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Berufspolitik

Vertreterversammlung der LZK BW

 

Bereit für die Zukunft

Ausgabe 1/2, 2020

Es war eine Herkulesaufgabe, die dem neu gewählten Vorstand der Landeszahnärztekammer zu Beginn der 16. Kammerperiode 2017 bevorstand. Drei kammerinterne Führungspositionen galt es neu zu besetzen. Mit der Genehmigung der Anstellungsverträge der neuen Direktorin des ZFZ Stuttgart, des neuen Direktors der Akademie Karlsruhe, und der neuen Leiterin des Informationszentrums Zahn- und Mundgesundheit IZM, vormals IZZ, durch die Vertreterversammlung der LZK BW am 7. Dezember 2019 ist dieser Kraftakt geschafft. „Mit ihrem Votum hat die Vertreterversammlung den Weg frei gemacht für die Zukunft der kammereigenen Fortbildungseinrichtungen und für das IZM“, zeigt sich LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert zufrieden.


Verabschiedung. Mit großer Mehrheit verabschiedeten die Delegierten sieben Anträge und eine Resolution im Anschluss an die Aussprache der Präsidiumsberichte.

Den Grundstein haben die vom LZK-Vorstand zu Beginn der Kammerperiode eingesetzten Unterarbeitsgruppen „Strukturelle und personelle Entwicklung und Nachfolgeregelung in den kammereigenen Fortbildungseinrichtungen“ und „IZZ“ gelegt. Die Unterarbeitsgruppe für die Fortbildungseinrichtungen mündete mit der Stellenausschreibung für die Nachfolge von Prof. Dr. Johannes Einwag und Prof. Dr. Winfried Walther in zwei Findungskommissionen, in der neben dem LZKPräsidenten die beiden Verwaltungsratsvorsitzenden Dr. Norbert Engel und Dr. Eberhard Montigel sowie die beiden Vorstandsmitglieder Dr. Peter Riedel und Dr. Dr. Heiner Schneider Mitglieder waren. Die Findungskommission für die Nachfolge von Johannes Clausen bildeten die KZV-Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier und Dr. Torsten Tomppert. In enger Zusammenarbeit mit einer renommierten Personalberatungsagentur aus Reutlingen haben die Findungskommissionen die Bewerber für die drei Führungspositionen gesichtet und die Bewerbungsgespräche geführt.
Am Ende standen drei Kandidaten fest, sie haben sich in den Vorbesprechungen der Bezirkszahnärztekammern am Freitagvormittag den Delegierten vorgestellt. Am darauffolgenden Tag genehmigte die Vertreterversammlung die Anstellungsverträge für PD Dr. Daniel Hellmann als neuen Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe zum 1. Oktober 2020, für PD Dr. Yvonne Wagner als neue Direktorin des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart zum 1. Januar 2021 und für Cornelia Schwarz als neue Leiterin des Informationszentrums Zahn- und Mundgesundheit zum 2. Januar 2020.

Verdienstmedaillen. Es ist gute Tradition in der Vertreterversammlung, im Dezember die Ehrungen mit der Verdienstmedaille der Landeszahnärztekammer vorzunehmen. Für herausragende Verdienste um die Zahnärzteschaft Baden- Württemberg ehrte LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert in diesem Jahr Direktor Winrich Kuhberg aus Tübingen sowie Dr. Gottfried Strayle aus Heilbronn.
Zum ersten Mal wurde mit Winrich Kuhberg eine Person geehrt, die nicht dem zahnärztlichen Berufsstand angehört, sich aber für die baden-württembergische Zahnärzteschaft sehr verdient gemacht hat. Winrich Kuhberg ist in seiner Tätigkeit als Direktor der Baden-Württembergischen Versorgungsanstalt (VA) für Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte in Tübingen seit inzwischen 20 Jahren für die Sicherung der Altersversorgung auch der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Baden- Württemberg verantwortlich.
Die zweite Ehrung wurde Dr. Gottfried Strayle zuteil, der als Zahnarzt im Gesundheitsamt des Landratsamtes Heilbronn tätig ist. Dr. Strayle engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendprophylaxe bei der regionalen Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit für den Stadt- und Landkreis Heilbronn. Seit 2009 ist er für die Kammer in den Sommerferien auch als „Betreuer“ in der Kinderspielstadt Stutengarten in der „Zahnarztpraxis Doktor Paula Zahn“ im Einsatz. „Es ist ein Glücksfall für die LZK, dass sich Herr Dr. Strayle seit über zehn Jahren ehrenamtlich mit großer Freude engagiert und für seine berufliche Passion im Laufe der Jahre viele Urlaubswochen geopfert hat“, so Dr. Tomppert.


Akademie Karlsruhe. Der neue Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, PD Dr. Daniel Hellmann (Mitte) mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden der Akademie, Dr. Norbert Engel (l.) und LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert.


ZFZ Stuttgart. Die neue Direktorin des ZFZ Stuttgart, PD Dr. Yvonne Wagner mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden des ZFZ, Dr. Eberhard Montigel (l.) und LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert.


IZM. Die neue Leiterin des Informationszentrums Zahn- und Mundgesundheit IZM mit Dr. Torsten Tomppert, der 2020 den Vorsitz im Verwaltungsrat an Dr. Ute Maier übergibt.

Standespolitische Jahresschau. „Aktionismus im Zeitraffer“ beklagte LZK-Präsident Dr. Tomppert beim Bundesgesundheitsminister in seinem standespolitischen Jahresrückblick und erinnerte an die zahlreichen Eingriffe der Politik in die Selbstverwaltung. Sie seien Ausdruck einer Misstrauenskultur der Politik gegenüber dem Berufsstand und den Patienten. „Dieses überbordende Misstrauen und diese maßlose Kontrolle lehne ich entschieden ab“, betonte Dr. Tomppert unter dem tosenden Applaus der Delegierten. Der Berufsstand dürfe es nicht zulassen, dass die Freiberuflichkeit weiter mit Füßen getreten werde. GOZ – ein bitteres Thema. Aber mit der von den baden-württembergischen Delegierten bei der Bundesversammlung initiierten Forderung nach einer jährlichen Dynamisierung des Punktwertes habe man endlich den richtigen Weg eingeschlagen, ist sich Dr. Tomppert sicher. „Die Kopplung an den Nominallohn – wie bei den Abgeordneten – habe ich bereits bei unserem gesundheitspolitischen Frühstück mit den Abgeordneten der Regierungskoalition im Gesundheitsausschuss im Mai dieses Jahres gefordert“, erinnerte Dr. Torsten Tomppert. „In Anlehnung an das diesjährige Wort des Jahres „Respekt-Rente“ wäre mein Wunsch eine Respekt-Gebührenordnung für Zahnärzte, und das würde uns auch zustehen“.
In puncto MVZs erneuerte der LZK-Präsident seine Forderung, die Pflichtmitgliedschaft für diese juristischen Personen des Privatrechts im Heilberufe-/Kammergesetz zu verankern. Dadurch hätte die Kammer berufsrechtlichen Zugriff auf diese Konstrukte, so der Präsident an die Adresse von LMR’in Maria Diop aus dem Sozialministerium gerichtet.
Beim Reizthema Approbationsordnung erinnerte Dr. Tomppert an den schönen Ausspruch „Wir haben keine Bodenschätze – Bildung ist unser Schatz“ und forderte: „Es wäre angezeigt, die Universitäten entsprechend finanziell auszustatten“. Das Thema Famulaturpraxen werde der Vorstand zudem bei seinem Treffen mit den Hochschullehrern im Januar ansprechen.
„Akzeptieren Sie unser Konzept“ – diese Forderung richtete Dr. Tomppert an Sozialminister Lucha und meinte die Approbationsbehörde Kammer. „Wir möchten keinen Zweckverband, keine zweite Behörde“.


Bericht. Sein Referat Praxisführung sowie die Belange der Studierenden und jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte rückte Vizepräsident Dr. Norbert Struß in den Mittelpunkt seines Berichts.


Transparenz. Durch das Haushalts- und Rechnungswesen führte in bewährter Manier die Vorsitzende des Haushaltsausschusses Dr. Eva Hemberger.

Erfolgreiche Lobbyarbeit. Der stv. Präsident Dr. Norbert Struß ging in seinem Bericht vor allem auf sein Referat Praxisführung ein. „Mit über 80 Anrufen pro Tag ist die Abteilung Praxisführung der LZK-Geschäftsstelle der Dienstleister für die Kollegenschaft und darauf bin ich stolz“. Stolz ist der Vizepräsident auch auf das Erreichte im Arbeitskreis Aufbereitung zahnärztlicher Instrumente (AKAZI). „Wir konnten Bußgelder vermeiden und wir konnten erreichen, dass die Qualifizierung fachfremden Personals für die Aufbereitung von den Behörden akzeptiert wird“. Darüber hinaus sind die Hygiene- Modullehrgänge H1 bis H3 der Kammer explizit im Fragen- und Antwortkatalog zur Aufbereitung von Medizinprodukten in das Kapitel Fortbildung und Sachkenntnis aufgenommen worden. Unter großem Applaus sprach Dr. Struß ein weiteres Thema an, das der Kollegenschaft auf den Nägeln brennt: „Es kann nicht sein, dass wir gemäß der Herstellerangaben aufbereiten und dann bei der Begehung den Hinweis erhalten, dass wir das Medizinprodukt in dieser Form nicht betreiben dürfen“.
Einen entsprechenden Antrag habe man bereits in der Bundesversammlung initiiert, erinnerte Dr. Struß. Und auch das Sozialministerium habe man für das Thema sensibilisiert, wofür sich Dr. Struß ausdrücklich bedankte.
Als Vorsitzender des Arbeitskreis Future Now ging der Vizepräsident abschließend auf die umgesetzten und geplanten Maßnahmen für Studierende und junge Zahnärztinnen und Zahnärzte ein. „Wir haben die Kontakte intensiviert, die Fachschaften bringen sich jetzt im Arbeitskreis ein und wir haben gemeinsam neue Formate für den Weg in den Beruf entwickelt“.

Anträge und Resolution. Im Zuge der Aussprache zu den Berichten von Präsident und stv. Präsident, verabschiedeten die Delegierten mit großer Mehrheit sieben Anträge und eine Resolution:

  • zur Einpreisung der Mehrkosten der Digitalisierung im Gesundheitswesen
  • zur Einhaltung der fachlichen und rechtlichen Anforderungen bei der Umsetzung der EU-Verordnung über Medizinprodukte
  • zur Verhinderung einer Fachaufsicht und überbordendem Verwaltungsaufwand bei der Umsetzung der Verhältnismäßigkeitsprüfung
  • zur Sicherstellung der Finanzierung bei der Umsetzung der Approbationsordnung
  • zur Zukunft der zahnärztlichen Selbstverwaltung sowie
  • zur Hinterfragung und Korrektur der wissenschaftlichen Relevanz bei Praxisbegehungen und
  • der Forderung nach Verabschiedung der vorliegenden Charta der Freien Berufe.

Vergütungsempfehlung. Die Referenten der Kammer legen ihre Berichte schriftlich vor. Dennoch entwickelte sich eine angeregte Aussprache und Diskussion zur geleisteten Arbeit und den angestoßenen Projekten aus den Referaten und Ausschüssen.
Nach intensiver Diskussion verabschiedeten die Delegierten die ab 01.01.2020 geltende Anhebung der Vergütungsempfehlungen für Auszubildende und Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen, die der Ausschuss für Zahnmedizinische Mitarbeiter/ innen in einem Antrag eingebracht hatte.

Die Nummer 1. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Zahnmedizinischen Patientenberatungsstelle Baden-Württemberg gab Dr. Konrad Bühler seinen Bericht für das Jahr 2018 ab. 5 Prozent aller in Deutschland erfolgten Patientenkontakte laufen über die badenwürttembergische Patientenberatungsstelle, so Dr. Bühler. Insgesamt erfolgten 35.000 Beratungen in Baden-Württemberg, in denen den Patientenberatern aus Baden- Württemberg eine hohe Problemlösungskompetenz und großes Vertrauen bescheinigt wird. Dies geht aus der elektronischen Erfassung und Dokumentation hervor, die 2018 erstmals komplett statistisch erfolgte. „Wir sind die Nummer 1 in der zahnärztlichen Beratung in Deutschland, neben uns ist kein Platz und wir machen uns weiter breit“, betonte Dr. Bühler und appellierte an die Kollegenschaft, die Patientenberatung bei den eigenen Patientinnen und Patienten zu empfehlen. „Es ist Ihre Beratung, Sie werden unterstützt!“

Kammerwahl 2020. Im nächsten Jahr finden Kammerwahlen statt. Die Vertreterversammlung bestellte die Mitglieder des Landeswahlausschusses für die 17. Kammerperiode. Zum Vorsitzenden wurde erneut Rechtsanwalt Dr. Winfried Porsch, zu seiner Stellvertreterin Heike Till bestellt. Für die BZK Freiburg wurden Dr. Bernd-Henning Pflughaupt (Stellvertreterinnen Dr. Uta Herrmann und Dr. Matthias Steiner), für die BZK Karlsruhe Dr. Gerald Fuchs (Stellvertreterinnen Zahnärztin Andrea Kundinger und Zahnärztin Gabriele Lenhardt), für die BZK Stuttgart Dr. Adalbert Ruhnke (Stellvertreterinnen Dr. Iris Krone- Kaufhardt und Dr. Irina Przybille) sowie für die BZK Tübingen Dr. Joachim Schick (Stellvertreter Dr. Tobias Heribert Berger und Dr. Andrea Jürgensen-Senz) in den Landeswahlausschuss berufen. Der Landewahlausschuss wird sich am 15. Januar 2020 konstituieren und über den Rahmenzeitplan zur Kammerwahl beraten, der dann in der Märzausgabe des Zahnärzteblattes veröffentlicht wird.


Ehrung. Winrich Kuhberg, Direktor der baden-württembergischen Versorgungsanstalt (VA) für Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte in Tübingen, ist seit 20 Jahren für die Sicherung der Altersversorgung der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Baden-Württemberg verantwortlich.

Landesberufsgericht. Für eine weitere 5-jährige Amtszeit im Landesberufsgericht für Zahnärzte werden dem Sozialministerium Till Jakob, Präsident des AG Heilbronn als stv. Vorsitzender mit Beginn zum 20.09.2020 und Dr. Harald Hermanns als 3. Zahnärztlicher Beisitzer mit Beginn zum 11.07.2020 vorgeschlagen.


Verdienstmedaille. Seit 2009 ist Dr. Gottfried Strayle für die Kammer in den Sommerferien als „Betreuer“ in der Kinderspielstadt Stutengarten in der „Zahnarztpraxis Doktor Paula Zahn“ im Einsatz.

Satzungen. An Satzungsänderungen standen in diesem Jahr an: Die Neufassung der Gutachterordnung und die Reisekostenordnungen I und II. Mit dem einstimmigen Votum für die Neufassung der Gutachterordnung ist die LZK BW die erste Kammer, die das Eckpunktepapier der Bundeszahnärztekammer „Gutachterwesen der Landeszahnärztekammern“ umsetzt.

Oberstes Gut Solidarität. Von „einem ruhigen Geschäftsjahr“ sprach die Präsidentin der Baden- Württembergischen Versorgungsanstalt für Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte, Dr. Eva Hemberger. Dennoch hätten politische Entwicklungen erhebliche Auswirkungen auf die Versorgungsanstalt gehabt. Zu den Geschäftszahlen: Die Teilnehmer haben um 2,2 Prozent auf 61.000 zugenommen. Auch bei den Empfängern sei ein Zuwachs um 2,5 Prozent auf 18.070 Rentner zu verzeichnen. Der Deckungsstock liege bei 3 Prozent, die Verzinsung unterhalb des Rechnungszinses von 3,84 Prozent. Inzwischen seien die Renditen aus Immobilien höher als aus Aktien. Der Grund ist die Niedrigzinsphase, die inzwischen zu einem Dauerzustand geworden ist. Die geplante Finanztransaktionssteuer auf Aktien, mit der die Grundrente finanziert werden soll, wird zu weiteren erheblichen Belastungen für die Altersversorgung werden. „Das ist unverantwortlich“. Zur Gewinnverwendung: Man habe mehr erwirtschaftet als den Rechnungszins, der von 3,87 Prozent auf 3,84 Prozent abgesenkt wurde. Die Hälfte gehe in Sicherheitsrücklagen, mit der anderen Hälfte werde dynamisiert bzw. der Punktwert um 0,6 Prozent angehoben. Mit dem Appell, die Seminare der Versorgungsanstalt zu besuchen, um sich zu informieren und die Vorteile der Versorgungsanstalt als Teilnehmer zu verstehen, schloss die VA-Präsidentin ihren Bericht. „Die Rente ist der Spiegel der Erwerbsbiografie“.

Haushalt. Der zweite Tag ist traditionsgemäß dem Haushaltsund Rechnungswesen vorbehalten: Nach einem ausführlichen Bericht der Haushaltsausschussvorsitzenden Dr. Eva Hemberger genehmigte die Vertreterversammlung die konsolidierte Bilanz der Landeszahnärztekammer und der Fortbildungseinrichtungen mit Haushaltsüberschreitungen für das Jahr 2018, entlastete den Rechnungsführer, genehmigte den IZM- mit ZBW-Haushalt 2020 sowie den Haushalt 2020 der Zahnärztlichen Patientenberatungsstelle Baden-Württemberg ebenso wie den Haushalts- und Stellenplan 2020 der Landeszahnärztekammer mit Bezirkszahnärztekammern und Fortbildungseinrichtungen.
Abschließend bestimmte die Vertreterversammlung in Art und Höhe die Beitragstabelle der LZK BW für das Rechnungsjahr 2020 in der vorliegenden Fassung mit der Einzeldarstellung in den vier Kammerbereichen.

» mader@lzk-bw.de

 

Vertreterversammlung der KZV BW am 29. und 30. November 2019

 

Starke Interessenvertretung für die Zahnärztinnen und Zahnärzte

Ausgabe 1/2, 2020

Einstimmiges Votum für den Erhalt und die Stärkung der flächendeckenden zahnmedizinischen Versorgung: Freiberuflichkeit und die Selbstverwaltung mit Gestaltungsspielraum sind Voraussetzungen dafür. Mit dieser Resolution und weiteren Beschlüssen positionierten sich die Delegierten der Vertreterversammlung der KZV BW am 30. November und 1. Dezember in Donaueschingen in aller Deutlichkeit. Einem Systemumbau durch versorgungsfremde Investoren will man vehement entgegenwirken. Vorstand und Ehrenamt der KZV BW sandten ein wichtiges Signal an den Berufsstand und die Öffentlichkeit: Kontinuierlich hohes Engagement von freiberuflich tätigen Zahnärzten ist wichtiger denn je.


Die KZV Baden-Württemberg. Aktive Selbstverwaltung lebt vom Engagement der Ehrenamtsträger.

Wer nicht selbst gestaltet und Veränderungen offensiv aufgreift, der wird gestaltet – ohne darauf Einfluss nehmen zu können und mutmaßlich gegen die eigenen Interessen. Diese Erkenntnis zog sich durch die engagierten Diskussionen während der zweitägigen KZV-Vertreterversammlung über alle Themen hinweg. Sowohl der Vorstand der KZV BW als auch die 50 Delegierten machten deutlich, dass die bewährten Kompetenzen der Selbstverwaltung und der Beruf der Zahnärztin/des Zahnarztes als ‚freier Beruf‘ maßgeblich für die hohe Qualität der Versorgung hierzulande sind und dies gegen die wiederholten Versuche einer Entmachtung durch die Politik verteidigt werden muss.

Digitalisierung. Der Vorsitzende der Vertreterversammlung Dr. Dr. Alexander Raff eröffnete die Vertreterversammlung mit einem deutlichen Bekenntnis zum Gestaltungsanspruch der Zahnärzteschaft beim großen Thema Digitalisierung. „Nehmen wir das Thema Digitalisierung an, nehmen wir ihm seinen Schrecken, positionieren wir uns.“ Einerseits sei damit die Hoffnung auf Bürokratieabbau und schlankere Arbeitsabläufe sowie mögliche Fortschritte durch fachliche Entwicklungen etwa im Bereich digitaler Prothetik oder digitaler Kieferorthopädie verbunden. Andererseits werden damit auch die Probleme bei der Telematik und deren Kosten, Fragen der Datensicherheit und Datenhoheit oder auch der Machtzuwachs von privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen in Verbindung gebracht. Nötig sei ein pragmatischer Umgang mit diesem Thema. Es gehe darum, die Vorteile zu nutzen und Probleme deutlich anzusprechen. Auch die Vorstandsvorsitzende der KZV BW Dr. Ute Maier betonte, dass eine Verweigerungshaltung nicht mehr zielführend sei. „Von diesem Zug kommen wir nicht mehr runter, auf diesen Zug müssen wir aufspringen“, so Dr. Maier. Allerdings müsse dafür Sorge getragen werden, dass die Digitalisierung auch wirklich zu Entlastung und Vereinfachung in den Praxen führe und nicht nur Kosten produziere.
Insbesondere die Frage von Nutzung und möglichem Missbrauch von Patientendaten ist hochbrisant. „Daten sind das Kapital der Zukunft“, betonte Dr. Dr. Raff. Es sei unklar, wo die Grenze zwischen ‚guten Datenkraken‘ im Sinne einer Nutzung für wissenschaftliche Zwecke und ‚bösen Datenkraken‘ zur staatlichen Überwachung der Menschen wie etwa in China liege. Die Lösung könne daher nur eine bewusste Datensparsamkeit in der Medizin sein – als einzige Methode, damit möglichst viele Patienteninformationen in deren Eigentum verbleiben.


Erfolgreiche Verhandlungen mit den Krankenkassen. Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier beleuchtet die Ergebnisse der Vertragsverhandlungen. Im Jahr 2019 konnte mit allen Krankenkassen ein Abschluss in Höhe der Grundlohnsumme oder darüber vereinbart werden. Zudem wurde mit dem Verband der Ersatzkassen (vdek) eine Gutachtervereinbarung auf den Weg gebracht.

Bundespolitik. Dr. Ute Maier bekräftigte in ihrem gesundheitspolitischen Statement den Gestaltungsanspruch der zahnärztlichen Selbstverwaltung. Dies gelte gerade im Hinblick auf den Arbeitseifer von Gesundheitsminister Spahn, der 24 Gesetze in 21 Monaten vorgelegt habe. Dabei sei „nicht immer klar, ob dies allein aus sachlichem Interesse heraus oder aus Publicity-Gründen“ geschehe. Zudem bedeuten 24 Gesetze 24 mal mehr Bürokratie. Dr. Maier: „Der Begriff Bürokratieabbau steht für eine erfolglose Politik der letzten Jahre. Egal wer gerade regiert, es läuft für die Praxen immer gleich: Mehr Bürokratie = mehr Aufwand = mehr Belastung.“
Auch der von Minister Spahn immer wieder zitierte „Respekt vor der Selbstverwaltung“ sei in diesem Sinne nicht festzustellen. Zwar sei seine Aussage, dass er der Selbstverwaltung immer wieder neue Aufgaben übertrage, diese seien jedoch in der Regel mit Sanktionen belegt. Anstelle von Sanktionsdrohungen brauche die Selbstverwaltung aber Vertrauen! Sie verwies auf zahlreiche Versuche Spahns, in die Selbstverwaltung einzugreifen bzw. diese ganz konkret zu entmachten – etwa die Übernahme der Mehrheitsanteile an der gematik, die versuchte bundesweite Öffnung regional aufgestellter Krankenkassen sowie die Zentralisierung der Aufsicht oder auch die Entmachtung des Gemeinsamen Bundesausschusses bei der Aufnahme neuer GKVLeistungen. In der anschließenden Diskussion wies die Vertreterversammlung die Versuche einer Entmachtung der Selbstverwaltung einmütig zurück.

Freiheit. Der aktuelle Bericht des Vorstands der KZV BW stehe bewusst unter dem Motto ‚Freiheit‘, weil diese immer mehr bedroht werde, so Dr. Ute Maier. „Demokratie und freie Presse werden infrage gestellt. Das Parteiengefüge verschiebt sich grundlegend.“ Auch das Gesundheitssystem sehe sich immer mehr herausgefordert. „Wir müssen jeden Tag zeigen, dass es keine bessere Alternative gibt, Versorgung zu organisieren, als die Selbstverwaltung.“ Es gehe dabei einerseits um Freiheit vor zu viel Regulierung, vor Bürokratie und Staatsmedizin, gleichzeitig aber auch um Freiheit für etwas, um Therapiefreiheit und um die Freiheit, in Eigeninitiative gestalten zu können.
Im Zusammenhang mit dem Amtsantritt der neuen EU-Kommission solle die Gelegenheit genutzt werden, um ein deutliches Statement für die freien Berufe abzugeben. Die EU-Abgeordneten sollen deshalb darin bestärkt werden, die bereits seit geraumer Zeit vorliegende Charta der freien Berufe zu verabschieden und so dem Thema mehr Gewicht zu verleihen. Ein entsprechender Antrag wurde von der Vertreterversammlung einstimmig angenommen.

Selbstverwaltung. Auch in den eigenen Strukturen ist die zahnärztliche Selbstverwaltung mit Herausforderungen konfrontiert: Wie auf der Bundesebene sind auch hier im Land die Fragen der Nachwuchsförderung und insbesondere einer stärkeren Repräsentation von Frauen in den Gremien von zentraler Bedeutung. Dies sei notwendig, „damit es die Selbstverwaltung in diesen Strukturen auch in 20 Jahren noch gibt.“ Es gelte, die Selbstverwaltung als starke Interessenvertretung zu erhalten und die Strukturen so anzupassen, dass die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Standespolitik gewährleistet sei. In einer einstimmig verabschiedeten Resolution zur Zukunft der Selbstverwaltung wurde das Ziel bekräftigt, mehr junge und jüngere Zahnärztinnen und Zahnärzte für die Beteiligung in verantwortlichen Positionen und Gremien der Selbstverwaltung zu gewinnen. Gleichzeitig machten die Delegierten deutlich, dass man in diesem Bereich auch deswegen noch aktiver werden müsse, um gesetzliche Quoten zu vermeiden. Eine seitens der Politik aufgezwungene Quote sei eine Bevormundung der Selbstverwaltung und müsse verhindert werden.


Ausgeglichener Erfolgshaushalt. Ass. jur. Christian Finster, stellv. Vorstandsvorsitzender der KZV BW, stellt den Haushaltsplan für das Jahr 2020 vor.


Patientenberatung. Der stellv. Vorsitzende des Verwaltungsrats der zahnmedizinischen Patientenberatung Dr. Georg Bach betont die hohe Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten mit diesem Angebot in Baden-Württemberg. Über drei Viertel aller Beratungsfälle konnten direkt im telefonischen Kontakt gelöst werden.


Standespolitisches Programm. Der Vorsitzende des Landesbeirats Dr. Uwe Lückgen referierte den Zwischenstand bei der Umsetzung des „Standespolitischen Programms“ zur Mitte der Legislatur. Alle sieben „Megathemen“ wurden bisher bearbeitet und beraten, weit mehr als die Hälfte der Vorhaben angestoßen und bereits umgesetzt.

Neben dem Interesse an einem Engagement in der Standespolitik, das es zu fördern gelte, müsse man Sorge tragen, dass auch künftig eine Niederlassung attraktiv bleibt, Einzelpraxen weiterexistieren und junge Zahnärztinnen und Zahnärzte ihre Zukunft nicht nur als Angestellte in einem MVZ sehen.

Familie und Beruf. Die aktuelle KZV-Umfrage zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf (siehe ZBW, Ausgabe 12-2019) zeige aufgrund der hohen Anzahl an Rückmeldungen und der Antworten, wie wichtig dieses Thema sei, so die Vorstandsvorsitzende. KZV BW und LZK BW hätten noch ein gutes Stück des Weges zu gehen. Dazu gelte es Konzepte zu entwickeln, die Rahmenbedingungen für ein Engagement in der Selbstverwaltung zu ändern und Lösungen zu schaffen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein Engagement in der Selbstverwaltung ermöglichen.

Weitere Beschlüsse. Die weiteren politischen Beschlüsse der VV betreffen u. a. die Einführung eines MVZ-Register- Gesetzes und die Kostenerstattung im Rahmen der Telematikinfrastruktur.
Die nächste Vertreterversammlung findet am 26. und 27. Juni 2020 wiederum im Hotel „Der Öschberghof“ in Donaueschingen statt.

» holger.simon-denoix@kzvbw.de


Klares Bekenntnis der VV: Wir brauchen keine Quote, wir schaffen das selbst! Dr. Iris Knoblauch, Dr. Sarah Bühler, Dr. Petra Krauss, Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier, Dr. Florentine Carow-Lippenberger, Dr. Silke Kuhlmann, Dr. Gudrun Kaps-Richter, Dr. Antoinette Röttele, Dr. Silke Bokelmann, Dr. Gisela Leisin-Hillebrand (v. l. n. r.).

Laut einer Umfrage bei jungen und jüngeren Zahnärztinnen und Zahnärzten in Nordbaden ist der Notfalldienst am Wochenende nicht gerade beliebt. Dies spielt auch eine Rolle bei der Frage, ob man sich lieber auf dem Land, wo man öfters pro Jahr eingeteilt wird, oder in Ballungsräumen niederlassen will, wo man eventuell nur einmal in zwei Jahren dran ist. Es ist davon auszugehen, dass die abnehmende Bereitschaft, seinen Notdienst abzuleisten, kein alleiniges Phänomen der jungen Kolleginnen und Kollegen in Nordbaden ist. Dieser Trend ist landesweit schon seit längerem auch unter den Niedergelassenen zu erkennen. Dafür gibt es vielschichtige Gründe. Zunehmende Ängste, wenn man nachts raus muss – vermehrt bei Kolleginnen, der steigende Freizeitwert, betriebswirtschaftlich nicht lohnend, Uneinsichtigkeit über die Notwendigkeit des Dienstes – es besteht keine Lebensgefahr, gesteigertes Anspruchsdenken bei den Patienten etc. Jeder zahnärztliche Stammtisch kann ein Lied davon singen.

Aber bei aller Kritik darf man nicht vergessen, dass wir in unserer Berufsbezeichnung selbstbewusst die Endung -arzt führen. Das bedeutet eine Verpflichtung zur Hilfe für alle Patienten mit Beschwerden, auch wenn es außerhalb der normalen Praxiszeiten vorkommt und das Beschwerdebild nicht zu verifizieren ist. Die Anzahl der Dienste bei den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen liegt in einer ganz anderen Dimension. Ein gut funktionierender Notdienst ist ein wichtiger Baustein in der Öffentlichkeitsarbeit, der zu einem positiven Image für unseren Berufsstand beiträgt. Nur ein negativer Zeitungsartikel über die Nichterreichbarkeit einer zum Notdienst eingeteilten Praxis kann vieles Erreichte wieder infrage stellen, wie wir leider vor zwei Jahren erfahren mussten. Seitdem stehen wir unter verstärkter Beobachtung von Politik und interessierten Kreisen.
Es liegt in der Verantwortung aller Praxen, ob Einzelpraxis, BAG, MVZ oder Privatpraxis, den Notfalldienst gemäß den Vorgaben der Notfalldienstordnung so zu versehen, dass es keine Beanstandungen gibt, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Dr. Hans Hugo Wilms

 

Interview mit dem Vorstand der KZV Baden-Württemberg

 

Freiheit des Berufsstands bewahren, Wandel gestalten

Ausgabe 1/2, 2020

Klarer Kurs: Nach einem ereignisreichen Arbeitsjahr mit einschneidenden politischen Entwicklungen für die Zahnärzteschaft zieht der Vorstand der KZV Baden-Württemberg, Dr. Ute Maier, Ass. jur. Christian Finster und Dipl.-Volkswirt Christoph Besters, Bilanz und wirft einen Blick in die Zukunft. Das Interview erschien im Bericht des Vorstands 2019, der zur Vertreterversammlung Ende November 2019 veröffentlicht wurde.

ZBW: Sie haben den diesjährigen Vorstandsbericht unter das Motto Freiheit gestellt. Warum?

Finster: Weil sie bedroht ist. Gerade die Gesundheitsversorgung, die in Deutschland eine der besten der Welt ist, stützt sich auf zwei wesentliche Säulen: den freien Beruf und die Selbstverwaltung. Beides wird momentan vonseiten der Politik, ob vom Bund wie auch von Europa, massiv angegriffen. Dabei geht es nicht nur um eine individuelle Berufsfreiheit, sondern auch darum, wie man koordiniert Freiheit bzw. Gestaltungsfreiräume zum Wohl aller Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie der Patientinnen und Patienten einsetzen kann. Das wird von einigen Politikerinnen und Politikern ständig infrage gestellt, da sie der Meinung sind, alles werde besser, wenn der Staat alles alleine und vor allem zentral regelt.

Besters: Darum wird es in nächster Zeit gehen: Erhalten wir unser Gesundheitssystem im Sinne von Freiheit zu Gestaltung, Initiative und Verantwortung oder marschieren wir weiter direkt in den Staatsdirigismus!


Herausforderungen. Der Vorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg stellt sich den Herausforderungen: Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier (l.), stellv. Vorstandsvorsitzender Ass. jur. Christian Finster (Mitte) und stellv. Vorstandsvorsitzender Dipl.-Volkswirt Christoph Besters (r.).

Was bedeutet Freiheit für Sie persönlich, Frau Dr. Maier?

Dr. Maier: Für mich persönlich bedeutet Freiheit das Recht und die Möglichkeit, ohne Zwang und Reglementierungen eigene Wege finden und beschreiten zu können. Für den diesjährigen Vorstandsbericht haben wir diesen Leitbegriff ganz bewusst gewählt, denn wir wollen deutlich machen, was die zahnärztliche Versorgung in unserem Land seit Jahrzehnten stark macht. Als Zahnärztin und Vertreterin dieses Berufsstands bedeutet Freiheit für mich, dass auf Grundlage der guten zahnmedizinischen Ausbildung in unserem Land die Kolleginnen und Kollegen eigenverantwortlich in ihren Praxen Entscheidungen treffen und sich mit vollem Einsatz dem Wohl der Patientinnen und Patienten widmen können. Wenn der Praxisalltag immer weiter reglementiert und durch immer neue Vorschriften eingeengt wird, zahlen den Preis dafür nicht nur die Zahnärztinnen und Zahnärzte mit den Praxisteams, sondern auch die Patientinnen und Patienten.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat in seiner bisherigen Amtszeit verschiedene Initiativen gestartet, die den Aufgabenbereich der Selbstverwaltung tangieren. Sind das einzelne Sachentscheidungen oder wird hier das vertretbare Maß überschritten und ein Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem eingeleitet?

Finster: Die Regulierung berufspolitischer Entscheidungen durch den Gesetzgeber hat zugenommen. Das hat eine Beschränkung der Selbstverwaltung zur Folge. Wenn die Politik den Wert der freiberuflichen Tätigkeit von Zahnärztinnen und Zahnärzten betont, dann muss sie diesen auch den notwendigen Spielraum belassen. Dementgegen fährt Gesundheitsminister Spahn regelrecht Attacken gegen die Selbstverwaltung, wie z. B. die handstreichartige Übernahme der Mehrheitsanteile der gematik oder der Versuch, den G-BA bei der Zulassung neuer Kassenleistungen zu umgehen. Dies sind Auswüchse, gegen die sich die Selbstverwaltung wehren muss. Vor diesem Hintergrund des Kräftespiels stellt sich allerdings die berechtigte Frage nach der Zukunft der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen: Wie kann bzw. soll sie sich weiterentwickeln? Das müssen wir beantworten.

Sind die Zahnärztinnen und Zahnärzte als Freiberufler in ein zu enges Korsett gezwängt?

Besters: Die Klagen der niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte über bürokratische Vorgaben und Pflichten nehmen seit Jahren zu. Wir verfügen über aktuelle Erhebungen, aus denen hervorgeht, dass ein immer größerer Anteil der Arbeitszeit für Bürokratie aufgewendet werden muss und diese Zeit dann für die Behandlung fehlt. Auch unsere angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzte nennen Bürokratie als ein ganz zentrales Niederlassungshemmnis. Ähnliches hören wir aus dem ärztlichen Bereich. Einige haben aus Protest sogar bereits, soweit sie es sich leisten konnten, vorzeitig ihre Zulassung zurückgegeben. Ich appelliere an die Politik, diese Signale endlich ernst zu nehmen und diesen Wahnsinn zu stoppen. In der Summe ist die Last der Auflagen einfach zu groß.

Was unternimmt die KZV BW als Berufsvertretung der Zahnärzteschaft für mehr Freiheitsgrade?

Dr. Maier: Wir verstehen uns als Sprachrohr und Ansprechpartner für die Vertragszahnärztinnen und -zahnärzte. Die Akzeptanz der KZV BW wird in der Zukunft u. a. entscheidend von der erfolgreichen Berufsvertretung gegenüber der Politik, aber auch vom Service für ihre Mitglieder abhängen. Beides muss sich daran ausrichten, was die Mitglieder brauchen. Konkret kämpfen wir bei der Politik für unsere berechtigten Anliegen wie die Entlastung von zu viel Bürokratie. Wir leisten Überzeugungsarbeit, z. B. durch unsere regelmäßigen Vor-Ort-Termine mit der Politik in Praxen, bei denen diese Einblicke in die Konsequenzen ihres Handelns bekommen. Darüber hinaus ist es aber auch immens wichtig, frühzeitig Entwicklungen und Trends zu erkennen und Strategien zu entwickeln, wie diese sinnvoll für die Selbstverwaltung und den Berufsstand genutzt werden können.

Politische Vertretung ist ein gutes Stichwort. Im laufenden Geschäftsjahr waren Sie sehr engagiert, etwa mit den Aktivitäten der KZV BW zum Europawahlkampf. Welches Resümee ziehen Sie?

Finster: Unsere Aktivitäten zur Europawahl waren gut. Über 4.000 Nutzer unseres „WahlChecks Gesundheit“ und bundesweite Aufmerksamkeit innerhalb des Gesundheitswesens für dieses innovative Angebot, mediales Echo in der Landespresse über unsere Praxistour und natürlich die Podiumsdiskussion mit den Spitzenkandidaten aus dem Land, zu der wir durchweg positive Rückmeldungen bekommen haben. Damit haben wir Aufmerksamkeit für gesundheitspolitische Themen des Berufsstands erzielen können. Genauso wichtig ist aber, dass wir mit diesen Aktivitäten den Gesprächsfaden zu politischen Akteuren neu knüpfen konnten. Die Rückmeldung der Politikerinnen und Politiker, den Austausch auch außerhalb von Wahlkämpfen zu intensivieren, werden wir aufnehmen.

Die kritische Begleitung der Politik und der Dialog mit den Entscheidungsträgern sind für die KZV BW als gesundheitspolitischen Akteur eine Kernaufgabe. Was hat sich im Rahmen der Debatte um Zahnmedizinische MVZ im letzten Jahr getan und wie beurteilen Sie die Maßnahmen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes?

Besters: Heilberufe dürfen nicht vergewerblicht und Gesundheit nicht zur Ware werden. Dass sich MVZ gerade in wirtschaftlich starken Ballungszentren ausbreiten, ist auch in Baden-Württemberg zu beobachten. Das hat Auswirkungen auf die flächendeckende Versorgung. Deswegen haben wir frühzeitig bei der Politik interveniert und Minister Spahn zum Handeln bewegt. Es wurden rote Linien eingezogen. Weitere Ausweitungen in ohnehin überdurchschnittlich gut versorgten Gebieten wurden erschwert.

Baden-Württemberg hat nach wie vor eine gute zahnmedizinische Versorgung, im ländlichen Raum wie in den Städten. Auf welche künftigen Herausforderungen stellen Sie sich ein?

Besters: Die KZV muss sich um Fragen der Versorgung kümmern. Sie darf den Sicherstellungsauftrag nicht verlieren. Es hängt mit dem Selbstverständnis der freien Berufe zusammen, Verantwortung für das Versorgungsgeschehen in der Bevölkerung zu übernehmen. Die KZV muss als funktionierende Selbstverwaltung die aktuellen Entwicklungen mitgestalten, ansonsten wird sich die Politik auf verschiedenen Ebenen dieser Aufgabe selbst bemächtigen.

Der Handlungsbedarf ist bei Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftigen nach wie vor hoch. Sozialminister Manne Lucha hat das betont, als ihn Dr. Guido Elsäßer bei einem von der KZV BW angestoßenen und organisierten Praxisbesuch über die Versorgungsnotwendigkeiten informierte. Was erwarten Sie konkret?

Dr. Maier: Wir haben bei der zahnärztlichen Betreuung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Aber wir dürfen hier nicht stehen bleiben. Unser Ziel ist eine flächendeckende Versorgung der Menschen in ihrer jeweiligen Wohn- und Lebenssituation. Ein nächster Schritt wäre, dass Kooperationsverträge auch mit Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen abgeschlossen werden können. Zudem muss der besondere Behandlungsaufwand bei diesen Patientinnen und Patienten auch bei der Honorierung abgebildet werden.

Blicken wir auf die Vertragspartnerschaft mit den Krankenkassen. Sie haben 2019 alle Abschlüsse auf dem Verhandlungsweg erzielt. Gerade mit den Ersatzkassen hatte es ja zuletzt kräftig gestockt. Was bedeuten Ihnen die diesjährigen Abschlüsse, was bedeuten sie für die Zahnärzteschaft?

Dr. Maier: Wir sind sehr froh, dass wir mit allen Kassenarten vertragspartnerschaftlich zu einem Abschluss gekommen sind. Die Kostenentwicklung in den Praxen muss sich in den Honoraren niederschlagen, darauf haben wir großen Wert gelegt. Auch mit dem Verband der Ersatzkassen konnte eine Anhebung der Vergütung einvernehmlich vereinbart werden. Insofern hoffe ich, dass auch 2020 die Vertragspartnerschaft in Baden-Württemberg funktioniert und die Selbstverwaltung zeigt, dass sie handlungsfähig ist und den Namen Selbstverwaltung auch verdient.

Welche wichtigen Ziele und Vorhaben stehen für 2020 an?

Dr. Maier: Eine wichtige Aufgabe ist, auch die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte für ein Ehrenamt in der Selbstverwaltung zu gewinnen: die KZV BW als Mitmach- Bewegung. Wir wollen, dass das Ehrenamt die gesamte Breite des Berufsstands abbildet, d. h. wir wollen auch die angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzte ansprechen. Das ist eine Frage der Motivation. Unser Ziel ist es, den Kolleginnen und Kollegen zu vermitteln, dass es einen Wert hat, sich im Ehrenamt für die Kolleginnen und Kollegen zu engagieren. Denn nur so kann man den Berufsalltag der Zukunft ganz konkret mitgestalten. Fast 50 Prozent der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Anstellung können sich ein solches Engagement vorstellen. Das ist eine gute Zahl. Jetzt ist es an uns, die Strukturen und Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass diese Bereitschaft offene Türen vorfindet.

Finster: Wenn sich die Versorgungslandschaft ändert und vielfältiger wird, müssen wir diesen Wandel aktiv begleiten. Gewollte Innovationen bei den Praxisstrukturen müssen wir fördern. Die jungen Leute, die aus der Assistenzzeit kommen, wollen behandeln, anstatt sich mit Formalitäten und Auflagen zu plagen – wir müssen sie dabei entlasten und dabei unterstützen, den für sie individuell besten Weg gehen zu können und so zu arbeiten, wie es mit ihrer persönlichen Lebensplanung übereinstimmt.

Besters: Als Körperschaft der Selbstverwaltung sind wir gefordert, die Digitalisierung im Gesundheitswesen sinnvoll und im Interesse der Heilberufe mitzugestalten. Wir müssen die Digitalisierung einerseits als Chance wahrnehmen, andererseits aber wachsam hinsichtlich der Gefahren sein, die von ihr ausgehen. Das bedeutet, klare Regeln für den Umgang mit hochsensiblen und persönlichen Daten zu fordern. Es gilt, den Gesetzgeber bei der Schaffung der Rahmenbedingungen zu beraten, denn auch der Gesundheitsbereich wird bei der Digitalisierung nicht außen vor bleiben, wobei der Nutzen für den Patienten im Vordergrund stehen muss.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Florian Wahl
und Dr. Holger Simon-Denoix

 

Landeskongress Gesundheit Baden-Württemberg 2020

 

Zukunftssicherung Gesundheit

Ausgabe 1/2, 2020

„Miteinander statt übereinander reden“ – das ist das Markenzeichen und Erfolgsgeheimnis des Landeskongresses Gesundheit Baden-Württemberg, der sich innerhalb kürzester Zeit zum zentralen Forum des Gesundheitswesens im Land entwickelt hat. Die gemeinsame Veranstaltung der Landesärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft geht nun in die fünfte Runde und wird parallel zum Ärztekongress und zur Fachmesse MEDIZIN am 7. Februar 2020 auf dem Messegelände Stuttgart ausgerichtet.

Als bundesweit einziger Kongress, bei dem Entscheider und Verantwortungsträger der Selbstverwaltung, der ambulanten und stationären Leistungserbringer, der Kostenträger sowie Vertreter der Politik und der Interessensverbände zusammenkommen, setzt der Landeskongress regelmäßig wichtige Impulse für den notwendigen Fortschritt und Austausch über vermeintlich starre Grenzen hinweg.
Bereits der erste Landeskongress Gesundheit 2016 konnte in diesem Sinne die praxisnahe Erprobung ärztlicher Fernbehandlung anstoßen und Baden- Württemberg als bundesweiten Vorreiter in der Telemedizin etablieren.

Motto. Unter dem Motto „Zukunftssicherung Gesundheit“ rückt der Landeskongress Gesundheit 2020 nun die langfristigen Entwicklungen und Herausforderungen im Gesundheitswesen in den Vordergrund. Als Hauptreferenten konnten Prof. Dr. Ferdinand M. Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, und Prof. Dr. Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ am RWI-Leibniz- Institut für Wirtschaftsforschung, gewonnen werden sowie Prof. Dr. med. Karl Lauterbach MdB als Keynote-Speaker.
Für die Landesregierung wird Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha MdL teilnehmen. Die Eröffnungsrede wird Dr. Norbert Metke, Vorsitzender des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, halten.

Diskussionen. Kennzeichnend für den Landeskongress sind aber nicht nur seine hochkarätigen Referenten, sondern auch sein partizipations- und diskussionsorientierter Charakter.
Dank einer eigens für den Landeskongress entwickelten App können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihre mobilen Endgeräte Fragen und Anmerkungen in Echtzeit an die Referenten richten und so den Diskussionsverlauf aktiv mitgestalten.
Zudem bietet das World-Café- Format am Nachmittag die einzigartige Gelegenheit des interdisziplinären Austausches und ungezwungenen Networkings.

Zielgruppe. Der Landeskongress richtet sich an angestellte und niedergelassene Ärzte und Zahnärzte sowie alle anderen Berufe der Gesundheitsversorgung, an Verantwortungsträger aus Krankenhäusern, den jeweiligen Verbänden und Organisationen, an Personal aus der Führungsebene in Sozialverwaltungen, Krankenkassen, Kommunen, Ministerien und Politik sowie Entscheider aus der Gesundheitswirtschaft.
Weitere Informationen finden Sie unter www.lkgesundheit. de.

LÄK BW