Zahnaerzteblatt.de

 

Berufspolitik

Vertreterversammlung am 13. und 14. November in Berlin

 

„Fan der Selbstverwaltung“ zu Gast bei der KZBV

Ausgabe 12, 2019

Nur wenige Kilometer Luftlinie sind es vom Ellington-Hotel in Berlin-Charlottenburg bis zum Reichstagsgebäude. Und dorthin musste Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 13. November nach gut 90 Minuten Rede und intensiver Debatte mit den Delegierten der KZBV-Vertreterversammlung sehr schnell zurück – „bevor ich zitiert werde“, wie der Minister scherzhaft betonte. Die 7. Vertreterversammlung der KZBV hatte mit seinem Auftritt indessen einen hochpolitischen und kontroversen Einstieg erlebt, der auch in den weiteren Beratungen stets spürbar war.


KZBV-Vertreterversammlung in Berlin. Engagierte Debatte mit dem Gesundheitsminister.

Bilanz. 24 Gesetze in nur 19 Monaten habe die Bundesregierung allein im Gesundheitsressort vorgelegt, so der Minister, wobei es ihm nicht um Quantität, sondern um Qualität gehe. Spahns Credo und gleichermaßen der Anspruch an seine Arbeit lautet, den Bürgerinnen und Bürgern durch konkrete Entscheidungen in ihrer jeweiligen Lage zu helfen und dadurch Vertrauen zurückzugewinnen. Lö- sungen für bestehende Probleme anzubieten, dies wolle er gemeinsam mit der Selbstverwaltung, insbesondere auch mit der Zahnärzteschaft erreichen, woraufhin der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer in seiner Erwiderung, unabhängig von diversen Kontroversen in der Sache, bestätigte: „Dialogbereit sind Sie.“ Auch habe man mehrfach gut zusammengearbeitet und einige Themen – etwa die Degression – abgeräumt. Doch gerade das Verhältnis des Ministers zur Selbstverwaltung war in der Diskussion und während des gesamten Kongresses immer wieder Gegenstand von Kritik.

Selbstverwaltung. Applaus bekam Spahn, als er sich als „großer Freund der Selbstverwaltung“ bezeichnete und nebenbei von seinem britischen Amtskollegen berichtete, der in einem staatlichen Gesundheitswesen für jedes einzelne Krankenhaus zuständig sei. Staatliche Systeme sind nicht praxisnah, wie Spahn betonte. Zudem sei auch die Akzeptanz größer, wenn die Selbstverwaltung Verantwortung übernehme. Spätestens jetzt hatte der Minister die Aufmerksamkeit des ganzen Saales, denn die diversen Attacken auf die Selbstverwaltung und ihre Kompetenzen waren stets präsent. Und so ging ein kollektives Raunen durch den Saal, als er betonte, er habe kein Gesetz gemacht, in dem nicht auch die Selbstverwaltung durch zusätzliche Aufgaben gestärkt worden sei.
Die Vorstandsvorsitzende der KZV Baden-Württemberg Dr. Ute Maier wiederum nahm diese Ausführungen zum Anlass, um den Minister auf das für eine erfolgreiche Arbeit der Selbstverwaltung nötige Grundvertrauen aufmerksam zu machen: „Die Aufgaben werden mehr, aber sie sind in der Regel immer mit Sanktionen bewehrt. Selbstverwaltung braucht aber das Vertrauen, dass sie eigenverantwortlich die Dinge regelt und nicht nur aufgrund von Sanktionen.“

Digitalisierung. Passend zur gesundheitspolitischen Agenda Spahns prägte dann auch das Thema Digitalisierung weite Teile von Vortrag und Diskussion. Gewohnt eloquent prangerte Spahn die jahrelange Hängepartie bei der elektronischen Gesundheitskarte – den „Berliner Flughafen des Gesundheitswesens“ – an, zeigte sich entschlossen, bis ins kommende Jahr alle „Leistungserbringer“ an das sichere Netz angeschlossen zu haben, um die Vorteile der elektronischen Patientenakte für die Versorgung nutzbar zu machen und forderte die Zahnärzteschaft auf, den Prozess der Digitalisierung mitzugestalten. An den Sanktionen für nicht angeschlossene Praxen will der Minister festhalten. Daran änderten auch der Appell aus der Versammlung sowie ein später einstimmig beschlossener Antrag zur Ablehnung der Sanktionen wenig. „Man müsse die Leute in den Praxen, die bisher nur erlebt haben, was alles nicht funktioniert, mitnehmen.“ Sanktionen seien „unangemessen, kontraproduktiv und demotivierend“, so die einhellige Meinung. Spahn hingegen betonte, technische Probleme seitens der Hersteller seien für ihn kein Argument, schließlich reiche der Nachweis der Bestellung. Überdies sei der Konnektor, die „Kiste mit Plastikverkleidung“, ohnehin nur eine Übergangslösung, die bald schon durch eine Softwarelösung ersetzt werden solle


AG Frauenförderung. KZV-Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier arbeitet für eine bessere Repräsentanz von Frauen in der Selbstverwaltung.

Datensicherheit. Mehr Zustimmung gab es dann schon für die Bestrebungen, im Bereich der Datensicherheit eine eigene Infrastruktur in Deutschland aufzubauen, um sich nicht abhängig von Internetgiganten wie Apple, Google und Amazon zu machen, die derzeit Milliarden ins Gesundheitswesen investieren. Ein anderes Modell sei die staatliche Kontrolle von Daten auch im Gesundheitsbereich, wie sie in China praktiziert werde. Anstelle des chinesischen wie auch des amerikanischen Weges müsse klargestellt sein, dass Gesundheitsdaten in Deutschland im Besitz des Individuums sind, pflichtete auch Dr. Eßer bei.
Bei der Erarbeitung entsprechender Richtlinien seien auch die KZBV und die KZVen gefragt. Man müsse gemeinsam dafür arbeiten, Datensicherheit im digitalen Bereich auf hohem Niveau zu gewährleisten, um auf dieser Basis Verbesserungen für die Patientinnen und Patienten zu erzielen, etwa im Bereich telemedizinischer Angebote.

Investoren-MVZ. Von Minister Spahn nicht angesprochen wurde dagegen die Problematik der investorgeführten zahnmedizinischen Versorgungszentren (Z-MVZ), die Dr. Eßer in die Debatte brachte. Zwar sei die KZBV dankbar, dass im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) ein Passus zur Regulierung der Gründung von MVZ aufgenommen wurde, doch gebe es weiterhin Fehlsteuerungen durch den Markteintritt von fachfremden und – offenkundig nur an größtmöglicher Rendite orientierten – Investoren. Im ärztlichen Bereich seien bereits ganze Leistungsbereiche von Investoren aufgekauft worden. Den Investitionsplänen von Private-Equity-Gesellschaften im zahnärztlichen Bereich müsse man sich deutlich entgegenstemmen. „Versorgung ist kein Spekulationsobjekt“ – mit dieser griffigen Formulierung bekräftigte Dr. Eßer die Linie, mit der bereits im vergangenen Jahr für eine stärkere Regulierung geworben wurde.
Gleichzeitig sei es entscheidend, nicht nur verhindern zu wollen, sondern aktiv aufzutreten und die bewährten Praxisformen wettbewerbsfähiger gegenüber den MVZ zu machen, um die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht an Investoren zu verlieren. Dazu gehörten attraktive Arbeitsbedingungen und eine echte Willkommenskultur in den Praxen. Vor allem aber gelte es, die Niederlassung in freiberuflicher Praxis zu fördern, den Wünschen dieser Generation zu entsprechen und die Selbstständigkeit aus deren Sicht attraktiv zu gestalten.
Was hatte der Minister zu diesem Thema zu sagen? Viel war es nicht. Die Regelung im TSVG ist im Mai in Kraft getreten, für eine abschlie- ßende Bewertung sei es deutlich zu früh. Generell verteidigte er die Versorgungsform MVZ, schließ- lich entspreche sie dem Wunsch vieler junger Zahnärztinnen und Zahnärzte, in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten – was freilich auch in der Einzelpraxis oder BAG möglich ist und zuletzt auch noch erleichtert wurde. Man werde jedoch miteinander beobachten, wie das TSVG wirke. Außerdem, so erklärte Spahn, habe das Ministerium entsprechende Gutachten dazu beauftragt – ohne genauer zu spezifizieren, was da untersucht werden solle.

Positionierung. Mit diesen zentralen Feldern und dem in einem separaten Tagesordnungspunkt aufgerufenen Thema Erhöhung der Beteiligung von Frauen in der Standespolitik war auch die strategische Positionierung der 7. Vertreterversammlung der KZBV abgesteckt. Sowohl in den Bereichen Digitalisierung, Datenschutz und Telematik, bei den zahnmedizinischen Versorgungszentren als auch bei den weiteren relevanten Aspekten zur Sicherstellung der Versorgung wurden die Forderungen von Vorstand und Delegierten in verschiedenen Anträgen zu Papier gebracht und jeweils in großer Geschlossenheit verabschiedet. Angesichts der bestehenden Dynamik und der zahlreichen offenen Fragen ist zu erwarten, dass diese Themen auch weiterhin die standespolitische Arbeit prägen werden.

Frauenförderung. Ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung betraf nicht zuletzt die Arbeitsgruppe zur Förderung der Beteiligung von Frauen in der Standespolitik unter Leitung von Dr. Ute Maier, die die bisherigen Ergebnisse und Zielsetzungen präsentierte. In einem einstimmigen Beschluss bekräftigte die VV das Ziel, den Frauenanteil in den Gremien und Führungsposi- Info tionen deutlich zu erhöhen und dafür entsprechende Strukturreformen anzugehen. Die Arbeitsgruppe wird dazu ein entsprechendes Gesamtkonzept vorlegen.

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

„Wenn ich so in den Saal blicke, dann sehe ich zu viele weißhaarige Köpfe! Und ihr wollt über meine Zukunft bestimmen?“ Zitat eines jungen Delegierten auf einem Parteitag der Grünen.
Der Blick in den Saal mit den VVDelegierten ergibt ein ähnliches Bild: viele „weißhaarige“ Männer und wenige Frauen. Das ist auch dem Minister aufgefallen. Und so sind wir mittendrin im Dilemma! Wie schaffen wir es, jüngere Kollegen und vor allem jüngere Kolleginnen überhaupt für die Standespolitik zu gewinnen? Und wie bringen wir sie in die Vertreterversammlungen auf Bundes- und Landesebene? Denn dort droht seitens der Politik die Quotenregelung. Und die will niemand, so die einhellige Meinung. Das muss durch Eigeninitiative verhindert werden.
Der Ansatz der AG Frauenförderung ist grundsätzlich richtig, indem Ideen und Initiativen erarbeitet werden. Aber die Umsetzung muss auf Länderebene laufen, denn die Delegierten zur Vertreterversammlung der KZBV werden in den Vertreterversammlungen der KZVen gewählt. Folglich müssen Kolleginnen sich erst einmal dafür aufstellen lassen und von der Basis gewählt werden. Die Lösung läuft also nicht über die Bundesebene, sondern muss basisdemokratisch auf Landesebene angegangen werden.


Des Weiteren gehört auch dazu, dass die „weißhaarigen“ Etablierten sich zurücknehmen müssen, damit jüngere Kolleginnen und Kollegen überhaupt die Chance haben, gewählt zu werden. Jetzt kommt sofort der Einwand, dass die Älteren die Erfahrung, den Durchblick haben. Eine gesunde Mischung löst auch dieses Problem. Zusätzlich lohnt es sich, darüber nachzudenken, eine Amtszeitbegrenzung für ehrenamtliche Tätigkeit einzuführen.
Bei allen Überlegungen ist aber Voraussetzung, dass sich die jungen oder mitteljungen Kolleginnen für die Standespolitik interessieren und in der Selbstverwaltung mitarbeiten wollen. Dafür müssen alle Ressourcen genutzt werden, sei es über etablierte Nachwuchstagungen, direkte Ansprachen zur Mitarbeit in Ausschüssen und Arbeitsgruppen, als Gutachter oder im Prüfwesen, auf Kreisebene in der Prophylaxe für Jung und Alt. Nur so schaffen wir es, dass Kolleginnen nicht wegen einer Quote, sondern wegen ihres Engagements gewählt werden.

Dr. Hans Hugo Wilms

 

Feierliche Eröffnung des Deutschen Zahnärztetages

 

Viel Licht

Ausgabe 12, 2019

Die feierliche Eröffnung des Deutschen Zahnärztetages 2019 fand im Rahmen einer Matinee im Kabarett-Theater „Die Stachelschweine“ im Berliner Europa-Center statt.

Im Gegensatz zum aktuellen Programm des Kabarett-Theaters „Die Stachelschweine“ mit dem Titel „Viel Tunnel am Ende des Lichts“, hoffte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel auf „viel Licht am Ende des Tunnels“ bis zum Abschluss der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer am Samstagnachmittag. Die Bundesversammlung bringt jedes Jahr die höchsten Repräsentanten des zahnärztlichen Berufsstandes zusammen. „Die Mitgestaltung bereitet mir auch nach elf Jahren noch immer Freude“, bekannte der BZÄK-Präsident. In seinem Grußwort spannte er einen Bogen vom Fall der Mauer vor 30 Jahren und den Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen bis zu den Herausforderungen für den Berufsstand, die Ost und West heute gemeinsam zu bewältigen haben. Dr. Engel sprach von drei existenziellen Fragestellungen, die einer Weichenstellung bedürfen: Der Trend zur Kommerzialisierung der zahnärztlichen Versorgung, die Risiken der Digitalisierung und der Einfluss Europas auf die Berufsausübung. „Dicke Bretter“ seien hier zu bohren, so Dr. Engel, „aber wir verstehen uns ja aufs Bohren“. Außerdem werden Politiker in Berlin und Brüssel gebraucht, die den Berufsstand bei seinen Anliegen unterstützen.
Das zweite Grußwort hielt der scheidende DGZMK-Präsident Prof. Dr. Michael Walter. Er wünschte sich „mehr Zusammenarbeit der drei großen Zahnärztegesellschaften BZÄK, KZBV und DGZMK. Die Maxime müsse lauten – „wir bleiben der gesamten Zahnmedizin verpflichtet“. Dennoch habe man auch trilateral viel erreicht, „ich blicke positiv in die Zukunft“.
Nach dem Totengedenken durfte Dr. Engel zwei Ehrungen vornehmen. Geehrt wurden der ehemalige Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Landeszahnärztekammer, Peter Knüpper, und der erste Leiter des Instituts der Deutschen Zahn- ärzte (IDZ), Dr. Wolfgang Micheelis.
Peter Knüpper war über 20 Jahre für die bayerischen Zahnärzte aktiv. Der Professionalisierungsprozess bei der BLZK trägt seine Handschrift. Auch für die Bundeszahnärztekammer sei Peter Knüpper stets ein geschätzter Ratgeber gewesen, betonte der BZÄK-Prä- sident. Persönlich habe er Peter Knüpper wegen seiner „analytischen Fähigkeiten“ geschätzt, so Dr. Engel.
Er nehme die Ehrung für seine Kollegen in den Länderkammern an und erwähnte besonders den verstorbenen Direktor der LZK BW, Johann Glück, sowie die kleine Gruppe, mit der er den Kommentar zur Muster-Berufsordnung verfasst hatte: Axel Maag, Markus Schulte und Peter Kurz. „Ich wünsche mir, dass Sie die Mitarbeiter der Verwaltung als uneigennützige Ratgeber mit unterschiedlichen Sichtweisen betrachten“, appellierte er an die Adresse des Ehrenamtes. „Halten Sie den Widerspruch aus, Sie haben in uns loyale und kompetente Mitstreiter“.
Dr. Micheelis leitete das IDZ seit seiner Gründung bis ins Jahr 2013. „Der Vater der Mundgesundheitsstudie“ habe die Compliance als Begriff eingeführt und sich um die soziologische Weitung der Zahnmedizin verdient gemacht. Er konnte seine Ehrung nicht persönlich entgegennehmen.

» mader@lzk-bw.de


Matinee. BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel eröffnete den Deutschen Zahnärztetag.


Maschinenraum. Peter Knüpper brach eine Lanze für die Mitarbeiter der Verwaltung, „je stärker die Loyalität zwischen Hauptund Ehrenamt, desto stärker die Selbstverwaltung“.

 

Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer

 

Baden-Württemberg-Power in Berlin

Ausgabe 12, 2019


Die Baden-Württemberg-Power in Berlin auf den Punkt gebracht, heißt: Baden-Württemberg bringt drei Anträge zu GOZ, Bürokratieabbau und Haushalt in die Bundesversammlung der BZÄK ein. Eine überwältigende Mehrheit der Delegierten in der Bundesversammlung votiert für diese Anträge. Der von Baden-Württemberg initiierte GOZ-Antrag „Erhöhung des GOZ-Punktwertes mit jährlicher Dynamisierung“ ist der einzige GOZ-Antrag, der eine Mehrheit findet. Und die neue Achse erfolgreicher Zusammenarbeit und Vorbereitung unter den Delegierten führt von Baden-Württemberg über Thüringen nach Hamburg.

„Die Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer fordert die Bundesregierung auf, den seit 1988 unveränderten Punktwert der GOZ unter Berücksichtigung der Steigerung der praxisspezifischen Kosten sofort deutlich anzuheben und indexiert und dynamisiert jährlich anzupassen.“ Diesem aus Baden-Württemberg initiierten Antrag schlossen sich die Delegierten der Zahnärztekammern Hamburg, Thüringen, WestfalenLippe, der Landeszahnärztekammer Hessen, der Bayrischen Landeszahnärztekammer sowie die GOZ-Referenten aus Baden-Württemberg, Bremen, Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein an. Das Abstimmungsergebnis fiel eindeutig aus: Einstimmig wurde der Antrag befürwortet. Drei weitere Anträge zur GOZ, unter anderem vom BZÄK-Vorstand, ließen die Delegierten durchfallen.
Die Verabschiedung eines einzigen GOZ-Antrages durch die Bundesversammlung ist ein Novum. Der Antrag kommt damit einer Resolution gleich. Die mehrstündigen Diskussionen über die richtige Strategie und Richtung im Hinblick auf die GOZ in der Bundesversammlung sind legendär. Umso höher ist es zu bewerten, dass es dem Berufsstand dieses Mal gelungen ist, eine klare und eindeutige Forderung an den Gesetzgeber zu adressieren. „Insbesondere die jährliche Dynamisierung des Punktwertes ist für uns zentral, ich habe diese Forderung bereits bei unserem gesundheitspolitischen Frühstück mit den Abgeordneten der Regierungskoalition im Gesundheitsausschuss im Mai dieses Jahres gestellt“, betont LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert.

Kommerzialisierung stoppen. Ebenso klare Beschlüsse fasste die Bundesversammlung zu weiteren zentralen Zukunftsthemen des Berufsstandes.
„Unser Berufsstand droht zu einem Investment zu verkommen“, beklagte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel in seinem Bericht die Kommerzialisierung der zahnärztlichen Versorgung durch gewinnorientierte Fremdinvestoren. Neben den sozialrechtlichen Vorgaben im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) müssen ergänzende berufsrechtliche Schritte eingeleitet werden. In einem Antrag forderte die Versammlung den Gesetzgeber daher auf, „eine Regelung hinsichtlich der Besitzverhältnisse bei Zahnheilkunde anbietenden Kapitalgesellschaften im Zahnheilkundegesetz zu implementieren“.
Bedauerlicherweise fand der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Dr. Thomas Steffen, zur Problematik von Fremdinvestoren in der Zahnmedizin in seinem Grußwort keine Worte.
Mit großer Ausführlichkeit ging er hingegen auf das aktuelle Lieblingsprojekt des Gesundheitsministers, Digitalisierung und Innovation, ein. Dr. Steffen zeigte sich überzeugt, dass das BMG „die richtige Balance zwischen Chance und Risiko“ gefunden hat und kündigte an, dass die Bundesregierung den Schwerpunkt ihrer EU-Ratspräsidentschaft im kommenden Jahr im Bereich Digitalisierung und Innovation setzen werde. Ungeachtet dessen sieht die Bundesversammlung noch Nachholbedarf bei der Digitalisierung und vermisst insbesondere „einen Ordnungsrahmen für digitale Anwendungen im Gesundheitswesen, in dem der Schutz von Patientendaten und das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Zahnärzten an erster Stelle“ steht.
Ihre Forderungen in Bezug auf die Neuregelung der zahnärztlichen Ausbildung konkretisierten die Delegierten in zwei Anträgen: Sie mahnten die Aufnahme des ersten Studienabschnitts Zahnmedizin in den Entwurf für den Masterplan Medizinstudium 2020 an, nachdem im Juni 2019 dieser wesentliche Kernpunkt der ZÄPrO-Novelle vom Bundesrat zurückgestellt worden war.

Gute Vorarbeit. Der Grundstein für den Antrag „Bürokratieentlastung und Transparenz der Medizinprodukteherstellerangaben“ wurde am Vorabend der Bundesversammlung in der gemeinsamen Vorbesprechung der Delegierten der Zahnärztekammern Hamburg und Thüringen mit den Delegierten der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg gelegt. LZKVize Dr. Norbert Struß stellte den Delegierten hier seinen Antrag vor. Darin wird der BZÄK-Vorstand aufgefordert, „gegenüber der Politik und allen relevanten Stellen einzufordern, dass bei der Umsetzung der EU-Verordnung über Medizinprodukte die fachlichen und rechtlichen Anforderungen eingehalten werden. Von den benannten Stellen BfArM, ZLG, VDDI, RKI und BV Dental ist darauf hinzuwirken, dass bei der Zulassung von Medizinprodukten die Herstellerangaben, insbesondere zur Medizinprodukte-Aufbereitung, diesen Anforderungen genügen“. Die gute Vorarbeit und Absprache zahlte sich erneut aus – in der Versammlung wurde der Antrag einstimmig befürwortet.

Förderung junger Kollegen. Ein Thema, das dem im kommenden Jahr aus seinem Amt scheidenden BZÄK-Präsidenten Dr. Peter Engel besonders am Herzen liegt, ist die Förderung junger Kolleginnen und Kollegen in der Selbstverwaltung. Im vergangenen Jahr diskutierte das Gremium zum Teil hitzig und sehr kontrovers über den richtigen Weg, um den Anteil junger Kolleginnen und Kollegen in den zahn- ärztlichen Selbstverwaltungsgremien und Führungspositionen zu erhöhen.
In diesem Jahr freute sich Dr. Engel zum einen, dass der Anteil weiblicher Delegierter in der Bundesversammlung von 14,8 Prozent auf 20,6 Prozent angestiegen ist. Und er freute sich über die deutliche Mehrheit für zwei Anträge des BZÄK-Vorstandes zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zur Förderung des standespolitischen Nachwuchses.

Dentales Erbe bewahren. 55.000 Euro spendeten die Delegierten der Bundesversammlung für die geplante Zusammenführung der Proskauer-Witt-Sammlung der BZÄK mit dem Dentalhistorischen Museum im sächsischen Zschadraß in der Nähe von Leipzig. Zuvor hat Dr. Thomas Breyer den Berufsstand nochmals eindringlich gebeten, sein dentales Erbe zu bewahren und mit einer Spende zu unterstützen. 200.000 Euro werden benötigt, damit die rund 500.000 Exponate aus 5000 Jahren Zahnheilkunde gesichert und für die Nachwelt erhalten werden können, in der dann weltweit größ- ten Sammlung kulturhistorischer Gegenstände.

Gastgeber 2020. Mit dem Dank für ihre „gute und disziplinierte Diskussionskultur“ verabschiedete BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel die Delegierten und sagte „Film ab …“ In einem kurzen Film stellten sich Baden-Württemberg, die Landeszahnärztekammer BadenWürttemberg und die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe als Gastgeber des Deutschen Zahnärztetages 2020 vor. Zeitgleich mit der Bundesversammlung finden im nächsten Jahr die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe in Karlsruhe statt.

» mader@lzk-bw.de

 

Vertreterversammlung der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart

 

Konstruktive und vertrauensvolle Kammerarbeit

Ausgabe 12, 2019

Die Delegierten der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart befassten sich auf ihrer Vertreterversammlung Anfang November mit zentralen berufspolitischen Fragen. Auf der Agenda standen InvestorenMVZ, Hygiene, Praxisbegehungen, Digitalisierung und der standespolitische Nachwuchs.

Der Vorsitzende der BZK Stuttgart, Dr. Eberhard Montigel, griff in seinem Bericht zentrale Themen dieses Jahres auf, die von den Delegierten intensiv und kon struktiv diskutiert wurden. Ein wichtiges Anliegen der BZK Stuttgart sei der standespolitische Nachwuchs, erläuterte Dr. Montigel. Um mit den frisch approbierten Kolleginnen und Kollegen in Kontakt zu kommen, fand in diesem Jahr die Begrüßung der neuen Kammermitglieder zum ersten Mal im Rahmen der Sommerakademie des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart (ZFZ) statt. Zahlreiche junge Zahnärztinnen und Zahnärzte nahmen an der Sommerakademie teil und lernten bei einem besonderen Empfang die Arbeit der BZK Stuttgart und des ZFZ kennen. Der „Welcome Day“, bei dem zahlreiche Kontakte geknüpft worden seien, habe sehr positive Resonanz gefunden, berichtete der Vorsitzende und solle in den nächsten Jahren weitergeführt werden. „Durch die Veränderungen im Berufsstand ist es heute schwierig, Nachwuchs für die ehrenamtlichen Aufgaben zu gewinnen“, erläuterte Dr. Montigel. Deshalb habe die BZK Stuttgart gemeinsam mit der Bezirksdirektion Stuttgart der KZV BW für 2020 eine standespolitische Nachwuchstagung vorbereitet, die in Zukunft regelmäßig stattfinden wird. Bei der Veranstaltung sollen junge berufstätige Kolleginnen und Kollegen sowohl untereinander in Kontakt kommen als auch mit den Körperschaften. „Unser Ziel ist es, bis zum Jahresende interessierte Kolleginnen und Kollegen zu finden, die sich im Bereich der ehrenamtlichen Arbeit engagieren möchten“, betonte Dr. Montigel.


Delegierte. Die Vertreterinnen und Vertreter der BZK Stuttgart trafen sich Anfang November im Zahnärztehaus zur Vertreterversammlung. Auf der Tagesordnung stand neben den Berichten des Vorstands auch die Verabschiedung des Haushalts.

Mitarbeiterinnen. Ein weiteres Thema, das dem Vorsitzenden unter den Nägeln brennt, ist das Thema Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen. „Die Not bei uns im Bezirk ist groß und wir stehen in heftigster Konkurrenz mit anderen Branchen“, so Dr. Montigel. In den wirtschaftsstarken Ballungsräumen zeichne sich der Mangel an Zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen besonders deutlich ab. Der steigende Bedarf an Personal sei zum einen fachlich bedingt durch immer mehr Tätigkeiten der Prophylaxe und im Bereich der Alterszahnheilkunde, die nicht vom Zahnarzt übernommen werden können. Aber auch die zunehmende Bürokratie und die strengen Hygieneanforderungen trügen dazu bei, dass die Aufgaben in der Praxis immer mehr werden. „Es ist erfreulich, dass wir Rekordzahlen bei den neuen Ausbildungsverhältnissen haben, aber wir sollten uns nicht darauf ausruhen. Wir müssen am Ball bleiben und auf allen Ebenen versuchen, die Mitarbeiterbasis zu verbreitern“, unterstrich Dr. Montigel. Ein wichtiger Punkt sei hier die Hilfestellung der Kammer zum Erwerb der Sachkunde bei neuen Mitarbeitern, die keine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten haben. Solche Mitarbeiter würden in Zukunft benötigt, da es nicht genug Zahnmedizinische Fachangestellte gebe, um diese Aufgaben zu bewältigen. Mittlerweile seien viele Praxen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt durch fehlendes qualifiziertes Personal. „Im Moment müssen wir unsere hochqualifizierten Mitarbeiterinnen mit Bürokratie und Hygiene beschäftigen, wir brauchen sie aber dringend in der Praxis zur Behandlung der Patienten.“ Deshalb forderte er Entlastung im Bereich der Bürokratie und eine Überprüfung der „Sinnhaftigkeit der Praxisführungsvorschriften“ auch vor diesem Hintergrund.

Investoren-MVZ. Die Region Stuttgart sei als wirtschaftsstarker Raum besonders von der Problematik der Investoren-MVZ betroffen, konstatierte Dr. Montigel. Die Politik habe inzwischen zwar die Pro blematik erkannt und durch die Sonderregelung im TSVG bestimmte Beschränkungen eingeführt. Allerdings sei die Begrenzung des Marktanteils für MVZ mit 10 Prozent pro Zulassungsbezirk so weit gefasst, dass sie selten greife. Im Großraum Stuttgart sei die Situation besonders schwierig, da ein großes I-MVZ versuche, durch 24-Stunden-Notdienst Marktanteile auf Kosten der Kollegenschaft zu gewinnen. Daher gebe es Überlegungen, eine von der KZV BW betriebene Notfallpraxis zu etablieren – analog der Vorbilder in Heidelberg und Mannheim. Wichtiger jedoch, betonte Dr. Montigel, seien Änderungen im Zahnheilkundegesetz und Heilberufe-Kammergesetz, um einen Gewinnabfluss dieser Gesellschaften an Dritte zu verbieten, wie dies auch bei den Rechtsanwälten der Fall sei.


Vorstand. (1. Reihe v. r.): Dr. Edith Nadj-Papp, Dr. Hendrik Putze, Dr. Eberhard Montigel, Dr. Gerhard Cube und Dr. Bernd Krämer. (2. Reihe v. l.) Versammlungsleiter Dr. Michael von der Heide und Christine Martin, Geschäftsführerin.

Hygiene. Das Thema Praxisbegehungen nahm einen breiten Raum in der Diskussion ein. Dr. Hendrik Putze, Referent für Praxisführung und Digitalisierung, erläuterte in seinem Bericht, dass es momentan sehr wenig Informationen über die Begehungspraxis im Regierungsbezirk Stuttgart gebe. Er appellierte an die Kolleginnen und Kollegen ihre Begehungsprotokolle anonymisiert an die Kammer weiterzuleiten. „Denn nur so kann die Kammer aktiv werden und auch politisch handeln“, unterstrich er. Neben der verstärkten Lobbyarbeit sei ein weiterer Schritt, die Hersteller von Medizinprodukten in die Verantwortung zu nehmen. Es müsse in der Kollegenschaft Transparenz hergestellt werden in Bezug auf Geräte, die aufgrund mangelnder Herstellerangaben nicht gemäß der RKI-Richtlinien aufbereitet werden können. Dr. Norbert Struß, stv. Präsident der LZK Baden-Württemberg, verwies auf den Arbeitskreis zur Aufbereitung von zahnärztlichen Instrumenten (Akazi), der vom Sozialministerium geleitetet wird, unter Einbeziehung der Kammer und der vier Regierungspräsidien. Dort seien die Sachfragen diskutiert worden und „mittlerweile hat auch die Politik die Problematik erkannt“, so Dr. Struß. Problem sei das Medizinprodukterecht. Die Industrie verkaufe Geräte, bei denen die Herstellerangaben nicht transparent seien. Im Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Vertrag, der den begangenen Praxen zur Unterschrift vorgelegt werde, erläuterte der Präsident der LZK Baden-Württemberg, Dr. Torsten Tomppert, dass dieser momentan juristisch geprüft werde. „Der Zahnarzt tritt seine rechtlichen Möglichkeiten auf Widerspruch ab, ohne darüber aufgeklärt zu werden“.

Fachbereiche. Über die Entwicklungen in den Fachbereichen berichteten die Referenten des Vorstands Dr. Gerhard Cube, Referent für das Gutachterwesen, Dr. Edith Nadj-Papp, Referentin für Jugendzahnpflege und Prophylaxe, und Dr. Bernd Krämer, Referent für Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen.

Gutachterkommission. Um den Delegierten Einblick in das breite Aufgabenspektrum der BZK Stuttgart zu geben, wird seit diesem Jahr jeweils ein Referent eingeladen, der mündlich über seine Arbeit berichtet. Den Auftakt machte Gunter Gössel, Vorsitzender der Gutachterkommission für Fragen zahnärztlicher Haftung. Er gab einen umfassenden und kurzweiligen Einblick in seine Arbeit und den Ablauf des Gutachterverfahrens. „Die meisten Fälle sind im Schnitt innerhalb von drei Monaten erledigt und werden durch Schlichtung beglichen“, so sein Fazit.
Weitere Impressionen finden Sie hier.

» gabi.billischek@izz-online.de

 

Gemeinsame Gutachtertagung im Regierungsbezirk Tübingen

 

Senioren- und Behindertenzahnmedizin

Ausgabe 12, 2019

Diese Tagung steht in guter Reihe, erstmalig tagten 2015 die Gutachter der Körperschaften des Bezirkes Tübingen gemeinsam und nun erlebten mehr als 42 Gutachter die zweite Neuauflage. Gutachterreferent Dr. Wolfram Widmaier und PD Dr. Martin Groten hatten die Teilnehmer zur Tagung nach Überlingen geladen und am Freitagnachmittag den Themenschwerpunkt „Senioren- und Behindertenzahnmedizin – alles anders?“ in zwei Referaten angeboten. Auch aus den anderen Bezirken war ein Vertreter des Gutachterwesens anwesend.


Referenten. Die Referenten der Tagung Dr. Wolfram Widmaier (l.), Dr. Guido Elsäßer (2. v. l.), Dr. Elmar Ludwig (2. v. r.), PD Dr. Martin Groten (r.) sowie Dr. Wilfried Forschner, Vorsitzender der BZK Tübingen.

Dr. Elmar Ludwig, Referent für Alterszahnheilkunde der LZK BadenWürttemberg, begann sein Referat mit einem Blick in die Statistik: 2017 waren 3,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, davon 24 Prozent in vollstationärer Pflege untergebracht. Gekennzeichnet ist dieser Personenkreis mit den geriatrischen großen „I“: Immobilität, Inkontinenz, Instabilität, Intellektueller Abbau, Iatrogenität und Isolation. Untersuchungen zeigen, dass die Kaueffizienz direkt vom Zahnstatus abhängig ist und dass Kauen und ZNS zusammenhängen. Wer gut kaut, hat geringere oder später eintretende kognitive Defizite. Daher ist die Prävention in der Zahnarztpraxis ein ganzheitlicher und effektiver Ansatz zur Begleitung alter Patienten und sorgt für mehr Lebensqualität. Gesund beginnt im Mund – Mundgesundheit und Pneumonie, Diabetes und kognitive Defizite zeigen diesen Ansatz bestens auf. 100 Prozent der Pflegebedürftigen benötigen Unterstützung bei der Mundhygiene. Für eine Entscheidungshilfe in Bezug auf die Frage ob und wie eine Behandlung erfolgen soll, stellte Dr. Ludwig das Konzept der Belastbarkeitsstufen nach Praxis Bleiel/Rheinbreitenbach vor: „Fit, gebrechlich, stationär“ – daran orientiert sich der Behandlungsumfang.

Patienten mit Handicap. Dr. Guido Elsäßer, Referent für Behindertenzahnheilkunde der LZK Baden-Württemberg, stieg mit einem Zitat von Helmut Kohl aus dem Jahr 1998 in sein Referat ein: „Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“ Das Spannungsfeld zwischen Behinderung, Sondenernährung und Zahnbehandlung zeigt sich darin, dass Befunderhebung oft mit Abwehrverhalten korreliert ist. Kariologie und Chirurgie sowie Prothetik spielen eine Rolle für die Therapie. Es sind viele Schnittstellen zur Alterszahnmedizin vorhanden, jedoch sind die Konzepte anders ausgelegt, da alle Lebensphasen beschritten werden müssen. Die Gratwanderung zwischen Untertherapie und Übertherapie – Nachsorge und Pflegebedarf sind zu berücksichtigen. Ein ganzheitliches Konzept umfasst die Lebenssituation und den Unterstützungsbedarf, erfordert die Einbindung von unterstützenden Personen. § 22 a SGB V legt den Leistungsanspruch für Pflegebedürftigen (Pflegegrad) und Menschen mit Behinderungen (Eingliederungshilfe) in der Zahnheilkunde für Verhütungen von Zahnerkrankungen fest. Für Zahnersatz gilt § 55 Abs. 2 SGB V, somit die Härtefallregelung in der Leistungsbeschreibung. Die ZE-Richtlinie schreibt vor, dass nach anerkanntem Stand behandelt werden soll. Das Credo von Dr. Elsäßer: „Keine Kompromisse“.

Update. Ein Update mit „Aktuelles aus dem Gutachterwesen“ erfolgte am Samstag mit Kurzreferaten von PD Dr. Martin Groten und Dr. Wolfram Widmaier. Es wurde betont, dass das einvernehmliche Gutachterwesen in Baden-Württemberg fortgeführt wird und seit der Festschreibung im Mai 2019 kein Einfluss des MDK im Ablauf der KZV-Gutachten gegeben ist. Im Ausblick 2021 steht der digitale HKP im Raum.
Prof. Dr. Thomas Ratajczak, Fachanwalt für Medizin- und Sozialrecht aus Sindelfingen, beleuchtete die juristische Seite. Insbesondere die juristische Wahrnehmung sachverständlicher Aussagen in zahn- ärztlichen Gutachten in der Medizinprodukte-Rechtsprechung wurde thematisiert.
Die Langfassung des Textes finden Sie hier.

Dr. Martin Braun

 

Gutachtertagung der KZV BW BD Stuttgart und der BZK Stuttgart

 

Gemeinsam für Rechtssicherheit sorgen

Ausgabe 12, 2019

120 Teilnehmer konnte Dr. Gerhard Cube in der Filharmonie in Filderstadt zur gemeinsamen Gutachtertagung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung BD Stuttgart und der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart begrüßen. 95 Gutachterinnen und Gutachter sowie zahlreiche Gäste, darunter auch Krankenkassenvertreter, hatten sich am 19. Oktober zur Fortbildung eingefunden.


Gruppenbild mit Dame. Dr. Eberhard Montigel, Dr. Gerhard Cube, Dr. Ute Maier, ZA Peter Hill, Dr. Torsten Tomppert und Dr. Matthias Lange (v. l.).

Nach Begrüßung durch Dr. Gerhard Cube, Gutachterreferent der BZK Stuttgart, folgten die Grußworte des LZK-Präsidenten Dr. Torsten Tomppert, der Vorsitzenden der KZV BW Dr. Ute Maier und des BZK-Vorsitzenden Dr. Eberhard Montigel. Dann ging es in media res, denn der erste Referent des Tages, Dr. Matthias Lange, Berlin, beleuchtete den für Gutachter so wichtigen Komplex des Bruxismus. Er ging der Frage nach, ob es sich bei Wach- und Schlafbruxismus um physiologische Prozesse oder um behandlungsbedürftige Erkrankungen handelt.

Neue Leitlinie. In diesem Zusammenhang wies Dr. Lange auf eine neue S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Bruxismus“ vom Mai 2019 hin, die darauf abzielt, dem Zahnarzt eine evidenzbasierte Handlungsanweisung zu geben. Bruxismus wird mit einer Prävalenz von ungefähr 20 Prozent in der Bevölkerung angegeben. Wurde in den Anfängen der Forschung von lokalen bzw. peripheren Faktoren (z. B. Okklusionsstörungen) als Auslöser ausgegangen, weisen aktuelle Studien auf ein vom Hirnstamm initiiertes, autonomes Geschehen hin.

Kofaktoren. Signifikante Zusammenhänge sind für schlafbedingte Atmungsstörungen und Schnarchen nachgewiesen. Rauchen, Koffein, Alkoholabusus, Stress, Angst und bestimmte Medikamente sowie eine familiäre Vorbelastung sind weitere Risikofaktoren. Etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten mit Schlafbruxismus berichten über morgens auftretende orofaziale Schmerzen. Wie der Referent ausführte, wird nach wie vor kontrovers diskutiert, ob Bruxismus prädisponierender Faktor einer CMD ist. Mithilfe eines Screenings können Anzeichen für Bruxismus aufgedeckt werden, wobei wichtige Hinweise vom Patienten und den Angehörigen kommen, dazu gehören Schmerzen in der Kaumuskulatur und Schwierigkeiten bei der Mundöffnung. Die klinische Untersuchung beginnt mit der Beurteilung der Kaumuskulatur und dem Zahnabnutzungsgrad.
Da gegenwärtig keine Therapie zur Heilung von Bruxismus bekannt ist, zielt die Behandlung vor allem auf den Schutz der Zähne und der Restaurationen und die Linderung von Schmerzen ab.

Fallbeispiel. Zu einer lebhaften Diskussion führte Dr. Cubes Vorstellung eines strittigen Falls, den er aus seinem reichen Fundus von fast 300 Gutachten ausgewählt hatte und bei dem es um eine Patientin ging, die zwei Jahre und acht Monate nach der definitiven Eingliederung von Kronen und Brücken an einer schmerzhaften CMD erkrankte.

Störfelder. Nach dem Mittagessen referierte Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, Heidelberg über „alternative und komplementäre Zahnmedizin zwischen Anspruch und Wirklichkeit“. Um Objektivität bemüht, wies er u. a. darauf hin, dass Verfahren wie Akupunktur bei bestimmten zahn- ärztlichen Interventionen (Vermeidung von Würgereiz, Angstabbau) durchaus positiv zu sehen sind. Allerdings existiere auch Missbrauchspotenzial. Prof. Staehle sieht beispielsweise in der Entfernung von intakten Restaurationen wegen befürchteter „Vergiftung“ ein großes Risiko für Patienten. Auch Extraktionen von erhaltungswürdigen Zähnen, die als „Störfeld“ betrachtet werden, erteilt er eine Absage. Prof. Staehle plädierte daher dafür, dass Kammern, Gesundheitspolitiker, Patientenorganisationen und Kostenträger im Blick auf Alternativ- und Komplementärmedizin Rechtssicherheit herstellen.
Anschließend beantwortete ZA Peter Hill, Gutachterreferent der KZV BW BD Stuttgart, Fragen, die aus der Kollegenschaft an ihn herangetragen wurden. Zum Abschluss der rundum gelungenen und gelobten Tagung wies er noch auf die landesweite Gutachtertagung hin, die am 10.10.2020 in Filderstadt stattfinden wird.
Eine Langfassung des Textes finden Sie hier.

D. Kallenberg

 

Digitale-Versorgung-Gesetz beschlossen

 

Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt Fahrt auf

Ausgabe 12, 2019

Mit großen Worten geizt Gesundheitsminister Jens Spahn selten – nicht weniger als eine Weltpremiere seien demnach zentrale Bestandteile des Gesetzes für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG), das Anfang November im Bundestag beschlossen wurde. Nachdem Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens nach Ansicht vieler Experten weit hinter anderen Ländern herhinkt, soll die Versorgung der Patientinnen und Patienten nun digitaler und dadurch besser werden. Das Zahnärzteblatt Baden-Württemberg liefert einen Überblick über zentrale Inhalte des DVG.


Digitalisierung. Praxen sollen flächendeckend an die Telematikinfrastruktur angeschlossen werden.

Digitales Netzwerk. Digitale Angebote wie die elektronische Patientenakte sollen flächendeckend genutzt werden können. Apotheken und Krankenhäuser müssen sich an die Telematikinfrastruktur anschließen. Für niedergelassene (Zahn­)Ärzte droht bei fehlendem Anschluss eine Honorarkürzung. Hebammen, Physiotherapeuten sowie Pflege­ und Rehabilitationseinrichtungen können sich freiwillig an die TI anschließen. Der Datenaustausch soll durch weitere offene und standardisierte Schnittstellen vereinfacht werden. IT­Sicherheitsstandards sollen verbindlich festgeschrieben werden. Zertifizierte Dienstleister können die Praxen bei der Umsetzung unterstützen. Weitere datenschutzrechtliche Regelungen zur Patientenakte sollen in einem eigenen Gesetz getroffen werden.

Gesundheits-Apps. Die Nutzung von Gesundheits­Apps, etwa zur Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme oder zur Dokumentation von Messwerten, wird für die Patientinnen und Patienten erleichtert. Künftig können diese Apps von ihrem Arzt verschrieben werden. Die Kosten zahlt die gesetzliche Krankenversicherung. Eine neue App wird vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz geprüft. Der Hersteller muss innerhalb eines Jahres nachweisen, dass die App die Versorgung verbessert.

Förderung von Innovationen. Der Innovationsfonds wird mit 200 Millionen Euro jährlich bis 2024 verlängert. Auch die Krankenkassen können künftig die Entwicklung digitaler Innovationen fördern. Zudem dürfen sie auf ausdrücklichen Wunsch hin ihre Versicherten über innovative Versorgungsangebote informieren. Auch werden die Krankenkassen verpflichtet, den Versicherten Angebote zur Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz zu unterbreiten.

Videosprechstunden. Mehr Patientinnen und Patienten als bisher sollen besser von solchen Angeboten profitieren und die anbietenden Ärzte leichter finden können. Diese dürfen künftig auch online über das Angebot einer Videosprechstunde informieren. Die Aufklä­ rung dazu kann nun direkt online im Rahmen der Videosprechstunde erfolgen, nicht mehr wie bisher im Vorfeld.

Gesundheitsforschung. Die Gesundheitsdaten der gesetzlich Versicherten sollen für Forschungszwecke verwendet werden können. Die Datenweitergabe an den GKVSpitzenverband als Datensammelstelle soll jedoch nicht in Form von Klardaten, sondern pseudonymisiert erfolgen. Eine Verarbeitung der Daten zum Zweck der Herstellung eines Personenbezugs oder der Identifizierung von Leistungserbringern ist untersagt.

Digital statt Papier. Papier soll im Gesundheitswesen durch digitale Lösungen ersetzt werden. Dies betrifft etwa die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung oder E­Rezepte. Auch alle weiteren veranlassten Leistungen wie Heilund Hilfsmittel oder die häusliche Krankenpflege können auf elektronischem Weg verordnet werden. Arztbriefe sollen ebenfalls elektronisch übermittelt werden

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

Systematische Versorgungsplanung

 

KZV Baden-Württemberg erstellt Übersicht über bestehende Praxisformen

Ausgabe 12, 2019

Demografischer Wandel, die unterschiedliche Attraktivität städtischer wie ländlich geprägter Räume sowie ein Strukturwandel innerhalb der Zahnärzteschaft – die Versorgung der Bevölkerung mit zahnmedizinischen Leistungen ist in einem permanenten Prozess der Veränderung begriffen und wird sich in den kommenden Jahren mit verschiedenen neuen Herausforderungen konfrontiert sehen. Das Ziel, für alle Menschen im Land flächendeckend und wohnortnah eine Versorgung entsprechend des individuellen Bedarfs sicherzustellen, bleibt unbestritten – die Wege, um dieses Ziel auch in Zukunft zu erreichen, können sich dagegen erheblich von dem unterscheiden, was in den vergangenen Jahrzehnten für eine stabile Versorgung gesorgt hat.

Versorgungsplanung. Grundlage einer fundierten Versorgungsplanung ist eine systematische Analyse der bestehenden Rahmenbedingungen sowie der Möglichkeiten, die der zahnärztlichen Selbstverwaltung zur Verfügung stehen, um die Versorgung sicherzustellen. Dabei gilt es nicht zuletzt, die persönlichen Ziele und Wünsche kommender Generationen von Vertragszahn- ärztinnen und -zahnärzten zu ermitteln und in der Versorgungsplanung zu berücksichtigen. Denn die Ideen zur Berufsausübung von morgen sind vielfältig und längst nicht so vorgezeichnet, wie in der Vergangenheit, als der niedergelassene Zahnarzt in der Einzelpraxis der Regelfall war. Dementsprechend bestehen heute neben der bewährten, weit verbreiteten Einzelpraxis verschiedene weitere Praxisformen, die insbesondere dem Wunsch nach Arbeit in Anstellung oder – im Falle von mehreren Inhabern – einem auf mehrere Schultern verteilten wirtschaftlichen Risiko und der gemeinsamen Praxisorganisation entgegenkommen.
Aus diesem Grund hat sich die KZV Baden-Württemberg das Ziel gesetzt, eine systematische Versorgungsplanung auf empirischer Grundlage vorzunehmen. In diesem Zusammenhang wurde eine Übersicht der bestehenden Praxisformen erstellt, in der in übersichtlicher und prägnanter Form die Stärken und Schwächen, Probleme und Perspektiven der unterschiedlichen Modelle dargestellt und verglichen werden können. Für die Erstellung dieser Bewertungsmatrix wurden zudem Konsultationen mit anderen KZVen in Deutschland unternommen, deren Bewertungen hier ebenfalls mit berücksichtigt sind.


Praxisformen. Die Einzelpraxis macht nach wie vor den größten Anteil an der Versorgung aus.

Versorgungsformen. Folgende Versorgungsformen werden hier bewertet: Einzelpraxis, Praxisgemeinschaft, BAG/ÜBAG, MVZ. Bei der Analyse der einzelnen Versorgungsformen und ihrer Funktion im Rahmen der Sicherstellung gilt es verschiedene Faktoren zu berücksichtigen, etwa die unterschiedlichen Gegebenheiten in ländlichen bzw. urbaneren Regionen. Zudem wird neben der versorgungspolitischen Perspektive der KZVen auch die Attraktivität der einzelnen Modelle aus Sicht der Zahnärztinnen und Zahnärzte, etwa hinsichtlich der finanziellen Tragfähigkeit wie auch unter Berücksichtigung der persönlichen Lebensplanung beleuchtet. Auch spielen fachliche Aspekte wie die Breite des Behandlungsspektrums, die Möglichkeiten hinsichtlich technischer Ausstattung, Fragen der Praxisorganisation sowie nicht zuletzt marktwirtschaftliche Gesichtspunkte eine Rolle.

Quantitative Bedeutung. Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass die Relevanz der einzelnen Praxisformen zunächst anhand der quantitativen Bedeutung beurteilt werden muss. Die Übersicht auf S. 19 für das ganze Bundesgebiet macht deutlich, wo die Schwerpunkte liegen und worauf sich die Körperschaften der zahnärztlichen Selbstverwaltung konzentrieren müssen.


Ampelsystem. Die genaue Bewertung der etablierten Praxisformen wird mithilfe eines Ampelsystems in Überblicksform hier aufgeführt.

Gegenüberstellung. In die Erstellung der Bewertungsmatrix sind sowohl die bisherigen Erfahrungen mit den bereits an der Versorgung teilnehmenden Praxisformen eingeflossen, als auch die Prognosen in Bezug auf mögliche neue Formen. Es liegt in der Natur der Sache, dass hier auch einander widersprechende Ergebnisse und Prognosen auftreten können und manche Entwicklungen – auch in Bezug auf mögliche Veränderungen bei den rechtlichen/gesetzlichen Voraussetzungen – noch schwer vorherzusehen sind. Dennoch lassen sich einige klare Botschaften und Tendenzen identifizieren, die für die Versorgungsplanung wie für die professionspolitische Arbeit generell von großer Bedeutung sein können. Diese wurden am Ende der Bewertungsmatrix in einigen zentralen Thesen gebündelt.

  • Ob Einzelpraxis, Praxisgemeinschaft oder BAG/ÜBAG: Die zahnarztgeführte Praxis wird auch in Zukunft das Rückgrat der Versorgung darstellen.
  • Die Rahmenbedingungen für die Berufsausübung werden immer wichtiger. Die persönlichen Wünsche und Ansprüche der zukünftigen Generationen von Zahnärztinnen und Zahnärzten müssen im Rahmen der Versorgungsplanung berücksichtigt werden.
  • Der Übergang von der Angestelltentätigkeit in die Selbstständigkeit ist eine zentrale Hürde. Hier muss die Unterstützung der Zahnärztinnen und Zahnärzte durch die zahnärztliche Selbstverwaltung ansetzen.
  • Die Versorgungslandschaft wird vielfältiger werden. Die regionalen Versorgungskonzepte müssen zielgenau an die vor Ort gegebenen Bedingungen angepasst werden.
  • Zur Sicherstellung der Versorgung können auch neue Versorgungsformen zum Tragen kommen, wenn dies einem bestehenden Bedarf entspricht.
  • Zur langfristigen Sicherstellung der Versorgung müssen praxisbezogene Themen wie Belastung durch Bürokratie und finanzielle Tragfähigkeit intensiv thematisiert und Lösungswege gefunden werden.
  • Die Zusammenarbeit mit den Kommunen muss intensiviert werden, um vor Ort eine passgenaue Versorgung zu schaffen.
  • Investorgeführte Praxen, die sich in Ballungszentren ansiedeln, leisten keinen Beitrag zur Sicherstellung.

» florian.wahl@kzvbw.de

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

KZV BW-Umfrage zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

 

„Die Bürokratie verschlingt Zeit ohne Ende“

Ausgabe 12, 2019


Welche Herausforderungen haben Kolleginnen und Kollegen zu meistern, um Familie und Beruf miteinander in Einklang zu bringen? Dieser Frage ging die Kassenzahnärztliche Vereinigung BadenWürttemberg in einer Online-Umfrage nach. Alle Vertragszahnärztinnen und -zahnärzte wurden zur Teilnahme per E-Mail aufgerufen. Auch im Newsletter „Gesundheitstelegramm“, den alle baden-württembergischen Vertragszahnärztinnen und -zahnärzte wöchentlich erhalten, wurde auf die Umfrage hingewiesen.


Familie und Beruf. Mit meiner persönlichen Situation bezüglich Vereinbarkeit von Familie und Beruf bin ich zufrieden/unzufrieden.

Die große Resonanz auf den Umfrageaufruf zeigt, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Zahnärztinnen und Zahn- ärzte beschäftigt. Insgesamt haben 585 Zahnärztinnen und Zahnärzte an der Befragung teilgenommen, mit 61 Prozent mehr Frauen als Männer. 52 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zwischen 35 und 44 Jahre alt. 64 Prozent haben Kinder unter 14 Jahren, 24 Prozent haben (noch) keine Kinder. Fast 40 Prozent der Befragten sind unzufrieden mit ihrer persönlichen Situation bezüglich Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Angestellte Befragte sind dabei deutlich zufriedener mit ihrer persönlichen Situation bezüglich Vereinbarkeit von Familie und Beruf (71 Prozent zu 29 Prozent) als niedergelassene, von denen 42 Prozent unzufrieden sind (58 Prozent zufrieden).
Betrachtet man das Geschlechterverhältnis, sind Männer mit 43 Prozent unzufriedener als Frauen (33 Prozent). Ursache hierfür könnte sein, dass die befragten Männer mit 85 Prozent in eigener Niederlassung tätig sind (Frauen 55 Prozent) und lediglich zu 15 Prozent in Anstellung arbeiten (Frauen 42 Prozent).
Auffällig ist, dass die Altersgruppe, die am häufigsten kleine Kinder hat, am unzufriedensten ist. Die Altersgruppe der unter 35-Jährigen ist mit 73 Prozent (zu 27 Prozent) am zufriedensten.
Wenig überraschend wird „fehlende Zeit“ als größtes Problem genannt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Bürokratie- und Verwaltungsaufwand sind dabei einer der Hauptgründe, für die Unzufriedenheit über alle Berufsausübungsformen und Altersgruppen hinweg: „Die Bü- rokratie verschlingt Zeit ohne Ende, daher kommt die Familie zu kurz oder ich hänge die Zeit in die Nacht hinein, wenn die Kinder schlafen und somit komme ich sehr oft an meine Grenzen.“ „Ich bestimme meine Arbeitszeiten selber, das ist positiv, jedoch ist der wirtschaftliche Druck höher, sodass frau schlussendlich mehr arbeitet. Und das Thema Verwaltung/Dokumentation nimmt extrem viel Zeit ein, die ich dann an der Behandlung einsparen muss, um nicht Mann und Kind zu vernachlässigen.“

Berufsausübungsformen. Zufriedenheit bei den Berufsausübungsformen im Vergleich.

Aber auch fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gerade im ländlichen Raum werden als Problem ausgemacht, stressfrei den Berufsalltag und das Familienleben aufeinander abzustimmen. Hierbei ist oftmals großer organisatorischer Aufwand vonnöten, der zusätzliche Kapazitäten bindet.
„Das ewige Kernproblem ist die Betreuung der Kinder. Obwohl unsere Jüngste in einer Ganztageskita ist, fallen doch einige Arbeitsstunden sowohl morgens wie abends, in „unbetreuten“ Zeiten. Diese werden zwar großteils von meinem Mann kompensiert, er kann einerseits sehr flexibel arbeiten, jedoch hat auch das, aufgrund seiner Tätigkeit, seine Grenzen. Und dann hofft man auf das Verständnis und die Unterstützung der Nachbarschaft ...“

Männer und Frauen. Zufriedenheit bei Frauen und Männern im Vergleich

„Bei Beschäftigungsbeginn nach meiner letzten Elternzeit wurde mir auferlegt, mindestens einen Nachmittag zu arbeiten, gerade im ländlichen Gebiet, wo Kindergärten und Schulen keine Ganztagesbetreuung ermöglichen, ist es schwierig eine Kinderbetreuung für den Nachmittag zu finden.“
Möglichkeiten der Entlastung werden im Angestelltenverhältnis gesehen oder ergeben sich durch Vertretungsmöglichkeiten in Berufsausübungsgemeinschaften: „Ich denke, dass ich insbesondere in einer Mehrbehandlerpraxis Familie und Beruf gut vereinbaren kann. In der Praxis haben sowohl mein Mann als auch unser Praxispartner viele meiner vorherigen Patienten und Aufgaben vorübergehend übernommen.“. „Gute Zusammenarbeit mit Kollegin in der Gemeinschaftspraxis; Synergien und Vertretungsmöglichkeit“.


Altersgruppen. Zufriedenheit: Altersgruppen im Vergleich

Neben der Zufriedenheit wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch danach befragt, welche Unterstützungen sie sich von ihrer berufspolitischen Vertretung wünschen würden. Praxistipps, Veranstaltungen und Seminare sowie Infomaterial zu unterschiedlichen Themen wurden dabei am häufigsten genannt. Daneben wünschen sich viele einen Erfahrungsaustausch mit anderen berufstätigen Eltern.

Familienleben. Zufriedenheit bei Zahn- ärztInnen mit Kindern unter 14 Jahren.


Schwierigkeiten. Die fünf meistgenannten Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Mehrfachnennungen möglich).

„Lesen wir die teilweise sehr ausführlichen Kommentare in der Umfrage, wird deutlich, dass sich einige Kolleginnen und Kollegen sehr auf sich gestellt fühlen, wenn es darum geht, den Spagat zwischen Familie und Beruf zu meistern. Hier sind Konzepte gefragt, wie wir die Kolleginnen und Kollegen gezielt unterstützen können. Viele wünschen sich zum Beispiel einen Austausch mit anderen Betroffenen“, so Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der KZV BW, in einem ersten Kommentar zur Umfrage. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg wird die Ergebnisse jetzt analysieren und nächste Schritte ableiten. Die aktive Gestaltung des Strukturwandels und die gezielte Nachwuchsförderung stehen im Fokus, wenn es um die Sicherstellung der zahnärztlichen Versorgung in den nächsten Jahrzehnten geht. „Es geht mir dabei insbesondere darum, unsere zahnärztlichen Strukturen so anzupassen, dass die Niederlassung attraktiv bleibt und nicht die Mehrheit der jungen Kolleginnen und Kollegen ihre Zukunft als angestellte Zahnärzte in einem MVZ suchen“, so Dr. Ute Maier.

» jenny.dusche@kzvbw.de