Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

Ein Fall aus der Poliklinik der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe

 

Vermeidung von Beckenkammtransplantaten: Die 3D-Augmentation mit Tunnelierung

Ausgabe 11, 2019

Im vorliegenden Fall wird über eine 62-jährige Patientin mit starker Unterkieferatrophie im Seitenzahnbereich berichtet. Nach erfolgreicher Kieferkammrekonstruktion mittels 3D-Blocktransplantaten aus dem Unterkiefer konnten Implantate inseriert werden. Abschließend erfolgte die prothetische Neuversorgung durch implantatgetragene Brücken.

Vorgeschichte. Eine 62-jährige Patientin stellte sich im September 2012 in der Poliklinik der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe vor. Grund der Konsultation war eine Zweitmeinung zu der derzeitigen insuffzienten Unterkieferversorgung. Die Patientin war Lehrerin an einem Gymnasium und stand kurz vor der Pension. In der vorherigen Beratung wurde ihr empfohlen, vier nicht erhaltungswürdige Zähne im Unterkiefer zu entfernen sowie Knochentransplantate aus der Hüfte zur Rekonstruktion des atrophen Unterkiefers zu gewinnen. Für die Behandlungsdauer wurden 18 Monate kalkuliert. Die Patientin war aufgrund des Operationsrisikos im Beckenbereich sehr verunsichert. Der Wunsch nach „festen Zähnen“ war allerdings groß.

Anamnese und Patientenanliegen. Die Patientin hatte zum Vorstellungszeitpunkt keine Schmerzen an den Unterkieferzähnen. Jedoch berichtete sie, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu rezidivierenden Entzündungen im Unterkiefer gekommen sei, worunter sie sehr gelitten habe. Des Weiteren war sie unzufrieden mit der herausnehmbaren prothetischen Lösung. Die Patientin bat um eine Gesamtlösung ohne einen aufwendigen operativen Eingriff am Becken. Ihr Wunsch war es, wieder feste Zähne im Unterkiefer zu haben. Einer implantologischen Versorgung stand sie, aufgrund der erfolgreichen festsitzenden implantologischen Versorgung im Oberkiefer, offen gegenüber. Die allgemeinmedizinische Anamnese war unauffällig.

Klinischer Befund. Der allgemeinzahnmedizinische Befund zeigte einen insuffzienten, prothetisch versorgten Unterkiefer. Die bestehende Teilprothese war mit einem Geschiebe an den verblockten endständigen Zähnen 34-33 und 43-44 befestigt. Die Zähne 33-43 reagierten beim CO2- Sensibilitätstest positiv. Die Zähne 34 und 44 zeigten keine Sensibilität auf Kälte. Die Sondierungstiefen lagen im Unterkieferfrontzahngebiet von 33-43 bei 3 bis 4 mm. Bei den endständigen Zähnen lagen die Sondierungstiefen bei ? 5 mm. Die Unterkieferzähne im Frontzahnbereich wiesen, im Gegensatz zu den Zähnen 33, 34, 43, 44 mit einem Lockerungsgrad II, keine erhöhten Lockerungsgrade auf.

Röntgenologischer Befund. Das OPG vom September 2012 zeigte stark atrophierte Kieferkämme in Regio 45-48 sowie 35-38 (Abb. 1). Des Weiteren lag ein erweiterter Parodontalspalt an den Zähnen 34 und 44 mit einhergehendem horizontalem Knochenverlust und fragwürdigem Erhalt vor. Im Oberkiefer war eine suffziente implantatgetragene Versorgung eingegliedert. Die restliche Bezahnung wies keine Besonderheiten auf.

Diagnose.

  • Nicht erhaltungsfähige Zähne 34, 44
  • Beidseitige Freiendsituation im Unterkiefer mit starker Kieferkamm-Atrophie
  • Insuffziente Kronen 33 und 43
  • Okklusales Trauma Regio 33 und 43
Bei der oben genannten Diagnose sind folgende Behandlungsoptionen möglich:


Ausgangsbefund. Der röntgenologische Ausgangsbefund zeigte eine ausgeprägte Kieferkammatrophie im Unterkieferseitenzahnbereich (Abb. 1).


Krestale Augmentation zur Knochenerhöhung mittels Knochenscheibe Regio 34-36. Der Zugang erfolgte mittels Tunnelierungstechnik. Ein krestaler Schnitt wurde vermieden (Abb. 2).

Teilprothese. Entfernung der Zähne 34 und 44 sowie Herstellung eines herausnehmbaren Zahnersatzes auf den Pfeilerzähnen 33-43 mittels Teleskopen als Friktionselementen. Diese Therapie entspricht der konventionellen prothetischen Versorgung. Vorteil dieser Therapie ist eine kurze Behandlungsdauer und die Vermeidung eines Sublingualbügels. Dies wird jedoch mit einer erhöhten Invasivität und möglichen Schleiftraumen durch einen Verlust von Zahnhartsubstanz an den karies- und füllungsfreien Zähnen im Unterkiefer erkauft. Als weiterer Vorteil ist die einfache und kostengünstige Erweiterung der Versorgung nach Zahnverlust zu erwähnen. Die Patientin war darauf bedacht, einen herausnehmbaren Zahnersatz zu vermeiden.


Laterale Augmentation zur Knochenverbreiterung mittels Knochenscheibe Regio 34-36 (Abb. 3).


Röntgenkontrolle nach Knochenaugmentation Regio 34- 36 und 44-46 und Implantation 34, 44. Der Kieferkamm im Seitenzahnbereich ist vollständig rekonstruiert (Abb. 4).

Festsitzender Zahnersatz auf Implantaten. Entfernung der Zähne 34 und 44, Knochenaugmentation in Regio 34-36 und 44-46 in der Höhe und Breite, nach drei bis vier Monaten Implantatinsertion Regio 34, 36, 44, 46 und Herstellung von zwei implantatgetragenen Brücken sowie Erneuerung der Kronen auf 33 und 43.
Diese Therapie geht mit einer umfangreichen augmentativen und implantologischen Behandlung einher. Das Vorgehen setzt fortgeschrittene chirurgische, implantologische und prothetische Kenntnisse voraus. Der benötigte autologe Knochen wird hier jedoch aus der Linea obliqua mandibulae Regio 38 und 48 gewonnen und stellt somit eine Alternative zu Knochentransplantaten aus dem Beckenbereich dar. Allerdings ist auch hier ein langer Behandlungszeitraum von ca. sechs bis sieben Monaten zu kalkulieren. Der Behandlungszeitraum kann sich im Fall einer nötigen zweizeitigen Knochenaugmentation auf neun bis zwölf Monate verlängern.


Revaskularisation. Die Knochenbreite und -höhe Regio 46 ist ausreichend für die Aufnahme eines Implantates. Das Augmentat scheint gut revaskularisiert zu sein. Das Implantat Regio 44 ist freigelegt (Abb. 5).

All-on-4. Entfernung aller Zähne im Unterkiefer mit simultaner Implantation und Sofortversorgung (Allon-4- Konzept®). Der defnitive Zahnersatz wird nach ein bis drei Tagen inkorporiert. Der Behandlungszeitraum ist im Vergleich zu Therapieoption 2 wesentlich verkürzt. Vorteil dieses Behandlungskonzeptes ist die einmalige chirurgische Therapie, die insbesondere bei sehr ängstlichen oder älteren Patienten in Betracht zu ziehen ist. Nachteilig ist der Verlust aller Zähne. Das Vorgehen setzt fortgeschrittene chirurgische, implantologische und prothetische Kenntnisse und eine optimal organisierte Schnittstelle zwischen Chirurg und Zahntechniker voraus. Die Kosten sind vergleichbar mit Therapieoption 2.


Situation nach Abschluss der chirurgischen Therapie. Die Implantate Regio 34 und 44 sind mit provisorischen Kronen versorgt. Die Schleimhauttransplantate Regio 36 und 46 sind gut eingeheilt und das Vestibulum ist wieder rekonstruiert (Abb. 6).

Therapiewahl. In einem Aufklärungsgespräch wurde das Für und Wider der einzelnen Therapieoptionen diskutiert. Auf Patientenwunsch sollten möglichst viele natürliche Zähne erhalten bleiben. Die Aussicht auf eine festsitzende Gesamtrekonstruktion, wie bereits im Oberkiefer durchgeführt, und die Vermeidung von Beckenkammtransplantaten bestärkte die Patientin darin, sich für eine Therapieoption mit Implantaten zu entscheiden.

Chirurgische und augmentative Therapie. Im ersten Schritt erfolgte in örtlicher Betäubung die Extraktion der nicht erhaltungsfähigen Zähne 34 und 43. Als Interimsversorgung wurde die bereits bestehende Unterkieferprothese umgearbeitet. Nach einer Wartezeit von circa drei Monaten erfolgte die 3D-Rekonstruktion im Unterkiefer mittels Schalentechnik. Der benötigte autologe Knochen wurde beidseits aus der Linea obliqua mandibulae Regio 38 und 48 entnommen; extraoral wurden Knochenscheiben von diesen Transplantaten gewonnen. Um das Dehiszenzrisiko zu minimieren, erfolgte der Zugang Regio 34-36 und 44-46 mittels Tunneltechnik. Dadurch konnte ein krestaler Schnitt vermieden werden. Über diesen Tunnel konnten die Knochenscheiben lateral und krestal in Regio 35-36 sowie Regio 45-46 zur dreidimensionalen Rekonstruktion mit Osseosyntheseschrauben fxiert werden (Abb. 2 und 3). Die Spalträume zwischen Knochenscheiben und originärem Knochen wurden mit partikuliertem Knochen aufgefüllt. In Regio 34 sowie 44 wurden über dieselben Zugänge simultan Implantate inseriert (Abb. 4).


Abschlusssituation nach prothetischer Versorgung (Abb. 7).


Röntgenkontrolle, 4 Jahre nach Behandlungsabschluss. Die Implantate im Unterkiefer sind vollständig osseointegriert (Abb. 8).

Implantologische Therapie. Nach einer Einheilphase von drei Monaten wurden die Implantate in die gewünschten Positionen 36 und 46 inseriert und die Implantate Regio 34 und 44 freigelegt. Die Transplantate waren gut revaskularisiert (Abb. 5). Zur Vermeidung der Interimsprothese wurden auf Wunsch der Patientin die Implantate Regio 34 und 44 mit provisorischen Kronen versorgt. Nach einer weiteren Einheilphase von drei Monaten wurden die Implantate Regio 36 und 46 freigelegt.
Aufgrund eines fehlenden Vestibulums sowie unzureichender keratinisierter Mukosa erfolgte simultan mit der Freilegung eine Vestibulumplastik in Kombination mit einer Schleimhauttransplantation. Die Transplantate wurden aus dem Gaumen gewonnen (Abb. 6).

Prothetische Therapie. Sechs Wochen nach Abschluss der chirurgischen Maßnahmen erfolgte die prothetische Versorgung mittels Kronen und Brücken. Hierbei wurden die Unterkiefereckzähne 33, 43 erneut beschliffen, Kronen hergestellt und mit Phosphat-Zement [Harvard Zement®] defnitiv eingegliedert. Die implantatgetragenen Brücken wurden mit TempBond® defnitiv zementiert (Abb. 7). Eine Röntgenkontrolle erfolgte vier Jahre nach Behandlungsabschluss (Abb. 8).

Epikrise. Die Patientin stellte sich zur Zweitmeinung vor. Im ersten Beratungsgespräch wurde ihr vermittelt, dass eine Rekonstruktion des Unterkiefers nur durch Beckenkammtransplantate möglich sei. Da die Patientin einen möglichst geringen Aufwand betreiben wollte, um ihre Gebisssituation zu verbessern, entschied sie sich gegen solch ein Augmentationsverfahren. Die Augmentation von Beckenkamm zur Kieferknochenerhöhung wird kontrovers diskutiert, da es aufgrund des hohen Anteils an Spongiosa zu unvorhersehbarer Knochenresorption kommen kann. Des Weiteren wird eine höhere Infektions- und Verlustrate bei Beckenkammtransplantaten beobachtet. In diesem Fallbericht wurde der benötigte Knochen zur dreidimensionalen Rekonstruktion der Unterkieferresorption aus dem Kieferwinkel entnommen. Die Patientin trug im Oberkiefer einen festsitzenden und im Unterkiefer einen herausnehmbaren Zahnersatz. Anzumerken sei, dass unterschiedliche Verankerungsmethoden von Zahnersatz in Ober- und Unterkiefer zu subjektiver Unzufriedenheit von Patienten führen können. Durch die Rekonstruktion des Unterkiefers mittels 3D-Blocktransplantaten aus dem retromolaren Bereich des Unterkiefers und der Eingliederung eines festsitzenden Zahnersatzes konnte der Patientin der Wunsch nach festen Zähnen ermöglicht werden.
Somit blieb der Patientin eine größere Operation mit möglicher langandauernder Rehabilitation, stationärem Aufenthalt und erhöhtem Operationsrisiko erspart. Auch vier Jahre nach der Augmentation ist keine signifkante Knochenresorption an den inserierten Implantaten zu erkennen (Abb. 8).

Priv.-Doz. Dr. med. dent. Michael Korsch, M.A.
Dr. med. dent. Abdel-Karim Mamar

 

54. Bodenseetagung in Lindau am 20. September 2019

 

Herausforderungen in der Zahnarztpraxis

Ausgabe 11, 2019

Auch in diesem Jahr durften sich die Veranstalter der 54. Fortbildungstagung der Bezirkszahnärztekammer Tübingen über ein volles Haus freuen. Dr. Wilfried Forschner, Vorsitzender der Bezirkszahnärztekammer Tübingen, konnte am 20. und 21. September 2019 in der Inselhalle Lindau über 500 Zahnärztinnen und Zahnärzte begrüßen, die sich mit besonderen Herausforderungen in der Zahnarztpraxis auseinandersetzten.

Es war ein trauriges Ereignis, über das Dr. Wilfried Forschner zu Beginn berichtete. Zwei Wochen zuvor, am 6. September 2019, war Prof. Dr. Dr. h. c. Erich Körber, langjähriger Leiter der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten in Tübingen, im Alter von 94 Jahren verstorben. Der BZKVorsitzende nahm dies zum Anlass für einen kurzen Rückblick auf das Leben und Wirken Prof. Körbers. Als besonderes Lebenswerk hob er die Arbeitsgemeinschaft Dentale Technologie ADT e. V. hervor, die Prof. Körber mitbegründete und dessen 1. Vorsitzender er von 1978 bis 1992 war.
Leitgedanke der diesjährigen Bodenseetagung „Herausforderungen erkennen und bewältigen“ war die Auseinandersetzung mit komplexen Situationen in der Zahnarztpraxis und „Aufgaben, die einen fordern”. Prof. Dr. Bernd Haller, Ärztlicher Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie am Universitätsklinikum Ulm, und wissenschaftlicher Leiter, brachte die Thematik mit einem Zitat von Sean Connery auf den Punkt: „Nichts ist hilfreicher als eine Herausforderung, um das Beste in einem Menschen hervorzubringen“. Deshalb sei es wichtig, „Herausforderungen anzunehmen und immer wieder neue Herausforderungen zu suchen“. Die große Bandbreite von Themen am ersten Fortbildungstag der Bodenseetagung bot den Zahnärztinnen und Zahnärzten hierfür eine gute Gelegenheit.


Herausforderungen. Prof. Dr. Bernd Haller, wissenschaftlicher Leiter der Bodenseetagung, stellte das Erkennen und Bewältigen von Herausforderungen in den Fokus der diesjährigen Tagung.

Zahnerhalt. Prof. Dr. Matthias Kern, Kiel, zeigte in seinem Vortrag „Zahnersatz ohne Implantate eine Alternative? Nicht selten die Bessere!“, dass Implantate nicht immer die bessere Alternative sind. „Adhä- sivbrücken können in vielen Fällen ebenso gute Ergebnisse liefern“, betonte Prof. Kern. Dies belegte er auch anhand einer aktuellen Studie, bei der Adhäsivbrücken bei der klinischen Langzeitbewährung sehr gut abgeschnitten haben. Faktoren wie das jugendliche Alter des Patienten, Risikopatienten, eingeengte Lücken, unzureichendes Knochenangebot, angulierte Wurzeln, aber auch das Ablehnen von Implantaten seitens des Patienten und geringe finanzielle Mittel seien Argumente für den Einsatz einer Adhäsivbrücke. Prof. Kern stellte das Kieler Behandlungskonzept vor und zeigte Beispiele, bei denen das Langzeitprovisorium zur definitiven Versorgung wurde, die über 20 Jahre im Mund des Patienten verblieb. In anderen Fällen wiederum wurde die Vollkeramik nach einiger Zeit in eine metallkeramische Versorgung überführt. Als weitere zahnerhaltende Maß- nahmen diskutierte er die Tunnelierung, Pfeilerzahnverlängerung, Endodontie und Stiftkernaufbau sowie die kieferorthopädische Extrusion. Abschließend appellierte er an die Zahnärztinnen und Zahnärzte: „Zahnersatz und Implantate sind dafür da, fehlende Zähne zu ersetzen, nicht aber, um vorhandene erhaltbare Zähne zu ersetzen.“


Begrüßung. Dr. Wilfried Forschner, Vorsitzender der BZK Tübingen, unterstrich die Bedeutung der Fortbildung, die die Zahnärzteschaft seit nunmehr 70 Jahren in Baden-Württemberg anbietet.

Kausystem. Kritisch hinterfragte PD Dr. Daniel Hellmann, Würzburg, in seinem Vortrag „Schreckgespenst ‚Ganzkörper-CMD‘“ vor dem aktuellen Stand der Wissenschaft bisherige Annahmen in Bezug auf die Craniomandibuläre Dysfunktion Studien hätten gezeigt, dass wissenschaftlich „keine Signifikanz für einen Zusammenhang zwischen einer Fehlstellung der Zähne und dem Auftreten einer CMD“ zu sehen sei. Okklusion als biomechanischer Risikofaktor sei „lediglich ein Kofaktor in der multifaktoriellen Ätiologie der CMD“. Auch eine physiologische Verbindung zwischen Kauorgan und Körperhaltung könne wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Vielmehr werde heute in der Wissenschaft der Einfluss von Schmerzen auf die motorische Kontrolle diskutiert. „Sie können die Bewegungsmuster unseres Körpers verändern und dadurch unser motorisches System modellieren.“ Wenn die Schmerzen längere Zeit anhalten, finde eine Sensibilisierung statt und die Durchlässigkeit für Reize aus der Peripherie werde höher. Eine „die Segmente überschreitende zentrale Sensibilisierung“ sei die Folge. In Bezug auf die Funktionsanalyse nach GKV-Standard empfahl Dr. Hellmann den Anamnesebogen bei der eingehenden Untersuchung um folgende Frage zu erweitern: „Hatten Sie im vergangenen Monat Schmerzen in der rechten Gesichtshälfte, in der linken oder in beiden?“ Wird die Frage vom Patienten verneint, sei keine weitere CMD-Untersuchung notwendig. Werde die Frage bejaht, sei die Abklärung der Schmerzursache zwingend erforderlich. Eine adäquate Befundung beinhalte Palpieren und die Untersuchung der Bewegungskapazität des Unterkiefers und der Kiefergelenke auf Geräusche, um so Rechtssicherheit herzustellen.


Zahnerhalt. Prof. Dr. Matthias Kern zeigte Alternativen für Zahnersatz ohne Implantate.


CMD. PD Dr. Daniel Hellmann gab ein Update über die Forschung im Bereich der Funktionsstörungen des Kausystems.


Häusliche Gewalt. Dr. Dr. Claus Grundmann gab Empfehlungen zur Dokumentation bei Kindesmisshandlungen.

Kindesmisshandlung. Häusliche Gewalt ist leider keine Seltenheit, wie Dr. Dr. Claus Grundmann, Moers, anhand von Zahlenmaterial zu Beginn seines Vortrags „Häusliche Gewalt – was können Zahn- ärztinnen und Zahnärzte erkennen und was können sie tun?“ aufzeigte. Gewalt gegen Kinder finde meistens im engeren Umfeld statt. Eltern oder Geschwister und in Patchworkfamilien häufig auch der neue Partner der Mutter, seien Personen, die Gewalt gegen Kinder ausübten. Schläge, Treten, Schütteln, Kneifen, Stichverletzungen, Ersticken, Würgen, Vergiften, Verbrennen und Verbrühen seien häufige Formen der Gewaltanwendung. Aber auch psychische Gewalt und sexueller Missbrauch nähmen laut Dr. Grundmann zu. Da Zahnärztinnen oder Zahnärzte in der Praxis häufiger auf Patienten treffen mit Verletzungen, die auf eine äußere Gewalteinwirkung hindeuten, sei hier eine Dokumentation wichtig. Anhand der „Hutkrempenlinie“ benannte er die misshandlungsverdächtigen Körperregionen im Bereich des Kopfes. Verletzungen oberhalb dieser Linie seien meist sturzbedingt, während Verletzungen unterhalb dieser Linie wie z. B. an den Schläfen oder im Bereich der Wangen oder Ohren auf Fremdeinwirkung hinwiesen. Er erläuterte die rechtlichen Aspekte in Bezug auf Schweigepflicht und Dokumentation und gab Empfehlungen für die Verwendung von Befundbö- gen zur forensischen Zahnmedizin, die über die Internetseiten der Kammer und KZV Nordrhein und Westfalen Lippe heruntergeladen werden können. Er empfahl eine genaue Dokumentation der extraoralen und intraoralen Befunde (Lockerungen, Verletzungen der Zunge, Wangenschleimhaut, Ober- oder Unterlippe) und welche Mitarbeiterin zum Zeitpunkt in der Praxis Dienst hatte, da diese Informationen vor Gericht wichtig seien. Wenn möglich sollten Übersichtsaufnahmen vom Körper und Detailaufnahmen der Verletzungen angefertigt werden. Eine Meldepflicht für Ärzte, Zahn- ärzte, Sozialpädagogen etc. beim Bekanntwerden von Misshandlungen gebe es in Deutschland nicht. Jedoch könne die in § 203 des Strafgesetzbuches verankerte Schweigepflicht durch § 34 außer Kraft gesetzt werden, wenn ein höheres Rechtsgut, Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, dadurch gewahrt werde.

Patienten mit Handicap. Prof. Dr. Andreas Schulte, Witten-Herdecke, ging der Frage nach, wie man Patienten mit Handicap erfolgreich behandelt. Er stellte besonders die Patienten in den Fokus, deren Mundgesundheit beeinträchtigt werde, weil ihre Behinderungen „potenziell negative Auswirkungen auf die Mundgesundheit und die zahnmedizinische Versorgung“ haben. Häufig sei in diesen Fällen eine eigenverantwortliche Mundhygiene nicht möglich, die Kommunikation mit dem Zahnarzt erschwert, es mangle an Kooperation bei der Behandlung oder der Zugang zur Zahnarztpraxis sei nicht oder nur schwer möglich. Prof. Schulte stellte sein Behandlungskonzept vor, bei dem Kommunikation und Vertrauen eine wichtige Rolle spielen. Er gab Tipps für die Kontaktaufnahme, den Kontakt mit Begleitpersonen, das Training der Eltern oder Betreuer und erläuterte die motorischen, koordinatorischen sowie kognitiven Herausforderungen beim Zähneputzen. Wichtig sei die Entwicklung eines individuellen Mundhygieneplans gemeinsam mit Patient und Betreuer. Im Verlauf von vier Sitzungen könne ein persönliches Vertrauensverhältnis zum Zahnarzt aufgebaut werden, das eine gute Basis für die weitere zahnärztliche Behandlung biete.


Patienten mit Handicap. Eine gute Mundgesundheit verbessert die Lebensqualität, so Prof. Dr. Andreas Schulte.


Versorgung älterer Patienten. Dr. Elmar Ludwig stellte sein Praxiskonzept zur Versorgung älterer Patienten vor.

Versorgung älterer Patienten. Die Versorgung älterer Patienten stand im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Elmar Ludwig, Ulm. Unter dem Titel „Alte Menschen gut versorgen – ein Konzept aus der Praxis für die Praxis“ ging er auf die aktuelle Situation in der Pflege ein und erläuterte die neue Ausgangssituation, bei der immer mehr Pflegebedürftige noch viele eigene Zähne haben und sich die Munderkrankungen in das höhere Lebensalter verschieben. Neue Herausforderungen seien u. a. Karies und Parodontitis. Eine entzündungsfreie Mundhöhle sei sehr wichtig, denn Bakterien aus der Mundhöhle könnten eine Lungenentzündung verursachen und dies sei der häufigste Faktor für eine Krankenhauseinweisung. Dr. Ludwig verwies auf den neuen Expertenstandard zur „Erhaltung und Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“, der momentan entwickelt werde. 2020 solle dieser in einer Konsensuskonferenz verabschiedet und im Jahr 2022 implementiert werden. Dann sei er für alle Pflegekräfte in den Einrichtungen verbindlich. Darüber hinaus gab Dr. Ludwig wertvolle Tipps zur mobilen Behandlung, für den Umgang mit Polypharmazie, zur Abrechnung und erläuterte rechtliche Aspekte. Besonders wichtig seien Schulung und Fortbildung, betonte er, und zwar für das gesamte Praxisteam.


Seltene Krankheiten. Wichtige Hinweise für die Diagnose von seltenen Erkrankungen gab OA Dr. Marcel Hanisch.

Seltene Erkrankungen. Um seltene Krankheiten ging es im Vortrag von OA Dr. Marcel Hanisch, Münster, mit dem Titel „Seltene Erkrankungen mit Manifestation im Zahn-, Mund- und Kieferbereich: erkennen, zuordnen, Fehldiagnosen vermeiden“. In Deutschland seien ca. vier Millionen Menschen von einer seltenen Erkrankung betroffen und 15 Prozent dieser Fälle manifestierten sich im Zahn-, Mund- und Kieferbereich. Häufig gebe es innerhalb der Zahnmedizin wenig Kenntnisse zu seltenen Erkrankungen, was zu „Diagnose-Irrfahrten“ und Schwierigkeiten bei der Versorgung führe, unterstrich Dr. Hanisch. Für die systematische Literaturrecherche empfahl er die webbasierte Datenbank zur Erfassung orofazialer Manifestationen ROMSE (http://romse. org), auf der derzeit 541 seltene Erkrankungen mit orofazialen Manifestationen erfasst seien. Wenn der Zahnarzt die Erkrankungen erkennt und richtig zuordnet, könne er einen wichtigen Beitrag zur Diagnose leisten, was dem Patienten einen langen Leidensweg erspare.

» gabi.billischek@izz-online.de


Der besondere Vortrag widmete sich in diesem Jahr dem Umgang mit Krisen. Der Psychologe und Krisenmanager Dr. Stefan Junker, Oftersheim, zeigte auf, wie man angesichts der heutigen unruhigen Zeiten Krisen bewältigt. Er gab Tipps zum klaren Denken und Handeln, wenn die bisherigen Lö- sungsversuche nicht greifen und gab Anregungen was jeder Einzelne tun kann

 

54. Bodenseetagung in Lindau am 21. September 2019

 

Phänomen Mund und Zähne

Ausgabe 11, 2019

Zwei Fortbildungstage, Themen, die renommierte Referenten mit Praxisbezug spannend zu gestalten wussten. Prof. Dr. Bernd Haller, Fortbildungsreferent der BZK Tübingen, hatte mit Prof. Dr. Axel Spahr, heute Sydney, früher Ulm, einen der bekanntesten Parodontologen für den ersten Vortrag des zweiten Fortbildungstages in Lindau gewinnen können. Dem Phänomen Mund und Zähne als gemeinsames Problemfeld von Psychiater und Zahnarzt ging Dr. Martin Gunga aus Lippstadt auf den Grund. Dr. Bruno Imhoff, Köln, stellte neue Erkenntnisse und Therapieansätze bei Bruxismus vor. Endodontische Schmerz- und Notfälle, Stressfaktoren für Patient und Behandler, standen im Mittelpunkt des Vortrages von Prof. Dr. Karl-Thomas Wrbas, Freiburg.


Vorteilhaft. Oszillierende, rotierende Bürsten sind gegenüber Schallzahnbürsten wesentlich effektiver bei der Biofilmkontrolle, betonte Dr. Axel Spahr.


Gemeinsames Problemfeld. Mund und Zähne als gemeinsames Problemfeld von Psychiater und Zahnarzt standen im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Martin Gunga.

Biofilmkontrolle. „Wenn die Mundhygiene passt, dann gibt es selten Zahnverlust“, sagt Prof. Axel Spahr. „Welche MundhygieneEmpfehlungen sind wirksam, und wie valide sind unsere Empfehlungen?“, fragt Prof. Spahr. Gibt es eine Evidenz für eine bestimmte Putztechnik? Weiche oder harte Zahnbürsten? Prof. Spahrs erste Feststellung: „Weiche Zahnbürsten erreichen niemals das gleiche Ergebnis wie eine mittelharte, d. h. 30 Prozent weniger Biofilmkontrolle bei weichen Zahnbürsten.“ Darüber hinaus betonte er, dass Rezessionen nicht abhängig von Bürsten seien.
Was den Zeitfaktor für die Mundhygiene mit der Zahnbürste betreffe, empfiehlt Prof. Spahr drei bis vier Minuten, aber auch zwei Minuten seien schon von Vorteil. Allerdings hätten Studien ergeben, dass Zahnbürsten „in der Regel nur 30 Sekunden in Gebrauch sind“. Für die Zungenbürste gibt es ebenfalls eine Evidenz. Und tendenziell habe es sich gezeigt, dass einmal am Tag die Zungenbürste von Vorteil bei der Mundhygiene sei. Zahnpasten haben einen signifikanten Vorteil bei der Biofilmkontrolle, primär wegen des enthaltenen Fluorids. Zinkfluorid in der Zahnpasta sei in der Wirkung besser als z. B. Natriumfluorid. Im Hinblick auf elektrische Zahnbürsten und ihre Effizienz riet er eindeutig zu den oszillierenden elektrischen Zahnbürsten, die jeden Hand- und Schallzahnbürsten überlegen seien. Darüber hinaus seien keine Rezessionen bei der Benutzung von elektrischen Zahnbürsten zu befürchten, da der Bürstendruck gering sei. Studien hätten deutlich gezeigt, dass bei einer 16°-Anwinkelung der Borsten der elektrischen Zahnbürste die höchste Plaque-Entfernung erzielt werde. Insgesamt seien die oszillierenden, rotierenden Bürsten 30 Prozent besser als Schallzahnbürsten.
Im Hinblick auf die Nutzung von Zahnseide sieht Prof. Spahr keinen Benefit und keinen Einfluss auf die Vermeidung von Gingivitis. Mit einer Ausnahme: Nur bei professioneller Anwendung wie z. B. von Dentalhygienikerinnen habe eine Studie nachgewiesen, dass es einen Benefit im Hinblick auf die PlaqueKontrolle gebe. Deswegen präferiere er Interdentalbürstchen, weil diese 30 Prozent mehr Biofilmkontrolle bewirkten. Allerdings sollte man auf die Bürstenform achten, denn zylinderförmige Interdentalbürstchen seien besser geeignet als tannenbaumförmige.
Zur Munddusche merkte er an, dass sie anscheinend „etwas bringe“. Vielleicht vor dem Hintergrund, dass die Munddusche leichter anzuwenden sei als Zahnseide.
In Bezug auf Chlorhexidin sei die Datenlage eindeutig. Bei 0,2 mg zweimal am Tag 30 Sekunden sei eine deutliche Mundhygieneverbesserung nachweisbar. Chlorhexidin 0,2 mg sollte „zweimal am Tag 30 Sekunden im Mund verbleiben, mehr mache keinen Sinn, und dreimal bringe nichts“, so Prof. Spahr.
Spüllösungen mit Alkohol sind signifikant effektiver als ohne Alkohol. Bei Listerine® sei die Mundspüllösung mit Alkohol immer der ohne Alkohol vorzuziehen. Deutlich lehnte er Handküretten ab, denn diese zerstörten die Gingiva und die Zahnwurzel. Sie seien höchstens noch als Kontrollmittel anwendbar. Ultraschallküretten seien entscheidend besser. In Bezug auf Lokalantibiotika bei Parodontitis stellte er fest, dass man mindestens drei Monate in die Tasche spritzen müsste, um einen Effekt nachzuweisen, „deswegen sollte man dies lieber lassen“.
Gute Ergebnisse bis sehr gute Ergebnisse wären mit Air-Flow® zu erzielen, insbesondere subgingival sei mit den neuen Pulvern keine Schädigung mehr verbunden. AirFlow plus® sei sehr gut, weil es nicht nur antibakteriell wirke, sondern direkt in der Tasche resorbiert wird. Mit 30 bis 60 Prozent Winkelneigung solle das Airflow-Gerät im Sulcus bewegt werden, Stage 1 und Stage 2 bis 5 mm. Bei vertikaler Bewegung entferne Air-Flow® mehr Biofilm als Ultraschall oder Kürette. Fazit: „Air-Flow® ist State of the Art“.
Von Ölen, insbesondere Ölziehen, riet er ab, weil es bei unsachgemäßer Verwendung in die Lunge gelangen könne. Auch Omega- 3-Fischöl in der Kombination mit Aspirin 100 diskutierte Prof. Spahr. Er zeigte, wenn Fischöl in Kombination mit Aspirin 100 genutzt werde, ist die Heilung deutlich besser.


Bruxismus. Neue Erkenntnisse und Therapieansätze beschrieb Dr. Bruno Imhoff in seinem Vortrag.


Stressfaktoren. Endodontische Schmerz- und Notfälle, die bei Patient und Behandler Stress verursachen, stellte Prof. Dr. KarlThomas Wrbas vor.

Zähne und Psyche. Dr. Martin Gunga, erfahrener Gutachter im Fachgebiet Neurologie und Psychiatrie und gern gesehener Referent bei zahnärztlichen Fortbildungstagungen, widmete sich Mund und Zähnen als dem gemeinsamen Problemfeld von Psychiater und Zahnarzt. Dabei gab er wertvolle Tipps zu Diagnostik und Therapie und zur Vermeidung von Behandlungskarrieren. Wie relevant psychische Störungen für Arzt und Zahnarzt sein können, schilderte Dr. Gunga. Bei ungefähr „einem Drittel der Bevölkerung, lassen sich bezogen auf ein Jahr, eine oder mehrere klinisch relevante psychische Störungen nachweisen“. Somit habe „jeder einen gewissen Pool von Patienten, die schwierig sind“. Sein Tipp: „Nehmen Sie Patienten immer ernst.“ Auch vor dem Hintergrund, dass Patienten durchaus gefährlich werden können. Nach Politikern, Taxifahrern, Tankwarten und Psychiatern stehen in Amerika an fünfter Stelle bereits Zahnärzte, deren Leben durch Patienten gefährdet wurde. „Machen Sie möglichst nichts allein, insbesondere im Nachtdienst oder Notdienst“. Er berichtete von Patienten, die höchst depressiv waren, und zwar bereits seit sechs bis acht Jahren. Sie gingen zwar zum Zahnarzt, nicht aber zum Psychiater. Er betonte, dass er nicht von einem Einzelphänomen spreche, sondern von einem Massenphänomen, und „Patienten mit Behandlungskarrieren heute sehr, sehr häufig anzutreffen sind“. Insbesondere bei schizophrenen Patienten sei Vorsicht angebracht. Pseudoschmerzen, insbesondere auch bei Prothesenunverträglichkeit, sind Symptome, die auf psychische Störungen bei Patienten hindeuteten. Versuchen Sie nicht, dagegenzuhalten, das ist ein „fataler Fehler. Bevor Sie überreagieren, schlafen Sie darüber nach dem Motto: erst die preußische Nacht noch genießen“. Die Mundregion bezeichnete er als Krisenregion, denn dort sei „viel Seele rund um Mund und Zähne“. Brandgefährlich seien diejenigen, „die die Schuld immer anderen in die Schuhe schieben wollen“. Deswegen seien Ärzte und Zahnärzte besonders gefährdet, denn diese Leute wollten sich rächen. Deswegen riet er dazu, so genau wie möglich Situationen zu dokumentieren, wenn nötig einen Cut zu machen. Das ist besser als nachher das Opfer zu sein. Gerade bei schizophrenen Erkrankungen sei das genaue Hinhören wichtig. Sein Rat: „stets vorsichtig sein“.
Weitere Typen und Problemfelder betrafen den Dentistophobiker, der von vornherein gegenüber Zahnärzten eine gewisse Erwartungsangst an den Tag legt. Auch Patienten mit Panikstörungen habe er in seinem langen Berufsleben oft gesehen, sie haben die Furcht zu sterben. Dazu beschrieb er somatoforme autonome Funktionsstörungen und somatoforme Schmerzstörungen. Diese Patienten zeichne penetrantes und hartnäckiges Auftreten aus, weil sie immer wieder nach weiteren Untersuchungen nachfragten. Sogenanntes Doktor-Shopping oder -Hopping unterliegen dem sogenannten Koryphäen-Killersyndrom. Sein Rat, „generell auf Zwischentöne achten und sich nicht vereinnahmen lassen, immer Abstand halten“.

Bruxismus. Ausgehend von der Definition für Bruxismus, der sich durch wiederholte Kaumuskelaktivität, durch Kieferpressen und Zähneknirschen und/oder Anspannen oder Verschieben des Unterkiefers ohne Zahnkontakt beschreiben lässt, eröffnete Dr. Bruno Imhoff, Köln, seinen Vortrag über neue Erkenntnisse und Therapieansätze bei Bruxismus. Er unterschied zwei unterschiedliche Typen, zum einen den Schlafbruxismus, der während des Schlafs auftritt, und den Wachbruxismus während des Wachseins.
Der Schlafbruxismus ist gekennzeichnet durch eher dynamische Aktivitäten, durch tonische Anspannung der Kaumuskeln, oft auch Zungen- und Wangenpressen, was immer korrespondierend mit Schnarchen ist. Schlafentzug fördere den Bruxismus, betont Bruno Imhoff. Der Wachbruxismus, der durch tonische Kontraktion über zwei Sekunden Pressen sich äußert, kann auch in Kombination mit dynamischem Bruxismus auftreten. Primäre Ursachen (idiopathisch) sind Angst, Stress, Depressivität oder genetische Faktoren. Sekundär werden unterschieden: Schlafstö- rungen (Insomnie), Medikamente (z. B. Antidepressiva, Antikonvulsiva, Antihistaminika, dopaminerge Präparate, Drogenkonsum (wie z. B. Rauchen, Alkohol, Koffein, Amphetamine) und Erkrankungen (wie z. B. Parkinson). Epidemiologisch kann festgestellt werden, dass der Schlafbruxismus bei Kindern 53 bis 57 Prozent betreffe, bei Erwachsenen 13 ± 3 Prozent und von Wachbruxismus bei Erwachsenen 22 bis 31 Prozent betroffen sind. Die höchste Prävalenz ist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
Bruxismus beschreibe ein Verhalten, so Dr. Imhoff. Risikofaktoren sind nichtkariöser Zahnhartsubstanzverlust, Myopathie und Arthropathie. Protektive Faktoren seien Reduktion der Säurewirkung bei Reflux, Offenhalten der oberen Atemwege bei schlafbezogenen Atemstörungen und bessere Befeuchtung des Mundes, insbesondere auch des Rachens. Die möglichen negativen Folgen des Bruxismus sind Schmerzen der Kaumuskulatur, Schmerzen in Kiefergelenken, Schläfenkopfschmerz, vor allem beim Aufwachen, Nackenschmerz, schlechte Schlafqualität. Weitere negative Folgen können überempfindliche Zähne sein, verstärkte Attrition, keilförmige Zahnhalsdefekte, Zahnbeweglichkeit ohne parodontale Probleme, Schäden an Restauration. Die klinischen Zeichen können nonkariogener Zahnhartsubstanzverlust sein, Zungen- und/oder Wangenimpression, Gingivarezession, hypertrophe Kaumuskeln, eingeschränkte Kieferöffnung. Insbesondere der Wachbruxismus ist ein Risikofaktor für CMD und macht bei CMDPatienten mindestens 82 Prozent aus. Zum Abschluss seines Vortrags stellte er einen Anamnesebogen für das Bruxismus-Screening vor, der wertvolle Hilfestellung bei der Diagnostik dem Zahnarzt bietet.
nostik dem Zahnarzt bietet. Und last but not least stellte Prof. Dr. Karl-Thomas Wrbas, Freiburg, endodontische Schmerz- und Notfälle, Stressfaktoren für Patient und Behandler, vor. Dieses Thema wird in einer der nächsten ZBW-Ausgaben ausführlich bearbeitet werden. Bereits heute sollten alle Interessierten sich den Termin der 55. Bodenseetagung der BZK Tübingen in Lindau am 18. und 19. September 2020 vormerken.

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48. Tagung für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen der BZK Tübingen

 

Rundum-Vorsorge in Lindau

Ausgabe 11, 2019

Professioneller und individueller Vorsorge widmeten sich rund 400 Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen von 20. bis 21. September in Lindau. LZK- und BZK-Referent für Zahnmedizinische Mitarbeiter/ innen, Dr. Bernd Stoll hatte ein überaus vielseitiges Fortbildungsprogramm zur 48. Auflage der renommierten Fortbildungstagung der Bezirkszahnärztekammer Tübingen aufgelegt: Von der Therapie parodontaler Erkrankungen, der richtigen Dosis Humor auf Rezept über das Erkennen von Risikopatienten jedes Alters bis zu gelebter Ergonomie und empfehlenswerten Ernährungsempfehlungen spannten die fünf Referentinnen und Referenten einen großen Präventions-Bogen.


Ehrungen. Zwei Klassenbeste – Olaf Knirsch und Jana Gödde – und drei Berufsjubilarinnen – Anja Kelbing für 25 Jahre, Claudia Lehn für 30 Jahre und Ursula Hebeisen für 40 Jahre durfte Dr. Bernd Stoll (l.) in diesem Jahr in Lindau ehren.

Sein letzter Vortrag in Lindau liegt schon einige Jahre zurück und die Übersetzung der englischen Folien in deutsche Sprache bereiteten ihm einiges Kopfzerbrechen – aber noch immer überzeugte er mit fachlich fundierten Empfehlungen, klaren unmissverständlichen Aussagen und einer unverwechselbaren Heidenheimer Authentizität. Auf den Head of Periodontics des Sydney Dental Hospital und Clinical Associate Professor an der Universität von Sydney, Prof. Dr. Axel Spahr, als Referenten in Lindau war Dr. Bernd Stoll sichtlich stolz. Prof. Spahr zündete dann auch ein wahres Feuerwerk – in drei Teilen brachte er die anwesenden Damen in puncto Prävention und Therapie parodontaler Erkrankungen auf den Stand der Dinge. Im ersten Teil erläuterte er die seit kurzem gültige neue Klassifizierung parodontaler Erkrankungen. Erstmals nach den drei vorangegangenen Einteilungen definiert die neue Klassifizierung parodontale Gesundheit. Die beiden entscheidenden Parameter der neuen Klassifizierung sind die Schwere und das Ausmaß der Parodontitis bzw. die Komplexität der Rehabilitation (Staging) sowie das zukünftige Risiko einer erneuten Erkrankung (Grading).

Verblüffende Ergebnisse. Parodontitis ist eine chronische, multifaktorielle, inflammatorische Erkrankung. Bei der Prävention und Behandlung konzentriert man sich auf die Entfernung des oralen Biofilms, in der Praxis und zu Hause sowie die Korrektur der Gewohnheiten der Patienten. Das Dilemma ist, dass der Biofilm nur bedingt chemisch bekämpft werden kann, nur die Kombination mit manueller Mechanik sichert den Erfolg. Laut Studien bilden vor allem linguale Flächen und interdentale Bereiche Plaque. Wie sollen die Patienten also am besten putzen? Prof. Spahr präsentierte einige verblüffende Ergebnisse: Es gibt keine Evidenz für eine bestimmte Zahnputztechnik. Weiche Borsten haben keinen Effekt für die Plaquereduktion. Für die 2-Minuten-Putzdauer-Empfehlung gibt es keine Evidenz, zumal die Patienten real ohnehin nur 30 bis 60 Sekunden putzen. Mehr Plaque entfernt man ohne Zahnpasta, dennoch ist es besser, man verwendet Zahnpasta wegen des Fluorids, „Zinnfluorid hat die beste antibakterielle Wirkung“. Elektrische Zahnbürsten sind besser als manuelle, bei den elektrischen sind rotierend-oszillierende den Schallzahnbürsten überlegen – wenn sie im 90 Grad Winkel an den Zahn angelegt werden und keine eigenen Putzbewegungen gemacht werden. Auch bei der Interdental-Hygiene machte Prof. Spahr seinen unnachahmlichen Realitätscheck und brachte wiederum einige Überzeugungen zu Fall: Zahnseide bringt nichts zur Plaquereduktion. Beim Implantat ist sie sogar kontraproduktiv. Bei den Mundspüllösungen ist CHX noch immer der Goldstandard, aber die Konzentration ist wichtig und gänzlich wirkungslos ist CHX mit ADS Antiverfärbung. Den zweiten Teil seiner Ausführungen schloss Prof. Spahr mit der Empfehlung IDT – nach dem Prinzip I Information, D Demonstration und T Therapie wird dem Patienten etwas beigebracht.
Frisch gestärkt nach dem Mittagessen, dokumentierte Prof. Spahr im dritten Teil anhand einiger Patientenfälle, dass „es den einen PARPatienten nicht gibt“. Initial- und Erhaltungstherapie spielen dennoch die entscheidende Rolle bei Parodontitispatienten. Prof. Spahr konzentrierte seine Empfehlungen auf die subgingivale Belagsentfernung mit Schallund/oder Ultraschall-Scaler, deren korrekte Bedienung sowie Kontraindikationen für die Instrumentierungen. „Ihr müsst wissen, was Ihr in der Hand habt“.
E-Zigaretten, Probiotika, photodynamische Therapie … bei der abschließenden Fragestunde stellten die anwesenden Zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen ihre Fachkompetenz unter Beweis.
Mit dem Versprechen in zwei oder drei Jahren wiederzukommen, verabschiedete Dr. Stoll den sympathischen Australier nach Down Under.


Klare Aussage. Der sympathische Australier Prof. Dr. Axel Spahr brachte die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen in puncto Prävention und Therapie parodontaler Erkrankungen auf den Stand der Dinge.

Die richtige Dosis Humor verabreichte danach Kathrin Hansmeier, Schauspielerin und Humortrainerin vom Deutschen Institut für Humor in Leipzig. Was ist Humor? Humor ist die Fähigkeit und die Bereitschaft mit Schwierigkeiten heiter und gelassen umzugehen. Humor ist ansteckend, ist Bewältigungsstrategie, Humor irritiert und Humor löst Spannungen. Humor ist deshalb die ideale Ressource in der Arzt-Patienten-Kommunikation, ist Kathrin Hansmeier überzeugt. Und sie brachte die Vorteile von Humor im Praxisalltag mit drei eindrücklichen Aussagen auf den Punkt: Mit Humor lassen sich Stimmungen managen, Humor macht aufmerksam und mit Humor lässt sich Spannung entspannen. Für jedes Statement hatte die Humortrainerin die passende Geschichte mit einer humorvollen Pointe parat. Aber sie gestand auch, „natürlich erzähle ich hier nur die besten Witze und schlagfertigen Humor muss man üben“. Wie wäre es mit einem Humor-Tagebuch? „Das lässt sich wunderbar als Team-Aufgabe in der Praxis gestalten“.

Risikopatienten erkennen. Am zweiten Fortbildungstag traf die Zahnmedizin auf die Medizin – in Gestalt der Anästhesistin Dr. Catherine Kempf aus Pullach. Die sympathische Medizinerin versteht es wie kaum eine andere für eine gewissenhafte Anamnese zu sensibilisieren – um Risikopatienten in jedemAlter zu erkennen. „Vergessen Sie nicht, Ihre Patienten sind medizinische Laien – woher sollen sie wissen, dass das Erwähnen ihrer Milcheiweiß-Allergie beim Zahnarzt lebenswichtig ist?“ DieAnamnese ist deshalb ein „Cocktail“: Die Basis bildet der Anamnesebogen, ergänzt durch tasten, riechen, hören, das mündliche Gespräch und das Visuelle. „Machen Sie die Augen nicht zu, Sie tragen Verantwortung“, appellierte Dr. Kempf. An vier eindrücklichen Beispielen dokumentierte Dr. Kempf, wie man Risikopatienten erkennt und auf was man bei der Behandlung achten muss: Patienten mit Bluthochdruck bestellt man am besten nachmittags ein. UltraschallScaling darf bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen gemacht werden. Epileptische Anfälle können Patienten auch bei Diabetes in Unterzuckerung erleiden. Und beim Asthmapatient ist sowohl Air Flow als auch Chlorhexamed forte kontraindiziert. Dr. Kempf ließ die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen nicht gehen ohne nochmals ihre Hauptbotschaft mit großer Vehemenz zu verkünden: „Alter ist nicht risiko-entscheidend – es gilt den Risikopatienten in jedem Alter zu erkennen!“

Gelebte Ergonomie. Nach den zahlreichen Tipps der Referentinnen und Referenten für eine professionelle Vorsorge für die Patienten, war mit Jens-Christian Katschner die Zeit gekommen, dass „Sie auch einmal an sich selbst denken“. Selbstfürsorge oder gelebte Ergonomie nennt das Jens-Christian Katschner. Es geht dabei um eine gesunde Körperhaltung beim Sitzen in der Praxis. Und die folgt nach Katschner sieben Regeln: Vermeide Belastung, verringere Belastung, wechsele Belastung, sitze aufrecht, frontal und körpernah und verbrauche keine Energie. Es gelte, so Katschner, ein individuelles Arbeitskonzept zu finden, das in einem optimalen Zusammenspiel zwischen Zahn, der eigenen Position, Sicht, Lage des Patienten, Absaugtechnik und der Interaktion zwischen dem Zahnarzt und der ZFA besteht. „Das ist gelebte Ergonomie!“

Gesunde Ernährung. Um die individuelle Vorsorge geht es auch bei der Ernährung. Und dass so manche Ernährungsempfehlung eher kontraproduktiv als hilfreich und gesund ist, dokumentierte der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer im abschließenden Vortrag der Tagung. Sein Hauptaugenmerk galt dieses Mal der Soja – eigentlich gesundheitsschädigend, wie in Tierstudien nachgewiesen werden konnte, „bei Affen bewirkt es Verhaltensstörungen“, so Pollmer, wird es als DAS gesunde Nahrungsmittel schlechthin gepriesen. Ob als Sojaöl, Sojamilch oder Sojabohnen. Mit zahlreichen weiteren Beispielen unterstrich Udo Pollmer seine zentrale Forderung: Was man gerne isst, sagt einem der Körper und keine Ernährungsempfehlung. Jeder Körper reagiert unterschiedlich. Essen soll in erster Linie satt und zufrieden machen und muss bekömmlich sein. Und was bekömmlich ist, ist auch gesund!

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Herbstkonferenz

 

Zwei Welten, ein Körper?

Ausgabe 11, 2019

Die diesjährige Herbstkonferenz von Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe und Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe hatte sich mit dem Tagungsthema „Arzt und Zahnarzt – zwei Welten, ein Körper?“ kein einfaches Tagungsthema gewählt. In den Grußworten von Dr. Norbert Engel und Prof. Dr. Winfried Walther wurde die Bedeutung des Themas dargestellt. Prof. Walther beschrieb es so: „Der Patient hat heute Anspruch darauf, dass bei seiner Versorgung sein gesamter Status berücksichtigt wird, alles was medizinisch gegeben ist, in seinem individuellen Fall“. Fünf Referenten beleuchteten das Tagungsthema, um am Ende festzustellen, dass es Zeit wird, die gegenseitigen Vorbehalte zwischen Ärzten und Zahnärzten abzubauen, weil es nur einen Körper gibt und zwar den des Patienten.

Den ersten Referenten des Tages kündigte Prof. Walther „als Glücksfall für die Karlsruher Community“ an, weil ein guter Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg den Kolleginnen und Kollegen Sicherheit gibt.


Begrüßung. Akademie-Verwaltungsratsvorsitzender und BZK-Vorsitzender Dr. Norbert Engel hieß Zahnärzt/innen und Mitarbeiter/innen zur 10. Herbstkonferenz in Baden-Baden willkommen.

Jeder Zahnarzt ist Arzt. Prof. Dr. Dr. (H) Anton Dunsche vom Städtischen Klinikum Karlsruhe sensibilisierte die Zuhörer für den „Gefahrenort Mundhöhle“, ein Teil des Körpers, der auf vielfältige Weise über den Gesamtorganismus Auskunft gibt. Häufig zeigten sich Krankheiten zuerst in der Mundhöhle. Schwellungen, Mundöffnungsstörungen, Entzündungen, Allergien, Sensibilitätsstörungen, Schleimhautbrennen … Es gelte „den Patienten ernst zu nehmen“ und genau zuzuhören, „was er sagt und was er nicht sagt“, appellierte Prof. Dunsche, „der Patient hat Recht und er ist unser Partner“. Man solle auch nicht voreilig eine psychische Erkrankung diagnostizieren, mahnte Prof. Dunsche. „Wir nennen das nur so, weil wir keine Lösung erkennen“. Anhand zahlreicher klinischer Fälle, zum Teil unter die Haut gehende Fälle, die eindrücklich geschildert wurden, ermutigte er die Kollegen, immer auch einen Tumor als Ursache für Beschwerden in Betracht zu ziehen. „Schließen Sie einen Tumor durch ein MRT und eine Szintigrafie aus.“ Entzündungen und Tumoren lägen oftmals nahe beieinander. Auch Multiple Sklerose gelte es als Ursache zu berücksichtigen. Am wichtigsten sei die Anamnese, sie gebe wichtige Indizien für Allgemeinerkrankungen, so Prof. Dunsche. „Jeder Zahnarzt ist Arzt“, ermutigte er die zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Das Auditorium bedankte sich für die Ausführungen Prof. Dunsches mit langanhaltendem Applaus.


Moderation. Akademie-Direktor Prof. Dr. Winfried Walther und Dr. Volker Bracher führten abwechselnd durch die Herbstkonferenz.

Macht PA-Therapie gesünder? PD Dr. Karim M. Fawzy El-Sayed erörterte in seinem Referat die Frage, ob eine „PA-Behandlung – für den ganzen Menschen“ hilfreich ist. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, eine PA-Therapie macht uns gesünder, weil die Entzündungen im Körper reduziert werden. Über eine Reihe von postulierten Effekten der PA-Behandlung kann jedoch nur ausgesagt werden, eine PA-Therapie macht uns „Vielleicht“ gesünder, da sie derzeit nicht vorhersehbare, in der Regel positive Effekte auf andere Organsysteme haben kann. Aber eine Parodontitistherapie kann bislang andere Krankheiten nicht zuverlässig verhindern oder heilen. Insofern macht sie uns nicht gesünder. Dr. El-Sayed stellte einen Anforderungskatalog auf, für die sachgerechte Feststellung von kausalen Zusammenhängen zwischen Parodontitis und Diabetes, Schwangerschaftskomplikationen, kardiovaskulären Erkrankungen und Pneumonien. Assoziationsstudien allein liefern keinen Beweis für einen kausalen Zusammenhang. Vielmehr müssten Pathomechanismen, Tierversuche und Interventionsstudien angewandt werden, um einen Zusammenhang zu begründen.


Highlight. Die Ausführungen von Prof. Dr. Dr. (H) Anton Dunsche zum Gefahrenort Mundhöhle gehörten zu den Höhepunkten der diesjährigen Herbstkonferenz.

Neues Forschungsprojekt. PD Dr. Stefan Listl ist Zahnarzt und Volkswirt. Er stellte ein vom G-BA-Innovationsfonds gefördertes und derzeit laufendes Projekt Dent@Prevent vor, an dem auch die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe beteiligt ist. Bei dem Forschungsprojekt geht es darum, wie sich Kommunikationsbarrieren zwischen Zahnärzten und Ärzten und ihren Patienten mittels digitaler Technik überwinden lassen.

Akademie Aktuell. In Akademie Aktuell stellen Prof. Walther und sein Team jedes Jahr das neue Fortbildungsprogramm der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe vor und weisen auf ausgewählte und besonders lohnende Kurse und neue Kursformate hin. Nicht unerwähnt durfte selbstverständlich das Jubiläum der Akademie Karlsruhe bleiben. Vom 5. bis 7. November 2020 feiert die Akademie ihr 100-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum kündigte Prof. Walther eine digitale Festschrift an. Zu Ehren der Akademie findet die Bundesversammlung der BZÄK im November des kommenden Jahres in Karlsruhe gemeinsam mit der Karlsruher Konferenz und dem Karlsruher Vortrag statt.
Aus der Reihe der Absolventen des aktuellen Masterstudienganges 2017 bis 2019 stellte Dr. Marco Herz, MME, M.A. aus Tübingen seine Masterarbeit zur Motivation der Aufnahme des Zahnmedizinstudiums vor.


Begeisterung. Zum Abschluss hielt Prof. Dr. Curt Diehm einen begeisternden Vortrag zum Thema „Arzt und Zahnarzt – Kollegialität und Unvertrautheit“.

Integrated Dentistry. Mitglieder des Master-Netzwerkes Integrated Dentistry stellten unter der Moderation von Dr. Thomas Schilling, M.A. aus Tuttlingen ihr gemeinsames Projekt „Das Kind im Focus – ein gemeinsames Prophylaxekonzept von Zahnarzt und Kinderarzt“ vor. Dieser arbeitsteilig vorgetragene Beitrag sorgte für viel Unterhaltung und wartete mit einem konkreten Arbeitsergebnis auf: Ein gut formulierter FluoridAnamnesebogen verbessert die Prophylaxe sowohl in der Kinderwie in der Zahnarztpraxis.

Break the wall. „Das Tagungsthema erfordert die Stellungnahme eines Arztes“, befand Prof. Dr. Curt Diehm. Noch bevor er auf „die fest verankerten Vorurteile zwischen Humanis und Zahnis“ bzw. die Frage der Kollegialität und der Unvertrautheit zwischen Arzt und Zahnarzt einging, äu- ßerte er seine Hochachtung für die Fortbildungsveranstaltung der Zahnärzteschaft in Baden-Baden und insbesondere die Ausführungen von Prof. Dunsche.
Gemeinsam ist dem Arzt- bzw. Zahnarztberuf, dass er sehr gesundheitsgefährdend ist: Ärzte und Zahnärzte leiden deutlich häufiger an Suchterkrankungen. Das Burnoutrisiko und die Selbstmordrate sind ebenfalls deutlich erhöht. Gemeinsam ist den Berufen auch, dass ihn inzwischen mehr Frauen als Männer ergreifen. Sind Frauen die besseren Ärzte, fragte Prof. Diehm ironisch? Und er outete sich durchaus als Kritiker seines ärztlichen Berufsstandes, indem er zwingend für eine zweite Meinung plädierte, viele Operationen infrage stellte und die Fehlerkultur des Berufsstandes kritisierte. „Ich mache jeden Tag Fehler“, gestand er freimütig und forderte, dass gute Ärzte und Zahnärzte immer für ihre Patienten erreichbar sein sollten. Er plädierte für gemeinsame Fortbildungen und Qualitätszirkel von Ärzten und Zahnärzten: „It’s time to break the wall between dentistry and medicine“.

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23. KH-Symposium und Herbsttagung der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart

 

Die Kieferhöhle – ein Problem für die zahnärztliche Praxis?

Ausgabe 11, 2019

Es war ein schöner frühherbstlicher Tag als am 28. September 2019 das mittlerweile 23. KH-Symposium – „KH“ steht für „Katharinenhospital“, aber diesmal auch für „Kieferhöhle“ – in der Alten Reithalle des Hotel Maritim in Stuttgart mit der Herbsttagung der Bezirkszahnärztekammer stattfand. Über 200 Kolleginnen und Kollegen waren der Einladung zur Fortbildung gefolgt. Dazu begrüßten Dr. Hendrik Putze, stellvertretender Vorsitzender der BZK Stuttgart, und Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart, Ärztlicher Direktor der MKG-Klinik am Klinikum Stuttgart, das Auditorium und die sieben Referenten.

Der Frage „Welche Bildgebung ist für die Kieferhöhlendiagnostik geeignet?“ ging Oberärztin Dr. Sabine Laval vom Klinikum Stuttgart nach und berichtete über aktuelle bildgebende Verfahren zur Diagnostik von Kieferhöhlenaffektionen. Die konventionellen Röntgentechniken haben als Basisdiagnostik Bedeutung, vor allem die Panoramaschichtaufnahme für den Zahnarzt zur Feststellung möglicher odontogener Ursachen von Kieferhöhlenerkrankungen. Schädelübersichtsaufnahmen haben nur eingeschränkte Aussagekraft. Dreidimensionale Verfahren ermöglichen eine exakte räumliche Zuordnung. Dabei spielt das Digitale Volumentomogramm eine herausragende Rolle, die Weichteildiagnostik ist damit allerdings nur eingeschränkt möglich, sodass dafür radiologische Verfahren wie CT und Kernspin zum Einsatz kommen.

Wann an HNO überweisen? Oberarzt Dr. Frank Weber aus der HNO-Klinik des Klinikums Stuttgart erläuterte die akute, rezidivierende und chronische Rhinosinusitis. Er empfahl die Überweisung an die HNO, wenn odontogene Ursachen einer entzündlichen Kieferhöhlenerkrankung auszuschlie- ßen sind. Primärdiagnostikum der HNO-Ärzte sei die Endoskopie. Als konservative Therapie kämen Dekongestiva, steroidhaltige Nasensprays oder orale Steroide und Antibiotika zum Einsatz. Die chronische oder rezidivierende Rhinosinusitis bedürfe weitergehender bildgebender Diagnostik und häufig eines endoskopischen funktionellen Eingriffs im Bereich der natürlichen Kieferhöhlenöffnung.

Krankheitsbilder. Prof. Dr. Dr. Bernd Lethaus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Mund-, Kieferund Plastische Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Leipzig, gab einen Überblick über die Krankheiten der Kieferhöhle aus zahnärztlicher und kiefergesichtschirurgischer Sicht. Er beschrieb, wie Sinusitiden durch odontogene Ursachen entstehen, z. B. aufgrund von Mund-Antrum-Verbindungen, chronisch apikalen Parodontitiden, marginalen Parodontopathien oder durch verlagerte Zähne und Zysten. Insbesondere beschrieb Prof. Lethaus das Krankheitsbild des Aspergilloms in der Kieferhöhle, einem Myzetom mit Einlagerung von Zink, das so zu einer metalldichten Verschattung im Röntgenbild führe und aufgrund von Wurzelfüllmaterial in der Kieferhöhle entsteht. Aspergillome werden operativ entfernt. Sie haben nichts gemein mit dem Krankheitsbild einer systemischen Aspergillose, die selten ist und anders behandelt wird.


Gastgeber und Referenten (v. l.): Dr. Hendrik Putze, BZK Stuttgart, Dr. Frank Weber, Klinikum Stuttgart, Dr. Rolf Bublitz, Klinikum Stuttgart, Prof. Dr. Dr. Siegmar Reinert, Univ. Tübingen, Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart, Klinikum Stuttgart, Dr. Dr. Matthias Hipp, Klinikum Stuttgart, Prof. Dr. Dr. Bernd Lethaus, Univ. Leipzig, Prof. Dr. Christian Mertens, Univ. Heidelberg und Dr. Sabine Laval, Klinikum Stuttgart.

„Lost and Found“. Dr. Dr. Matthias Hipp aus dem Team von Prof. Weingart stellte das Problem der Fremdkörper in den Kieferhöhlen dar. Hipp zeigte wie Zähne beim Entfernungsversuch durch den Zahnarzt in die Kieferhöhle luxiert werden können und dann rasch geborgen werden müssen. Er wies auch auf das gar nicht seltene versehentliche Einbringen von zahnärztlichen Materialien in die Kieferhöhlen hin, wenn eine Mund-Antrum-Verbindung nicht erkannt oder nicht abgedeckt wird und Abdruck- oder Provisoriumsmaterial unbeabsichtigt in die Höhle eingebracht werden. Nicht selten ist auch zu beobachten, dass enossale Implantate oder Augmentatmaterial sich frei im Sinus maxillaris wiederfinden und geborgen werden müssen.

Kieferhöhlenoperationen. Prof. Dr. Dr. Siegmar Reinert, Ärztlicher Direktor der Mund-KieferGesichtschirurgie an der Universitätsklinik in Tübingen, zeigte in einem eindrucksvollen Video die wichtige Funktion des Flimmerepithels in den Kieferhöhlen. Er beschrieb den Circulus vitiosus aus verlegtem Ostium naturale der Kieferhöhle für die Ventilation und Drainage der Kieferhöhle. Sekretstau und die Schädigung des Flimmerepithels ermöglichten saprophytären Keimen pathogen zur weiteren Schwellung der Schleimhaut beizutragen. Therapeutische Grundsätze seien die Sanierung der Entzündungsursache und Drainage der entzündlich veränderten Kieferhöhle mit dem Ziel der vollständigen Ausheilung mit maximaler Schonung der Strukturen und möglichst geringer Belastung des Patienten. Dabei käme der Pathophysiologie des sog. osteomeatalen Komplexes und der mukoziliären Clearance ganz besondere Bedeutung zu. Eine Operation solle möglichst minimalinvasiv im Sinne einer endoskopischen Infundibulotomie erfolgen. Prof. Reinert stellte dazu einen Algorithmus für die operative Therapie vor.

Sinuslift – harmloser Eingriff? Prof. Dr. Christian Mertens, Oberarzt in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie an der Universitätsklinik Heidelberg, referierte anhand von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und klinischen Fällen über die Risiken, die ein Sinuslift beinhaltet. Eine dicke Schneidersche Membran verringere die Komplikationsrate, insgesamt sei die Inzidenz von Sinusitiden danach gering, sie trete v. a. nach Perforationen der Schleimhaut auf und wenn dazu die Funktion des Ostium naturale beeinträchtigt sei. Zwar sei die 2D-Röntgendiagnostik im Prinzip vor einem Sinuslift ausreichend, aber eine 3D-Bildgebung habe einen deutlichen Mehrwert an Informationen über die Restknochenhö- he, die Anatomie der Kieferhöhle und insbesondere über vorhandene Septen und andere anatomische Varianten. Interessant war die Beschreibung der unmittelbaren Folgen der Elevation der Schneiderschen Membran – sowohl nach externem als auch internem Sinuslift – in Form einer temporären Schwellung der Schleimhaut, einer Reduktion der Zilienoszillation und einer Zunahme von Becherzellen am Sinusboden.

Früherkennung von Tumoren. Oberarzt Dr. Rolf Bublitz aus dem Klinikum Stuttgart machte das Auditorium darauf aufmerksam, dass bösartige Erkrankungen in der Kieferhöhle lange unbemerkt wachsen können. Es seien nicht selten aufmerksame Zahnärzte und Zahnärztinnen, die einen Verdacht äußern und den Patienten zur Biopsie überweisen. Er zeigte an klinischen Fällen, mit welchen Initialsymptomen Tumoren sich häufig zeigen und nach welchen Therapieprinzipien sie behandelt werden.

Dr. Rolf Bublitz