonal nicht genug Zeit für die Mundpflege der Patienten zur Verfügung steht.

Dr. Hermann: Durch die regelmäßige Vorsorge und Kontrolle ist bei den Heimbewohnern insgesamt eine Verbesserung der Mundgesundheit zu verzeichnen. Zu ergänzen ist aber noch, dass wir vor ein paar Jahren die Leistungen um eine Prothesenreinigung erweitert haben, da Prothesen Keimansammlungen Entzündungen und Folgeerkrankungen an anderer Stelle nach sich ziehen können. Am größten war der Erfolg dort, wo es tatsächlich gelungen ist, das Pflegepersonal in die Prophylaxemaßnahmen mit einzubinden. Dies ist leider auch deshalb nicht immer einfach, da das Personal häufig wechselt.

Viele Zahnärztinnen und Zahn- ärzte arbeiten in der aufsuchenden Betreuung aber auch ohne Kooperationsvertrag. Wird dieser Einsatz ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt?

Dr. Hermann: Sowohl die aufsuchende Behandlung in Pflegeheimen mit und auch ohne Kooperationsvertrag wird mittels besonderer Zuschlagspositionen vergütet. Damit soll der erhöhte Aufwand honoriert und zugleich Wertschätzung zum Ausdruck gebracht werden. In Baden-Württemberg haben wir gut 1.600 Pflegeheime und aktuell über 600 Kooperationsverträge nach § 119b SGB V. Hier besteht noch Luft nach oben. Gemeinsam mit der KZV BW setzen wir uns für eine noch grö- ßere Abdeckung ein. Der Vorteil des Kooperationsvertrages besteht darin, dass Zahnarzt und Heim ein auf das jeweilige Haus zugeschnittenes, ganz spezifisches Konzept entwickeln und praktizieren können.

Dr. Maier: In der Tat engagieren sich viele Kolleginnen und Kollegen im Bereich der Alterszahnheilkunde und der Betreuung von Menschen in Pflegeheimen, ohne dass Sie einen Kooperationsvertrag unterschrieben haben. Aus Patientensicht ist das auch völlig in Ordnung, solange sie im Ergebnis gut betreut werden. Mir ist wichtig, dass sich Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht unter Druck gesetzt fühlen und eine teilweise jahrelange erfolgreiche Betreuung und Prophylaxe vor Ort nicht aus rechtlichen Gründen in Frage gestellt wird. Angesichts der neueren gesetzlichen Bestimmungen ist aber davon auszugehen, dass die Betreuung in stationären Pflegeeinrichtungen künftig in immer größerem Umfang im Rahmen von Kooperationsverträgen geschehen wird.

Bessere Versorgung. Ziel der AOK Baden-Württemberg ist es, gemeinsam mit den regionalen Partnern vor Ort passgenaue Maßnahmen für alle Beteiligten, die (Zahn-)Ärzte wie die Patientinnen und Patienten, umzusetzen.

Wertschätzung. Die Behandlung von Menschen mit Behinderungen oder generell mit Pflegebedarf ist anspruchsvoller und kostet den Zahnarzt mehr Zeit. Das muss auch in der Vergütung dieser Leistungen berücksichtigt werden.

AOK und KZV Baden-Württemberg haben mit Ihrem gemeinsamen Engagement gezeigt, dass die Selbstverwaltung in der Lage ist, wirkliche Verbesserungen in der Versorgung erzielen zu können. Sie haben nicht darauf gewartet, dass von der Politik etwas kommt. Dennoch die Frage: Was wünschen Sie sich vonseiten der Politik?

Dr. Hermann: Im Bereich der Behandlung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen hat ja nun auch die Politik den Handlungsbedarf erkannt und zuletzt die zusätzlichen Prophylaxemaßnahmen nach § 22a SGB V umgesetzt – wenn auch mit mehrjähriger Verzögerung.

Dr. Maier: Auf die Notwendigkeit der zügigen Umsetzung haben wir zusammen 2017 ja auch mit einem Schreiben an den Gemeinsamen Bundesausschuss hingewiesen.

Dr. Hermann: Ganz generell sehen wir in der aktuellen Gesundheitspolitik die Tendenz, dass Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip bundesweit verteilt werden ohne Rücksicht auf die regionalen Gegebenheiten. Das birgt die Gefahr, dass die Effizienz und Zielgenauigkeit hinter den Ausgaben zurückhängen. Ziel der AOK Baden-Württemberg ist es, wie wir es übrigens z. B. bei den Haus- und Facharztverträgen seit Jahren mit Erfolg praktizieren, gemeinsam mit unseren regionalen Partnern vor Ort passgenaue Maßnahmen für alle Beteiligten, die (Zahn-)Ärzte wie die Patientinnen und Patienten, umzusetzen. Dazu brauchen wir Gestaltungsspielräume für eigenverantwortliches, regionales Handeln anstatt laufend neuer Einheitsvorgaben für die gesamte GKV, die zwar viel Geld kosten, deren Nutzen und Zielgenauigkeit aber alles andere als sicher ist.

Dr. Maier: Mit der Forderung nach regional zugeschnittenen Versorgungskonzepten rennt Dr. Hermann bei uns offene Türen ein. Da steht die KZV Baden-Württemberg fest an der Seite der AOK. Es zeigt sich ja gerade bei unserer jahrelangen Zusammenarbeit, dass die Selbstverwaltung nicht nur handlungsfähig ist, sondern häufig auch schneller und zielgenauer im Sinne der Patientinnen und Patienten agieren kann. Aber wenn ich einen ganz konkreten Wunsch äußern soll, dann möchte ich auf die Wertschätzung bei der Betreuung von Menschen mit besonderem Behandlungsbedarf zurückkommen: Die Behandlung von Menschen mit Behinderungen oder generell mit Pflegebedarf ist eben anspruchsvoller und kostet den Zahnarzt mehr Zeit. Das muss auch in der Vergütung dieser Leistungen berücksichtigt werden. Außerdem sind bislang noch keine Kooperationsverträ- ge von Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen mit Vertragszahnärzten wie im Bereich der stationären Pflege möglich. Das wäre ein wichtiger Schritt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Dr. Holger
Simon-Denoix

 

Zahnärztliche Prophylaxe für Kleinkinder

 

Gesunde Zähne von Anfang an

Ausgabe 11, 2019

Prophylaxe ist der Schlüsselbegriff in jeder zahnärztlichen Praxis. Bei Kleinkindern heißt Prophylaxe vor allem frühkindlicher Karies vorzubeugen. Denn frühkindliche Karies gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Beinahe die Hälfte der kariösen Defekte, die im Einschulungsalter festgestellt werden, entsteht bereits in den ersten drei Lebensjahren. Dennoch setzten die zahnmedizinischen Präventionsleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung bisher erst ab dem 30. Lebensmonat ein. Seit dem 1. Juli 2019 gibt es nun zusätzliche Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen für Babys und Kleinkinder.

Prophylaxe. Eine regelmäßige, gründliche Zahnpflege von Anfang an ist wichtig. Im Rahmen der neuen Leistungen im U3-Bereich wurde auch die Beratung und Anleitung der Eltern in den Fokus gerückt.

Bereits 2014 legte die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) zusammen mit der Bundeszahnärztekammer das Versorgungskonzept „Konzept zur Zahnmedizinischen Prävention bei Kleinkindern vor“. Das Konzept entstand mit Unterstützung des Bundesverbands der Kinderärzte (BuKiZ) und dem Deutschen Hebammenverband (DHV) und richtete sich mit einer konkreten Handlungsempfehlung direkt an die Gesundheitspolitik und die Krankenkassen, mit dem Ziel die frühkindliche Karies nachhaltig zu bekämpfen. Die Verfasser warben bereits damals dafür, die zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen für den Kleinkindbereich auszuweiten und mit den Prophylaxeuntersuchungen bei den unter 3-Jährigen zu beginnen. Denn während sich 2014 die Mundgesundheit in Deutschland im Vergleich zu den Vorjahren erheblich verbessert hatte und Deutschland im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz einnahm, hatte die frühkindliche Karies an Häufigkeit zugenommen.
Dabei zeigt sich, dass Kinder aus Bevölkerungsschichten mit niedriger Bildung und niedrigem sozialen Status ein höheres Erkrankungsrisiko haben, auch wenn die frühkindliche Karies ein Problem ist, das in allen Bevölkerungsschichten auftritt. Hervorgerufen wird sie vor allem durch den überdurchschnittlichen Einsatz von Nuckelflaschen in Kombination mit zucker- und säurehaltigen Getränken, einhergehend mit einer nicht ausreichenden Mundhygiene. Oftmals sind bei den Betroffenen mehrere Zähne befallen. Das geringe Alter der Patienten und die daraus resultierende geringe Kooperationsfähigkeit führen dazu, dass die frühkindliche Karies das größte Problem in der Kinderzahnheilkunde darstellt und manchmal eine erforderliche Behandlung nur in Vollnarkose möglich ist. Dies muss aufgrund des damit verbundenen Risikos sorgfältig abgewogen werden. Zusätzlich entstehen dadurch weitere Kosten für das Gesundheitssystem.
KZBV und Bundeszahnärztekammer schlugen deswegen bereits 2014 in ihrem Versorgungskonzept eine Erweiterung der zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen und eine Verankerung dieser im gelben Kinder-Untersuchungsheft vor. Auch Empfehlungen zum Leistungsspektrum der Untersuchungen wurden dezidiert ausgesprochen. So sollten die zusätzlichen zahn- ärztlichen Untersuchungen einen Mundgesundheitscheck, Tipps zur Zahnpflege, Ernährungsberatung und eine Fluoridanamnese enthalten.
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) setzte das Konzept zur zahnmedizinischen Prävention bei Kleinkindern in den vergangenen Jahren weitgehend um – nicht zuletzt aufgrund des vehementen Einsatzes der Zahnärzteschaft für dieses Thema. In das gelbe Kinderuntersuchungsheft wurden sechs Verweise vom Kinderarzt zum Zahnarzt für Kinder vom 6. bis zum 72. Lebensmonat integriert. Der bisherige Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurde zudem Anfang Juli 2019 durch drei zusätzliche zahn- ärztliche Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder bis zum vollendeten 33. Lebensmonat erweitert.
„Für Familien mit kleinen Kindern ist dies eine sehr gute Nachricht. Es war höchste Zeit, dass die Versorgungslücke im Bereich der unter 3-Jährigen endlich geschlossen wurde“, so die Vorstandsvorsitzende der KZV BW Dr. Ute Maier. Die neuen Leistungen tragen effektiv dazu bei, frühkindliche Karies zu bekämpfen. Es ist jedoch von zentraler Bedeutung, dass Eltern die zusätzlichen Untersuchungen mit ihren Kindern auch regelmäßig wahrnehmen. Hierzu ist eine enge Zusammenarbeit von Zahnärzten, Kinderärzten und auch Hebammen notwendig und es erfordert sicherlich weitere gesamtgesellschaftliche präventive Anstrengungen, um alle Kinder zu erreichen.

» jenny.dusche@kzvbw.de

 

14. LAGZ-Forum im Kloster Schöntal

 

Die Botschaft lautet: Eltern putzen Kinderzähne

Ausgabe 11, 2019

Die Mund- und Zahngesundheitsförderung für Kinder unter drei Jahren in Kindertageseinrichtungen war das Thema des 14. LAGZForums im Kloster Schöntal. Die Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit Baden-Württemberg e. V. setzte bei dieser Fachtagung den Startimpuls für das neue „Konzept zur Förderung des Zahnputzverhaltens von Kindern unter drei Jahren in Tageseinrichtungen oder Tagespflege in Baden-Württemberg“. Ziel ist es, die frühkindliche Karies einzudämmen.


LAGZ-Forum 2019. Zum 14. Mal kamen die Teams der regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit im Kloster Schöntal zusammen und nutzten die Veranstaltung intensiv zum Erfahrungsaustausch

70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 37 regionalen Arbeitsgemeinschaften für Zahngesundheit in den Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs sowie Zahnärztinnen und -ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes waren gekommen, um mit Prof. Dr. Christina Jasmund Methoden und Strategien zu entwickeln, wie die erwachsenen Bezugspersonen der U3-Kinder aktiv an der Zahnpflege mitwirken. Die Weichen für die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe für Kinder unter drei Jahren stellte der LAGZ-Vorstand bereits 2017. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der jüngsten Epidemiologischen Begleituntersuchung und der Deutschen Mundgesundheitsstudie ist Karies im Milchzahngebiss (ECC – Early Childhood Caries) ein ernstes Problem. Gerade bei Kleinkindern ist Karies die häufigste chronische degenerative Erkrankung mit vielen gesundheitlichen Folgen. Die Schädigungen sind massiv. Von den sechs- bis siebenjährigen Kindern weisen nur 53,8 Prozent naturgesunde Zähne auf.
Als Problem erweise sich der Zugang zu den Kleinkindern, berichtete Prof. Jasmund. Da immer mehr Kinder immer länger in Kindertageseinrichtungen sind, müsse diesem Trend Rechnung getragen werden. Als ebenfalls schwierig erweise sich, dass die Frühpädagogik nicht dem Bildungssektor zugeordnet sei. Außerdem seien rund 70 Prozent der Träger der Kindertageseinrichtungen in privater Hand. Sie unterliegen unterschiedlichen weltanschaulichen, inhaltlichen und fachlichen Bildungsplänen. Darüber hinaus änderten sich die Zielgruppen und die Einrichtungen müssten sich mit steigenden Bildungsansprüchen und Personalmangel auseinandersetzen, berichtete Prof. Jasmund. Eine immer häufiger zu beobachtende Reaktion sei der Rückzug der pädagogischen Fachkräfte aufs „Kerngeschäft“. Das Zähneputzen mit den Kindern sei aufwändig und entfalle daher häufig.
Nun stelle sich die Frage, wer putzt die Kinderzähne? Die Zusammenarbeit mit Erzieherinnen und Erziehern sowie Eltern ist von entscheidender Bedeutung. Aufbauend auf den Konzepten der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) e. V. und der Landesarbeitsgemeinschaft in Hessen entwickelte Prof. Dr. Christina Jasmund für Baden-Württemberg ein maßgeschneidertes Konzept, das anhand dieser Ausgangssituation die Handlungsfelder, Aufgaben und Ziele bestimmt, die in den regionalen Arbeitsgemeinschaften umgesetzt werden sollen. Dazu gehören nach Arbeitsgesprächen mit Verantwortlichen in den Landesministerien für Kultus, Jugend und Sport sowie für Soziales und Integration, neue Flyer, Informationsveranstal tungen, die Fachtagung zur Befähigung der AG-Mitarbeiterinnen und der fachliche Austausch. Die Lehrstuhlinhaberin für Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Niederrhein hat gemeinsam mit Dr. Bernd Krämer, Mitglied im LAGZVorstand und Prophylaxereferent der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, die Gespräche mit den Ministerien geführt. Das Ergebnis sind Flyer, die derzeit in der LAGZ-Geschäftsstelle erstellt werden, um dann den Mitarbeitern in den Arbeitsgemeinschaften die Arbeit mit Multiplikatoren und Eltern zu erleichtern.
Begleitend zum Vortrag leiteten Julia Reinken und Dr. Steffi Beckmann zwei Workshops, bei denen der Praxisaustausch zur Erstellung eines Methodenhandbuchs und die Rollen der Eltern sowie die Leitung und Fachkräfte von Kindertageseinrichtungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit bei der Mundund Gesundheitsförderung durchFotos: Baars leuchtet wurden. Diese Workshops zum Erfahrungsaustausch wurden von den regionalen Arbeitsgemeinschaften reichlich genutzt, die ihre „Best-Practice“-Methoden präsentierten. Denn gerade diese Multiplikatoren spielen bei der Informationsweitergabe eine große Rolle und müssen für das Problem ECC sensibilisiert werden. Die Botschaft sei einfach, betonte Prof. Jasmund: „Eltern putzen Kinderzähne.“ Die Eltern hätten Vorbildfunktion und seien für die Gesundheit ihrer Kinder verantwortlich. In den Kindertagesstätten werde das Zähneputzen lediglich geübt. Denn ohne ritualisiertes Verhalten und das Einüben der haptischen Fähigkeiten würde das Zähneputzen nicht erlernt. „Die Kinder begreifen durch Ergreifen und erfassen durch Anfassen“, sagte sie. Kindertageseinrichtungen haben den gesetzlichen Auftrag zur Gesundheitsförderung. Die Prophylaxefachkräfte der regionalen Arbeitsgemeinschaften brauchen allerdings die Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen, um die Eltern vom Zähneputzen zu überzeugen und zu motivieren.
Hierfür müssen die regionalen Arbeitsgemeinschaften Ressourcen umverteilen, im Team einen Multiplikator für die erwachsene Zielgruppe haben und sich regelmäßig über die Erfahrungen austauschen. Die Kooperation mit Zahnärztinnen und -ärzten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes müsse weiter verstärkt werden. Ein weiteres Handlungsfeld sind die Träger der Kindertageseinrichtungen, die Ausbildungseinrichtungen der pädagogischen Fachkräfte, die Leitungen und Teams der Einrichtungen, Tagespflegepersonen und die Eltern. Nach dem LAGZ-Forum war allen Beteiligten klar: Das Thema wird bei der LAGZ in den kommenden Jahren weiter aktuell bleiben

» krusch@lagz-bw.de


Expertise. Das Konzept von Prof. Dr. Christina Jasmund (Bild links) kam beim Auditorium der Expertinnen der Arbeitsgemeinschaften an ...

... und wurde in den beiden Workshops unter Leitung von Dr. Steffi Beckmann (linkes Bild, stehend) und Julia Reinken (nicht auf dem Bild) engagiert bearbeitet. Die Prophylaxefachkräfte tauschten dabei ihre „Best-Practice“-Methoden aus.