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Kultur

Edward Hopper in der Fondation Beyeler

 

Unbekannter Maler der Moderne

Ausgabe 3, 2020

Edward Hopper (1882–1967) gilt als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. In Europa vor allem für die Ölgemälde mit Szenen des städtischen Lebens bekannt, die er in den 1920er- bis 1960er-Jahren schuf und von denen einzelne Werke außerordentlich populär wurden, ist es verwunderlich, dass seine Landschaftsbilder bisher weniger beachtet wurden. Die Fondation Beyeler präsentiert nun eine umfangreiche Ausstellung mit ikonischen Landschaftsgemälden in Öl sowie einer Auswahl an Aquarellen und Zeichnungen.


Landschaftsmalerei. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigt eine in Europa eher unbekannte Seite des Künstlers Edward Hopper: Cobb’s Barns and Distant Houses, 1930–1933, Öl auf Leinwand.

In der kunsthistorischen Tradition bedeutet „Landschaft“ ein Bild der Natur im Gegensatz zu der sich ständig verändernden „Natur“, die als solche nicht als Bild fixiert werden kann. Landschaft gibt immer den Einfluss des Menschen auf die Natur zu erkennen, und Hoppers Bilder spiegeln dies auf subtile und vielfältige Weise wider. So eröffnete er einen ausgeprägt modernen Zugang zu einem altehrwürdigen Genre der Kunstgeschichte. Im Unterschied zur akademischen Tradition muten Hoppers Landschaften unbegrenzt an: Sie sind – gedanklich – unendlich und scheinen immer nur einen kleinen Teil eines enorm großen Ganzen zu zeigen.
Hoppers amerikanische Landschaften sind geometrisch klare Kompositionen. Hauptelemente sind Häuser, welche menschliche Besiedlung versinnbildlichen. Eisenbahnen strukturieren die Bilder horizontal und stehen für das Streben des Menschen, die Weite des Raumes zu durchmessen. Ein ausgedehnter Himmel ebenso wie besondere Lichtstimmungen, strahlendes Mittagslicht und das Licht der Dämmerung machen die Größe der sich stetig wandelnden Natur auch in einem eigentlich statischen Landschaftsbild anschaulich.

Subjektive Landschaften. Hoppers Landschaftsgemälde evozieren den Eindruck, es ginge eigentlich um etwas Unsichtbares, das sich außerhalb der Darstellung ereignet. Beispielhaft dafür ist sein Gemälde Cape Cod Morning von 1950: Die aus einem Erker blickende Frau, auf deren Gesicht sich Sonnenlicht abbildet, sieht etwas, das vom Betrachter nicht gesehen werden kann, weil es sich außerhalb des Bildraums befindet. Den sichtbaren Landschaften Hoppers stehen immer unsichtbare, im Inneren des Betrachters erscheinende subjektive Landschaftsbilder gegenüber.
Die Landschaften von Edward Hopper sind, wie alle seine Gemälde, von Melancholie und Einsamkeit bestimmt. Oft vermitteln sie das Gefühl von Unheimlichkeit und Bedrohung. Hopper macht in seinem Werk auch das manchmal brutale Eindringen des Menschen in die Natur sichtbar, indem er Landschaft zu Stadtlandschaft in Beziehung setzt. Hopper trug wesentlich dazu bei, die Idee eines melancholischen, auch von den dunklen Seiten des Fortschritts geprägten Amerikas zu etablieren – als riesiger unbegrenzter Raum, der vor allem durch seine Entwicklung im Kino enorm populär werden sollte, von Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ (1959) über Wim Wenders’ „Paris, Texas“ (1984) bis hin zu Kevin Costners „Dances with Wolves“ (1990).

IZZ/Fondation Beyeler