Zahnaerzteblatt.de

 

Titelthema

Studie des Instituts für Arbeit und Technik (IAT) über Private-Equity-Gesellschaften

 

Private-Equity-Gesellschaften bauen zahnmedizinische Konzerne auf

Ausgabe 3, 2020

Vor einigen Jahren haben Finanzinvestoren auch den deutschen Gesundheitsmarkt als Investment entdeckt. Die Akteure sind Private-Equity-Gesellschaften (PE-Gesellschaften). Das Geschäftsmodell dieser Kapitalbeteiligungsgesellschaften besteht darin, Fonds einzurichten, in welchen das Kapital milliardenschwerer institutioneller Investoren einfließt. Damit werden Krankenhäuser, Arztpraxen und Medizinische Versorgungszentren aufgekauft, zur Effizienzsteigerung und Kostenersparnis restrukturiert und nach Ende der maximal zehnjährigen Fondslaufzeit mit hohen Renditen für alle Beteiligten verkauft. In den letzten zwei Jahren haben diese Geschäftsaktivitäten massiv zugenommen.

Um hier Licht ins Dunkel zu bringen und einen wissenschaftlichen Überblick zu erhalten, kommt man an Dr. Christoph Scheuplein nicht vorbei. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Technik (IAT) an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen haben er und sein Mitarbeiterteam im Februar 2019 eine explorative Studie mit dem Titel „Übernahmen durch Private Equity im deutschen Gesundheitssektor“ mit dem Ziel veröffentlicht, die Strukturen und Größenordnungen der Übernahmen durch PE-Gesellschaften zu dokumentieren sowie deren Geschäftsmodell, Käuferstrukturen und Investmentverläufe zu analysieren. Die ausgewerteten Datenquellen umfassen den Zeitraum von 2013 bis Mitte 2018 mit Datenaktualisierungen bis Frühjahr 2019.

Starke Zunahme ab 2017. Als wichtigste empirische Ergebnisse konnten für den deutschen Gesundheitssektor 130 Übernahmen von Unternehmen mit einer medizinischen und pflegerischen Versorgung von Patienten mit stark steigender Zunahme der Transaktionen ab 2017 ermittelt werden. Ein Drittel aller Übernahmen mit den bisher größten Transaktionen betrifft den Sektor Pflegeheime bzw. Pflegedienste, über die Hälfte aller Übernahmen fallen auf verschiedene Facharztsparten und weniger als ein Zehntel aller Übernahmen betreffen Krankenhäuser.
Besonders stark betroffen von den Übernahmen waren in diesem Zeitraum die Facharztsparten Zahnmedizin, Augenheilkunde und der Rehabilitationsbereich, unter anderem Neurologie, Psychosomatik und Orthopädie.
Durch gesetzliche Änderungen in den Jahren 2004 und 2015 wurde es für nicht-medizinische Investoren möglich, über den Kauf von Krankenhäusern ärztliche und zahnmedizinische Versorgungszentren (Z-MVZ) und Praxen zu erwerben.
Laut Studie agieren derzeit deutschlandweit im zahnmedizinischen Bereich acht große PEGesellschaften. Davon haben drei europäische Partnerunternehmen. Das betrifft Dental Clinics (Nordic Capital) mit der deutschen Tochter Zahnstation, Curaeos (EQT) mit der deutschen Tochter DentConnect und der größten Kette Colosseum Dental (Jacobs Holding), die bereits in acht Ländern aktiv ist.
Für den Zeitraum 2015 bis 2018 kam es deutschlandweit zur Übernahme von 34 Einrichtungen, die teilweise mehrere Z-MVZ an mittlerweile 73 zahnmedizinischen Standorten beinhalten. Für Baden- Württemberg können vier Unternehmenskäufe drei Großinvestoren zugeordnet werden.

Buy-and-Build-Strategie. In den letzten Jahren verzeichneten die Fonds der PE-Gesellschaften in Deutschland steigende Renditen, die 2017 bei knapp 19 Prozent lagen. Möglich wird diese hohe Gewinnausschüttung, indem die PE-Fonds mittels einer sogenannten „Buy-and-Build-Strategie“ gemanagt werden. Ziel ist der Aufbau großer Gesundheitskonzerne, die durch ihre Größenvorteile effizienter wirtschaften und damit Kosten einsparen können.
Der Buy-Faktor bezieht sich auf den Erwerb eines Plattform-Unternehmens, meistens ein Krankenhaus, sowie dem Zukauf möglichst passender Z-MVZ und Zahnarztpraxen, um damit eine neue Unternehmenskette zu etablieren. Der Build-Faktor integriert die neuen Unternehmen in fünf Hauptschritten. Meistens wird zuerst für die neue Unternehmenskette eine eigene Dachmarke inklusive einem einheitlichen Corporate Design kreiert, um dadurch mehr Außenwirkung und eine stärkere Patientenbindung zu erzielen. Im zweiten Schritt werden für die zu integrierenden Unternehmen betriebswirtschaftlich relevante Funktionen und Aufgaben zentralisiert. Das betrifft die Buchhaltung und Abrechnung gegenüber den Krankenkassen ebenso wie das Personalwesen, die IT, den Einkauf sowie das Monitoring der Anforderungen durch Gesetzgeber und Krankenkassen. Durch diese „Skaleneffekte“ wachsen die einzelnen Praxen zu einer tatsächlichen wirtschaftlichen und rechtlichen Einheit mit hohem Einsparpotenzial zusammen. In einem dritten Schritt der Unternehmensintegration werden medizinische Leistungen zum Gegenstand für einen unternehmensübergreifenden Wissensaustausch. Somit können medizinische Abläufe optimiert, spezialisiert und auch unternehmensinterne Fort- und Weiterbildungen effizienter gestaltet werden. In einem vierten Schritt wird versucht, für die eigenen Patienten regelmäßig zu verbrauchende Materialien wie beispielsweise Zahnersatz und Implantate mittels eigener Zahnlabore selbst herzustellen und anzupassen, wodurch sich eine spezifische, vollumfängliche Wertschöpfungskette ergeben kann, die dann europaweit genutzt und in einem fünften Schritt zu einer länderübergreifenden Zusammenarbeit führen kann. Ein international tätiger Gesundheitskonzern mit höheren Marktanteilen und dadurch mit mehr Marktmacht ist entstanden.

Politisch gewollte Öffnung. Als Gründe für die gegenwärtig zunehmenden Übernahmeaktivitäten sieht Dr. Scheuplein die genannten gesetzlichen Änderungen seit 2004, die zu einer politisch gewollten Öffnung des Gesundheitsmarktes geführt haben. Hauptsächlich aber beruht die starke Zunahme der Kaufaktivitäten seit 2018 laut Studie auf einer erhöhten Nachfrage der PE-Gesellschaften für Gesundheitseinrichtungen, da die Zahl alternativ erwerbbarer Großunternehmen insgesamt zurückgegangen ist und der deutsche Gesundheitsmarkt mit seiner kleinteiligen Marktstruktur zu Transaktionen einlädt. Dazu stellt die wachsende Zahl verkaufsbereiter Praxisinhaber/innen für Großinvestoren ein ebenso willkommenes Angebot dar.

» nemitz@lzk-bw.de


Investment. Zahnmedizin-Ketten in Deutschland im Eigentum von Private-Equity-Gesellschaften.

 

ZBW-Gespräch mit Dr. Christoph Scheuplein, Institut für Arbeit und Technik (IAT)

 

Die Folgen werden erst in einigen Jahren sichtbar

Ausgabe 3, 2020

„Aktuell werden nicht nur die ambulante Patientenversorgung, sondern weite Teile des Gesundheitswesens durch den neuen Akteurstyp des finanzorientierten Investors herausgefordert“, betont Dr. Christoph Scheuplein vom Institut für Arbeit und Technik und spricht sich offen für ein Verbot aus. In Baden-Württemberg gibt es aktuell zwar nur vier Übernahmen in der Zahnmedizin, „aber dies muss nicht die Gesamtzahl an Praxisstandorten bzw. an MVZ beinhalten, die inzwischen in Baden- Württemberg übernommen worden sind.“ Das ZBW hat Dr. Scheuplein zu den Konsequenzen dieser fatalen Entwicklung für Patienten wie für die Einzelpraxen befragt.

ZBW: Ist zu befürchten, dass durch die PEG/MVZ eine Zunahme der Gesundheitsleistungen (nicht medizinisch indiziert) und damit Mehrkosten für Patienten und Krankenkassen entstehen?

Dr. Scheuplein: Einerseits wird erwartet, dass Zahnarztketten kostengünstiger arbeiten können, andererseits wird vermutet, dass sie mehr Leistungen verursachen. Bislang gibt es nur von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung eine Untersuchung zur Kostenentwicklung. Sie deutet darauf hin, dass pro Patient deutlich höhere Kosten bei investorengesteuerten Zahnarztketten als bei herkömmlichen Zahnarztpraxen anfallen.

Welche Folgen haben die primären Rendite-Interessen für Patienten, z. B. hinsichtlich Qualität und Therapiefreiheit?

Der Erwerb von medizinischen Versorgungszentren in Deutschland ist erst im Jahr 2017 so richtig in Schwung gekommen. Daher sind die neuen Investoren vor allem mit dem Kauf von Praxen beschäftigt, nicht mit der Reorganisation betrieblicher Abläufe. Die aktuellen Diskussionen in den USA, wo Private Equity bereits vermehrt GesundheitseinGesundheitseinrichtungen übernommen haben, lassen jedoch auch auf schwerwiegende Folgen für die Patienten schließen, wobei diese wohl eher auf der Kostenseite als auf der Qualitätsseite entstehen.


Experte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Technik (IAT) an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen hat Dr. Christoph Scheuplein eine explorative Studie mit dem Titel „Übernahmen durch Private Equity im deutschen Gesundheitssektor“ veröffentlicht.

Welche Konsequenzen wird die Kommerzialisierung bzw. Entstehung zahnmedizinischer Konzerne für die herkömmlichen kleinen zahnärztlichen Einzelpraxenstrukturen haben?

Eine Zahnmedizin-Kette wird möglicherweise wirtschaftlich effizienter sein. Für die Patienten könnten sich daraus Vorteile ergeben, z. B. Öffnungszeiten bis in den späten Abend und an Wochenenden. Dies würde die verbliebenen Einzelpraxen langfristig einem starken Wettbewerbsdruck aussetzen.

Würden Sie ein generelles Verbot des Eingriffes von Fremdinvestoren in das deutsche Gesundheitswesen für sinnvoll halten?

Ja, wenn wir mit „Fremdinvestor“ primär finanzorientierte Investoren meinen. Aktuell werden nicht nur die ambulante Patientenversorgung, sondern weite Teile des Gesundheitswesens durch diesen neuen Akteurstyp herausgefordert. Hier werden neue Unternehmensstrukturen geschaffen, deren Folgen vermutlich erst in einigen Jahren sichtbar werden.

Ist mit dem Terminserviceund Versorgungsgesetz (TSVG), das seit Mai 2019 in Kraft getreten ist, ein ausreichender Schutz zum maßvollen Stopp solcher Großfinanztransaktionen gegeben oder benötigt es zusätzliche gesetzliche Restriktionen?

Die Regulierung im TSVG dürfte durchaus Wirkungen zeigen und es kann die Übernahmen einer einzelnen Zahnarztkette in einem Planungsbereich beschränken. Allerdings agieren mindestens acht Ketten in Deutschland – deren summierter Marktanteil in einem Planungsbereich kann somit beachtlich ausfallen.

 

Zahnmedizinische Versorgungszentren in Baden-Württemberg

 

Die Einkaufstour geht weiter

Ausgabe 3, 2020

Im Mai 2019 trat das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) in Kraft. Enthalten ist darin ein Passus bezüglich der Regulierung der Gründung zahnärztlicher Medizinischer Versorgungszentren durch Krankenhäuser. Deren Gründungsbefugnis ist demnach abhängig vom Versorgungsgrad des jeweiligen Planungsbereiches. Damit sollte der bis dato ungebremste Zustrom von Fremdinvestoren und Private-Equity-Fonds in ohnehin gut versorgte, strukturstarke Gebiete eingeschränkt werden. Aktuelle Zahlen der Kassenzahnärztlichen Vereinigung zeigen jedoch, dass die Gefahr einer Konzentration und Vergewerblichung von Versorgung nach wie vor nicht gebannt ist.

MVZ in Baden-Württemberg. Stand 31. Januar 2020 waren in Baden-Württemberg insgesamt 162 Zahnmedizinische Versorgungszentren zugelassen. Davon befinden sich 38 MVZ in der Inhaberschaft von nichtzahnärztlichen Investoren. Neugründungen von MVZ auf „der grünen Wiese“ bleiben aber generell die Ausnahme: Bei 148 der 162 Standorte handelt es sich um Umwandlungen bzw. Übernahmen von bereits bestehenden Praxisstrukturen. Diese Übernahmen werden häufig nicht als solche bekannt gemacht. Die ehemaligen Inhaber werden für mehrere Jahre als Angestellte unter Vertrag genommen, sodass die neue Inhaberstruktur gegenüber den Patientinnen und Patienten verschleiert wird.

Regionale Verteilung. Im Vergleich zu den im Versorgungsbericht 2019 der KZV Baden-Württemberg veröffentlichten Zahlen ist ein erheblicher Anstieg um weitere 15 investorengetragene MVZ (sogenannte I-MVZ) in nur zehn Monaten zu verzeichnen. Mit wenigen Ausnahmen befinden sich diese I-MVZ in Großstädten oder deren unmittelbaren Einzugsgebieten sowie dem überdurchschnittlich stark versorgten Grenzgebiet zum Nachbarland Schweiz. Eine Konzentration auf finanzstarke Gebiete zur Erzielung großer Renditen ist somit deutlich sichtbar.

Einfluss des TSVG. Die Zahlen aus dem Zulassungsbereich der KZV Baden-Württemberg zeigen, dass es nach Inkrafttreten des TSVG zunächst einen deutlichen Einbruch bei den MVZ-Zulassungen gab. Im letzten Quartal von 2019 gingen die Zahlen aber bereits wieder in die Höhe – vier von elf neu zugelassenen MVZ waren hier Übernahmen bzw. Neugründungen durch Investoren.

Ausblick. Zu Beginn des Jahres 2020 haben die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und die Bundeszahnärztekammer erneut mit Nachdruck auf die Problematik hingewiesen, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte in I-MVZ unter Druck geraten können, im Sinne einer möglichst hohen Rendite bestimmte Leistungen zu erbringen, für die es keine zahnmedizinische Notwendigkeit gibt. Nach einer Auswertung für Zahnarztpraxen seitens der KZBV wurde 2018 in Medizinischen Versorgungszentren im Vergleich zu herkömmlichen Zahnarztpraxen pro Patient 25 Prozent mehr abgerechnet. In MVZ, hinter denen keine Zahnärzte als Inhaber, sondern internationale Finanzinvestoren stehen, wurden sogar 30 Prozent mehr pro Patient abgerechnet. Insofern bleibt das Thema auf der Tagesordnung. Auch das Bundesgesundheitsministerium will möglichen Zusammenhängen zwischen Trägerstrukturen und Versorgungsqualität auf den Grund gehen und hat angekündigt, zeitnah ein Gutachten zur Weiterentwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen für I-MVZ erstellen zu lassen.

» holger.simon-denoix@kzvbw.de

 

Interview mit Dr. Florentine Carow-Lippenberger und Dr. Christian Engel

 

Interessenvertretung ist Voraussetzung für den Erhalt der Freiberuflichkeit

Ausgabe 3, 2020

In der vertragszahnärztlichen Versorgung ist vielfach von einem Strukturwandel auf mehreren Ebenen die Rede. Doch wie wird das Berufsfeld in Zukunft aussehen? Unterschiedliche Praxisformen und flexiblere Arbeitszeitmodelle sollen eine individuelle Gestaltung der Berufsausübung gewährleisten. Welche Möglichkeiten, aber auch welche Herausforderungen erwarten den beruflichen Nachwuchs und welche Aufgabe hat dabei die vertragszahnärztliche Selbstverwaltung? Im ZBW-Interview: Dr. Florentine Carow-Lippenberger, KZVVorstandsreferentin für Frauen und Angestellte in der Selbstverwaltung, und Dr. Christian Engel, KZV-Vorstandsreferent für Zukunftsfragen.

ZBW: Herr Dr. Engel, als Referent für Zukunftsfragen begleiten Sie die Veränderungen im Berufsstand intensiv. Wagen Sie doch mal eine Prognose: Was wird in 20 Jahren der sichtbarste Unterschied zu heute sein?

Dr. Engel: Das kann natürlich niemand genau vorhersagen. Soviel ist jedoch klar: Wir befinden uns jetzt schon in einer Phase des großen gesellschaftlichen Umbruchs. Dieser wird sich auch auf die Art und Weise, wie wir weiterhin unseren zahnärztlichen Beruf ausüben können, auswirken. In Zukunft könnte vor allem derjenige Zahnarzt unverzichtbar bleiben, der etwas therapieren kann, was die „Apple-Watch“ eben nicht kann.
Die Praxisstrukturen werden sich ebenfalls weiter verändern, immer mehr Akteure drängen schon jetzt auf den Gesundheitsmarkt. Im Jahr 2040 werden lokal und regional innovative zahnärztliche Gesundheitsdienstleistungen essenzieller Bestandteil einer modernen Daseinsvorsorge sein. Das Arbeitsumfeld wird sich dabei völlig verändern. Die Digitalisierung der zahnmedizinischen Versorgung wird eine neue Ära einläuten – E-Health wird eine gänzlich andere Interaktion zwischen Patienten und Zahnärzten unter- und miteinander ermöglichen. 2040 steht der Patient vollständig im Zentrum einer umfassenden Vernetzung.


Dr. Christian Engel

Frau Dr. Carow-Lippenberger, als Referentin für Frauen und Angestellte in der Selbstverwaltung kümmern Sie sich um die Belange von zwei Gruppen, die einen seit Jahren wachsenden Teil innerhalb der Zahnärzteschaft ausmachen. Worin sehen Sie Ihre zentrale Aufgabe?

Dr. Carow-Lippenberger: Meine Aufgabe besteht darin, Ansprechpartnerin für alle Zahnärztinnen und speziell für angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte zu sein. Durch den Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen möchte ich Probleme aufnehmen, die im Praxisalltag entstehen können, um den Vorstand der KZV darin zu unterstützen für diese Probleme Lösungswege aufzuzeigen. Außerdem möchte ich herausfinden, inwiefern die KZV den angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzten mehr zur Seite stehen kann bzw. welche Art von Support gewünscht ist.
Durch den Newsletter, der in regelmäßigen Abständen veröffentlicht wird, sollen Themen aufgegriffen werden, die für die entsprechende Personengruppe interessant sind. Ich möchte Kolleginnen und Kollegen motivieren, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und auch zeigen, dass es sich lohnt, sich standespolitisch zu engagieren. Mein Wunsch ist es, die Bedeutung der Interessenvertretung durch die Selbstverwaltung des eigenen Berufsstands für die Zukunft besonders für die jungen Kolleginnen und Kollegen deutlich zu machen.

Wie schlägt sich der Wandel innerhalb der Zahnärzteschaft auf die Praxisstrukturen nieder?

Dr. Engel: Die jüngeren Kolleginnen und Kollegen werden vermehrt auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Beruf, Familie und Privatleben Wert legen. Die sich verändernde Arbeitswelt fordert hierauf neue Antworten. Zu den prägenden Merkmalen dieser neuen Arbeitswelt zählen flexible Arbeitsbedingungen, selbstständige Tätigkeiten und alternative Karrieremodelle.
Die Selbstständigkeit wird kritisch mit den Vor- und Nachteilen gegenüber einer Angestelltentätigkeit abgewogen werden. Dementsprechend werden Teilzeit-Arbeitsmodelle eine große Rolle spielen. Das neue Denken setzt nicht mehr nur auf Geld und Status. An ihre Stelle treten andere Werte, wie z. B. „Work-Life-Balance“.

Der Zahnarzt als Einzelkämpfer in seiner eigenen Praxis, der jeden seiner Patientinnen und Patienten persönlich und häufig seit Jahren kennt – gehört diese Vorstellung der Vergangenheit an?

Dr. Engel: Keiner will mehr Einzelkämpfer sein. Die Einzelpraxis wird zwar seltener werden, dennoch werden gut aufgestellte, individuell an die Bedürfnisse ihrer Patienten angepasste Einzelpraxen auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Kaum ein Thema schlägt derzeit so hohe Wellen wie das der Gesundheit. Jeder möchte für sich das Bestmögliche. Da spielt die persönliche Arzt-Patient- Beziehung eine wichtige Rolle – und diese könnte Einzelpraxen als Alleinstellungsmerkmal dienen. Wenn wir uns die Ergebnisse der von der KZV BW durchgeführten Patientenumfrage ansehen, wird der Wunsch der Patienten nach „ihrem“ Zahnarzt ungebrochen bleiben, wenngleich es einen Teil insbesondere jüngerer Patienten gibt, denen die Behandlerwahl nicht mehr so wichtig zu sein scheint.

Offensichtlich müssen beide Geschlechter verstärkt zur Niederlassung in die Selbstständigkeit motiviert werden. Warum entscheiden sich heute viele frisch approbierte Zahnärztinnen und Zahnärzte zunächst gegen eine eigene Praxis?

Dr. Carow-Lippenberger: Zum Berufseinstieg ist es meist einfacher, im Angestelltenverhältnis Erfahrungen zu sammeln. Dafür kann es viele Gründe geben. So kann man sich im Angestelltenverhältnis schwerpunktmäßig auf die Behandlung konzentrieren. Außerdem überblickt man nach dem Studium nicht unbedingt bereits alle Rahmenbedingungen und Vorschriften, die man bei der zahnärztlichen Behandlung einzuhalten hat. In bestehenden Strukturen in der Praxis fällt dies einfacher. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Flexibilität im Angestelltenverhältnis im Vergleich zur Selbstständigkeit. Manchen fällt die Festlegung auf einen Wohn- und Arbeitsort anfangs schwer, oder der/die Partner/ in ist mit der Ausbildung noch nicht fertig und man möchte sich noch nicht festlegen. Außerdem ist für die jüngeren Generationen die Work-Life-Balance im Angestelltenverhältnis besonders wichtig.


Dr. Florentine Carow-Lippenberger

Die Selbstständigkeit ist mit deutlich mehr Verantwortung und wirtschaftlichem Risiko verbunden. Man muss sich auch mit Dingen beschäftigen, die nichts direkt mit der Patientenbehandlung zu tun haben wie etwa Personalführung, Arbeitssicherheit, Buchhaltung etc. Diese zusätzliche Belastung schreckt sicherlich junge Zahnärztinnen und Zahnärzte anfangs ab, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Bei Frauen kommt sicherlich noch hinzu, dass die Familienplanung im Angestelltenverhältnis auf den ersten Blick besser vereinbar erscheint als in der Selbstständigkeit.
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Angestelltenverhältnis anfangs mehr Flexibilität, weniger Risiko und weniger Verantwortung bietet. Die Selbstständigkeit bietet jedoch meiner Ansicht nach die größeren Vorteile. Ich kann meine Zeit für die Familie flexibel einteilen, ich habe das Sagen und kann mich frei entfalten.

Was empfehlen Sie Ihren jungen Kolleginnen und Kollegen zum Berufseinstieg? Wie wählt man die richtige Praxis und das beste Konzept für seine persönlichen Ziele?

Dr. Carow-Lippenberger: In der Assistenzzeit sollten die fachliche Ausbildung und die Weiterentwicklung der eigenen Fertigkeiten im Vordergrund stehen. Dazu gehört, dass man in alle Bereiche Einblicke bekommt, sowohl in die Behandlung als auch in die Praxisabläufe und Abrechnung. Nach oder bereits in der Assistenzzeit entstehen gegebenenfalls schon Präferenzen für die eigene berufliche Zukunft. Möglicherweise kann es aber auch noch sinnvoll sein, in einer anderen Praxis oder einer anderen Praxisform zu arbeiten, wenn die erste Stelle nicht die erhoffte Entscheidungsfindung gebracht hat. Heutzutage hat man mehr Zeit, sich auf die Freiberuflichkeit, Selbstständigkeit und Niederlassung vorzubereiten. Wenn man sich diese nehmen will, sollte man das auch tun.
Im Endeffekt muss jedoch jede/r früher oder später für sich selbst entscheiden, welche Punkte einem für die eigene berufliche Zukunft wichtig sind: Möchte ich meine eigene Chefin oder mein eigener Chef sein? Möchte ich Teil eines Teams sein oder möchte ich ein Team führen? Möchte ich in einem vorgegebenen Rahmen arbeiten oder möchte ich diesen Rahmen selbst festlegen? Möchte ich flexibel bleiben oder mich langfristig auf einen Ort festlegen? Möchte ich die Chance auf ein größeres Einkommen aber auch mit wirtschaftlichem Risiko oder ein sicheres, jedoch geringeres Einkommen haben? Möchte ich die Verantwortung für ein Unternehmen Zahnarztpraxis tragen? In welcher Form kann ich mir Kooperationen mit Kolleginnen und Kollegen vorstellen, ob in Einzelpraxis, Berufsausübungsgemeinschaft oder anderen Kooperationsformen?
Bei den aktuell möglichen Anstellungsmöglichkeiten sollte man jedoch auch das Patientenwohl im Auge behalten. Der Professionsgedanke und die gute Patientenversorgung dürfen bei der eigenen Entscheidung nicht hinten runterfallen. Damit meine ich kommerzielle, finanzinvestorengetragene MVZ und die damit verbundene Industrialisierung der Zahnmedizin. Bei Finanzinvestoren liegt der Fokus auf Gewinnmaximierung sprich der Rendite. Die gute Patientenversorgung kann dabei durchaus auf der Strecke bleiben.

Wenn sich die Praxismodelle regional erheblich unterscheiden, kann das Versorgungsangebot auch für die Patientinnen und Patienten unübersichtlicher werden. Wie findet man sich in einer vielfältigeren Versorgungslandschaft zurecht, sodass die entsprechenden Leistungen auch wahrgenommen werden?

Dr. Engel: Für die freiberuflich tätigen Zahnärztinnen und Zahnärzte wird wichtig sein, dass ihre Non-Profit-Standesorganisationen weiterhin und verstärkt ihre Patientinnen und Patienten in allen zahnmedizinischen Belangen informieren und beraten sowie als Dienstleister für Arzt und Patient gleichsam Orientierung im neuen medizinischen Zeitalter ermöglichen.

Was wünschen sich angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte von ihrer KZV?

Dr. Carow-Lippenberger: Ich habe das Gefühl, dass viele angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte überhaupt nicht genau wissen, was die KZV so macht und wofür sie gut ist. Es ist deshalb wichtig, die KZV als Interessensvertretung vorzustellen und deren Gestaltungsmöglichkeiten für den Berufsstand in und durch die Selbstverwaltung aktiv zu verdeutlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine höhere Serviceleistung der KZV gewünscht ist, z. B. im Bereich der Abrechnung oder beim richtigen Umgang mit Regressforderungen der Krankenkassen oder der Prüfungsstelle für die Wirtschaftlichkeitsprüfung.

Gute Arbeitsbedingungen entsprechend der eigenen Wünsche und Bedürfnisse – ein klarer Fall für mehr Engagement in der Standespolitik?

Dr. Engel: Auf jeden Fall! Die jüngeren Kollegen müssen sich fragen, ob sie bei den zwangsläufig eintretenden Veränderungen im Gesundheitsmarkt auch Mitgestalter oder nur Zuschauer sein wollen. Durch den Strukturwandel ergeben sich einerseits mannigfaltige Möglichkeiten, den Berufsstand weiterzuentwickeln und damit andererseits gute Gelegenheiten, die Interessen der Zahnärzteschaft gemeinsam zu vertreten.

Dr. Carow-Lippenberger: Ja eindeutig, dem kann ich mich nur anschließen! Eine Mitgestaltung der vertraglichen Bedingungen und die Interessenvertretung von uns Zahnärztinnen und Zahnärzten ist Voraussetzung für den Erhalt der Freiberuflichkeit. Wir müssen uns lautstark dagegen wehren, dass unsinnige Auflagen und mehr Bürokratie das Leben in der Praxis erschweren, ohne dass dadurch die Patientenversorgung verbessert wird. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Leistungen, die wir erbringen, auch angemessen honoriert werden und eine ordentliche Gewinnerzielung möglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte
Dr. Holger Simon-Denoix

 

Investorengeführte Versorgungszentren

 

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Ausgabe 3, 2020

Immer mehr investorengeführte Versorgungszentren drängen im zahnärztlichen Bereich auf den Markt. Sind diese I-MVZ im Interesse der Patientinnen und Patienten aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs oder verhindern sie einen wirksamen Patientenschutz, weil junge Zahnärztinnen und Zahnärzte unter Druck geraten, Leistungen an Patienten zu erbringen, die nicht medizinisch angezeigt sind? Das ZBW hat Zahnärztinnen und Zahnärzte, Gesundheitspolitiker und Vertreter aus dem Gesundheitswesen nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen gefragt.

Als angestellte Zahnärztin in einem MVZ profitiere ich von der zeitlichen Flexibilität und der guten Möglichkeit, Familie und Beruf in Einklang zu bringen.
Klar müssen die Zahlen stimmen, aber einen negativen Verkaufsdruck, Leistungen am Patienten zu erbringen, die nicht medizinisch angezeigt sind, empfinde ich in keiner Weise - zumal, was dies betrifft, jeder niedergelassene Kollege seine eigenen „Verkaufspraktiken“ genau prüfen sollte.
Leider muss ich tagtäglich erleben, dass Patienten zu uns kommen in der Hoffnung, gut behandelt zu werden, da sie in (teils mehreren) anderen Praxen abgewiesen wurden. Oft aus wirtschaftlichen Gründen, da die Patienten finanziell keine Möglichkeit haben, hohe Zuzahlungen zu leisten und die Kollegen oft nicht bereit sind, sogenannte „Härtefälle“ zu versorgen.Eine Zahnärztin aus dem Regierungsbezirk Tübingen

MVZ haben sich als eine Organisationsform in der ambulanten Versorgung etabliert. Das ist gut so, denn sie bieten auch Arbeitsmöglichkeiten, die heute von der nachfolgenden Medizinergeneration nachgefragt sind. Schlecht wird die Entwicklung, wenn sie dazu führt, dass die Versorgung durch fachfremde Investoren kommerzialisiert, also reinen Renditeinteressen unterworfen wird.
Dr. med. Norbert Metke, Vorsitzender der Kassenärztlichen
Vereinigung Baden-Württemberg

Die Bedeutung Zahnmedizinischer Versorgungszentren (Z-MVZ) für die Versorgung im Land nimmt stetig zu. Das zeigt sich schon daran, dass die Zahl der freiberuflich tätigen Zahnärzte in Baden-Württemberg in den letzten zehn Jahren um fast acht Prozent gesunken ist, während die Zahl der Zahnärzte, die insgesamt im Land tätig sind, um 12,5 Prozent zugenommen hat.
Hinsichtlich investorengeführter Z-MVZ ist allerdings augenfällig, dass diese vor allem auf die Einrichtung von Z-MVZ in einkommensstarken Ballungsräumen sowie auf die Kettenbildung setzen. Das kann letztlich zu Versorgungsengpässen in der Fläche führen.
Vor diesem Hintergrund muss es nachdenklich machen, wenn mittlerweile fast jedes vierte Z-MVZ von Fremdinvestoren getragen wird. Deshalb ist es dringend angezeigt, die in 2018 mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vorgenommenen Einschränkungen der Gründungsbefugnisse zu evaluieren und über weitergehende Maßnahmen nachzudenken.
Christine Neumann-Martin MdL, Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion für Gesundheitspolitik

Die Gesundheit darf kein renditeorientiertes Anlageprodukt sein. Dies sollte auch für die investorengeführten Zahnmedizinischen Versorgungszentren gelten. Denn dort, wo Renditeerwartungen hoch sind, ist das Risiko von unnötigem Zeitdruck, das Risiko von unnötigen Behandlungen oder das Risiko von Behandlungsfehlern bedeutend höher als bei den Zahnärztinnen und Zahnärzten, welche nur der Gesundheit ihrer Patientinnen und Patienten verpflichtet sind. Ich begrüße es, dass in Ansätzen durch das Terminservice- und Versorgungsgesetz versucht wird, die Gründung von investorengeführten Zahnmedizinischen Versorgungszentren in überversorgten Regionen zu regulieren. Ich stimme jedoch mit der Bundeszahnärztekammer überein, dass diese Problematik durch eine Änderung der Aufsichts- und Berufsrechtsregelungen umfassender angegangen werden kann.
Petra Krebs MdL, Sprecherin für Gesundheits-, Senior_innen- und Pflegepolitik, Landtagsfraktion GRÜNE

Die zahnärztliche Versorgung in Baden- Württemberg bewegt sich auf höchstem Niveau. Leitbild für mich ist die niedergelassene freiberufliche Tätigkeit. Formen der Anstellung werden aus Gründen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wichtiger. Auch zahnmedizinische MVZ können hier ihren Platz haben. Die Entwicklung investorengeführter Zahnmedizinischer Versorgungszentren muss jedoch genauestens beobachtet werden. Ich fordere Transparenz und ein Register, aus dem ersichtlich wird, wer hinter einem Z-MVZ steht. Die Patientinnen und Patienten sollen auch weiterhin darauf vertrauen können, dass die Zahnärztin oder der Zahnarzt nach rein ärztlichen Indikationen arbeitet. Ein fairer Wettbewerb ist nur mit Transparenz über Inhaberstrukturen, Kettenbildungen und der weiteren Marktentwicklung möglich.
Jochen Haußmann, gesundheitspolitischer Sprecher und stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der FDP/DVP im Landtag von Baden-Württemberg

Grundsätzlich bewerte ich die Einrichtung von MVZ positiv. Sie entsprechen dem Wunsch vor allem von jungen Zahnärzt*innen: Vermeidung unternehmerischer Risiken, Zusammenarbeit mit Kolleg*innen in gemeinsamer Praxis, gute Balance zwischen Beruf und Familie – bis hin zur Bevorzugung einer Anstellung statt eigener Niederlassung. Allerdings dürfen solche Zentren nicht von kapitalgetriebenen Investoren und Konzernen geführt und betrieben werden, sondern von Zahnärzt*innen selbst oder, falls Versorgungslücken zu schließen sind, von Kommunen oder gemeinwohlorientierten Organisationen. Patientenwohl und gute Arbeitsbedingungen müssen handlungsleitend sein; Gewinnmaximierung ist keine gute Perspektive in der medizinischen Versorgung. Der Gesundheitsminister muss hier Negativentwicklungen Einhalt gebieten.
Rainer Hinderer MdL, Gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion

Von 1. Mai 2018, der Eröffnung der Filiale von AllDent in Stuttgart, bis November 2018 war ich zwei bis drei Mal im Monat dort im Notdienst an Sonn- oder Feiertagen für jeweils 12 Stunden als Zahnärztin tätig. Das Patientenaufkommen ist in dieser Zeit stetig gestiegen, da AllDent bei der Suche im Internet nach einem Notdienst sehr präsent ist. Die Räumlichkeiten sind großzügig und modern eingerichtet. Es gibt von AllDent eine klare Vorgabe in einer Art Behandlungskatalog, welche Leistungen wie zu erbringen und abzurechnen sind. Meine Vergütung betrug 25 Prozent des Honorarumsatzes. Trotz der Erfahrung in bereits drei weiteren AllDent-Standorten in Frankfurt und München sind alle Abwicklungen bezüglich meiner Anstellung im Bereich Personal und Verwaltung alles andere als reibungslos verlaufen. Dies hat letztlich auch dazu geführt, dass ich nicht mehr weiter dort tätig sein wollte. Zahnärztlich halte ich die Versorgung dort für ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich.
Eine Zahnärztin aus dem Regierungsbezirk Stuttgart

Die AFD-Landtagsfraktion hat auf unsere
Anfrage nicht reagiert.

 

Fremdkapitalfinanzierte Zahnarztketten

 

Erstes Gerichtsurteil in Spanien stärkt Patientenrechte

Ausgabe 3, 2020

Immer wieder sorgte die spanische Zahnarztkette iDental in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen. Schätzungen der Autonomen Regionen in Spanien gehen davon aus, dass die Kette über 400.000 Patientinnen und Patienten um Behandlung und Geld und hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um Gehalt und Sozialversicherungsbeiträge betrogen hat. Nun gab es im November ein erstes Urteil in einem Einzelfall, welches aber den geschädigten Patientinnen und Patienten neue Hoffnung gibt. Anhörungen für ein weiteres Verfahren laufen derzeit. Was lief schief beim europäischen Nachbarn und welche Schlüsse können daraus gezogen werden?


Durchsuchung. Bei landesweiten Durchsuchungen stellte die spanische Polizei Beweismittel in iDental-Zahnkliniken sicher.

Systematischer Betrug. Als 2018 bei iDental überraschend alle Zahnkliniken geschlossen wurden, standen Tausende mit unterbrochenen oder noch nicht begonnenen Behandlungen da. Es zeigte sich aber bald, dass dies nur die Spitze des Eisbergs war. Über ein komplexes Netz von Partnern und 55 Scheinfirmen hatte die Kette Patientinnen und Patienten mit mittleren und niedrigen Einkommen Zahnbehandlungen mit Rabatten angeboten. Die Auswahl der Zielgruppe erfolgte ganz bewusst, denn über die notwendige Kreditfinanzierung wurde iDental zum Mittler zwischen Patient und Kreditinstitut. Laut Ermittlungen der Polizei wurden diese Gelder dann weiterüberwiesen auf Konten, die zwar von den Eigentümern kontrolliert, aber nicht für die Patientenversorgung eingesetzt wurden. Nachdem bereits 2017 die Zulieferer nicht mehr bezahlt wurden und das System zusammenbrach, wurde dieses zweifelhafte Geschäftsmodell noch über ein Jahr von der Investmentgruppe Weston Hill Capital weitergeführt. Im aktuellen, noch nicht rechtskräftigen Urteil entschied das Gericht von Valladolid nun, dass das Finanzinstitut EVO einen Betroffenen entschädigen muss. Dieser hatte Extrakosten in Höhe von 5.000 Euro für die Beendigung einer Zahnbehandlung aufbringen müssen, die iDental abgebrochen hatte. Zwei Wochen zuvor hatte sich auch bereits ein Vertreter des Gesundheitsministeriums mit dem leitenden Richter im iDental- Verfahren des Nationalen Strafgerichtshofs getroffen, um Schritte gegen die Kreditinstitute einzuleiten, die die betroffenen Patienten zum Begleichen ihrer Schulden bedrängen. Die Plattform Afecade, welche die Betroffenen medizinischer Behandlungsfehler vertritt, begrüßte das Urteil, da damit die Kreditinstitute zur Einhaltung der Vertragspflichten gezwungen werden. Unabhängig von diesem Fall wird zum Vorwurf des Sozialversicherungsbetrugs in Höhe von fast 26 Millionen Euro gegenüber iDental weiterermittelt. Die sieben Hauptverantwortlichen müssen mit drei- bis sechsjährigen Gefängnisstrafen rechnen. Auch Vorwürfe des wiederholten Betrugs, der Unterschlagung und Urkundenfälschung stehen im Raum.

Minderwertige Qualität. Ebenso gibt es zunehmend Beschwerden über die Verwendung von minderwertigen Materialien oder schlechten Implantaten bei iDental- Behandlungen. Die Hälfte aller Patientenbeschwerden in Spanien richtete sich gegen Ketten. Im vorliegenden Prozess konnte dem behandelnden Zahnarzt allerdings kein Fehler nachgewiesen werden. Dem Urteil nach lagen die Gründe vielmehr im vorzeitigen Abbruch der Behandlung durch die Schließung der Kette. Dennoch warnt der Präsident des spanischen Zahnärzteverbands COEM, Dr. Antonio Montero: Zwar wäre als Folge des Skandals bereits eine Verordnung bezüglich der chirurgischen Tätigkeit von Zahnkliniken verabschiedet worden, dennoch würden die wirklichen Probleme wie irreführende Werbung und aggressive Vermarktung von Behandlungen in Kombination mit Druck zu Kreditverträgen weiter bestehen und von anderen Ketten weiter praktiziert. Spanien ist hierfür kein Einzelfall. Beispielsweise sind auch die Entwicklungen in Frankreich rund um das Unternehmen Dentexia brisant. Dort waren Implantate zu Niedrigstpreisen angeboten worden – die Verkäufer erhielten für Vertragsabschlüsse einen Bonus. Die Patientinnen und Patienten, welche in der Regel die Behandlungen im Voraus bezahlt hatten, fanden sich nach der Insolvenz des Unternehmens allerdings ohne oder mit unzureichender Behandlung wieder. Die Dumpingpreise hatten zu schwerwiegenden Folgen geführt: Hygieneverordnungen wurden unterlaufen, Behandlungen konnten aufgrund von Materialengpässen kaum durchgeführt werden, in einem Fall setzte sogar ein fachfremder Mitarbeiter aus der Verwaltung einem Patienten ein Implantat ein.

Europäische Forderungen. Genau gegen diese Probleme möchte sich der Council of European Dentists (CED) zur Wehr setzen. Bereits in der Resolution von November 2018 wurde die Zunahme von Dentalketten in Europa als bedrohende Entwicklung für die Patientensicherheit erkannt. Aufgrund des verstärkten Markteintritts von Kapitalinvestoren in die Zahnmedizin sieht der CED insbesondere Risiken für Patienten und Beschäftigte wie auch für das Gesundheitssystem als solches. Gerade auch für Zahnärzte kann es massive Probleme geben, wenn die kommerziellen Interessen an allererster Stelle stehen. So sind Beschwerden bekannt, nach denen Zahnärzte täglich mehr als 12 Stunden arbeiteten, Ruhezeiten nicht eingehalten und klinische Ziele den Beschäftigten auferlegt wurden. Der CED fordert deshalb unter anderem, dass solche Unternehmen hauptverantwortlich von Zahnärzten geführt werden müssen, Kapitalgesellschaften und Investoren keinen Einfluss in die Behandlungsentscheidungen haben dürfen und falsche Werbung und irreführende Finanzpläne untersagt werden.

Erste Schritte. Im Mai 2019 wurde mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) in Deutschland eine erste Regelung eingeführt, welche die Gründungsbefugnis für Z-MVZ verschärft. Europaweit sprach sich der CED im Mai vergangenen Jahres dafür aus, dass nicht nur die Zahnärzte, sondern auch die Dentalketten als juristische Person demselben Berufsrecht und derselben Berufsaufsicht unterliegen sollen. Es bleibt abzuwarten, wie der Gesetzgeber in den verschiedenen europäischen Ländern auf die bestehenden Entwicklungen reagiert.

» benedikt.schweizer@kzvbw.de

 

Seminarangebot 2020 der KZV BW

 

Die passende Versorgungsform für Ihr individuelles Praxiskonzept

Ausgabe 3, 2020

Neugründung oder Übernahme einer bestehenden Praxis? Einzelpraxis oder Kooperation mit Kollegen? Klassische Praxiskonzepte oder neue Wege gehen? Keine dieser Fragen lässt sich pauschal beantworten. Die Zukunft der Praxislandschaft wird aller Voraussicht nach von einem breiten Spektrum an unterschiedlichen Versorgungsformen geprägt sein. Um Ihnen bei der Wahl der passenden Versorgungsform für Ihr individuelles Praxiskonzept eine Orientierung zu geben, bietet die KZV BW ein Seminar an, welches Ihnen die nötigen Kenntnisse über die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten vermittelt und hierbei alle zulassungsrechtlichen Voraussetzungen und Fallstricke aufzeigt.

Service. Das Seminar, welches in allen vier Bezirksdirektionen (Stuttgart, Tübingen, Karlsruhe und Freiburg) stattfinden wird, wendet sich sowohl an Zahnärztinnen und Zahnärzte zu Beginn ihrer Praxistätigkeit als auch an Praxisinhaber und Praxismanager. Als Modul in der Kategorie Praxismanagement deckt der Kurs den Bereich des Zulassungsrechts ab und soll Ihnen auf diese Weise eine Hilfestellung bei der Planung oder Weiterentwicklung Ihrer Zahnarztpraxis geben.

Praxisformen. Das Vertragszahnarztrecht, zu dem auch das Zulassungsrecht gehört, hat in den letzten Jahren eine Fülle von Veränderungen erfahren. Zahnärztinnen und Zahnärzten steht in der heutigen Zeit eine Vielzahl von Möglichkeiten der Berufsausübung zur Verfügung. Die Bandbreite reicht von der klassischen Einzelpraxis bis hin zur großen Praxiseinheit mit mehreren Standorten. Hinzu kommen unterschiedliche Kooperationsformen sowohl mit zahnärztlichen Kollegen als auch mit anderen Institutionen des Gesundheitswesens. Sich in diesem „Dschungel“ zurechtzufinden, ist nicht immer einfach, zumal auch alle Versorgungsformen ihren eigenen rechtlichen Regularien unterworfen sind.

Referent. Der Referent, Ass. jur. Jochen Herion, betreut als Volljurist seit circa fünf Jahren den Bereich Zulassungswesen der KZV BW und steht den Zulassungsausschüssen aller Bezirksdirektionen hierbei beratend zur Seite. In dieser Eigenschaft steht er auch in einem engen Austausch mit Gründern, Praxisinhabern und Praxismanagern, Gesundheitsbehörden, Fachanwälten sowie den juristischen Kollegen des Bereichs Zulassung der Kassenzahnärztlichen Vereinigungen anderer Bundesländer sowie unseres Bundesverbandes KZBV.

Übersicht. Im Rahmen des Seminars gibt Jochen Herion sein Wissen und seine Erfahrungen aus dem Bereich des Zulassungswesens an Sie weiter. Für eine optimale Orientierung stellt er zunächst eine aktuelle Übersicht der Versorgungsformen nach der Zulassungsverordnung dar sowie die jeweils zu erfüllenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zulassung. Hierbei vermittelt er Ihnen die Stärken und Schwächen der einzelnen Versorgungsformen und schärft Ihren Blick für zu ergreifende Chancen und zu verhindernde Risiken. Dieser Teil des Seminars soll Sie in die Lage versetzen, die richtige Auswahl der passenden Versorgungsform für Ihr individuelles Praxiskonzept zu treffen und zwar unabhängig davon, ob Sie bereits Inhaber einer bestehenden Praxis sind und über eine Erweiterung nachdenken oder ob Sie als Berufsanfänger oder angestellter Zahnarzt die Gründung oder Übernahme einer Praxis planen.

Zulassungsverfahren. Der zweite Teil des Seminars befasst sich mit der Darstellung des Zulassungsverfahrens. Um in der Gründungsphase Leerlauf zu vermeiden, ist es wichtig, die organisatorischen und zeitlichen Abläufe des Verfahrens bei den Zulassungsgremien zu kennen. Hierzu stellt Ihnen das Seminar das Zulassungsverfahren von der Antragstellung bis zur Aufnahme der Tätigkeit Schritt für Schritt dar.

KZV BW