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Kultur

Retrospektive im Museum Frieder Burda

 

Karin Kneffel

Ausgabe 1/2, 2020

1957 geboren, gehört die Meisterschülerin Gerhard Richters zu den bedeutendsten deutschen Malerinnen der Gegenwart. Die aktuelle Retrospektive im Museum Frieder Burda wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin konzipiert und in Kooperation mit der Kunsthalle Bremen realisiert. Sie dokumentiert mit rund 140 Werken aus drei Jahrzehnten den Weg von ihren überdimensionalen Gemälden von Früchten, mit denen Kneffel in den frühen 1990er- Jahren international bekannt wurde, hin zur Konstruktion von komplexen malerischen Interieurs, in denen Zeit- und Bildebenen, Kunst, Architektur und Film miteinander verschmelzen.


Gegenständliche Malerei. Eine größere Werkgruppe aus frühen Jahren sind Kneffels überdimensionale Gemälde von Früchten, vertreten durch ein Bild, das rote Äpfel zeigt (Ohne Titel, 1996).

Karin Kneffel untersucht die Wirkungsmacht der Malerei, sie reizt die Möglichkeiten realistischer Darstellung bis ins Extrem aus. Ihre Obst-, ihre Blumen- und Tierbilder „drängen – aus dem Bild heraus – und dem Betrachter förmlich entgegen: Äpfel, Pfirsiche und Trauben wirken mit ihren im Barocken schwelgenden Formen zum Greifen nah. Blumen laden ein wie ein Geschenk und appellieren synästhetisch an Seh- wie Geruchssinn. Die Augen der Tiere nehmen direkten Blickkontakt auf und aktivieren einen emotionalen Impuls, der Leinwandformat und Bildgrenze überwindet. Und das lodernde Feuer droht gleich aus dem Rahmen „hinauszuspringen. Aber selbst bei den heißesten Temperaturen kühlt die Perfektion der Komposition die Bildwirkung wieder magisch herunter.

Interieurs. Die Bildmacht kann jedoch auch in eine andere Richtung wirken. Mit ihren späteren, sehr vielschichtigen Interieurs hingegen kreiert Kneffel einen Sog ins Innere des Bildes. Hindurch oder vorbei an kunstvoll aufgesetzten Wassertropfen dringt der Blick in geheimnisvolle Räume voller bezugsreicher Personen-Konstellationen, in denen vieles ohne jede Hierarchien in einem räumlichen Nebeneinander existiert: Eine Putzfrau kniet neben einer Lehmbruck-Skulptur. Ein Vorhang gibt den Blick frei auf die theatralische Kulisse eines modernistischen Gebäudes. Nicht selten ersetzt dabei die formalisierte Skulptur den lebenden Menschen.

Komplexität. Häufig steigern malerische Verwischungen oder Spiegel und ihre Reflextionen die Komplexität des Bildraums zusätzlich und entführen den Blick des Betrachters in ein ironisches Wechselspiel von Wirklichkeit und Illusion, häufig eröffnet das Bild im Bild einen noch tiefergehenden Blick in noch weiter – zeitlich wie räumlich – zurückliegende Bildwelten, gespeist von persönlichen Erinnerungsfragmenten, von einprägsamen Filmsequenzen und nachwirkenden Museumsbesuchen. Genau dazwischen – zwischen Realität und Illusion, zwischen Innenund Außenwelt, ihren anziehenden wie abweisenden Effekten – liegt die Bildfläche, die Leinwand, auf der Kneffel so obsessiv stundenlang und zugleich mit bestechender Präzision das Maximum aus Pinsel und Farbe herausholt.
Waren in Richters Malerei das Verwischen und die Unschärfe malerische Mittel für die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, deutscher Vergangenheit und Kunstgeschichte, ist es bei Kneffel das Verschwommene, Spiegelnde. Sie erschafft eine halluzinogene Malerei, die unterschiedliche Aggregatzustände annehmen kann.

Museum Frieder Burda/IZZ