Zahnaerzteblatt.de

 

Leitartikel

Vielfalt in der Versorgungslandschaft

Ausgabe 3, 2020

Unseren Zahnärztinnen und Zahnärzten ist bewusst, dass sich ihr Berufsbild verändert. Das hat es übrigens schon immer getan. Zahnarzt zu sein war bereits in den 1970er- Jahren ein anderer Beruf als in den 1990ern. Die entscheidende Frage ist, wie man mit diesen Veränderungen umgeht. Ruft man sie herbei und freut sich, dass nun alles neu wird und alte Strukturen verschwinden, oder versucht man an Bestehendem – wo es sinnvoll ist – festzuhalten. Wir haben in Deutschland oftmals die Angewohnheit, funktionierende Strukturen durch vermeintliche neue Ansätze kaputtzuerneuern. Die Zahnärzteschaft zeichnet aus, dass sie behutsam abwägt: Was ist Panikmache, was ist eine vermeintliche Innovation und wo gibt es Handlungsbedarf mit Augenmaß?

Die zahnärztliche Versorgung hat heutzutage unterschiedliche Gesichter. Neben der Einzelpraxis stehen alternative Modelle – etwa Berufsausübungsgemeinschaft, Praxisgemeinschaft, Zweigpraxen oder zahnärztliche medizinische Versorgungszentren (MVZ). Dem aktuellen InvestMonitor Zahnarztpraxis des Instituts der Deutschen Zahnärzte zufolge ist allerdings die Übernahme von Einzelpraxen weiterhin die mit Abstand beliebteste Form der Existenzgründung. Dies ist also – entgegen mancher Unkenrufe – keinesfalls ein Auslaufmodell.
Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Selbstverwaltung besteht in einer kompetenten und umfassenden Niederlassungsberatung. Ein Praxiskonzept muss auf die jeweilige Lebens- und Familiensituation passen. Nun haben sich der Wunsch nach mehr Freizeit, Familienkonstellationen und die Vorstellung, wie dies mit der Berufstätigkeit gut zu vereinbaren ist, geändert. Die doppelte Herausforderung lautet, für die Zahnärztinnen und Zahnärzte ein attraktives Berufsfeld mit guten Zukunftsperspektiven anzubieten und dabei die Versorgung mit dezentralen Strukturen wohnortnah im ganzen Land sicherstellen zu können.
Im internationalen Vergleich können wir feststellen, dass die vertragszahnärztliche Versorgung seit Jahrzehnten qualitativ und quantitativ auf hohem Niveau sichergestellt ist. Wir haben in Baden-Württemberg keinen unterversorgten Planungsbereich.
Sieht man sich allerdings den enormen bürokratischen Aufwand gepaart mit unsäglichen Vorschriften der Praxisführung an, so hat man schnell eine der Hauptursachen für die inzwischen nachlassende Bereitschaft zur Selbstständigkeit identifiziert – QM, Hygiene, Datenschutz, komplexe Abrechnungs- und Aufklärungsbestimmungen. Im ärztlichen Bereich fürchten nach Angaben des Ärztenachrichtendienstes 78 Prozent der niedergelassenen Mediziner, dass mit neuen digitalen Prozessen sogar noch zusätzliche Verwaltungsarbeit anfällt.
Das Konzept der Investoren medizinischer Versorgungszentren verspricht genau an diesem wichtigen Punkt, dass die/der angestellte Zahnärztin/Zahnarzt die belastende unsägliche Verwaltungstätigkeit an eine Zentrale delegieren kann, um sich voll auf seine zahnmedizinische Kompetenz konzentrieren zu können – von sonstigen Vorteilen eines Angestelltenverhältnisses ganz zu schweigen.
Gerade in Bezug auf investorgeführte MVZ ist jedoch festzuhalten, dass der Zahnarzt auch als Angestellter weiterhin Freiberufler ist. Die Freiheit in seiner fachlichen Entscheidung muss stets gewährleistet sein. Berichte, dass gerade junge Zahnärztinnen und Zahnärzte unter Druck gesetzt werden, zahnmedizinisch nicht angezeigte Leistungen zur Maximierung der Rendite zu erbringen, sind alarmierend. Es darf keinen Verkaufsdruck bei der Versorgung der gesetzlich Versicherten geben. Denn den Preis dafür zahlen alle – nicht nur durch höhere Behandlungskosten, sondern auch durch den Verlust an Versorgungsqualität, wenn bewährte Strukturen schleichend, aber nachhaltig beschädigt werden.
Ein häufig zu beobachtendes Modell der Investoren sieht vor, gut gehende Zahnarztpraxen zu erwerben und die ehemaligen Inhaber für mehrere Jahre als Angestellte unter Vertrag zu nehmen, allerdings ohne dies öffentlich bekannt zu geben. Möglicherweise fürchtet man ein Abwandern von Patienten, womit sich die hohen Renditeerwartungen dann nicht mehr erfüllen würden. Hier fehlt es eindeutig an der notwendigen Transparenz für die Patienten.
So altruistisch sich MVZ auch mitunter geben – zu einer bedarfsgerechten flächendeckenden Versorgungsstruktur tragen sie so gut wie gar nicht bei.
Wer Wettbewerb fordert, sollte daher ganz genau hinschauen, ob es dabei wirklich um Qualität, Service und Patientenorientierung geht. Beraten wir unsere Zahnärztinnen und Zahnärzte in diesem Sinne und unterstützen sie nach Kräften bei der Entwicklung ihrer Vorstellungen für ihre eigene Praxis. Auf Alternativen in genügender Zahl können wir zurückgreifen.