Zahnaerzteblatt.de

 

Im Blick

Studien zur Rolle der Zahnärzteschaft in der NS-Zeit

 

Geschichte als Verpflichtung

Ausgabe 1/2, 2020

Die Rolle der Zahnärzteschaft während des NS-Regimes war Teil eines Forschungsprojekts. Dessen Ergebnisse zeigen, dass der Berufsstand alles andere als stolz auf das Verhalten einiger Zahnärztinnen und Zahnärzte sein kann, die sich dem Regime in vielerlei Hinsicht andienten. Die ermittelten Ergebnisse sollen als Verpflichtung und Warnung zugleich dienen, in Gegenwart und Zukunft Verantwortung zu übernehmen.


Propaganda. Das Motiv aus der nationalsozialistischen Propaganda zeigt einen Soldaten der deutschen Wehrmacht, der eine Zahnstation an der Front nach der Behandlung verlässt, herausgegeben im April 1943.

Die Spitzenorganisationen der Zahnärzteschaft in Deutschland haben im November 2019 erstmals öffentlich die Ergebnisse des gemeinsamen Forschungsprojekts „Zahnmedizin und Zahnärzte im Nationalsozialismus“ vorgestellt. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung im Auftrag von Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV), Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Deutscher Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) in Kooperation mit renommierten, unabhängigen Wissenschaftlern der Universitäten Düsseldorf und Aachen war in den vergangenen vier Jahren die Rolle der Zahnheilkunde im NS-Regime systematisch aufgearbeitet worden. Ziel dieses bundesweit einmaligen Projekts war die erste umfassende historisch-kritische Darstellung der Geschichte der Zahnärzteschaft und ihrer Organisationen in den Jahren 1933 bis 1945 sowie in der Nachkriegszeit.

Täter. Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls der RWTH Aachen, erster Antragsteller und Projektleiter für den Komplex „Zahnärzte als Täter“ berichtet, dass die Zahnärzteschaft sich dem NS-Regime in vielerlei Hinsicht andiente. „Im Jahr 1938 waren bereits neun Prozent aller Zahnärzte Mitglieder der Allgemeinen SS, gut 60 Prozent der zahnärztlichen Hochschullehrer traten bis 1945 in die NSDAP ein. Mindestens 300 Zahnärzte engagierten sich in der Waffen-SS, etwa 100 Zahnärzte waren als Zahnärzte in Konzentrationslagern tätig und mindestens 48 Zahnärzte wurden ab 1945 als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt.“ Nach dem Krieg kam es zu keinem wirklichen Neuanfang: Sechs der sieben zwischen 1949 und 1981 amtierenden Präsidenten der DGZMK waren ehemalige Mitglieder der NSDAP. Gleiches galt für die Hälfte der von 1949 bis 1982 ausgezeichneten Ehrenmitglieder und -medaillenträger. Dagegen gingen nur zwei Prozent dieser Ehrungen an entrechtete jüdische Kollegen.

Verfolgte. Dr. Matthis Krischel vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf arbeitete an der Studie als Projektleiter für den Komplex „Verfolgte Zahnärzte“. Er berichtet von der anderen Seite der Medaille. Zu den Verfolgten im Nationalsozialismus gehörten auch Zahnärztinnen und Zahnärzte, Studenten der Zahnmedizin und andere Personen, die in Praxen und Dentallaboren arbeiteten: „Im Rahmen des Projekts konnten Biografien von mehr als 1200 Personen rekonstruiert werden. Die überwiegende Mehrheit wurde aufgrund ihrer jüdischen Religion oder Abstammung verfolgt, einige auch wegen politischer Opposition gegen die Nationalsozialisten, wegen aktiven Widerstands oder wegen ihrer sexuellen Orientierung“. sagte er. Dass unter den Opfern auch ein Zeuge Jehovas und eine ermordete psychisch erkrankte Zahnärztin waren, zeige, aus welchen unterschiedlichen Gründen Menschen in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten geraten konnten. Wer das Land vor dem Krieg nicht verlassen hatte, war bald von Deportation in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager bedroht. Einige wählten den selbstbestimmten Suizid, um der Deportation zu entgehen. Fast ein Viertel der Zahnbehandler wurde deportiert und in den Lagern ermordet. Nur eine Minderheit überlebte entweder die KZs oder konnte in Deutschland untertauchen.
Für den Vorsitzenden des Vorstandes der KZBV, Dr. Wolfgang Eßer, ist der Gedanke an die politische Verstrickung des Berufsstandes in der NS-Zeit bedrückend, schmerzend und beschämend, „ebenso wie der Gedanke an Zahnärztinnen und Zahnärzte die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Aber es ist ein notwendiger Schmerz, der die Erinnerung an Geschehenes wachhält. Er zwingt uns zur Auseinandersetzung, zur Selbstreflexion, er zwingt uns, lange ausgeblendete Realitäten anzuerkennen. Er zwingt uns, über Recht und Unrecht, über Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, über Ausflucht und Verantwortung nachzudenken. Er macht uns demütig, aber auch sensibel für Fehlentwicklungen, ideologische Verirrungen und Intoleranz, welche im gesellschaftlichen Diskurs gegenwärtig wieder verstärkt konstatiert werden müssen.“ Wenn wir aus unserer Geschichte eine Lehre zögen, dann diejenige, dass wir bereits den Anfängen entschieden wehren müssen und nicht erst ein bestimmtes Ausmaß von Unrecht oder politischer Eskalation abwarten dürfen.


Lazarett. Das Motiv aus der nationalsozialistischen Propaganda zeigt einen Soldaten der deutschen Wehrmacht in der Zahnbehandlung in einem Lazarett, herausgegeben im Februar 1940.

Aufarbeitung. Dr. Peter Engel, Präsident der BZÄK, sieht im Forschungsprojekt ein Signal dafür, dass die Zahnärzteschaft sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist und sie wahrnimmt. „Wir wollen als Berufsgruppe verantwortungsbewusst und mit Zuversicht in die Zukunft sehen, daher haben wir auch diese Aspekte unserer Vergangenheit detailliert aufarbeiten lassen“, sagt er. „Die Aufarbeitung hilft uns, aus der Vergangenheit zu lernen, aus ihr wichtige Lehren zu ziehen, Anzeichen für Missstände zu erkennen, kurz: unseren moralischen Kompass zu justieren und korrekt auszurichten. Das gebietet nicht zuletzt auch das zahnärztliche Ethos. Wir möchten eine Kultur der Erinnerung.“

Verstrickung. Die Nationalsozialisten machten auch vor der Lehre nicht halt. 60 Prozent der untersuchten Hochschullehrer für Zahnmedizin waren Mitglieder der NSDAP. „50 Prozent aller von der DGZMK nach dem zweiten Weltkrieg ausgezeichneten Wissenschaftler, die altersmäßig dafür infrage kamen, waren ebenfalls ehemalige NSDAP- Mitglieder“, sagt Prof. Dr. Roland Frankenberger, Präsident der DGZMK. „Das ist eine Prozentzahl, die meine Befürchtungen und Ahnungen deutlich übertrifft. Wir Zahnärzte – und allen voran die Vertreter der Wissenschaft – haben versagt: Im Dritten Reich durch politisch angepasstes Verhalten und in den folgenden Jahrzehnten durch Ausblenden und ein dauerhaftes Wegschauen.“
Einzelstudien und Promotionsarbeiten – zum Teil in englischer Sprache – sowie ein in Kürze erscheinendes Personenlexikon beleuchten gleichermaßen die Rolle zahnärztlicher Täter und Opfer. Gegenstand der Täter-Forschung waren insbesondere Präsidenten und Ehrenmitglieder zahnärztlicher Fachgesellschaften, die Affinität zahnärztlicher Hochschullehrer und Standespolitiker zur NSDAP sowie die Rolle der Zahnärzte als Angehörige der Waffen-SS, als Personal in Konzentrationslagern und – nach 1945 – als Angeklagte vor Gericht.
Zudem wurden in einem eigenen Arm des Forschungsprojekts Biografien von verfolgten Zahnärztinnen und Zahnärzten nachgezeichnet. Dokumentiert sind zum Teil erhebliche Verstrickungen von Zahnärzten, Kieferchirurgen und Standespolitikern in das verbrecherische System des Nationalsozialismus. Das Projekt ist integraler Bestandteil des beruflichen Selbstverständnisses von Zahnärztinnen und Zahnärzten.

KZBV/BZÄK/IZZ